Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay
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Der Regenbogen ist ein zerschlagener Spiegel

Essay


8.6.2010
Sollte es jemals eine vom Geist der Versöhnung getragene nationale Identität in Südafrika gegeben haben, so ist diese von enttäuschten Hoffnungen fortgespült worden. Es bedarf eines Neuanfangs.

Während der Übergabe des Stadiums in dem die Fussball WM 2010 stattfindet, spielen schon junge Fussballfreunde.Während der Übergabe des Stadiums in dem die Fussball WM 2010 stattfindet, spielen schon junge Fussballfreunde. (© AP)

Es wäre aussichtslos, ein umfassendes Bild der südafrikanischen Realität liefern zu wollen. Man müsste dazu an die politische, soziale und ökonomische Entwicklung seit dem Sturz der Apartheid erinnern, die (seit 1992) vom neuen System eingeleitet wurde, die jetzige Situation beschreiben, auf die Haltungen der herrschenden Partei und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen eingehen und das Land in den weiteren kontinentalen und globalen Zusammenhang einordnen.

Das kann ich nicht leisten. Ich möchte stattdessen eine schlichte und gewiss vereinfachte Interpretation der gegenwärtigen Zustände liefern, wie sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten geformt worden sind. Man kann Südafrika aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, die alle bis zu einem gewissen Grad bestimmt sind vom eigenen ethnisch-kulturellen Umfeld, von der Teilhabe am kollektiven Gedächtnis, von den Zukunftshoffnungen, vielleicht auch von der ideologischen Orientierung und – wie in meinem Fall – von einem desillusionierten Utopismus. Denn ich glaube, dass uns der Traum von Südafrika abhanden gekommen ist.

Ich werde versuchen, die unterschwelligen Tendenzen ausfindig zu machen, welche die politischen Maßnahmen und Einstellungen prägen, und dann vorschlagen, was wir meiner Ansicht nach tun sollten, wenn wir den weiteren Zerfall des Landes und seiner Institutionen und unseres schwachen Selbstverständnisses als "Südafrikaner" verhindern wollen.

Waren wir jemals "südafrikanisch"? Was ist der gemeinsame Nenner der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und -klassen, die im selben geographischen Raum leben, der historisch abgegrenzt, annektiert oder erfunden wurde? Sind wir nur auf negative Weise durch miteinander wetteifernde Nationalismen und eine konfliktreiche Geschichte verbunden, durch vergossenes Blut und die intime Beziehung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten, Räuber und Opfer?

Meines Erachtens entstand Südafrika nicht aufgrund einer kollektiven Erinnerung an ein nationales "Ganzes". Die Hierarchien und Konturen des Landes waren schon immer durch aufeinanderfolgende wirtschaftliche und soziale Konstruktionen künstlich geschaffen worden: durch konkurrierende Stammeskönigreiche, die nach Überlegenheit oder Hegemonie strebten; durch das Vordringen von Siedlern und deren Eroberungszüge; durch Kolonialismus und den Widerstand afrikaanischer Republiken, die sich vom britischen Imperialismus gewaltsam befreien wollten; nach deren Niederlage durch die Union disparater historischer und regionaler Einheiten, die alle der britischen Krone unterworfen waren; durch die Apartheid, die zunächst von den Briten eingeführt und 1948 durch die zur Macht gelangte afrikaanische National Party formalisiert wurde, mit der logischen Konsequenz der sogenannten getrennten Entwicklung; durch den Kampf für die "nationale" Befreiung und nun durch das Aufzwingen eines "revolutionären" Regimes, das der Überzeugung ist, es werde herrschen "bis zum Jüngsten Tag". Dabei wurden Gemeinwesen zerschlagen und indigene Sprachen degradiert zur Sprache des einfachen Volks in Küchen, Bergwerken und Spelunken.

Das Ende des Kalten Kriegs vor zwanzig Jahren kühlte die internationalen ideologischen Konfrontationen und die durch sie entstandenen Gebilde erheblich ab. Regierende Eliten in Stellvertreterstaaten suchten nun vergeblich nach ihren Unterstützern, ihrer Glaubwürdigkeit, ihrer konstruierten Legitimität und oft auch ihrem Geld und ihren Waffen. Es öffneten sich Räume für Veränderungen. Die Leere wurde gefüllt durch mächtig anschwellende Bewegungen der "Befreiung" von repressiven Regimen und, so würden manche behaupten, durch den tiefer verwurzelten nationalen Imperativ. Selbst wenn jetzt auf der lokalen Ebene der Nation seit langem bestehende Wunden offensichtlich geheilt und Ziele erreicht werden konnten, war doch auch klar, dass neue Systeme nur entstehen würden, wenn sie vom Kapital akzeptiert und geduldet würden. So entwickelte sich eine proto-sozialistische nationale Befreiungsbewegung wie der African National Congress (ANC), nachdem er nicht länger von sowjetischem Schutz und internationaler sozialistischer Unterstützung profitierte, zu einem Garanten der freien Marktwirtschaft. Zu gegebener Zeit würde er dann die Einparteienherrschaft, sein Anspruchsdenken und seine Günstlingswirtschaft zum Staatskapitalismus ausbauen wollen – vorausgesetzt, der Staat gehört dem ANC – und das dann eine Nationale Demokratische Revolution nennen.

Es ist wahr, wir haben in Südafrika zwar eine von einer Mehrheit legitimierte Regierung, anstelle einer Regierung, die nur die Interessen der weißen Minderheit vertritt. Aber man kann das, was geschehen ist, nicht als Revolution bezeichnen; die "Veränderungen" bauten auf dem Fortbestand des Staates auf. In einem abgeschotteten Tanz der Macht, der Unterwerfung und der Illusionen (weil die Zivilgesellschaft und Bürgerorganisationen vom Fest der Politiker ausgeschlossen waren) schufen oppositionelle politische Formationen in Südafrika eine neue Verfassung, welche die politischen Machtstrukturen ihrem Wesen nach nicht veränderte und die Wirtschaft, auf die der Staat sich stützt, ganz bestimmt nicht radikal umgestaltete. Die Macht bleibt zentralisiert, in wenigen Händen im Vorstand der Regierungspartei, selbst wenn sie nun durch das Mandat einer Mehrheit legitimiert worden ist, die sich aus den Fesseln der Geschichte nicht lösen kann.

Weder hat es jemals die Erinnerung an ein Südafrika gegeben, das auf natürliche Weise die Interessen aller seiner Bewohner reflektiert und vertritt, noch eine lebensfähige kollektive Vorstellung davon. In dieser Geschichte der Neugestaltung konnten wir uns auf kein vorher existierendes Ganzes beziehen. Und trotz gegenteiliger Propaganda gibt es auch keine kohärente, gemeinsame und integrierende Vision, die uns zur Anerkennung unserer Vielfalt führen könnte. Selbst wenn eine Zeit lang ein mächtiger, von vielen geteilter Wille existiert haben sollte, sich um den Traum einer moralisch integeren neuen nationalen Einheit zu sammeln, einer Einheit, die sich im Geiste der Vergebung und vielleicht sogar des Vertrauens herausbilden könnte, so ist dieser schnell untergegangen in der schmutzigen Flut aus betrogenen Hoffnungen und räuberischer Politik, Angst und ungebremster Habgier, Unmoral und Rassismus. Wie könnte es da "Heilung" geben?


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