Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

Rassismus in Südafrika: Nicht alle Wunden sind verheilt


7.6.2010
Ein Rugby-Match belegt: Das Zusammenleben zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern nähert sich der Normalität, doch die Vergangenheit ist noch gegenwärtig. Groß ist derweil die Gefahr des Rassismus gegen Immigranten.

Bulls Fans vor dem Super14 Rugby Finale der Bulls gegen die Stormers im Orlando Stadion in Soweto, Südafrika.Fans der Rugby Mannschaft Bulls vor dem Finale der Super14 im Orlando Stadion in Soweto (© AP)

Johannesburg – Einen Kilometer vom Orlando Stadion von Soweto entfernt ist die Tototo-Shebeen. Die Straßenleuchten scheinen schwach vor der Kneipe, am Eingang steht ein Schild: "Keine Waffen!" Es kommt selten vor, dass sich Weiße hierher verirren. Nun aber sitzt Riana van Zyl mit dreißig anderen Rugbyfans aus Pretoria in blauer Fan-Montur auf Plastikstühlen. In der Hand eine große Flasche Bier.

Gerade haben die Blue Bulls aus Pretoria gegen die Crusaders aus Neuseeland das Halbfinale des "Super14"-Turniers gewonnen, die größte Clubmeisterschaft der südlichen Hemisphäre. Ein Pflichttermin für jeden Rugby-Fan. Normalerweise hätte das Spiel im Versus Loftus Stadion von Pretoria stattfinden sollen. Doch die Heimspielstätte der Blue Bulls wird wie fast alle großen Stadien Südafrikas bereits von der Fifa für die Fußballweltmeisterschaft vorbereitet.

Und so blieb nur der Umzug in den Soweto-Township, den viele konservative Buren weiterhin meiden – trotz enormer Infrastrukturmaßnahmen. "Viele von uns waren noch nie in einem Township", erzählt van Zyl. "Besonders die Älteren hatten Bedenken, hierher zu kommen. Manchmal denke ich, dass unsere Welt im Versus Loftus Stadion endet. Und jetzt sind wir hier und haben eine großartige Zeit."

Der Sport wurde besonders während der Apartheid von der weißen Minderheit dominiert. Für die Schwarzen war in den Stadien damals ein kleiner abgetrennter Bereich reserviert. Von dort jubelten sie meistens den Gegnern der südafrikanischen Nationalmannschaft "Springboks" zu. Ein Stadion als Ort des Protests.

Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß natürlicher als in den USA



Welch ein Kontrast bietet Soweto in diesen Tagen! Mitte Mai fand das historische Spiel statt, wenige Tage später wurde auch das Finale in Soweto ausgetragen. Die Bulls gewannen mit 25:17 gegen die Stormers aus Kapstadt. Wieder war die 40.000 Zuschauer fassende Arena ausverkauft. Wieder winkten die Bürger des Townships den Bussen mit den weißen Fans zu. Und wieder gab es keine größeren Zwischenfälle.

Präsident Jacob Zuma begrüßte vor dem Anpfiff jeden Spieler per Handschlag, und die Nation fühlte sich wunderbar an die vereinende Kraft der WM 1995 erinnert. Damals gewann Südafrika sensationell das Turnier im eigenen Land, und Nelson Mandela überreichte im grünen Springbok-Trikot die Trophäe, im Rückblick eine seiner größten Gesten der Versöhnung. "Die Spiele in Soweto waren ein Beleg dafür, wie Südafrikas neue Mitte die Grundfeste unserer Gesellschaft nicht nur teilt, sondern auch praktiziert", schrieb der Chefredakteur der "Sunday Times", Ray Hartley, in seinem Editorial. "Dazu zählen die Vorurteilsfreiheit gegenüber ethnischen Gruppen, Fairness, Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Versöhnung."

Auch der Buchautor John Carlin vertritt diese These, er hat das Buch Der Sieg des Nelson Mandela geschrieben – die Vorlage für den Film Invictus, der die Geschichte der Rugby-WM 1995 aufgreift. "Diese beiden Spiele bestätigen meine These, dass das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß längst nicht das wichtigste Thema Südafrikas ist", sagt John Carlin.

Natürlich wäre es schön, wenn es mehr soziale Interaktion zwischen den ethnischen Gruppen gäbe, sagt Carlin. Im Jahr 2010 aber seien Probleme wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit und das Verbrechen weit wichtiger: "Nach den Dreharbeiten zu Invictus haben mir auch die amerikanischen Filmemacher erzählt, dass sie das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß in Südafrika als natürlicher empfinden als in den USA."

Prozess wegen aufhetzender Sprache



Ein Aktivist der AWB bewacht Anfang April die Farm von Eugene Terre'Blanche in der Kleinstadt Ventersdorp. Der Führer der rechtsextremistischen Partei war dort wenige Tage zuvor ermordet worden.Ein Aktivist der AWB bewacht Anfang April die Farm von Eugene Terre'Blanche in der Kleinstadt Ventersdorp. Der Führer der rechtsextremistischen Partei war dort wenige Tage zuvor ermordet worden. (© Tracy D. Edser)
Doch Südafrika ist ein Land der Kontraste, längst sind nicht alle Wunden der Vergangenheit verheilt. Erst Anfang April waren die rund 40.000 weißen Farmer des Landes in vehementen Aufruhr. Am Ostersamstag wurde Eugene Terre´Blanche von zwei seiner Arbeiter brutal ermordet – angeblich wegen eines Streits um Geld. Er starb an Kopf und Gesichtsverletzungen, eine Machete lag noch auf seinem Bauch, als die Polizei eintraf.

In die Statistik wird sein Tod als weiterer Mord an einem weißen Farmer eingehen, über 3000 gab es seit Ende der Apartheid 1994. Und als einer der folgenreichsten, zweifellos. Der Choleriker mit dem Vollbart führte über Jahrzehnte hinweg die extremistische Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) – die einen eigenen Staat für die Weißen fordert.

Anfang der neunziger Jahre hatte sie zehntausende Unterstützer, seitdem war es um die AWB ruhig geworden. Das Gedankengut aber ist noch immer da, gefördert von der Tatenlosigkeit der Polizei und der martialischen Rhetorik führender Politiker der Regierungspartei African National Congress (ANC).

Der Zorn der weißen Landbevölkerung richtete sich gegen Julius Malema. Inbrünstig hatte der Anführer der ANC-Jugendliga Anfang März vor Studenten "Kill the Boers!" (Tötet die Buren!) angestimmt, ein Lied aus dem Befreiungskampf. Zwei Wochen vor dem Mord verurteilte ein Gericht den Vorfall als "aufhetzende Sprache".

Malema führt seit Jahren die meisten Probleme Südafrikas auf die nach wie vor dominierende Rolle der Weißen in der Wirtschaft zurück. Während des Mordes an Terre´Blanche befand er sich auf Staatsbesuch in Simbabwe, wo er sich wenig bewegt präsentierte. "Ich beschäftige mich nicht mit so einer Person", sagte er. Mehr Interesse löste die Landreform aus, die viertausend weißen Farmern in Simbabwe ihren Besitz gekostet hat. Er lässt seit Jahren kaum eine Gelegenheit verstreichen, gegen die weiße Minderheit zu hetzen – stets geduldet von der Führung seiner Partei.

Die junge, urbane Generation ist weniger anfällig



Diesmal aber kritisierte ihn Präsident Jacob Zuma ungewohnt scharf. Malema musste vor einer Disziplinarkommission der Partei aussagen. Die umgerechnet rund 1000 Euro, die er danach spenden musste, dürfte der Politiker aus der Portokasse gezahlt haben – er hatte über Jahre hinweg Anteile an mehreren Firmen. Doch darüber hinaus wurde der 29-Jährige zur Teilnahme an Wut-Seminaren verdonnert – eine gewaltige Demütigung. Die Position des einstigen Zuma-Vertrauten ist auch parteiintern geschwächt. "Dieser Vorfall muss uns lehren, dass wir als Anführer nachdenken, bevor wir öffentliche Aussagen machen, die das Gegenteil von dem erreichen könnten, was wir eigentlich wollen: eine Nation aufbauen", sagte Zuma.

Damit sprach der Präsident den meisten Südafrikaner aus der Seele, gleich welcher Hautfarbe. Sie fürchteten, der Mord könne kurz vor der WM 2010 die bisher erreichte Aussöhnung in den Hintergrund stellen. Und tatsächlich war der Effekt des Terre´Blanche-Mordes in den folgenden Wochen nicht so signifikant wie befürchtet, als die AWB von dreitausend neuen Mitgliedsanträgen täglich berichtet hatte. "Das war übertrieben", sagt der Historiker Emile Clifford Coetzee von der Universität Johannesburg, "die AWB hat wöchentlich rund zweihundert Anfragen. Vor dem Mord waren es zwar nur zwanzig, aber sie beklagt weiterhin Nachwuchssorgen. Das gilt auch für viele andere radikale Organisationen sowohl am rechten Rand der weißen als auch der schwarzen Bevölkerung."

Der Wissenschaftler forscht seit Jahren über Rechtsradikalismus. "Südafrika ist zu komplex, um ein allgemeines Bild zu beschreiben", sagt Coetzee, "aber diese Bewegungen sind sehr klein. Und besonders die junge, urbane Generation, die zusammen mit Schwarzen aufgewachsen ist, folgt ihr kaum."

Soziale Unterschiede wachsen



Doch der Historiker betont auch die Fragilität dieser Annäherung, schließlich ist die demokratische Geschichte Südafrikas erst sechzehn Jahre alt. "In den neunziger Jahren führte die Regierung ‚Affirmative Action´ ein. Schwarze Unternehmen und Arbeitnehmer wurden bei der Vergabe von Aufträgen und Jobs bevorzugt." Damals sei das richtig gewesen, in den kommenden beiden Jahren aber müsse das Black Economic Empowerment-Programm (BEE) beendet werden.

"Es war wichtig, die Dominanz weißer Unternehmen zu brechen. Heute sorgt es aber vor allem für gewaltigen Frust unter jungen Weißen. Selbst viele Schwarze sind inzwischen für ein Ende des BEE", sagt Coetzee. Südafrika müsse eine Kultur der Kooperation entwickeln, um international wettbewerbsfähiger zu werden, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

Denn die sind gewaltig. Wie in vielen Ländern Afrikas ist die Jugendarbeitslosigkeit überproportional hoch. Nicht zuletzt verursacht durch ein schlecht funktionierendes Bildungssystem ist jeder Zweite im Alter zwischen vierzehn und vierundzwanzig Jahren auf Jobsuche – der landesweite Schnitt ist mit rund 25 Prozent nur halb so hoch. "Dieses Problem lässt sich nur mit einer gemeinsamen Astrengung bewältigen", sagt Coetzee, dem die Zusammenarbeit mit seinen Studenten Hoffnung macht: "Wenn diese Generation in Führungspositionen aufsteigt, wird Südafrika sein Potenzial weit mehr ausschöpfen können."

Problematisch aber bleiben die Millionen jungen Menschen ohne Perspektive, die Populisten wie Malema mit ihren einfachen Botschaften adressieren. Während sich Südafrika zu einer stabilen Demokratie mit lange boomender Wirtschaft entwickelt hat, sind die sozialen Unterschiede gleichzeitig noch größer geworden als zum Ende der Apartheid.

Latente Gefahr



Laut "Development Indicators 2009 Report" der Regierung nahm der Anteil des nationalen Einkommens unter den ärmsten zehn Prozent des Landes ab: Von 0,63 Prozent im Jahr 1993 auf aktuell 0,57 Prozent. Ihr Einkommen stieg zwar in dieser Zeit um 33 Prozent – doch allein die Mieten haben sich teilweise vervielfacht.

Johannesburg ist die Hauptstadt der Kontraste. Nur fünfzehn Minuten Fahrt dauert es von dem Township Alexandra bis in das Finanzviertel Sandton, eine der reichsten Gegenden Afrikas. Viele der Wirtschaftsflüchtlinge aus den Nachbarländern Mosambik und Simbabwe zieht es deshalb in das nahe gelegene Alexandra. Mit den südafrikanischen Nachbarn konkurrieren sie dort um die raren Aushilfsjobs.

Den Immigranten wurde vorgeworfen, die Gehälter auf weniger als 1 Euro pro Stunde zu drücken. Einige würden zudem in für Südafrikaner bestimmte Häusern wohnen, die von der Regierung mitfinanziert werden. Eine brisante Situation: Vor zwei Jahren begannen in Alexandra xenophobische Übergriffe, denen landesweit mehr als sechzig Menschen zum Opfer fielen.

Die Gefahr, dass sich in den Townships fremdenfeindliche Übergriffe wiederholen, erscheint weit größer als Konflikte zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung. Immer wieder fuhren nach den Attacken hochrangige ANC-Politiker in die Townships, um zu schlichten. Auch die Polizei erhöhte ihre Präsenz. Die Lage beruhigte sich schließlich. Doch die Ursachen sind damit längst nicht behoben. Die Vorbereitung der WM war eine gewaltige Anstrengung für Südafrika – die wichtigere Aufgabe aber wartet auf das Land erst danach.


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