Afrikas WM? Von wegen!
Dass die Fußball-WM einen ganzen Kontinent repräsentiert und mit Glück erfüllt, ist ein falscher Mythos. Immerhin ist die WM eine Chance für die Medien, ihr Afrika-Bild zu differenzieren.1. Der Gastgeber der WM ist Südafrika und nicht Afrika
Nicht nur die Fifa und der Ausrichter Südafrika wollen uns glauben machen, ein ganzer Kontinent habe die WM-Ausrichtung gewonnen. Das ist aus Sicht internationaler Fußballfunktionäre und der Regierung in Tshwane (ehemals Pretoria) verständlich, aber in der Sache nicht gerechtfertigt.
Die Fifa hat früh erklärt, dass mit der Vergabe an Südafrika ganz Afrika in den Genuss der Spiele komme. Fifa-Präsident Joseph Blatter hat sich in seiner Amtszeit sehr um den afrikanischen Fußball gekümmert – dies nicht uneigennützig, denn die afrikanischen Stimmen waren für seine Wahl 1998 und Wiederwahl 2002 von großer Bedeutung. 2002 unterlag sein Widersacher Issa Hayatou aus Kamerun nicht zuletzt deshalb, weil Blatter mehr afrikanische Verbände hinter sich brachte als der Sohn des Kontinents. Umso wichtiger ist der Fifa und ihrem Spitzenfunktionär nun die Darstellung, dass die WM dem ganzen Kontinent gehöre. "Mit der WM wollen wir auch ein Vermächtnis in Afrika hinterlassen", sagte Blatter zuletzt in diesem April.
Südafrika ist die führende Regionalmacht auf dem afrikanischen Kontinent. Militär- und machtpolitisch, aber auch als Investor ist Südafrika eine Führungsnation – bis weit nach Zentralafrika hinein, in manchen Sektoren sogar weit darüber hinaus. Doch beliebt ist Südafrika unter Afrikanern nicht. Zum Teil auf Vorbehalte aus der Zeit der Apartheid zurückgehend, wird in den Nachbarländern manche Initiative des ehemaligen Paria-Staates skeptisch bewertet.
Aber um auf der Weltbühne eine wichtige Rolle zu spielen, muss das Land am Kap alles dafür tun, als Sprecher des gesamten Kontinents wahrgenommen zu werden. Einige Initiativen auf internationalem Parkett, inklusive der Propagierung der "African Renaissance" durch den Ex-Präsidenten Thabo Mbeki und des Engagements für die Reform der African Union, dienen diesem Zweck. So liegt auch nichts näher, als die WM im eigenen Land flugs zur WM ganz Afrikas zu (v)erklären: "Wir müssen aufstehen und die Geschichte eines Kontinents voller Möglichkeiten und standhafter Menschen erzählen, die Menschen aus anderen Nationen und Kulturen empfangen", sagte der aktuelle Präsident Jacob Zuma kürzlich. Der Anspruch lautet: Südafrika ist "primus inter pares", Übersetzer und Anwalt des ganzen Kontinents.
Wird diese Strategie Erfolg haben? Das Ergebnis könnte auch in Europa und Afrika höchst unterschiedlich sein. Während es in Europa stark davon abhängt, ob in den Medien die Etiketten "Südafrika" oder "Afrika" auf relevanten Berichten vom Großereignis und seinen Begleiterscheinungen stehen werden, wird es in den Nachbarländern darauf ankommen, ob es Südafrika über die WM gelingt, das Bild eines "gütigen" großen Bruders zu zeichnen, der etwa die fremdenfeindlichen Exzesse der vergangenen Jahre vergessen machen kann. Die sich ja nicht gegen Europäer oder Asiaten richteten, sondern gegen Einwanderer aus den Nachbarländern.
Ein gutes Zeichen: Die südafrikanische Regierung hat sich dem Vernehmen nach dafür eingesetzt, dass die Fifa die Übertragung der Spiele innerhalb Afrikas kostenfrei gestaltet. Dies ist ein kaum zu unterschätzendes Zugeständnis seitens der als geschäftstüchtig bekannten Weltorganisation. Diese Art von Intervention wird vermutlich in den afrikanischen Hauptstädten Maputo, Lilongwe oder Harare deutlich höher geschätzt als andere Formen der Einmischung.
Allerdings bleibt es eine Anmaßung, wenn von der "WM in Afrika" gesprochen wird. Es ist nicht überliefert, dass die WM in Japan und Südkorea 2002 in Thailand oder China besonderen Enthusiasmus ausgelöst hätte ("WM in Asien"). Die WM in Deutschland 2006 nahm ein ganzes Land gefangen und beschäftigte Menschen weit über die deutschen Grenzen hinaus, aber niemand hätte sie zur WM Europas oder auch nur Mitteleuropas ausgerufen. Bei Afrika ist man immer noch bereit anzunehmen, es handele sich um ein Land.
2. Die Zeitungen vermitteln zu wenig über Afrika
Dies ist auch so, weil in den deutschen Medien wenig aus Afrika berichtet wird. Kaum ein Redakteur traut sich, selbst bei nachrichtenstarken Anlässen mehr als eine Afrika-Geschichte pro Ausgabe "zu bringen", weil das den Kunden angeblich überfordere. Üblicherweise wird nur über die großen Katastrophen des Kontinents berichtet: Krieg, Armut, Aids. Mit achtundvierzig Staaten südlich der Sahara, ihren ökonomischen Krisen, Wahlkämpfen oder außenpolitischen Allianzen gibt es eigentlich genug Stoff zur Diskussion, aber allein schon die Namen der Staatschefs dürften selbst informierten Zeitungslesern selten ein Begriff sein. Der deutsche Journalismus hat vor Afrika weitgehend kapituliert.
In der politischen Sphäre steht es kaum besser. Erstens interessieren sich Bundestagsabgeordnete in ihrer Mehrzahl nicht für Afrika, damit lässt sich kein Wahlkampf gewinnen (oder verlieren). Zweitens hat sich die fraktionsübergreifende Minderheit der Afrika-Interessierten im Bundestag ziemlich einheitlich in einem Kampf gegen die Mühlen engagiert, den sie dadurch zu gewinnen gedenkt, dass sie gegen das negative Zerrbild des Kontinents ein positives stellt: Afrika ist initiativ, kreativ, schön und bunt. Es genügten die schon so oft zugesagten Transferleistungen an Entwicklungshilfe oder eine faire Welthandelsordnung, und schon wäre alles gerichtet. Beide Sichtweisen sind grotesk vereinfachend. Jedes einzelne afrikanische Land bietet eine Fülle von Problemen, meistens aber auch Ansätze zu ihren Lösungen. Nur zum geringeren Teil liegen Wurzeln und Medikation außerhalb, "bei uns".
Nun besteht durch die WM durchaus Hoffnung auf Besserung. Das liegt allein an der Masse der Sendestunden und Druckseiten, die zusätzlich zur Verfügung stehen. Es sollte möglich sein, an einer Story "dran zu bleiben", Lebensumstände genauer zu schildern, Empathie aufzubauen, Pro und Contra zu beleuchten, auch am ersten Tag "Vorwissen" zu generieren, das man am nächsten Tag nicht neu erarbeiten muss. Es könnte endlich gelingen, vertiefend über Afrika zu berichten.
3. Politischer Profit aus sportlichem Erfolg – die Beispiele Kamerun, Elfenbeinküste und Ghana
Die drei anderen schwarzafrikanischen Teilnehmer Kamerun, Elfenbeinküste und Ghana stehen exemplarisch dafür, wie mit Fußball Politik gemacht wird. Kameruns Präsident Paul Biya überlebte seine schwerste politische Krise 1990 nicht zuletzt, weil seine Kicker um Roger Milla ihm einen bitter nötigen Erfolg auf der WM in Italien präsentierten. Die "unbezähmbaren Löwen" schieden erst unglücklich im Viertelfinale gegen England aus. Damals hatte der Staatspräsident unter erheblichem Druck der Straße die Öffnung zur Mehrparteiendemokratie zugestehen müssen, nur um zwei Jahre später die ersten pluralistische Wahl stark zu seinen Gunsten zu manipulieren.
Heute sitzt der nun schon seit achtundzwanzig Jahren amtierende Autokrat sehr viel sicherer im Sattel. Die Missstände sind geblieben: Korruption, autoritärer Führungsstil, fehlender Reformwille – Aspekte, die man auch in Kameruns Fußballs beobachten kann. Der nationale Verband FECAOOT gab immer wieder Anschauungsunterricht dafür, wieso es trotz sportlich sehr gutem Potenzial am Ende nicht für eine gute Platzierung reicht. Der Grund: Spielerprämien wurden veruntreut.
In der Elfenbeinküste ist 2007 ein bitterer Bürgerkrieg mit glücklicherweise begrenzten Opferzahlen zu Ende gegangen. Das Land bleibt aber weiterhin in Nord und Süd gespalten. Präsidentenwahlen sind seit fünf Jahren überfällig, sollen noch dieses Jahr stattfinden und könnten Grund für weitere Gewalt werden (wie schon rund um die Wahlen 1995 und 2000). Präsident Laurent Gbagbo hat sich schon mehrfach mit dem sportlichen Erfolg einer der besten afrikanischen Nationalmannschaften geschmückt. Aber diese war auch dazu in der Lage, im Kriegs- und WM-Jahr 2006 eine klare Botschaft an das Volk zu senden: In der Einigkeit sind wir stark, und wir brauchen Frieden, sagten die Fußballer aus allen Landesteilen rund um den politisch glaubhaften Superstar Didier Drogba (FC Chelsea). Der Fußball allein wird es nicht richten, aber auf die politischen Konsequenzen des Auftretens der Nationalmannschaft darf man auch in diesem Jahr gespannt sein.
Ghana ist das vielbeschworene Musterland, mit zweifachem friedlichen Regierungswechsel in Folge von Wahlen im vorigen Jahrzehnt. Doch so einfach ist das nicht. Korruption bleibt ein stets gegenwärtiges innenpolitisches Thema, der nationale Fußballverband oder einst stolze Spitzenvereine wie Asante Kotoko (aus der zweitgrößten Stadt Kumasi) eingeschlossen.
Ghana sieht sich gerne parteiübergreifend als Fahnenträger des Panafrikanismus: Siegt Ghana, siegt Afrika. Das wird bei dieser WM nicht funktionieren, denn gleich zwei andere Teilnehmer machen Ghana diesen Anspruch streitig: Gastgeber Südafrika und Nigeria, das bevölkerungsreichste Land des Kontinents. Dadurch ist aber auch spannend zu sehen, ob es dieses Jahr eine stärker "egozentrische" Patriotismuswelle geben wird als 2006 in Deutschland.
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