Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

Landeskunde - Südafrika nach der Apartheid

Aus kleinen Siegen große Hoffnung schöpfen


10.6.2010
Auch nach der Apartheid leidet Südafrika unter großen sozialen und politischen Problemen. Doch den Optimismus lassen sich seine Menschen nicht nehmen. Eine Landeskunde

Szene während des Wahlkamps 1994 in Südafrika.Szene während des Wahlkampfs 1994 in Südafrika. (© AP)

Südafrikas demokratische Wahl im Jahr 1994 war ein Wunder. Es war das erste Mal, dass alle Bürger ungeachtet ihrer Rasse die nationalen und regionalen Regierungen wählen durften. Statt einer gewaltreichen Revolution, die jeder nach Jahrzehnten der weißen Herrschaft über die schwarze Minderheit fürchtete, strömten Menschen aller Hautfarben und Glaubensrichtungen in die Wahllokale, um gemeinsam die Regenbogennation zu erschaffen.

Die Euphorie, die mit der friedlichen Einigung und der demokratischen Wahl einherging, wurde durch die Aura und den versöhnlichen Stil des Präsidenten und legendären Weltenbürgers Nelson Mandela unterfüttert. Mandela war kurz zuvor nach sechsundzwanzigjähriger Gefangenschaft freigelassen worden, zu der er vom Apartheidsregime wegen angeblichen Terrorismus verurteilt worden war. Die Erwartungen der Mehrheit der Südafrikaner waren groß – und schellten weiter in die Höhe, als Mandela die junge Demokratie Südafrikas auf ihrem unsicheren Weg in die globale Anerkennung lenkte.

Doch rasch traten Probleme auf: Der regierende African National Congress (ANC), der seit Jahrzehnten gegen das Apartheidsregime der National Party gekämpft hatte, wollte nun den Traum vom Land, in dem Milch und Honig fließen, wahr werden lassen. 1993 wurde auf einer Konferenz aller Parteien Südafrikas Verfassung ausgearbeitet. Das Gesetz gründete auf Anerkennung der Ungerechtigkeit der Rassentrennung in der Vergangenheit des Landes und wurde als die fortschrittlichste Verfassung weltweit anerkannt. Ihr "Bill of Rights" (Liste der Grundrechte) bekam internationales Lob.

Mittlerweile zieht die Verfassung viel Kritik auf sich. Man spürt die Unzufriedenheit vieler Südafrikaner, deren alltägliche Lebenssituation sich keineswegs verbessert hat. Es heißt, die schwarze Bevölkerung sei vom ANC bei der Verfassungskonferenz "verraten" worden. Sie haben das Gefühl, dass es ihnen heute nicht besser geht als während der Apartheid. Andere gehen soweit zu sagen: Es geht ihnen schlechter.

Die Wortführer argumentieren, dass Wirtschaft und Industrie noch immer in der Hand der Weißen sei – trotz der schwarzen ANC-Regierung. Affirmative Action und Black Economic Empowerment (BEE) genügten nicht, um Schwarze schneller in einflussreiche Positionen zu hieven. Die Kritiker weisen zudem auf die hohe Rate der Arbeitssuchenden hin – fast ein Drittel der Arbeitsfähigen ist ohne Job – sowie den Stillstand bei der Neuverteilung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die Gefahr eines Simbabwe-Szenarios droht, wo Land von Aufständischen besetzt wird. Die Armut verlangt ihren Tribut von den Menschen, während Aids ihre Not noch vergrößert. Die Epidemie hat die Lebenserwartung im Durchschnitt um ein Jahrzehnt gesenkt.

Gesetzesbruch ist für viele Arme die beste Überlebensmöglichkeit



Diese sozialen Probleme und die daraus resultierenden Spannungen gefährden Frieden und Fortschritt in Südafrika. Allerdings ist nicht zu leugnen, dass die radikalen Reformen das Land verändert haben. In den Worten des angesehenen Ökonomen Bobby Godsell klingt das so: "Das Leben für Millionen von Menschen ist so viel besser geworden, und dennoch bleibt so viel zu tun." Die Wahrheit ist: Es wird einige Zeit dauern, bevor der Schaden endgültig behoben werden kann, den Jahrzehnte der Rassentrennung und Vorurteile angerichtet haben. Die Frage ist: Haben die Menschen, die seit sechzehn Jahren in einer Demokratie leben, die Geduld, noch viel länger zu warten?

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass mehr als die Hälfte der Südafrikaner, die in Großstädten leben, unzufrieden mit den Behörden ist. Dies könnte weitere gewalttätige Proteste und fremdenfeindliche Übergriffe entfachen. "Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass aus Protestaktionen Gewalt wird", warnt die TNS Forschungsumfrage. 52 Prozent der befragten zweitausend Personen sagten, sie seien unzufrieden mit der staatlichen Daseinsvorsorge, sogar 49 Prozent der Wohlhabenden. Beispiele: anhaltende Stromausfälle, Probleme mit der Wasserversorgung und den Abrechnungen.

Die Umfrage ergab darüber hinaus, dass Fremdenhass durch schlechte Versorgung und Ressourcenknappheit geschürt werde. Es fehle an Häusern, Wasser, Arbeit "und sogar Frauen". 70 Prozent der befragten Personen verlangen, dass Einwanderer in ihre eigenen Länder zurückkehren. Seit die Grenzkontrollen gelockert wurden, strömen Einwanderer benachbarter oder naher Territorien nach Südafrika – viele von ihnen illegal. Dies hat nach Empfinden vieler die Probleme verschärft: die Armut, die Arbeitslosigkeit, die Wohnungsknappheit, die Kriminalität und die Verbreitung von Aids. In bestimmten Gebieten haben Einheimische, wütend über verlorene Arbeit und fehlende Unterkunft, Einwanderer angegriffen und deren Häuser geplündert und niedergebrannt.

Die Kriminalität ist eines der Hauptprobleme Südafrikas. Sie hat dem Land den wenig beneidenswerten Ruf eingebracht, dass Leben wie Urlaub dort sehr gefährlich sind. Die rassistisch motivierte Gewalt und die Brutalität der Kriminellen sind schockierend. Strafvollzug allein, vermuten Wissenschaftler, werde das Problem der Kriminalität nicht lösen. Vielmehr müssten Armut und Arbeitslosigkeit bekämpft werden. Denn Gesetzesbruch ist für viele Arme momentan die beste Überlebensmöglichkeit.

Die Sicherheit im Land hat sich verschlechtert. Die gespannten Verhältnisse spitzen sich zu, vor allem wegen eines alten politischen Kampfliedes der ANC, das die Worte "Tötet die Bauern, tötet die Buren!" enthält. Dieses Lied wird von Mitgliedern der ANC Youth League unter der Führung seines radikalen Führers Julius Malema gesungen. Ein Gerichtsbeschluss hat das Lied vorübergehend verboten.

Fast ein Jahrhundert Apartheid und Diskriminierung



Vor diesem Hintergrund feiert Südafrika dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Es wurde am 31. Mai 1910 mit der Vereinigung der vier vorigen Britischen Kolonien Transvaal, Orange Free State, Kap der Guten Hoffnung und Natal gegründet. Mit einer Fläche von 1.219.912 Quadratkilometern ist es fast viermal größer als Deutschland, doppelt so groß wie Frankreich, hat etwa ein Drittel der Größe der Europäischen Union und ein Achtel der Größe der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Küste erstreckt sich vom Atlantik an der Westküste zum Indischen Ozean im Osten des Landes. Das Land teilt Grenzen mit Namibia, Botswana, Simbabwe, Mosambik sowie Lesotho und Swasiland, beides unabhängige Binnenstaaten innerhalb des geographischen Gebietes Südafrikas.

In den ersten Jahrzehnten erließen verschiedene Regierungen verschiedene Abstufungen der Rassentrennung und Diskriminierung, bis die National Party nach ihrem Wahlsieg 1947 die Politik des Hasses intensivierte und in ein Gesetz goss: das der Apartheid. Dies führte dazu, dass der ANC, der vorher für Gewaltlosigkeit eingetreten war, seine Haltung änderte und sich dem Krieg verpflichtete. Als weiße, minderheitsregierte Nachbarstaaten, die vormals als Puffer für Südafrika gedient hatten, Unabhängigkeit erlangten, verstärkte ANC-Freiheitskämpfer ihre Aktionen durch Spionage. Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt in den achtziger Jahren. Innerstaatliche Protestaktionen gewannen an Stoßkraft und führten gleichzeitig zu vielen blutigen Konfrontationen mit der Polizei.

Beim Sharpeville Massaker im Jahr 1960 starben 69 Menschen, mehr als 180 wurden schwer verletzt. Die Polizei hatte das Feuer auf Protestanten eröffnet, die gegen ein unsägliches Gesetz zu Felde zogen, das Schwarze verpflichtete, "reverence books" (Pass mit Eintragungen zu Stammeszugehörigkeit, Arbeitsverhältnis, Aufenthaltsgenehmigung, Steuerzahlungen) mit sich zu führen. Die Aufstände von Schulkindern gegen den erzwungenen Gebrauch der Sprache Afrikaans im Klassenzimmer im Township Soweto außerhalb von Johannesburg im Jahr 1976 verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Diese Aufstände werden generell als der Anfang vom Ende der Apartheid bezeichnet, da das Land schließlich in vielen Gebieten zunehmend unregierbar wurde.

Inoffizielle Friedensgespräche zwischen der National Party Regierung und dem ANC setzten ein. Sie führten zum Beginn einer friedlichen Einigung, die in den demokratischen Wahlen von 1994 gipfelte, die der ANC entscheidend gewann.

Viele demokratische Parteien haben sich etabliert



Das "Neue Südafrika" hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Wo es im alten Südafrika nur vier Hauptprovinzen gab, wurden die folgenden neun gegründet: Gauteng (flächenmäßig die kleinste, aber mit der Hauptstadt Johannesburg die wohlhabendste), North West, Mpumalanga, Northern Cape, Limpopo, Free State, Western Cape, Eastern Cape und KwaZulu-Natal. Das Nationale Parlament tagt in Kapstadt. Alle neun Provinzen haben gesetzgebende Gruppen. Macht wird weiter dezentralisiert bis zu Bezirks- und Ortsverwaltungen.

Wo es vorher nur zwei offizielle Sprachen gab, Afrikaans und Englisch, zählt man nun neun. Etwa 24 Prozent der etwa fünfzig Millionen Südafrikaner sprechen Zulu, 18 Prozent Xhosa, 13 Prozent Afrikaans, 9 Prozent Sesotho sa Laboa, 8 Prozent Englisch und der Rest eine Vielzahl an indigenen Sprachen. Englisch ist die lingua franca in Politik und Wirtschaft, doch viele Familien sprechen mehr als eine Muttersprache.

Und während in der Ära der Apartheid nur wenige politische Parteien zur Wahl antraten, registrierten sich viele unterschiedliche Parteien für die erste demokratische Wahl. Bei den nationalen und provinziellen Wahlen am 22. April 2009 traten vierzig Parteien an. Der ANC gewann rund 66 Prozent der Stimmen für das nationale Parlament und 65 Prozent für die Provinzversammlungen. Die offizielle Opposition, die Democratic Alliance, kam mit 16,7 Prozent der nationalen Stimmen dem ANC am nächsten. Drittstärkste Partei wurde die ANC-Abspaltung Congress of the People (Cope) mit 7,5 Prozent der Stimmen. Die Inkatha Freedom Party, eine Partei deren Programm auf traditionellen Zulu-Prinzipien fußt, lag mit 4,5 Prozent auf dem vierten Platz.

Aussöhnung in herzerwärmender Jahrmarktsatmosphäre



Die WM 2010 hat Hoffnung für Südafrika aufkeimen lassen. Viele guten Dinge wurden schon umgesetzt: Arbeitsplätzen geschaffen, neue Straßen gebaut, Flughäfen und allgemeine Infrastruktur verbessert. Nationale, provinzielle und örtliche Regierungen haben zusammen hart gearbeitet, um die Einrichtungen im ganzen Land zu verbessern. Doch die Frage bleibt: Zu welchen Gesamtkosten? Und: Kann die Entwicklung erhalten und fortgesetzt werden?

Doch trotz aller berechtigten Zweifel und Probleme herrscht in der Mehrheit der Südafrikaner Optimismus. Ein kleines Ereignis mag das belegen: Südafrikas Rugbychampions, die Bulls, spielten kürzlich im Finale der Super 14, des Rugby-Hauptturniers der Südhalbkugel, gegen die Stormers aus Kapstadt. Das Heimstadion der Bulls ist das Loftus Versveld in Pretoria, Gauteng. Dort hätte nach den Regeln das Spiel stattfinden sollen. Das Stadion wird jedoch während der WM genutzt, und die Fifa wollte nicht, dass dort so kurz vor dem Anpfiff der WM 2010 andere Spiele gespielt werden.

Also wurde der Wettbewerb im Orlando Stadium ausgetragen, im Herzen des ausgedehnten schwarzen Townships Soweto, wo der Fußball König ist und in das die meisten weißen Menschen noch nie einen Fuß gesetzt haben. Und viel zu ängstlich wären, dies zu tun. Soweto hat alle Rugbyfans willkommen geheißen, und das Spiel wurde in einer herzerwärmenden Jahrmarktsatmosphäre der Aussöhnung gespielt. Schwarz und Weiß, Fußball und Rugby haben sich über die große Kluft hinweg die Hand gereicht.

Solche kleine Siege geben allen Südafrikanern Hoffnung.


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