Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay
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Fußball-WM 2010: Herausforderungen und Hoffnungen


8.6.2010
An die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika knüpfen sich große Hoffnungen hinsichtlich ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen. Doch ihre langfristigen Folgen sind nicht absehbar.

Die Delegierten aus Südafrika empfangen das Dokument, dass Südafrika als Gastgeber der Fußball WM 2010 auszeichnet. (Von links nach rechts: Irvin Khoza, Danny Jordaan, Nelson Mandela, Joseph Blatter, Molefi Oliphant).Die Delegierten aus Südafrika empfangen das Dokument, dass Südafrika als Gastgeber der Fußball WM 2010 auszeichnet. (Von links nach rechts: Irvin Khoza, Danny Jordaan, Nelson Mandela, Joseph Blatter, Molefi Oliphant). (© AP)

Einleitung



Die Bedeutung dessen, dass Südafrika im (europäischen) Sommer 2010 Gastgeber der nächsten Fußballweltmeisterschaft sein wird, geht weit über die Tatsache hinaus, dass dieses Großereignis zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen wird. Es ist vielmehr so, dass die WM aufgrund ihrer Größe und der für die Austragung notwendigen finanziellen Investitionen zahlreiche langfristige Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Südafrikas haben wird. Führende Politiker des Landes haben jahrelang große Hoffnungen geweckt, was die Folgen für den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum angeht. Während dies in der südafrikanischen Gesellschaft zunächst zu hohen Erwartungen geführt hat, ist die öffentliche Meinung in den vergangenen Jahren vielschichtiger und zwiespältiger geworden.

Die WM ist in erheblichem Maße zu einem Teil von Südafrikas Politik zur Überwindung der Klassengegensätze geworden, da immer häufiger gefordert wird, dass von der Veranstaltung nicht nur große Unternehmen und die Reichen, sondern auch die Armen profitieren sollten. Dies stellt die Regierung von Präsident Jacob Zuma vor etliche Herausforderungen. Sie muss nicht nur ein gut organisiertes und sicheres Turnier garantieren, das internationalen Ansprüchen genügt, sondern außerdem auf eine immer unruhiger werdende Wählerschaft reagieren. In Hinblick auf vergangene in Südafrika ausgerichtete Sportveranstaltungen besteht die Chance, dass die WM 2010 Rassenversöhnung und Nationenbildung (nation building) fördert, selbst wenn dies nur von kurzer Dauer sein sollte. Dies hängt jedoch davon ab, ob die internationale Gemeinschaft das Ereignis rückblickend als gelungen bewerten wird und ob die Menschen in Südafrika das Gefühl haben werden, dass das Turnier ihnen echte materielle Vorteile gebracht hat.

Politik der Sport-Mega-Events in Postapartheid-Südafrika



Die Fußball-WM in Südafrika muss vor dem Hintergrund der wachsenden internationalen politischen und ökomischen Relevanz von Sportgroßveranstaltungen und der Beziehung zwischen Sport und Politik in Postapartheid-Südafrika gesehen werden. Das Eliteturnier des Weltfußballverbandes Fifa ist ein erstrangiges Mega-Event, wie es im Buche steht: Das heißt, es ist ein groß angelegter und prestigeträchtiger Sportwettbewerb mit Spitzensportlern, der regelmäßig und abwechselnd an unterschiedlichen Orten der Welt veranstaltet wird. Sportliche Großereignisse kennzeichnet, dass sie international ein hohes Maß an Interesse hervorrufen, große Publikumsmengen anziehen und über hohe Unternehmensinvestitionen und -erträge verfügen können. Hinsichtlich der Zuschauerzahlen und Einnahmen ist die Fußball-WM das größte Ereignis seiner Art, dicht gefolgt von den Olympischen Spielen. Sie unterscheiden sich darin, dass die WM in mehreren Städten ausgetragen wird. Beide sind jedoch globale Medienereignisse mit enormer wirtschaftlicher Bedeutung für Interessengruppen innerhalb und außerhalb des Sportsektors [1].

Allgemein ist es für viele Regierungen auf der ganzen Welt immer attraktiver geworden, Gastgeber von Sportgroßveranstaltungen zu werden. Mehrere Faktoren spielen hier - im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung von Sport im Allgemeinen und Sportgroßereignissen im Besonderen - eine Rolle. Zu nennen sind hier etwa die Suche staatlicher Einrichtungen nach alternativen Entwicklungsmöglichkeiten in der zunehmend verflochtenen und konkurrenzbetonten Welt sowie neue symbolische und politische Werte, die Freizeit und Konsum zugeschrieben werden [2]. All dies resultiert in der extremen Kommerzialisierung groß angelegter Sportveranstaltungen, was wiederum dazu beiträgt, dass die Gastgeberschaft derartiger Veranstaltungen mit wirtschaftlichem Nutzen verbunden wird.

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die Fußball-WM als Höhepunkt einer erweiterten Strategie der südafrikanischen Regierung zu betrachten, Sportveranstaltungen zu nutzen, um das Land auf internationaler Bühne prominenter zu positionieren. Auf diese Weise sollen ausländische Direktinvestitionen angezogen und die Attraktivität des Landes als Urlaubsziel gesteigert werden. Tatsächlich hat sich Südafrika seit dem Ende der Apartheid um eine ganze Reihe von bedeutenden Sportveranstaltungen bemüht. So richtete es 1995 die Rugby-WM aus, und 1996 war das Land Austragungsort der alle zwei Jahre stattfindenden kontinentalen Fußballmeisterschaft, des Africa Cup of Nations. 1999 fanden die Panafrikanischen Spiele sowie 2003 zwei weitere Weltmeisterschaften in Südafrika statt - die des Cricket-Weltverbandes und die Golf-WM der Damen. Die Bewerbung Kapstadts um die Austragung der Olympischen Spiele 2004 blieb zwar erfolglos, aber es wird spekuliert, dass sich mit Durban eine weitere südafrikanische Stadt für die Spiele im Jahr 2020 bewerben könnte. Der Zuschlag für die Austragung der Fußball-WM 2010 stellt jedoch einen besonderen Triumph dar und eine einzigartige Gelegenheit, das Land der Weltöffentlichkeit zu präsentieren [3].

Das Bestreben südafrikanischer Politiker, große internationale Sportveranstaltungen ins Land zu holen, hängt zudem mit einer historisch bedingten engen Beziehung zwischen Sport und Politik zusammen. Schon vor geraumer Zeit haben Historiker und Soziologen darauf hingewiesen, dass Sport eine wichtige Rolle bei der Entstehung gesellschaftlicher Identitäten und der Aufrechterhaltung der Rassentrennung gespielt hat [4]. Zum Beispiel wurde Rugby während der Apartheid von einigen Angehörigen der Afrikaner community mit Werten wie Männlichkeit, Kulturstolz und Überlegenheit verbunden und von ihnen als symbolisches Schlüsselattribut des "Afrikanertums" betrachtet [5]. Im Gegensatz dazu entwickelte sich Fußball (bzw. soccer in Südafrika) zum Sport vornehmlich der schwarzen Bevölkerung. Ab den 1950er Jahren und mit zunehmender Beliebtheit wurde Fußball zu einem Teil der sozialen Protestbewegung gegen die weiße Minderheitsregierung [6]. Insgesamt gesehen, ist Sport ein Bereich, in dessen Rahmen viele Fragen zu Südafrikas Rassenpolitik debattiert worden sind - und das oft mit großer Tragweite. Da Sport einen derart wichtigen Teil der soziokulturellen Vorstellungswelt ausmacht, bedeuteten die internationalen Boykotts, durch die Südafrika während der Apartheid von der Teilnahme an großen Wettkämpfen ausgeschlossen war, sehr konkrete Konsequenzen für die Gesellschaft als Ganzes.

In der Zeit nach der Apartheid gewann Sport neue Bedeutung als ein Mittel zur Überwindung von Rassenunterschieden und zur Schaffung einer gemeinsamen nationalen Identität. Der ehemalige Sportminister Makhenkesi Stofile zum Beispiel stellte fest, Sport sei "ein sehr wichtiger Teil der Gesellschaft (...). Auch unser Land trägt eine Verantwortung, Sport als Hilfsmittel zu nutzen, um das Land und unser Volk in eine bestimmte Richtung zu lenken - die Richtung eines vom Rassismus befreiten Südafrikas (...). Also müssen wir den Sport für das nation building nutzen. Wir müssen ihn nutzen, um Selbstwertgefühl und Nationalstolz zu stärken. Wir dürfen nicht an Paradigmen festhalten, die Apartheidstereotype aufrechterhalten."[7]

Bei der Rugby-WM 1995, kurz nach den ersten demokratischen Wahlen, wurde erstmals im Rahmen einer Großveranstaltung die Verbindung von Sport und nation building geknüpft. Der Turniersieg der größtenteils weißen südafrikanischen Rugbymannschaft wurde nach dem letzten Spiel vom damaligen Präsidenten Nelson Mandela gefeiert, der bei seiner Ankunft am Stadion ein springboks-Trikot trug - und somit die Farben der Rugby-Nationalmannschaft, die in der Zeit des Befreiungskampfes als ein Symbol des Apartheidrassismus galten. Mandelas offene Übernahme dieses Symbols signalisierte eine neue Ära der Versöhnung, an der alle Bevölkerungsgruppen teilhaben sollten, um ein vereintes und blühendes Südafrikas zu zeigen, das bereit ist, seinen Platz in der internationalen Gemeinschaft einzunehmen [8]. Dieselbe Symbolik war auch während der 1996 in Südafrika ausgetragenen Fußball-Afrikameisterschaft offenkundig. Die erstmalige Teilnahme an diesem Turnier sollte die Integration des Landes in den afrikanischen Kontinent verdeutlichen.

Südafrikas Bewerbungskampagnen für die Austragung großer Sportereignisse werden seither von diesen Aspekten beflügelt. Durchaus bemerkenswert sind dabei zwei Elemente, welche die Bewerbung um die WM 2010 charakterisierten: erstens der Versuch, die Veranstaltung als Katalysator für die Einheit des Landes zu nutzen, und zweitens die Betonung darauf, wie das Ereignis dem Land innerhalb von Afrika und darüber hinaus zu einer einflussreicheren Rolle verhelfen könnte. Im Rahmen der letzten Bewerbungsrunde im Mai 2004 erklärte der damalige Präsident Thabo Mbeki gegenüber der Fifa-Führung beispielsweise, dies sei "eine afrikanische Hoffnungsfahrt - Hoffnung, dass wir in einer Zukunft ankommen werden, in der unser Kontinent frei ist von Krieg, Flüchtlingen und Vertriebenen, frei von Gewaltherrschaft, von rassischen, ethnischen und religiösen Konflikten, von Hunger und dem Gewicht unserer jahrhundertelangen Leugnung der Menschenwürde. (...) Nichts könnte unserem Volk jemals mehr Antrieb geben, sich für den eigenen und Afrikas Aufschwung einzusetzen, als (...) die erfolgreiche Austragung der Fußball-WM 2010."[9] Der Präsentation wohnten auch Erzbischof Desmond Tutu und die ehemaligen Präsidenten Mandela und Frederik Willem de Klerk bei, die hohes moralisches und diplomatisches Ansehen in der internationalen Gemeinschaft genießen. Ihre Anwesenheit sollte zum Ausdruck bringen, dass Südafrika eine versöhnte Nation ist, die es verdient hat, die WM auszurichten, um den Wandel nach dem Ende der Apartheid zu stärken.


Fußnoten

1.
Vgl. Maurice Roche, Mega-Events and Modernity. Olympics and Expos in the Growth of Global Culture, London 2000; John Horne/Wolfram Manzenreiter (eds.), Sport Mega-Events. Social Scientific Analyses of a Global Phenomenon, Oxford 2006.
2.
Vgl. Chris Gratton/Ian Henry (eds.), Sport in the City. The Role of Sport in Economic and Social Regeneration, London 2001; Alan Tomlinson/Christopher Young (eds.), National Identity and Global Sports Events. Culture, Politics and Spectacle in the Olympics and Football World Cup, Albany 2006.
3.
Dies kommt in zahlreichen Dokumenten staatlicher Stellen über das Potenzial der Weltmeisterschaft zum Ausdruck. Vgl. z.B. Department of Environmental Affairs and Tourism/South African Tourism, 2010 Soccer World Cup Tourism Organising Plan, Pretoria 2005.
4.
Vgl. Robert Archer/Antoine Bouillon, The South African Game. Sport and Racism, London 1982; Albert Grundlingh/Andre Odendaal/Burridge Spies, Beyond the Tryline. Rugby and South African Society, Johannesburg 1995.
5.
Vgl. David Black/John Nauright, Rugby and the South African Nation. Sport, Cultures, Politics and Power in the Old and New South Africas, Manchester 1998.
6.
Vgl. Ben Couzens, An Introduction to the History of Football in South Africa, in: Belinda Bozzoli (ed.), Town and Countryside in the Transvaal, Johannesburg 1983, S. 198 - 214.
7.
Makhenkesi Stofile, Budget Vote speech, National Assembly, Cape Town, 22 May 2007.
8.
Vgl. z.B. Albert Grundlingh, From Redemption to Recidivism? Rugby and Change in South Africa During the 1995 Rugby World Cup and its Aftermath, in: Sporting Traditions, 14 (1998), S. 67 - 86; D. Black/J. Nauright (Anm. 5).
9.
Thabo Mbeki, Presentation to the FIFA Executive Committee on South Africa's Bid for the 2010 Soccer World Cup, Zurich, 14 May 2004, online: www.anc. org.za/ancdocs/history/mbeki/2004/tm0514.html (17. 6. 2004).
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