Südafrika rüstet auf gegen Aids
In Südafrika sind achtzehn Prozent der Einwohner mit dem HI-Virus infiziert, jährlich sterben mehrere hunderttausend Menschen an Aids. Trotzdem geht die Jugend leichtfertig mit dem Thema um. Ein Erziehungsprogramm soll helfen.
Lebensorientierung per Lehrplan: Harvey Cupido (vorne) unterrichtet Schüler der Atlantis Secondary School in der Nähe von Kapstadt. (© Darrin Zammit Lupi)Kapstadt/Offenbach – "Über Sexualität zu reden, ist gar nicht so einfach", sagt Dorell Sardine ernst vor ihrer Klasse. Keiner der dreißig Schüler lacht oder kichert. Alle hören zu, ihre Äußerung stößt auf volles Verständnis. "Den Eltern ist das unangenehm", pflichtet ihr eine Mitschülerin bei. Der Lehrer, Harvey Cupido, hört geduldig zu, gibt seinen Schülern Zeit zum Nachdenken. In diesem Unterricht wird kein typischer Lernstoff vermittelt. Es geht darum, fürs Leben zu lernen. Entsprechend heißt das Fach Lebensorientierung – oder "Life Orientation", wie man hier in Südafrika sagt. Wie gehen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe miteinander um? Was kommt nach der Schule? Und was ist verantwortungsvolle Sexualität? Es sind viele Fragen rund um das Erwachsenwerden, die Lehrer Cupido mit seinen Schülern diskutiert.
Denn dass Schüler der zwölften Klasse nicht zu jung sind, um über Sexualität zu reden, zeigen auch die Statistiken. Ein Großteil der Neuinfektionen mit HIV entfallen auf Jugendliche zwischen fünfzehn und vierundzwanzig Jahren. Und rund 80 Prozent davon werden beim Geschlechtsverkehr übertragen. Lebensorientierung ist also auch ein Stück Überlebenstraining. Denn nirgendwo gibt es so viele Menschen, die mit HIV infiziert sind wie in Südafrika. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen tragen 5,7 Millionen Menschen in Südafrika das tödliche Virus in sich, das sind 18,1 Prozent der Bevölkerung. Das erste Mal Sex haben die meisten Jugendlichen hier mit dreizehneinhalb Jahren, sagt eine Mitarbeiterin einer Jugendklinik.
Die Politik hat die Gefahr von HIV lange heruntergespielt. Thabo Mbeki, der von 1998 bis 2008 Präsident Südafrikas war, leugnete sogar den Zusammenhang des HI-Virus mit der Immunschwächekrankheit AIDS, seine Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang riet den Bürgern von Medikamenten ab. Statt dessen sollten sie besser Zitronensaft, Olivenöl, Knoblauch und Rote Beete zu sich nehmen. Nicht besonders vorbildlich war die Aussage von Jacob Zuma, dass er sich nach dem Sex mit einer HIV-positiv getesteten Frau einfach geduscht habe. Damals war er zwar noch nicht Präsident, aber auf dem Weg, es zu werden. Nach einer Studie der Universität Harvard hat diese Politik 330.000 Menschenleben gefordert. Die Lebenserwartung eines Neugeborenen ist entsprechend von gut sechzig Jahren Mitte der 90er Jahre auf fünfzig im Jahr 2008 gesunken.
Inzwischen hat die Regierung die Politik geändert. Im Frühjahr 2010 hat sie neue Richtlinien für die Behandlung erlassen, sie verteilt gratis Kondome und versorgt fast eine Million Infizierte mit Medikamenten – das sind knapp die Hälfte derjenigen, die sie bräuchten. Bis Ende 2011 sollen es achtzig Prozent sein. Als "historische Entscheidung" hat das UN-Kinderhilfswerk UNICEF die neue Strategie der Regierung bezeichnet. Experten in Südafrika sind nicht ganz so euphorisch; aber auch sie halten die neuen Richtlinien für recht fortschrittlich. Derzeit fehlt vor allem qualifiziertes Personal im öffentlichen Gesundheitssystem, um diese Ziele zu umzusetzen.
Eine Frage von Privilegien?
"Die Regierung zahlt zwar die Behandlung, aber die Leute bekommen die Medizin nicht rechtzeitig", sagt Rachel Watson, die einen kleinen Radiosender leitet. "Die Leute schämen sich", ergänzt die 51-Jährige. Deswegen sprechen auch viele, die über ihre Infektion Bescheid wissen, nicht darüber. Die Volkskrankheit Nummer eins ist ein Tabu in Südafrika. Nur etwa zwanzig Prozent der Südafrikaner wissen überhaupt, ob sie infiziert sind oder nicht. Deswegen hat Präsident Zuma im Frühjahr eine Testkampagnge gestartet und sich selbst medienwirksam untersuchen lassen.
"So einen Test zu machen, ist schon eine große Sache", erzählt Siyabulela Mdlulwa. Und davon, dass er ziemlich viel Angst hatte, als er sein Ergebnis abgeholt hat. "Ich habe gezittert wie ein Mädchen", erinnert er sich. Er wohnt im überwiegend von Schwarzen bewohnten Township Khayelitsha, wo die Infektionsrate besonders hoch ist. "Als sie mir gesagt haben, dass ich negativ bin, war das, als hätte man mir ein zweites Leben geschenkt". Denn wenn man positiv getestet sei, habe man gleich zwei Probleme: Neben der Infektion müsste man dann auch noch mit dem gesellschaftlichen Stigma leben, sagt der 21-Jährige. Sogar innerhalb von Familien würden Infizierte ausgegrenzt. Dass er mit dem Thema HIV nun verantwortungsvoller umgehe, habe er auch der Jugendklinik in seinem Stadtteil Side B zu verdanken. In regelmäßigen Sprechstunden versuchen die Mitarbeiter, den Jugendlichen den Ernst der Lage zu vermitteln.
Ebenso wie mit dem Unterricht zur Lebensorientierung, den es seit 2006 gibt. Begonnen wird schon in der Grundschule, am Anfang ist das Fach mit Sport kombiniert. Selbstbewusstsein, Gesundheit, Toleranz und Karriereplanung als Unterrichtsstoff. Von klein auf sollen die Kinder an diese Themen herangeführt werden. Was für die Schüler besonders wichtig ist, entscheiden die Schulen. In manchen Gegenden ist der Umgang mit Gewalt eine besondere Herausforderung, anderswo die Vermittlung des Bildungsgedankens. "Wir setzen uns da im Kollegium zusammen und beraten, was wichtig ist", sagt Cupido.
In der Vorzeigeklasse der Atlantis Secondary School, in die Lehrer Cupido die ausländischen Journalisten eingeladen hat, sind die Schüler sehr offen. Sie haben ein großes Selbstvertrauen, für das er zwei Gründe sieht: Zum ersten gehören sie zum mathematisch-technischen Zweig – das seien die Schüler mit dem besten Noten im Jahrgang. Zum zweiten sprechen sie Englisch. Damit sind sie auch sechzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid gesellschaftlich privilegiert. Anders als diejenigen, die eine der zehn anderen Amtssprachen sprechen. Hier in Atlantis sind die meisten "Coloureds", also weder Schwarze, noch Weiße, sondern Farbige.
Ein bisschen Mama-Spielen geht nicht
Gesprächskultur: Sashke Marinus, Dorell Sardine und Cecile Wagner hören ihren Mitschülern zu. (© Darrin Zammit Lupi)"Ihre Eltern können sich darum kümmern", meldet sich eine weitere Stimme. "Sie kann auch heiraten und das Kind großziehen". Optionen gibt es viele. Doch in den Antworten steckt auch noch viel Tradition.Viele schwarze Südafrikaner beispielsweise sehen Abtreibung als Sünde, Weiße eher nicht. Schwarze könnten sich eher auf ihre Familien verlassen als Weiße, merkt ein Schüler an. Die Klasse diskutiert die Optionen durch. Auch eine Muslima meldet sich zu Wort. Über Hose und Trainingsjacke trägt sie ein schwarzes Kopftuch. Sie hat gelernt, dass es generell am besten ist, vor der Ehe keinen Sex zu haben, sagt sie selbstbewusst.
Im kommenden Jahr, so schätzen die Experten des südafrikanischen Instituts für Versicherungsstatistik ASSA, werden 400.000 Menschen an Aids sterben. Insgesamt hat die Krankheit diesen Schätzungen zufolge schon 2,5 Millionen Menschenleben gekostet. Und die Hälfte derer, die sich neu infizieren, sind zwischen fünfzehn und vierundzwanzig Jahren alt.
Doch trotz der dramatischen Zahlen und der sehr konkreten Gefahr beschäftigt die Jugendlichen beim Thema Sex die Frage nach einer Schwangerschaft viel mehr als der Schutz vor Krankheiten. "Wenn man zusammen ist, muss man sich auch vertrauen", sagt eine Schülerin in der Klasse. "Und dann braucht man kein Kondom", lautet die weit verbreitete Meinung. Verhütung bewerten viele als Misstrauen; Mädchen, die Kondome zur Hand haben, gelten als Huren. Und überhaupt sind so kleine Babies ja unheimlich süß, finden viele Mädchen. Warum also die Pille nehmen, die die Regierung zahlt?
Dass ein bisschen Mama-Spielen nicht geht, hat Shirlene Henkeman erlebt. Ihr erstes Kind hat sie mit neunzehn Jahren von ihrem ersten Freund bekommen, finanziell ist sie jetzt von ihren Eltern abhängig. "Es ist so niedlich, wenn man die kleinen Babies anderer sieht", sagt sie. "Und dann will man auch so eins haben. Wie schwierig das ist, versteht man erst, wenn es soweit ist." Darüber würde man in der Schule viel zu wenig lernen, meint sie. Ihre Eltern sind ihr eine große Hilfe, sie kümmern sich zusammen mit ihr um den Nachwuchs. Und irgendwie seien sie auch die Eltern ihres Sohnes. Doch wenige Momente später reklamiert sie die Mutterschaft voll für sich. Der Vater des Kindes ist heroinabhängig und bei den Henkemans nicht willkommen. Aber Shirlene mag ihn noch sehr und träumt von einer eigenen Familie.
Südafrika hat noch viel zu tun
Mutter und Tochter Shirley Henkeman ist beides zugleich. (Bild: , Kapstadt) (© Darrin Zammit Lupi)Und beinahe wäre sie schon zweifache Mutter. Doch als sie das zweite Mal schwanger nach Hause kam, war sie wieder ganz Tochter, musste auf ihre Eltern hören. Und die erlaubten ihr das Kind nicht. Als müssten sie sie vor einem Süßigkeitenregal wegziehen, sprachen sie ein Machtwort. Eines Abends hieß es: "Morgen wird abgetrieben, mach Dich dafür schon mal fertig!" Shirlene hat Tränen in den Augen, als sie das erzählt. Sie macht ihren Eltern Vorwürfe: "Sie haben mir etwas genommen." Viele Gedanken habe sie sich davor nicht gemacht. Sie sagt ein wenig trotzig: "Ich liebe Kinder eben immer noch." Trotz all der Strapazen und Schwierigkeiten. Und die Zukunft? Ihr größter Wunsch ist ein besserer Job. Doch wie sie an den ohne Ausbildung herankommen will – darauf hat sie noch keine Antwort. Noch sind ja ihre Eltern da, die sich kümmern, wenn es schwierig wird.
Babies sind in Mode und Verhütung ein Tabu. Radiomanagerin Watson sieht die Eltern deshalb vorher schon in der Pflicht. Viele signalisierten ihren Kindern, dass Verhütung eine Angelegenheit für Verheiratete sei. Über das Sexualleben vor der Ehe hingegen werde in vielen Familien kein Wort verloren. Vor allem bei HIV sei das Problem, dass die Jugendlichen die Gefahr nicht sähen. "Man müsste den jungen Leuten mal Aids-Patienten im Endstadium vorstellen, das würde sicher wirken", sagt sie.
Petrus Steyn von der Stellenbosch Universität hält dagegen. Zu schockieren sei nicht nachhaltig genug, sagt der Psychologe. Er setzt darauf, das Bewusstsein der Jugendlichen zu stärken und ihnen die Zusammenhänge deutlich zu machen. Seit 1999 arbeitet er daran, inzwischen hat er mit einem Team und finanzieller Unterstützung aus Holland ein Lehrbuch für das Fach Lebensorientierung geschrieben. Die Neuinfektionen der Jugendlichen zwischen fünfzehn und vierundzwanzig hätten abgenommen, sagt er, und sieht seine Arbeit bestätigt. Und vielleicht hat das jahrelange Diskutieren tatsächlich den Umgang mit dem Thema verändert. Cupidos Schüler Jody de Wet zumindest gibt sich gelassen beim Thema Verhütung: "I say: Always come prepared". Wer gut vorbereitet ist, kann sich schützen. Doch diese Vorbereitung kostet viel Zeit und Geld. Und da hat das Land noch viel zu tun. Der Anfang scheint gemacht.
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