Wie schade, dass wir nicht jedes Jahr eine WM austragen dürfen!
Der Titel bei der Rugby-WM 1995 im eigenen Land war eine Wegmarke in der Geschichte Südafrikas. Dass sich der Erfolg nun wiederholt, ist unwahrscheinlich, doch auch in den nächsten vier Wochen werden Schwarz und Weiß gemeinsam feiern.
Nach dem Finalsieg gegen Neuseeland im Juni 1995 überreicht der südafrikanische Präsident Nelson Mandela dem Kapitain der südafrikanischen Rugby-Mannschaft Francios Pienaar den Rugby-Pokal. (© AP)Diejenigen, die alt genug sind, um sich zu erinnern, hoffen auf eine Wiederholung. Aber wer realistisch genug ist, muss akzeptieren, dass unsere Fußballmannschaft nicht zu vergleichen ist mit unserem Rubgyteam. Daher wird es traurigerweise für Südafrika diesmal kein triumphales Ende geben wie 1995.
Welch ein Tag! Ich erinnere mich noch lebhaft. Ich war im letzten Semester, und ich hatte mit meinem Hochschulrugbyteam schon das Vorrundenspiel Frankreich gegen Tonga im Loftus Versefeld Stadion in Pretoria gesehen. Auch beim Eröffnungsspiel Südafrika gegen Australien war ich mit meinen Kollegen gewesen, in Ausübung meiner Tätigkeit als Sportressortleiter des Hochschulmagazins. Aber an diesem Tag, am 24. Juni 1995, war ich alleine, als ich heim nach Lebowakgomo kam, ein Township im Norden des Landes. Hier hatte man für Rugby keinen Sinn, die Euphorie, die fast das ganze Land ergriffen hatte, steckte hier keinen an.
Die schwarzen Menschen aus meiner Heimatstadt scherten sich nicht um diesen Sport des weißen Mannes. Also war ich in dem historischen Moment alleine, als Joel Stranskys "drop goal" das Ende der neuseeländischen Auswahl ("All Blacks") besiegelte. Und, wenn auch nur für einen Moment, die Art änderte, mit der Schwarze und Weiße aufeinander schauen. Als der frischgewählte Präsident Nelson Mandela das Trikot mit der Nummer 6 Francois Pienaars, des Kapitäns der "Springboks", überzog und ihm den Weltpokal überreichte, war das ein Anblick, der viele Herzen erreichte. Die Abendnachrichten zeigten Weiße und Schwarze gemeinsam feiern.
Sport eint das Land besser als die Politik – das gilt sogar für Mandela
In seinem Buch "Invictus" beschreibt der Autor John Carlin, wie sich die Nation hinter den "Springboks" vereinte. Im vorigen Jahr ist es mit einem großartigen Morgan Freeman und Matt Damon verfilmt worden. Im Frühjahr lief der Film in Südafrika an, und viele meiner Landsleute fühlten sich zurückversetzt in die Zeit, als aus Südafrika die Regenbogennation wurde. Die Fußball-WM im eigenen Land vor Augen nimmt diese Hoffnung auf Harmonie und Bruderschaft wieder Konturen an.
Bereits im vergangenen Sommer, während des Confederations Cups, lebte sie auf. Doch wie 1995 hielt der Moment nur ein paar Tage vor, bevor der Alltag wiedereingekehrt ist: Schwarze und Weiße leben getrennt vor sich hin. Nicht dass Südafrika noch immer wie früher durch die perverse Rassenidee getrennt wäre; vor allem die Jüngeren wie meine sechsjährige Tochter und ihr neunjähriger Bruder denken nicht mehr in Hautfarben. Doch nach wie vor gibt es hauptsächlich "weiße Dinge" in Südafrika, und nach wie vor gibt es hauptsächlich "schwarze Dinge". Zum Beispiel Rugby und Fußball.
Die Auswahl, die ab Freitag Südafrika repräsentiert, hat einen einzigen weißen Spieler in ihren Reihen (was einige sogar für eine symbolische Geste halten): den schlaksigen Verteidiger Matthew Booth. Obwohl er in Russland Erfahrung gesammelt hat und alle nationale Jugendauswahlen durchlaufen, dürfte er für den internationalen Wettbewerb auf höchstem Niveau etwas zu langsam sein. Doch daran, dass er nominiert worden ist, wird auch der anspruchsvolle südafrikanische Fußballfan keinen Anstoß nehmen. Nicht weil er für Lufthoheit im Strafraum sorgt, sondern weil seine Nominierung eine vereinigende Wirkung auf das Land hat.
Beim Confed Cup zwar der in Cape Town geborene und mit einem schwarzen Model verheiratete Booth Publikumsliebling. Viele weiße Fans kennen gar keinen anderen Spieler namentlich. 1995 spielte Chester Williams auf dem Flügel der "Springboks". Weil er als "Coloured" als Schwarzer akzeptiert wurde, erleichterte es Williams den Schwarzen Südafrikas, das Team zu unterstützen. Meist feuerten sie eigentlich nur ihn an, nicht das ganze Team.
Fußball ist in erster Linie ein schwarzer Sport geblieben
Seit dieser Zeit gab es einige junge schwarze Spieler, die es in das Team geschafft haben: Bryan Habana zum Beispiel, der im Kader der Weltmeister von 2007 stand. Oder die Ndungane-Zwillinge, die Super 14 Rugby spielen (ein Wettbewerb für die besten Vereine aus Neuseeland, Australien und Südafrika). Oder Chiliboy Ralepelle aus meiner Heimatstadt. Oder der "Coloured" Luke Watson, Sohn eines Antiapartheid-Aktivisten.
In der Vergangenheit war Rugby das Hoheitsgebiet der Weißen. Die einzigen Schwarzen dieses Sports kamen vom Ostkap, dem Teil des Landes, dem auch Mandela entstammt. Dass diese Gegend schon immer eine Rugby-Gegend war, hängt damit zusammen, dass englische Missionare dort landeten. "Sie kamen nicht nur, um die Christenlehre zu verbreiten, sie lehrten auch Rugby und Cricket. Dadurch wurde Rugby in dieser Gegend auch ein Sport der Schwarzen, sogar größer als Fußball. Noch heute hat unsere Provinz keinen Verein in der Ersten Fußballliga", sagt Vata Ngobeni, ein Sportjournalist der "Pretoria News". "Auch in den Schulen, die die Missionare gründeten, standen Cricket und Rugby auf dem Lehrplan. Vor allem in Grahamstown."
Während sich Rugby allmählich auch durch politische Einmischung gewandelt hat (wenn auch noch nicht zur Befriedigung aller), ist Fußball ein schwarzer Sport geblieben – allenfalls mit ein paar weißen Tupfern besprüht. Vor zwei Wochen spielte das Rugbyteam der Blue Bulls zwei Spiele im ehemaligen Fußballstadion Orlando Stadium im Township von Soweto, einer schwarzen Gegend. Die meisten der weißen Rugbyfans hatten nie zuvor einen Fuß in diese Gegend gesetzt. Aus Angst, von Schwarzen angegriffen zu werden. Doch nach ihrem ersten Besuch dort schwärmten sie davon, wie "großartig" sie Soweto fänden und dass sie bald zurückkehren würden.
Im Gegenzug würden die meisten schwarzen Fans nie zu einem Spiel der Blue Bulls an die Loftus Versfeld, im Herzen des weißen Pretorita, gehen. Doch dieses Mal sah man sie, inmitten betrunkener weißer Fans, die "Shosholoza" singen, Südafrikas beliebtestes Sportlied und heimliche Nationalhymne. Alle trugen blaue Trikots.
Wieder sah man Mandela im Trikot
Rückblick, 1978 wechselte Wits University, ein ehemaliger weißer Fußballverein, aus der "Weißen Liga" unter Hilfe des verbotenen African National Congress in die "Schwarze Liga". Im Finale des Mainstay Cups, des südafrikanischen Pokals, schlugen sie die Kaizer Chiefs. Es war das bis dahin größte und wichtigste Fußballspiel Südafrikas, es wies den Weg in eine gemeinsame Liga. Und hatte den schleichenden Tod der "Weißen Liga" zu Folge, weil viele Vereine und auch viele Spieler in die immer stärker werdende gemeinsame Liga wechselten. Der Fußball gilt bis heute als erste Institution, die die Rassenschranken aufhob. Und das während der Apartheid, als schwarz-weiße Interaktionen verboten waren.
Dass Sport das "vielrassige" Südafrika besser einen kann als die Politiker, Mandela eingeschlossen, ist hierzulande unumstritten. 1996 zeigte sich das erneut, als die "Bafana Bafana" den Afrika Cup im eigenen Land gewann. Schwarz und Weiß feierten unterschiedslos gemeinsam, als Neil Tovey, der weiße Kapitän, seine Mannschaft, fast alles Schwarze, zur Medaillenübergabe anführte. Wieder trug Mandela ein Trikot mit der Nummer 6, das Toveys.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Südafrika am 11. Juli eine weitere Trophäe entgegennehmen wird. Aber man darf davon ausgehen, dass in den anstehenden vier Wochen Schwarze und Weiße ein gemeinsames Fest feiern werden. Das ist aber nur während solcher Sportveranstaltungen möglich. Wie schade, dass wir nicht jedes Jahr eins davon austragen dürfen!
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