Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay
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Nelson Mandela und sein Erbe

Essay


8.6.2010
Mandela hat als Gründungsvater des "neuen Südafrika" geholfen, die Nation zu einen. Der aktuelle Präsident Zuma nutzt den "Mythos Mandela", hat aber einen schweren Weg vor sich.

Der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela vor dem ersten Rugby-Testspiel zwischen Südafrika und Wales in Pretoria, Südafrika, Samstag 26. Juni 2004.Nelson Mandela hat als Gründungsvater des "neuen Südafrika" geholfen, die Nation zu einen. Der aktuelle Präsident Zuma nutzt den "Mythos Mandela". (© AP)

Einleitung



Fast jeder Kontinent, so scheint es, hat mindestens eine große Gestalt, die die Nation und Region eint und repräsentiert, die jeder kennt und liebt, und auf die jeder stolz ist. In Südasien war das der Gründungsvater des indischen Staates, Mahatma Gandhi, in Südamerika Simón Bolivar, Anführer der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Süden Afrikas ist es Nelson Rohlila Mandela. Alle erhielten sie Namen, die mit ihnen untrennbar verbunden sind - Bolivar wurde der libertador, der Befreier, Gandhi - unter seinen gegebenen Vornamen kennt ihn niemand mehr - Mahatma, auf Sanskrit "dessen Seele groß ist". Beides zeugt von Respekt und Bewunderung. Mandelas Clanname, Madiba, deutet dagegen auf Vertrautheit, Bewunderung, selbst Zärtlichkeit; noch mehr gilt das für jenen Namen, den schwarze Südafrikaner zunehmend für ihn nutzen - Tata, Vater. Der Dalai Lama nennt Mandela einen würdigen Nachfolger Gandhis. Niemand in Afrika dürfte im Ansehen an ihn heranreichen. Nelson Mandela gilt aller Welt als Symbol für den Kampf um Freiheit. Kaum ein anderer Lebender gab so vielen Straßen, Schulen, Preisen seinen Namen. Sein Ruhm nimmt fast mythische Ausmaße an: Der Mythos Mandela bezieht sich somit auf ihn, auf seine Größe, seine historische Rolle in der "Regenbogenrevolution" und auf seine reale Wirkung. Aber ein Mythos hat auch Kehrseiten und Folgen. Auch die gilt es beim größten lebenden Afrikaner zu beachten.

Schon vor seiner Freilassung aus fast drei Jahrzehnten Haft im Februar 1990 galt er als Mythos. Sein Ansehen wuchs, als er, den man in seiner Heimat Südafrika damals weder zitieren noch abbilden durfte, sichtbar wurde. Wer dabei war bei seinen Schritten aus dem Gefängnis, seiner Rede vom Rathausbalkon in Kapstadt und seinem ersten Gespräch mit Journalisten, vergisst diese Augenblicke nicht: Seine große Gestalt, die Würde, die er natürlich ausstrahlt, sein Humor und sein Eingehen auf andere waren überwältigend. Er konnte und kann jeden mit Charme und Selbstironie einwickeln. Binnen kurzer Zeit vermochte er auch bei weißen konservativen Südafrikanern sein Bild zu ändern: Vom mutmaßlichen Terroristen wurde er für viele zum Freiheitshelden und Versöhner. Wer angesichts einer solchen fast unkritischen Wertschätzung nicht abhebt, ist stark - wie "Madiba", der sich selbst verspottet und gerne einen alternden Pensionär nennt. Er warnt vor der Neigung ihn zu vergöttern.

Verzeihen und Versöhnen



Grundlage seines Ansehens ist zum einen sein intellektuelles Format. Wichtiger noch ist seine menschliche Größe, die Haltung des Verzeihens und der Versöhnung, die Südafrika vor einem von vielen befürchteten Bürgerkrieg und Blutbad bewahrte. Schon als Junge habe er gelernt, berichtet er, seine Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren. So hielt er es als Verhandlungsführer des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) bei der Suche nach einer neuen Ordnung und einem geregelten Übergang mit seinen politischen Rivalen Frederik Willem de Klerk, dem er 1994 als südafrikanischer Präsident folgte, und dem Zuluführer Mangosuthu Buthelezi, den er zu seinem Innenminister ernannte. Damit band er als begnadeter Taktiker Gegner ein, aber mehr noch die Jugendlich-Ungestümen unter seinen Anhängern, die lieber auf eine Abgrenzung gesetzt hätten.

Heute nennen Jugendliche in Europa oder Amerika auf die Frage, was sie mit Südafrika verbinden, zwei Worte - Mandela und friedlicher Umbruch; dazu kommen Fußball, Kriminalität, Aids. Sein Verständnis von Demokratie, Minderheiten und Führung, seine englisch geprägte, ausgesuchte Höflichkeit gegen jedermann, aber auch sein Stolz und sein Traditionsbewusstsein haben ihre Wurzeln in seiner Jugend, die er im Ostkap als Mitglied einer Königsfamilie in ländlicher Abgeschiedenheit verbrachte; dort wurde er zum Führen erzogen.

Ein weiteres Element zum Verständnis seines Handelns und Denkens ist seine Lebensgeschichte: In den Jahren seiner Haft musste er eine Maske tragen. Seine Gefühle gab er nicht preis, um sich trotz Demütigungen die Achtung der anderen und die Selbstachtung zu bewahren. Auch das hat eine Wurzel in seiner Jugend im Ostkap, in der traditionell Gefühle nicht gezeigt wurden. Als er sich zum letzten Mal von seiner Mutter verabschiedete, gab es keine Umarmung: Das sei nicht ihr Brauch gewesen, schreibt er wehmütig in seiner Autobiographie [1]. So begegnet er auch jenen, mit denen er Jahrzehnte gemeinsam verbrachte, mit Distanz - der Umjubelte scheint ein Einsamer zu sein. Loyalitäten aber weiß er zu pflegen - in der Haft begegnete er neben den zynischen auch sanften Wärtern, die ihm Respekt zeigten. Durch sie lernte er, dass es unter rechten Afrikaanern, unter den Uniformträgern des verhassten Regimes, menschliche Stimmen und Seiten gab. Diesen wenigen Anständigen verdankt das weiße Südafrika, und damit mittelbar auch die übrige Welt, Vieles - ohne sie hätte Mandela seine nach 28 Jahren Haft fast übermenschlich erscheinende Versöhnungsbereitschaft möglicherweise nicht gehabt.

Zweimal dem ANC voraus



Ein drittes Moment neben dem Fehlen von Bitterkeit und seiner Balance von Volkstümlichkeit und Distanziertheit brachte ihm seine unumstrittene Anerkennung nicht nur unter weißen Südafrikanern und in der übrigen Welt, sondern auch innerhalb des ANC: Mandela kann nicht nur weitsichtig sein, sondern auch hart und entschlossen. Als er bei den Verfassungsverhandlungen in Kempton Park nahe Johannesburg einmal glaubte, sein Gegenspieler de Klerk breche Vertrauen, wurden Stimme und Worte scharf, fast bitter - und es zeigte Wirkung. Zweimal war Mandela seiner Bewegung voraus. Er drängte Anfang der 1960er Jahre den ANC zum bewaffneten Widerstand; und er begann 1985 aus dem Gefängnis heraus Verhandlungen mit der Regierung, ohne sich auch nur mit seinen engsten Vertrauten zu beraten. Angebote aber, er werde freigelassen, falls er der Gewalt abschwöre, lehnte er ab. Ausgedehnte geheime Gespräche mit Ministern und hohen Beamten trugen dazu bei, dass die Regierung in Pretoria Vorbehalte gegen den ANC abbaute, sich für den Machtwechsel am Kap innerlich und äußerlich rüstete.

In seinem vierten Jahr als Präsident wurde Mandela Vorsitzender der Blockfreienbewegung. Das war eine Anerkennung seines Lebenswerkes für den friedlichen Übergang Südafrikas von einem Polizeistaat, der die schwarze Mehrheit unterdrückte, zu einer Gesellschaft, die sich als - wiewohl durchlöchertes - Modell der Welt anbietet. Dass Südafrika so schnell den Weg beschritt vom Ausgestoßenen der Welt zum Ansehen bei Süd wie Nord, ist in starkem Maß ein Verdienst Mandelas, aber auch seines damaligen Stellvertreters und Nachfolgers Thabo Mbeki [2].

Fußball-WM als Doppelvermächtnis



Wenn im Juni 2010 die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden eröffnet wird, sind weder Mandela noch Mbeki Präsidenten. Die WM aber ist das Vermächtnis beider: Mbeki machte die WM 2010, den Aufbau der Infrastruktur, zu seinem Anliegen im Wissen, dass ihr Ablauf das Bild Südafrikas und Afrikas auf lange Zeit prägen wird [3]. Ohne Mandelas Überzeugungskraft wiederum wäre der Weltfußballverband kaum das Wagnis eingegangen, die Weltmeisterschaft in den Süden Afrikas zu vergeben. Er nutzte nicht nur seinen Mythos; dieser allein hilft wenig, wie der amerikanische Präsident Barack Obama zu spüren bekam, als Chicago trotz seines Werbens in Kopenhagen als erster von vier Bewerbern für die Olympischen Spiele 2016 abgelehnt wurde. Mandela setzte Humor und Leichtigkeit ein - selbst Vuvuzelas brachte er im Mai 2004 nach Zürich, durchdringende und bisweilen unerträgliche Plastiktröten, die Gegner auf dem Fußballfeld ebenso entnerven sollen wie gegnerische Fans.

Wie Mandela ist der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu ein Wächter der Nation, der andere große schwarze Friedensnobelpreisträger Südafrikas. Mit Leuchtgestalten ist Südafrika gesegnet - wohl kaum ein anderes Land vergleichbarer Größe kann auf drei Friedensnobelpreisträger und zwei Träger des Literaturnobelpreises innerhalb gut eines Jahrzehnts weisen, allesamt Mahner und Wegweiser, zudem auf bedeutende Künstler, die Selbstbesinnung und Selbstbewusstsein bieten. Daneben wirkt der starke Einfluss von Religion und Kirchen auf diesen Geist der Vergebung nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Vor allem aber hilft Mandela auch mit seinen 91 Jahren noch beim Übergang und der inneren Festigung einer Gesellschaft, die zerklüftet und zerrissen ist wie wenige - nach Hautfarbe, Wohlstand, Religion, Erfahrung, Werten, Bildung. Wo die Nation landen wird, ist ungewiss. Klar ist, dass sie das Regenbogenidyll verfehlt, das Traumgebilde einer harmonischen Gesellschaft. Wer indes skeptisch darauf weist, muss bedenken, dass das gar nicht unwahrscheinliche Horrorszenario eines Bürgerkrieges oder zumindest von Terrorangriffen zwischen den Rassen vermieden wurde.

Segen des Übervaters



Jacob Zuma als vierter frei gewählter Präsident Südafrikas liegt seit seinem Machtantritt im Mai 2009 daran, sich mit Mandela sehen zu lassen, wiewohl dieser sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Öffentlichkeit zurückzog. Zuma sucht und braucht stärker als Mbeki den Segen des Übervaters. Erst dieser gibt ihm die volle Legitimation. Mandela ist dem ANC gegenüber loyal genug, mitzuspielen, was immer er von seinem Nachfolger halten mag. Was aber von seinem Erbe in einigen Jahren Bestand haben wird, vermag niemand sicher zu sagen. Der neuerliche Machtwechsel regte politische Analytiker zu einem Feuerwerk schöpferischer Begriffe an. Südafrika habe nun seine Unschuld verloren, hieß es unter Verweis auf Vorwürfe finanzieller und persönlicher Fehltritte Zumas. Die einen sprechen von einem "bedrückenden Panoptikum des politischen Niedergangs am Kap",[4] andere verweisen auf Erfolge beim Aufbau eines Sozialstaats.

Dieser Zwiespalt gilt für die Bilanz der ersten 15 Jahre Südafrikas unter schwarzer Herrschaft ebenso wie für die Zukunftsaussichten unter Zuma. Nach dem Versöhner Mandela, dem intellektuellen, aber zunehmend abgehobenen Mbeki und wenigen Monaten des pragmatischen Übergangspräsidenten Kgalema Motlanthe folgt ein als " Chamäleon" geltender Populist mit fragwürdiger Ethik [5]. Es ist ungewiss, woran er glaubt. Er kann stärker als Mbeki zuhören und einbinden, er polarisiert aber auch stärker als seine Vorgänger. Der Zulu, aufgewachsen als Ziegenhirte, spricht die "Sprache der einfachen Leute" und wird zum Hoffnungsträger derjenigen, die sich abgehängt und enttäuscht fühlen. Zuma ist gesprächsbereit in alle Richtungen. So hebt er sich wohltuend ab von seinem zunehmend in sich gekehrten Vorvorgänger Mbeki. Mit seiner geschickt austarierten Kabinettsbildung und mit entschlossenen Worten zur Stärkung der Polizei festigte er die Zuversicht der Wirtschaft und des Auslandes.

Die großen Probleme, die schon 1994 den Übergang belasteten, bleiben, teils heftiger als zuvor: HIV/Aids, Kriminalität und Brutalisierung, Armut und Arbeitslosigkeit. Dennoch ist Südafrika weiterhin eine Demokratie und ein Rechtsstaat mit einer nicht nur im Afrikavergleich vorbildlichen Verfassung, der Achtung von Menschenrechten, einer weitgehenden Pressefreiheit. Die Unabhängigkeit der Justiz wird trotz unguter Dellen geachtet. Die Zivilgesellschaft ist verankert und rührig, oft auch frech. Für Dinge, die Politiker, Journalisten und "normale" Bürger über die Obrigkeit und deren Politik sagen, wären sie in den meisten Ländern Afrikas und vielen Asiens und Osteuropas längst in Haft.


Fußnoten

1.
Vgl. Nelson Mandela, Long Walk To Freedom (Der lange Weg zur Freiheit), Boston-New York 1994.
2.
Vgl. Mark Gevisser, A Legacy of Liberation: Thabo Mbeki and the Future of the South African Dream, New York 2009.
3.
Vgl. Robert v. Lucius, Nicht von hier und nicht von dort. Umbruch und Brüche in Südafrika, Halle 2009.
4.
Thomas Scheen, Südafrika. Politische Piraten, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. 12. 2008.
5.
Vgl. Wolfgang Drechsler, Versöhner oder Spalter?, in: Handelsblatt vom 22. 4. 2009.
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