Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay
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Regenbogennation als regionale Führungsmacht?


8.6.2010
Seit 1994 gilt Südafrika als regionale Führungsmacht auf dem afrikanischen Kontinent. Das Land verfolgt dabei eine Strategie der "kooperativen Hegemonie", agiert zum Teil aber auch eigennützig.

Bewohner der Siedlung Soweto, außerhalb von Johannisburg, spazieren an einem Wahlbanner des ANC (African National Congress) vorbei, der die Bildung der potentiellen Wähler als Vorbereitung auf die Wahlen gefördert hatBewohner der Siedlung Soweto, außerhalb von Johannisburg, spazieren an einem Wahlbanner des ANC (African National Congress) vorbei, der die Bildung der potentiellen Wähler als Vorbereitung auf die Wahlen gefördert hat. (© AP)

Einleitung



Seit dem Ende der Apartheid 1994 hat Südafrika eine beispiellose Karriere gemacht: Vom geächteten "Stinktier der Welt"[1] zur weltweit bewunderten "Regenbogennation" als Symbol für Befreiung, Ausgleich und Wiedergutmachung historischen Unrechts. Die Überwindung der weißen Minderheitsherrschaft, die Verabschiedung einer Verfassung, die weitreichende Freiheits- und soziale Rechte verbürgt, und eine modellhafte Wahrheits- und Versöhnungskommission ließen das Land an der Südspitze Afrikas zum Vorbild werden.

Außenpolitisch trat die neue, demokratisch gewählte Regierung des African National Congress (ANC) mit dem Ziel an, ein "guter globaler Bürger" zu sein. Bereits 1993 hatte der spätere Präsident Nelson Mandela die grundlegenden Werte benannt, die von nun an Südafrikas Außenpolitik leiten sollten. Dazu gehören der Schutz der Menschenrechte, die Verbreitung der Demokratie, gewaltfreie Konfliktlösungen, verstärkte regionale und internationale Kooperation und die Hinwendung zum afrikanischen Kontinent.[2]

Auf der anderen Seite hofften die Vereinigten Staaten und andere Regierungen im Norden, dass das "neue" Südafrika mit seinen politischen, diplomatischen und militärischen Fähigkeiten, seiner Wirtschaftskraft und dem hohen internationalen Vertrauensvorschuss Orientierung für einen ganzen Kontinent geben würde, der in vielerlei Hinsicht seine Richtung verloren hatte. Erwartet wurde, so Jack Spence, "eine konstruktive und dynamische Rolle, sowohl auf regionaler als auch auf globaler Ebene".[3] Zu welchem Grad hat Südafrika diese Führungsrolle in Afrika tatsächlich eingenommen? Welche Faktoren haben das Ausüben dieser Rolle befördert oder behindert?

Merkmale einer regionalen Führungsmacht



Seit einigen Jahren spielt die Frage nach der Bedeutung "neuer" regionaler Führungsmächte in der deutschen und internationalen Forschung eine zunehmende Rolle.[4] Dabei herrscht weder Einigkeit darüber, wie das Postapartheid-Südafrika am besten zu kategorisieren, noch darüber, wie seine Rolle auf dem afrikanischen Kontinent genau einzuschätzen sei. So wird, um nur einige Begriffe zu nennen, das Land als "aufstrebende Mittelmacht", "regionale Führungsmacht", "hegemonische Macht" oder "Zivilmacht" bezeichnet.[5]

Zum einen kann bei der Frage "Was macht eine regionale Führungsmacht zur Führungsmacht?" die Anwendung materieller Machtressourcen (politisch, wirtschaftlich, militärisch), zum anderen die ideelle Führung einer Region untersucht werden. Dabei wird zwischen verschiedenen Politikfeldern wie Sicherheits- oder Wirtschaftspolitik unterschieden. Die Mehrzahl der Autoren definiert Mittelmächte oder regionale Führungsmächte nicht allein über objektive Kriterien wie Machtmittel (Bruttoinlandsprodukt, Truppenstärke etc.), um sie von weniger einflussreichen Staaten abzugrenzen, sondern als selbstgeschaffene Identität oder Ideologie für außenpolitisches Handeln.[6] Deswegen ist sowohl die Selbstwahrnehmung, also die Bereitschaft zur Führung, als auch die Akzeptanz dieser Führung zu beachten.

Schließlich ist die Bezugsgröße entscheidend: Die Rolle Südafrikas in der "Kernregion", dem südlichen Afrika (markiert durch die Mitgliedschaft in der Regionalorganisation Southern African Development Community, SADC), wird unterschieden von der in ganz Afrika. Es zeigt sich, dass Südafrika zwar insgesamt eine regionale Führungsposition einnimmt, diese aber in verschiedenen Politikfeldern unterschiedlich ausfüllt. Zudem schränken ein widersprüchliches Selbstbild, interne Herausforderungen und die mangelnde Akzeptanz in der Region diese Position deutlich ein.

Materielle Machtressourcen



Trotz oftmals völlig unterschiedlicher Untersuchungsansätze besteht in der Forschung Einigkeit darin, dass eine regionale Führungsmacht prinzipiell über Größe und Ressourcen verfügen muss, um eine Region beeinflussen bzw. die Nachbarstaaten führen zu können. Dies scheint im Fall von Südafrika sowohl für das südliche Afrika als auch für den gesamten Kontinent gegeben: Zwar steht das Land gemessen an der Bevölkerungsgröße mit ca. 49 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern international "nur" an 25. Stelle, in Afrika ist es aber hinter Nigeria, Äthiopien, Ägypten und der Demokratischen Republik Kongo das fünftgrößte, im südlichen Afrika sogar das zweitgrößte Land.

Entscheidend ist allerdings seine wirtschaftliche und politische Bedeutung. Südafrika verfügt als einziges Land des subsaharischen Afrikas über eine international wettbewerbsfähige Industrie und trägt in Kaufkraftparitäten ca. 32 Prozent zum gesamten Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Afrika bei. Das BIP Südafrikas ist fast viermal größter als das der zweitgrößten Ökonomie Ägypten.[7] Großkonzerne wie SABMiller, AngloAmerican oder Sasol sind nicht nur in Afrika, sondern weltweit aktiv, der Bankensektor mit den "großen Vier" Standard Bank, Absa, First National und Nedbank gut ausgebaut und - trotz weltweiter Finanzkrise - sehr stabil.

Im Hinblick auf die militärische Leistungskraft fällt das Bild gemischter aus, trotzdem gilt die South African National Defence Force als eine der schlagkräftigsten auf dem Kontinent. Die Streitkräfte beschäftigen 59 800 Soldaten, weniger als etwa Nigeria mit knapp 80 000 Soldaten, dafür sind die Militärausgaben mit 3,53 Millionen US-Dollar (2006) im afrikanischen Vergleich sehr hoch.[8] Armee, Marine und Luftwaffe sind mit modernem Gerät ausgestattet, die für rasche Truppenverlegungen und damit für regionale und internationale Militäreinsätze bedeutsame Kapazität von Transportflugzeugen ist allerdings eingeschränkt.[9]

Seit 1994 hat das vormals isolierte Südafrika mehr als 40 diplomatische Vertretungen in Afrika eröffnet und die Zahl der bilateralen Kommissionen stark erhöht. Im Jahr 2007 bestanden 13 solcher Kommissionen, unter anderem mit Marokko, dem einzigen afrikanischen Staat, der nicht Mitglied der 2002 gegründete African Union ist.[10] Südafrika ist damit im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern auf dem gesamten Kontinent vertreten. Allerdings wird sowohl in Gesprächen mit Diplomaten des südafrikanischen Ministeriums für Internationale Beziehungen und Entwicklung wie auch in der Literatur festgestellt, dass "Einstellung, Beschäftigung und Karrieremanagement von versierten außenpolitischen Praktikern eine Achillesferse des Außenministeriums" [11] sind. Das Ministerium ist deswegen zum Teil nur schwerlich in der Lage, seine außenpolitischen Ziele durchzusetzen.

Am bemerkenswertesten ist die Ausbreitung der südafrikanischen Wirtschaft in Afrika und hier vor allem im südlichen Afrika. Der Handel mit dem Rest des Kontinents erhöhte sich zwischen 1993 und 2003 um 328 Prozent. Südafrikas Direktinvestitionen im Ausland stiegen von 8 Milliarden Rand 1996 auf 26 Milliarden im Jahr 2000. Im Handel mit dem afrikanischen Kontinent erzielt das Land einen großen Überschuss: 2003 standen Importen im Wert von 13 Milliarden Rand Exporte in Höhe von 39 Milliarden gegenüber.[12] Die Ausbreitung südafrikanischer Konzerne wie der Handelsketten Shoprite Checkers und Game geht im südlichen Afrika so weit, dass unter Forschern linker Provenienz bereits eine Diskussion über die Natur des "Sub-Imperialismus" Südafrikas entbrannt ist.[13] Wirtschaftlich ist das Land sicherlich der bedeutendste Akteur auf dem afrikanischen Kontinent. Insgesamt sagen die materiellen Machtressourcen allerdings wenig darüber aus, wie groß der Einfluss Südafrikas tatsächlich ist. Dafür müssen die ideellen Ressourcen, der Führungsanspruch und die Akzeptanz in der Region in den Blick genommen werden.



Fußnoten

1.
Dieser Ausdruck wird Nelson Mandela zugeschrieben, zit. in: David White, Moving on in South Africa, in: Survival, 51 (2009) 4, S. 149-158, hier S. 150 (alle Übersetzungen CvS).
2.
Vgl. Nelson Mandela, South Africa's Future Foreign Policy, in: Foreign Affairs, 72 (1993) 5, S. 86-97, hier S. 87.
3.
Jack Spence, South Africa's Foreign Policy: Vision and Reality, in: Elizabeth Sidiropoulos (ed.), South Africa's Foreign Policy 1994-2004: Apartheid Past, Renaissance Future, Johannesburg 2004, S. 35-48, hier S. 36; Adebayo Adedeji (ed.), South Africa and Africa: Within or Apart?, London 1996, S. 4-27.
4.
Genannt sei das "Ankerlandkonzept" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) sowie das Regional Powers Network und entsprechende Publikationen des GIGA German Institute of Global and Area Studies (www.giga-hamburg.de/projects/rpn). Zum Ankerlandkonzept vgl. Andreas Stamm, Schwellen- und Ankerländer als Akteure einer globalen Partnerschaft, DIE Discussion Paper 1, Bonn 2004.
5.
Vgl. Maxi Schoeman, South Africa as an Emerging Middle Power: 1994-2003, in: John Daniel u.a. (eds.), State of the Nation, Cape Town 2003, S. 349-367; Daniel Flemes, Regional Power South Africa: Co-operative Hegemony Constrained by Historical Legacy, in: Journal of Contemporary African Studies, 27 (2009) 2, S. 135-157; Chris Alden/Garth Le Pere, South Africa's Post-apartheid Foreign Policy: From Reconciliation to Ambiguity?, in: Review of African Political Economy, (2004) 100, S. 283-297; Gero Erdmann, Südafrika: Regionaler Hegemon, Mittel- oder Zivilmacht?, in: Jörg Husar u.a. (Hrsg.), Neue Führungsmächte: Partner deutscher Außenpolitik?, Baden-Baden 2009, S. 99-121; Siegmar Schmidt, Zivilmacht Südafrika?, in: Helga Dickow u.a. (Hrsg.), Entwicklung als Beruf. Festschrift für Peter Molt, Baden-Baden 2009, S. 85-100.
6.
Vgl. Detlef Nolte, Macht und Machthierarchien in den internationalen Beziehungen: Ein Analysekonzept für die Forschung über regionale Führungsmächte, GIGA Working Paper 29, Hamburg 2006, S. 26f.
7.
Vgl. Tim Hughes, South Africa: The Contrarian Big African State, in: Christopher Clapham u.a. (eds.), Big African States, Johannesburg 2006, S. 155-185, hier S. 156.
8.
Vgl. International Institute of Strategic Studies, The Military Balance 2008, London 2008.
9.
Vgl. Gero Erdmann, Südafrika - afrikanischer Hegemon oder Zivilmacht?, GIGA Focus Afrika 2, Hamburg 2007, S 4.
10.
Vgl. Maxi Schoeman, South Africa in Africa: Behemoth, Hegemon, Partner or "Just another Kid on the Block"?, in: Adekye Adebajo u.a. (eds.), South Africa in Africa: The Post-Apartheid Era, Pietermaritzburg 2007, S. 92-104, hier S. 98.
11.
Tim Hughes, Has South Africa's foreign policy influence peaked?, Johannesburg 2009; vgl. auch D. White (Anm. 1), S. 157.
12.
Vgl. John Daniel/Jessica Lutchman, South Africa in Africa: Scrambling for Energy, in: Sakhela Buhlungu u.a. (eds.), State of the Nation, South Africa 2005-2006, Cape Town 2006, S. 484-509, hier S. 487; Chris Alden/Mills Soko, South Africa's Economic Relations with Africa: Hegemony and Its Discontents, in: Journal of Modern African Studies, 43 (2005) 3, S. 367-392.
13.
Vgl. Melanie Samson, (Sub)imperial South Africa? Reframing the Debate, in: Review of African Political Economy, (2009) 119, S. 93-113; Patrick Bond, The ANC's "Left Turn" and South African Sub-imperialism, in: Review of African Political Economy, (2004) 102, S. 599-616.
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