Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Kids of the Rainbow Nation: Blicke in die junge südafrikanische Gesellschaft


8.6.2010
Was interessiert die Kinder der "Regenbogennation"? Was sind die Hoffnungen und Sorgen der ersten südafrikanischen Generation, die nach dem Ende der Apartheid aufgewachsen ist?

Jabulane Jele (13) schaut, mit anderen verwaisten Kindern, der U.S. Nationalmannschaft beim Fussball spielen zu. Trotz der schwierigen Vergangenheit erwartet sie eine vielleicht bessere Zukunft.Jabulane Jele (13) schaut, mit anderen verwaisten Kindern, der U.S. Nationalmannschaft beim Fussball spielen zu. Trotz der schwierigen Vergangenheit erwartet sie eine vielleicht bessere Zukunft. (© AP)

Einleitung



"Is race a good indicator of youth culture?", fragte schon vor einigen Jahren der Autor eines südafrikanischen Wirtschaftsblogs.[1] Die Frage ist noch immer berechtigt. Spielt die Hautfarbe also noch eine Rolle für die Jugendlichen in dem ehemaligen Apartheidstaat, wo die "Rasse" [2] eines Menschen bis vor 15 Jahren noch ihre oder seine Lebenschancen eindeutig bestimmte? Wie sehen sie sich selbst, wie gehen sie miteinander um, die jungen Frauen und Männer der ersten Generation, die nach dem Ende der Apartheid aufgewachsen ist? Was bewegt die Kinder der "Regenbogennation", was sind ihre Hoffnungen und Sorgen? Was ist mit HIV/Aids? Wie stehen sie zu der fremdenfeindlichen Gewalt, die das Land zu Beginn des südafrikanischen Winters 2008 erschütterte? Und wie sehen sie die übrige Welt, die sich in wenigen Monaten zur ersten Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden bei ihnen einfinden wird?

Ich lade Sie ein, in diesem Artikel mit mir den Campus der University of the Western Cape (UWC) zu besuchen, an der ich seit 2001 Ethnologie lehre. Diese Universität mit ihren 15.000 Studierenden spiegelt in vielerlei Hinsicht die Hoffnungen wie auch die Frustrationen der jungen südafrikanischen Gesellschaft wider. Die UWC wurde 1960 als Apartheidinstitution gegründet: Sie ließ ursprünglich nur "Farbige" ("coloureds") [3] als Studierende zu, um ebendiese von den "weißen" Universitäten zu entfernen bzw. fernzuhalten. 1985 unternahm die Universität einen wahrhaft revolutionären Schritt und ließ von da an Studienbewerberinnen und -bewerber aus allen Bevölkerungsgruppen zu. Innerhalb weniger Jahre stieg die Anzahl der "schwarz-afrikanischen" Studierenden rapide an.

Geprägt von der globalen Jugendkultur



Noch bis vor wenigen Jahren wurde die UWC - vor allem von aktuellen und ehemaligen Studierenden - manchmal liebevoll, manchmal ironisch bush genannt. Sie lag in der Tat "im Busch", ohne Läden oder Gaststätten in der Nachbarschaft, trotz des Standorts im weltstädtischen Kapstadt vom urbanen Leben abgeschnitten.[4] Das lag daran, dass die Apartheidregierung die den "Farbigen" zugedachte Hochschule 25 Kilomenter vom Stadtzentrum entfernt inmitten der Townships auf den Cape Flats errichtet hatte, wo es nur minimale Infrastruktur gab. Heute ist das anders. Ein nahegelegenes Shopping Center ist bequem zu Fuß zu erreichen, neben Ladenketten gibt es dort Fast-Food-Restaurants, Fish and Chips, Pizzerien und - immer gut besucht - das in Südafrika allseits beliebte KFC (Kentucky Fried Chicken).

Die Studierenden der UWC sind in aller Regel ganz ähnlich wie ihre deutschen Altersgenossinnen und -genossen in der legeren Mode der globalen Markennamen gekleidet. Ehemalige UWC-Studierende sind oft erstaunt, wie ganz anders als zu ihrer Studienzeit der Campus und die Studierenden wirken. "Richtig wohlhabend" sehe es aus, sagte mir eine Ehemalige, die ihren Abschluss 1997 gemacht hatte: jede Menge Studentenautos, die modische Kleidung der jungen Studierenden, und natürlich deren schicke Mobilfunktelefone, mit denen sie ständig in virtueller Verbindung zur global vernetzten Welt und untereinander stehen. Dazu kommen eine zunehmende Anzahl von privat betriebenen Cafeterien, die an den Studierenden gut verdienen.

Terri Barnes, die von 1997 bis 2008 an der Universität beschäftigt war, behauptet, dass anders als zu Beginn ihrer Zeit als Dozentin die ganz Mittellosen von der Hochschule inzwischen einfach nicht mehr zum Studium zugelassen würden.[5] Heißt das, dass zumindest bescheidener Konsum für die Studierenden der UWC, die ja nach wie vor zumeist aus den unterprivilegierten (und dunkelhäutigen) Bevölkerungsschichten Südafrikas und der Nachbarländer kommen, heute selbstverständlich ist? Nicht für alle: Unter der Oberfläche gibt es immer noch bittere Not. So stellte die Universität im vergangenen Winter auf dem Campus Container auf, um Lebensmittelspenden für ärmere Studierende zu sammeln.

Dennoch ist nicht zu übersehen, wie sehr sich das Bild der Universität und ihrer Studierenden im Laufe des vergangenen Jahrzehnts in materieller Hinsicht verändert hat. Gleichzeitig hat sich ein anderer bedeutender Wandel vollzogen: Vor wenigen Jahren noch fehlten den meisten Studierenden selbst die grundlegendsten Computerkenntnisse: Bis vor etwa fünf Jahren war es durchaus üblich, Hausarbeiten handschriftlich einzureichen. Heute hingegen gehen schon Erstsemester souverän mit der digitalen Technik um. Ihre Freizeit verbringen die Studierenden des aktuellen Jahrgangs gern in beliebten Chatrooms wie "Mxit". Ohne Frage, der Alltag dieser jungen Südafrikanerinnen und Südafrikaner ist von der globalen Jugendkultur geprägt, in der sie sich vollkommen zu Hause fühlen.

Multikultur und Ethnizität



Wie jede Einrichtung im heutigen Südafrika ist auch die UWC verpflichtet, die "Rasse" aller Beschäftigten und Studierenden statistisch zu erfassen, um auf dieser Grundlage die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu beheben. Demzufolge sind derzeit etwas über 60 Prozent der Studierenden "Farbige", etwa ein Drittel haben sich als "schwarz/afrikanisch" definiert, während nur wenige Studierende als "Inder" oder "Weiße" registriert sind. Früher gab es gar keine weißen Studierenden an der Universität, deren immer noch kleine, aber seit ein paar Jahren stetig zunehmende Zahl ist daher durchaus bemerkenswert. Knapp zehn Prozent der Studierenden stammen aus dem Ausland, vor allem aus dem südlichen Afrika und ostafrikanischen Ländern, wie Kenia oder Ruanda. Auch diese Internationalisierung der Studentenschaft ist eine relativ neue Entwicklung.

Der Rückgang des Anteils schwarzer Studierender im vergangenen Jahrzehnt hat unter anderem dazu geführt, dass "rassisch" motivierte Argumente in der Studentenpolitik gelegentlich eine Rolle spielen. Während der Wahlen zum Student Representative Council im August 2008 hängte zum Beispiel eine der zur Wahl stehenden Organisationen in den Hörsaalgebäuden Transparente auf, in denen rhetorisch gefragt wurde, ob die Abnahme des prozentualen Anteils schwarzer Studierender von 46 auf 34 Prozent ein "Zufall" sei, oder ob dies vielleicht doch "absichtlich" geschehen sei, um sie vom Studium an der UWC auszuschließen. Die Studierenden sind aber nur teilweise um die (Zahlen-) Verhältnisse zwischen den "Rassengruppen" besorgt; diesbezügliche Spannungen gibt es - glücklicherweise - nur selten. Wie in Untersuchungen zur Jugendkultur beobachtet, sind die jungen Südafrikanerinnen und Südafrikaner heute in der Regel sehr viel "farbenblinder" als die älteren.[6] Unterschiede werden eher als "kulturell" wahrgenommen, wobei es dabei manchen Untersuchungen zufolge hauptsächlich um als selbstverständlich angenommene populärkulturelle Vorlieben von Jugendlichen der verschiedenen "rassischen" Gruppen geht.[7]

Andererseits spielen sogenannte "traditionelle", ethnisch definierte Gebräuche auch im Diskurs unter den Studierenden eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Bezeichnend sind dafür die zunehmenden Ankündigungen von "kulturellen" Studentenverereinigungen, die sich über ethnische Zugehörigkeit definieren. Manche Organisationen drücken das schon in ihrem Namen aus; es gibt zum Beispiel eine Gruppe, die sich "Zulu Kingdom" nennt. Die mitgliederstärkste "kulturelle" Studentenorganisation nennt sich "Abambo". Obwohl der Name sich historisch eindeutig auf die Xhosa-Gruppen bezieht, aus denen die Mehrheit der schwarzen Studierenden stammen, verneint der Vorsitzende eine ethnische Orientierung. Dies wird von vielen Studierenden allerdings anders verstanden, obwohl es - so sagen die Abambo-Aktivisten - ihr explizites Ziel sei, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, bei denen Studierende verschiedener ethnischer Herkunft ihre "Kulturen aufführen", um "sich besser kennenzulernen". Sie führen etwa im Rahmen von "kulturellen Tagen" in den weitläufigen Wohnheimkomplexen traditionelle Tänze und Gesänge auf. Für ein paar Stunden tauschen sie dann ihre modische Kleidung gegen "traditionell-afrikanische" Lendenschurze oder Lederschärpen ein.

Was steckt dahinter? Wie stehen diese Aufführungen "traditioneller" Kultur im Verhältnis zum Alltag auf dem multikulturellen Campus? Und wie sollen wir dabei die immer präsenten Bezüge auf Ethnizität verstehen, wenn die meisten Studierenden "Kultur" als Tradition bzw. Brauchtum verstehen? Oft genug höre ich von jungen Frauen und Männern in meinen Seminaren, dass sie befürchten, ihre traditionell-ethnische "Kultur" im modernen Alltag zu verlieren.

Warum also diese angestrengte Suche nach der "eigenen Kultur", die ja mit dem Alltag und der von der überwiegenden Mehrheit geteilten Populärkultur der Studierenden wenig gemeinsam hat? Warum ist es für diese jungen Frauen und Männer, die erst nach dem Ende der Apartheid aufgewachsen sind, so wichtig, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten "Kultur" zu betonen? Wie ich im Folgenden zeigen werde, ist die Verschiedenheit von ethnisch definierten, weitgehend unveränderlichen und kohärenten "Kulturen", die als "Eigentum" jeweils genau bezeichneter ethnisch-sozialer Gruppen verstanden werden, in der Tat ein zentrales Moment der Selbstvergewisserung vieler, auch vieler junger Südafrikanerinnen und Südafrikaner.



Fußnoten

1.
Graeme Codrington, Is Race a Good Indicator of Youth Culture, 24. 8. 2005, in: www.connectioneco nomy.com (20. 10. 2009)
2.
Ich setze "Rasse" durchweg in Anführungszeichen, um klarzustellen, dass es sich um eine soziale Konstruktion und keineswegs um eine biologische Kategorie handelt.
3.
Leider lassen sich auch heute noch die "Rasse"-Kategorien der Apartheid in Südafrika nicht vermeiden, denen zufolge "coloureds" als Menschen gemischter Herkunft von "africans/blacks" unterschieden werden. In Kapstadt stellen "coloureds" etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung.
4.
Vgl. Jeffrey Lever, Report from UWC: Radical Rhetoric Gives Way to Bitter Reality, in: Focus. Magazine of the Helen Suzman Foundation, 13 (1999), online: www.hsf.org.za/resource-centre/focus/issues- 20 - 11/issue-13-first-quarter-1999 (14. 10. 2009).
5.
Vgl. Terri Barnes, Merre Christmas, 14. 12. 2007, in: www.thoughtleader.co.za (11. 10. 2009).
6.
Vgl. G. Codrington (Anm. 1).
7.
Vgl. Nadine Dolby, Constructing Race: Youth, Identity, and Popular Culture in South Africa, Albany 2001.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/

 

Dossier

Frauenfußball-WM 2011

Deutschland war 2011 Gastgeber der Frauenfußball-WM. Die bpb informiert über die Geschichte des Frauenfußballs und berichtet über Hintergründe abseits der üblichen Sportberichterstattung. Außerdem: die wichtigsten Länderdaten zu allen Teilnehmern. Weiter... 

Dossier

Fußball-WM 2006

2006 war die Fußball-Welt zu Gast in Deutschland. Die bpb stellt weiterhin alle Länder vor, die teilgenommen haben. Und in der Presseschau können Sie alles Wichtige zum Turnier nachlesen. Weiter... 

Publikationen zum Thema

Frauenfußball weltweit.

Fußballerinnen weltweit

Fußball ist mehr als nur Sport! Die fünf Arbeitsblätter zeigen junge Frauen aus der ganzen Welt, ...

Verlacht, verboten und gefeiert

Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs

Deutschlands Mädchen- und Frauenfußball boomt. Doch dem Erfolg geht eine dornenreiche Geschichte d...

Fußball - mehr als ein Spiel

Fußball - mehr als ein Spiel

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart g...

Spiel der Welt

Spiel der Welt – Fußball

Fußball hat heute eine immense gesellschaftliche Bedeutung, keine Frage. Aber warum ist das eigentl...

WeiterZurück

Zum Shop

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.