Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

Presseschau vom 16.07.2010

13.7.2010
Die Presseschau zur Fußball-WM. Die Website indirekter-freistoss.de sammelt, sortiert und kommentiert täglich für die Bundeszentrale die besten Texte aus Zeitungen und Onlien-Angeboten.

Wie eine verlängerte Weihnachtszeit



Eckart Lohse (FAS) fragt sich, was Angela Merkel von Joachim Löw lernen könne, denn die Situation der beiden ließe sich sehr gut miteinander vergleichen: "Nimmt man die Weltmeisterschaftsspiele der deutschen Fußballmannschaft als politische Vorhaben, als Reformen oder Gesetze, so sind manche erwartungsgemäß gelungen, weil die Herausforderungen nicht sehr hoch waren (Australien), andere angesichts hoher Hürden überraschend gut über die Bühne gegangen (England und Argentinien) und wieder andere mit Ach und Krach durchs Ziel gebracht worden (Ghana). Einige sind auch gescheitert, mal durch eigenes Versagen (Serbien), mal am Können der Gegner (Spanien). Alles in allem eine gute Bilanz mit Schattenseiten." Auch bei der Frage nach dem Mannschaftsführer sieht der Autor Parallelen zur Politik: "Löws 'Vizekanzler' Philipp Lahm brach gleich noch einen Machtkampf vom Zaun, weil er die Kapitänsbinde nicht an Michael Ballack zurückgeben will. Dass Lahm auch noch bestreitet, es handele sich um einen Machtkampf, lässt die Ähnlichkeit zum Gebaren in der Politik nur noch deutlicher werden." Zwar habe auch "Merkels Mannschaft" einige Erfolge vorzuweisen, doch eine Einheit bilde sie nicht: "Die Personalfragen werden entweder auf später verschoben, so macht es Löw, oder nur kurz erwähnt - das Modell Lahm. Niemand kommt auf die Idee, schlecht über die eigene Mannschaft zu reden, jedenfalls nicht öffentlich und schon gar nicht, wenn es auf dem Platz ernst wird. Da hat jeder das Gefühl: Hier steht eine Truppe zusammen, die alle Kräfte in den gemeinsamen Erfolg investiert. Noch Fragen, was Merkels Mannschaft von derjenigen Löws lernen kann?"

Schwarz-rot-goldener Ramsch



Kaum ist die WM vorbei, wandern die Trikots und T-Shirts wieder zurück in den Schrank – bis zum nächsten großen Turnier. Was hingegen mit den vielen nicht verkauften Fanartikeln passiert, weiß Christina Horsten von der Financial Times Deutschland: "Corporate Trading" nenne sich ein Konzept, das zwei Düsseldorfer Geschäftsleute verfolgen. Sie kaufen Saisonartikel auf, die in den Geschäften nichts mehr einbringen und an Aktualität verloren haben, um sie anschließend weiterzuverkaufen. "Die Händler bekommen den vollen Wert für ihre überschüssige Ware, aber nicht in bar, sondern in Form von Gutschriften. Damit können sie - über die Vermittlung der beiden Geschäftsmänner - beispielsweise Werbekampagnen in Zeitungen oder bei Fernsehsendern schalten, Werbematerial drucken lassen oder Reisen und Hotels für ihre Mitarbeiter buchen. Alles Dinge, die die Händler sowieso machen." Die Idee komme aus den USA, die beiden Düsseldorfer arbeiteten für die deutsche Niederlassung der amerikanischen Firma Active, die nach eigenen Angaben einen jährlichen Umsatz von 1,5 Mrd. Dollar mache. "Überschüssige Vuvuzelas und die Fußball-Hundekuchen - zu anderen Zeiten sind es beispielsweise Schoko-Osterhasen oder Mode aus der vergangenen Saison - werden weiterverkauft. 'Diese Produkte haben ja durchaus noch einen Wert - nur sind die Preise dafür dann nicht mehr erzielbar', sagt Kirschbaum. 'Aber es gibt einen Markt dafür und dahin verkaufen wir sie.' Beispielsweise könnte das Osteuropa sein: 'Da ist die Kaufkraft eine ganz andere und der Kunde ist vielleicht auch weniger kritisch.'" So sei es durchaus denkbar, dass in Rumänien künftig schwarz-rot-goldene Kaubonbons verspeist oder bulgarische Hunde mit Leckerlis in Deutschland-Farben belohnt werden.
Mehr in ftd.de ...

Schwarz-rot-goldene Jubelzombies



Nicht jeder stimmt in die allgemeine Freude über die Feierlaune der deutschen Fans während der WM ein. Peter Richter (FAS) hat seine eigene Sicht der Dinge: "Was ich sehe, wenn ich Bilder von der sogenannten Fanmeile sehe, ist in erster Linie die Tatsache, dass man die soziale Lage heute in Deutschland wieder am Zustand der Gebisse ablesen kann; in den aufgerissenen Gesichtern der ersten Reihe - grundsätzlich Steinbrüche. Jubelzombies. So wird plausibler, warum 'Public Viewing' in der Sprache, die mit diesem Begriff imitiert werden soll, 'öffentliche Leichenschau' bedeutet." Bei den Fans, "die sich schwarz-rot-goldene Streifen auf die Wangen malen, sieht es oft nach einer Gesichtsverletzung aus: wie Dreck, Blut und Eiter. Und das trifft ja wiederum ganz gut die allgemeine Stimmungslage nach dem Spanienspiel. Wobei gerade hier wieder einmal die Frage sich stellt, ob das nicht ein gewaltiger Quark ist mit der Ableitung von Nationalcharakteren aus der Art und Weise, Fußball zu spielen. Denn wer je mit spanischen Behörden zu tun hatte, dem würden Assoziationen wie Leichtigkeit, Effizienz und kurze Pässe nicht im Traum in den Sinn kommen; und wenn sich der Nationalismus der Katalanen in der spanischen Nationalmannschaft abbilden würde, wären Männer wie Xavi und Puyol gar nicht dabei, aber 'wir' dafür im Finale." Der wiederbelebte – und für seinen Geschmack – übertriebene Patriotismus ist ihm ein Dorn im Auge: "Dauernd wird das Schwarz-Rot-Gold-Geflagge als Mittel der Integration bejubelt. Dabei ist es vermutlich eher das Gegenteil. Schwarz-Rot-Gold als Unterschichtenstigma. Und das Spannendste daran wird der Moment sein, an dem diejenigen, die bisher am heftigsten damit herumgewedelt haben, sagen: Deutschlandfahne? Ist nur was für Türken."

Werden die Reichen mehr geben?



"War alles nur ein großes Schauspiel?", fragt Richard Calland in der südafrikanischen Mail&Guardian und meint damit das Bild, das Südafrika während der vergangenen WM-Wochen abgegeben hat. Für ihn haben die technischen Modernisierungen, die das Turnier mit sich gebracht hat, keinerlei Mehrwert: "Weder die glänzenden neuen Flughäfen und die schimmernden Stadien noch die neuen Busse und die Infrastruktur können die sozio-ökonomische Ungleichheit und die Kluft zwischen weißen und schwarzen Südafrikanern überwinden, die ihre Wurzeln in jahrhundertelanger Unterdrückung haben." Die wirkliche Frage sei, ob die Weltmeisterschaft es geschafft habe, die festgefahrenen Strukturen im Land aufzulockern und die Art, wie sich die Einwohner gegenüber verhalten, neu zu kalibrieren. "Einfach ausgedrückt: Werden sich die Reichen nun anders gegenüber den Armen verhalten? Werden sie mehr geben? Werden sie dazu bereit sein, mehr Steuern zu zahlen, weniger Profit zu akzeptieren, mehr Risiko mit den schlecht Gebildeten einzugehen, mehr Verantwortung zu übernehmen?" Eine Sache habe die Weltmeisterschaft auf jeden Fall erreicht: "Sie hat Südafrika daran erinnert, was alles möglich sein kann in unserem Land – eine kompetente Sanierung der Infrastruktur, ein souveräner Auftritt der öffentlichen Verwaltung, funktionierende öffentliche Verkehrsmittel und ein neues Erscheinungsbild bei den Bürgern."
Mehr in mg.co.za ...

Auf den Kater folgt die Depression



Nach dem emotionalen WM-Kater könnte in Südafrika bald auch ein Konjunkturtief hinzukommen, berichtet Bronwynne Jooste von der südafrikanischen Independent Online. "Millionen Südafrikaner, die die WM wie eine verlängerte Weihnachtszeit gefeiert haben, laufen jetzt Gefahr, in Zahlungsrückstand zu geraten. Sie werden daher in nächster Zeit mehr Darlehen aufnehmen, warnen Finanzexperten und Schuldenberater." Die Zahl derer, die sowieso schon im Rückstand bei ihren Zahlungen sind, würde in nächster Zeit nochmals ansteigen. "Manche Experten befürchten sogar, dass die Konsumenten, die während der WM über ihre Maßen gelebt haben, kaum in der Lage sein werden, ihre Strom- und Wasserrechnungen zu begleichen." Die Weltmeisterschaft habe den Menschen das Gefühl von Urlaub gegeben, daher haben die Konsumenten deutlich mehr ausgegeben als sonst, wird eine Finanzexpertin zitiert. "Laut Debt Busters, einer Schuldenberatung, ist die Zahl der Kunden seit dem Ende des Turniers bereits leicht angestiegen. Direktor Luke Hirst sagt, die vergangenen Wochen seien für die Menschen wie die Weihnachtszeit gewesen. Er sei sich sicher, dass die Zahl der Kreditsuchenden in nächster Zeit merklich steigen wird."
Mehr in iol.co.za ...


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier

Frauenfußball-WM 2011

Deutschland war 2011 Gastgeber der Frauenfußball-WM. Die bpb informiert über die Geschichte des Frauenfußballs und berichtet über Hintergründe abseits der üblichen Sportberichterstattung. Außerdem: die wichtigsten Länderdaten zu allen Teilnehmern. Weiter... 

Dossier

Fußball-WM 2006

2006 war die Fußball-Welt zu Gast in Deutschland. Die bpb stellt weiterhin alle Länder vor, die teilgenommen haben. Und in der Presseschau können Sie alles Wichtige zum Turnier nachlesen. Weiter... 

Publikationen zum Thema

Frauenfußball weltweit.

Fußballerinnen weltweit

Fußball ist mehr als nur Sport! Die fünf Arbeitsblätter zeigen junge Frauen aus der ganzen Welt, ...

Verlacht, verboten und gefeiert

Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs

Deutschlands Mädchen- und Frauenfußball boomt. Doch dem Erfolg geht eine dornenreiche Geschichte d...

Fußball - mehr als ein Spiel

Fußball - mehr als ein Spiel

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart g...

Spiel der Welt

Spiel der Welt – Fußball

Fußball hat heute eine immense gesellschaftliche Bedeutung, keine Frage. Aber warum ist das eigentl...

WeiterZurück

Zum Shop