Skyline von Schanghai

In den Slums entstehen dörfliche Strukturen

Silke Ehlers berichtet aus Dhaka


29.7.2007
In Dhaka leben rund 13 Millionen Menschen. Viele Menschen wohnen in ungezählten Elendsvierteln oder sogar ganz auf der Straße.

In Dhaka leben rund 13 Millionen Menschen, jeden Tag werden es mehr, die genaue Einwohnerzahl ist wohl kaum zu ermitteln. Zu viele Menschen wohnen in ungezählten Elendsvierteln oder sogar ganz auf der Straße – auf dem Bürgersteig unter einer Plane.

Es ist schrecklich laut, anstrengend schwül und überall voll. Die vielen Millionen Menschen wollen tagein, tagaus von A nach B nach C bewegt werden und so ist der Verkehr unbeschreiblich. Es gibt immer mehr private PKWs, dazu ein ausuferndes chaotisches Bussystem, viele tausende Rikschas und Baby-Taxis. Es gibt Ampeln, die manchmal funktionieren und dann sogar beachtet werden, allerdings werden dafür einige Polizisten benötigt. Die Staus werden immer länger. Gehupt und geklingelt wird immer und im Baby-Taxi kommt man sich vor wie beim Autoskooterfahren. Die Gerüche sind vielfältig und keineswegs immer angenehm. Die größte Vogelfraktion in der Stadt sind die fetten, wohlgenährten Müllkrähen.

Dhaka ist aber auch eine moderne Stadt. Im Bankenviertel gibt es einige Hochhäuser, in den Büros werden Geschäfte getätigt, dort findet die Wirtschaft statt. Im Diplomatenviertel gibt es luxuriöse Geschäfte, Supermärkte, Restaurants. Hier wohnen auch die reichen Bangladeschis. Man kann sich jeden Wunsch erfüllen, hat man genug Geld und die richtigen Kontakte.

Elendsviertel entstehen überall
Dazwischen liegt ein großes Häusermeer, Fabriken, Wohnhäuser, Märkte und Bauruinen, durchzogen von großen breiten Straßen, die in den einzelnen Vierteln immer kleiner und enger werden. Man kann über drei Kreuzungen von einer großen Hauptstraße kommend plötzlich im Slum um die Ecke stehen, auch im Diplomatenviertel. Die Slums verteilen sich in dieser Stadt ähnlich einem Geschwür, das unkontrolliert an jedem Ort entsteht und wieder verschwindet. Sie verschwinden nicht von alleine, sondern die Stadtverwaltung sorgt dafür: Sie kommt mit Bulldozern, manchmal mitten in der Nacht, oft nur mit wenigen Stunden Vorwarnung für die Hüttenbewohner. Es sind Hütten aus Bambus, Plastikplanen und Wellblech, leicht zu errichten und wieder zu entfernen. Solidere Bauten, zum Beispiel ein gemauertes kleines Haus als Untersuchungsraum für die Arbeit meiner Hilfsorganisation, werden von der Stadt nicht gerne gesehen und unterliegen der Willkür.

Manche Slums existieren einige Jahre bevor die Behörden sie niederreißen lassen. Die Einrichtung der Hütten ist manchmal erstaunlich komfortabel, es gibt zwar nur ein großes Bett, in dem die ganze Familie schläft, meistens drei Generationen nebeneinander, aber es gibt Fernseher und Stereoanlagen – auch in Dhaka längst Prestigeobjekte. In den Slums entstehen Strukturen ähnlich denen in Dörfern. Es gibt Geschäfte, Teehäuser, Koranschulen, einen Slumleader. Menschen gehen täglich zur Arbeit, als Tagelöhner, Müllarbeiter, Rikscha-Fahrer oder Steineklopfer. Die Einkommen sind extrem gering. Auch die Kinder müssen arbeiten. Die ganz Kleinen bleiben tags alleine in den Hütten, betreut von den alten Frauen. Manche Slums haben Gemeinschaftslatrinen, andere nicht. Pumpen für Frischwasser gibt es in den "etablierten" größeren Slums. Beide Grundhygieneeinrichtungen, sanitäre Anlagen und Trinkwasserversorgung, werden meistens von Hilfsorganisationen errichtet. Die Stadtverwaltung sieht die Slums als illegal an und den Slumbewohnern fehlen die Mittel. Ist eine Familie aufgrund schicksalhafter Umstände gezwungen, in einem Slum zu leben, bedeutet dies eine Einbahnstraße, denn der Weg hinaus, zurück in ein bürgerliches Leben, gelingt nur selten. Die Menschen resignieren oder haben mit dem täglichen Lebenskampf soviel zu tun, das sie keine Kraft mehr für Visionen haben oder der Glaube daran verloren geht.

Immer umgeben von einer Menschenmenge
Mit meiner Arbeit in der Hilfsorganisation Komitee Ärzte für die Dritte Welt habe ich als Kinderärztin die Ärmsten der Armen in diesen Elendsvierteln medizinisch versorgt – mit einer Untersuchung, Zuhören, einem Lächeln und dem nötigsten an Medikamenten. Es ist oft nur eine kurze Linderung möglich, aber die Menschen sind immer sehr dankbar, denn sonst kümmert sich niemand um sie. Die medizinische Versorgung ist schlecht, teils von korrupten Strukturen und Klassendenken geprägt. Das Staatliche Gesundheitswesen sieht vor, alle Menschen gratis zu versorgen, die es sich nicht leisten können. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Slumbewohner, auch sichtbar schwerkranke, werden nach stundenlangem Warten abgewiesen, ohne einen Arzt zu Gesicht zu bekommen. In den staatlichen Krankenhäusern sind die Betten überfüllt, auf der Entbindungsstation beispielsweise liegen in riesigen Sälen in jedem Bett zwei Frauen mit ihren Neugeborenen. Für Wäsche und Essen sind wie in so vielen armen Ländern die Angehörigen zuständig. Für mich, die in Deutschland ständig mit den modernen Methoden der Intensivmedizin arbeitet, war der Besuch in den Krankenhäusern ein Schock. Auch das Universitätsklinikum, Dhaka Medical, ist erschreckend schlecht ausgestattet.

Als Weiße ist man in den größten Teilen der Stadt eine Sensation. Auch mit entsprechend angepasster Kleidung fällt man auf, wird angesprochen, häufig auch auf unangenehme Art durch Hinterherrufen. Teils in absurdem Englisch, meist auf Bangla. Und an der Reaktion der Umstehenden kann man leicht erkennen, dass es nicht sehr freundlich war. Sich ohne Bangla verständlich zu machen ist oftmals nicht möglich, denn anders als im benachbarten Indien ist Englisch nicht alltäglich. Die Straßennamen sind, wenn überhaupt irgendwo lesbar, in Bangla geschrieben. Rikscha-Fahrer, mit denen man verhandeln will, müssen sich durchfragen, bis ein Mensch aus der Menge, die einen nahezu immer umgibt, übersetzen kann. In dieser Stadt zu leben – ich war insgesamt 12 Wochen dort – bedeutet ständigen Kontakt mit Armut, Schmutz, Elend und Hoffnungslosigkeit. Und trotzdem gibt der Kontakt zu diesen liebenswerten Menschen einem soviel zurück. Zu spüren, dass man dem Einzelnen durch seinen Einsatz wirklich geholfen hat, macht es in dieser Stadt erträglich.

Das »Komitee Ärzte für die Dritte Welt« wurde 1983 von dem Jesuitenpater Bernhard Ehlen gegründet (Sitz der deutschen Organisation ist Frankfurt/Main). Dr. Harald Kischlat ist der jetzige Generalsekretär. Seit Gründung wurden über 3.800 Einsätze von Ärzten auf freiwilliger und unentgeltlicher Basis in der "Dritten Welt" durchgeführt. Das Komitee hat zurzeit neun Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Nicaragua. Die Projekte werden von jeweils zwei bis acht Ärztinnen und Ärzten an den Standorten unterstützt.



 
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