Skyline von Schanghai
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19.10.2006 | Von:
Sonja Ernst

São Paulo

Motor der brasilianischen Wirtschaft

Mehr als 18 Millionen "Paulistanos" leben in São Paulo, dem größten Ballungsraum auf der Südhalbkugel. Die Stadt ist nicht nur Brasiliens wirtschaftliches Zentrum. Mit fast 1.000 Betrieben ist São Paulo auch der größte deutsche Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik.
São Paulo war zwar nie Hauptstadt, aber die Metropole gilt als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Brasiliens.São Paulo war zwar nie Hauptstadt, aber die Metropole gilt als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Brasiliens (© NASA/JPL-Caltech)

Überblick

18 Millionen "Paulistanos" wohnen in der Metropolregion São Paulo, der bevölkerungsreichsten Stadt Brasiliens. Im Gegensatz zu vielen Großstädten Brasiliens ist São Paulo keine Hafenstadt, sondern liegt etwa 70 Kilometer westlich der Küstenstadt Santos im Landesinneren. São Paulo ist die viertgrößte urbane Agglomeration der Erde und der größte Ballungsraum der Südhalbkugel. São Paulo ist auch die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates.

Die Megastadt ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Brasiliens und dabei stark multi-kulturell geprägt. Rund ein Drittel der brasilianischen Wirtschaftsleistung wird hier erbracht, zahlreiche multinationale Unternehmen haben in der Stadt ihre Bürotürme errichtet. São Paulo ist auch der größte deutsche Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik, fast 1.000 deutsche Betriebe haben sich dort angesiedelt. Die Megastadt gilt als das kulturelle Zentrum Brasiliens: Neben vielen Events gibt es mehr als 150 Theater, 90 Museen und 55 Kinos. Das Museu de Arte São Paulo (MASP) ist eines der bedeutendsten Museen des gesamten Kontinents.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist São Paulo ökonomisch und kulturell führend in Brasilien. Allerdings: Obwohl der brasilianische Regierungssitz mehrfach wechselte, kam São Paulo nie als Hauptstadt in Betracht. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war Salvador de Bahia das politische Zentrum, danach Rio de Janeiro, und seit 1960 ist es die eigens zu diesem Zweck erbaute Stadt Brasilia.

Das Stadtbild São Paulos wird beherrscht von Hochhäusern, ein einzelnes Kulturdenkmal oder Gebäude, das als Wahrzeichen fungiert, gibt es nicht. Der Ansammlung von Konsum und Luxus im Zentrum stehen die Favelas – die Armenviertel, die sich an der Peripherie gebildet haben – gegenüber. Die Stadt kämpft nicht nur mit sozialen Spannungen, die aus der Kluft von Arm und Reich resultieren und sich immer wieder entladen, sondern auch mit ökologischen Problemen. Fast täglich herrscht auf Grund des enormen Autoverkehrs Smog. Auch die beiden Flüsse, der Rio Tietê und der Rio Pinheiros sind durch ungeklärte Abwässer stark verschmutzt, Trinkwasser muss aus entfernten Stauseen bezogen werden, ungeachtet dessen ist die Wasserqualität dennoch schlecht.

Hintergrund

Blick auf Sao PauloFast jeder Quadratmeter in São Paulo ist bebaut. (© Eric Christian Knutsson)
Im Gegensatz zu vielen anderen südamerikanischen Großstädten, ging São Paulo nicht aus einer prä-europäischen Siedlung hervor. Im Zuge der portugiesischen Kolonisation gründeten jesuitische Missionare 70 Kilometer von der Hafenstadt Santos entfernt im Landesinneren am 25. Januar 1554 ein Kloster zu Ehren des Apostels Paulus. Hier beginnt die Geschichte São Paulos, das anfangs noch Santos unterstellt war.

Der Aufstieg zur Metropole nahm am Ende des 19. Jahrhunderts seinen Lauf: Begünstigt durch den Bau von Eisenbahnlinien und den Hafen von Santos, wurde São Paulo zu einem der wichtigsten Handelsplätze für Kaffee. Bei der ersten Volkszählung 1872 wurden 32.000 Einwohner gezählt, bereits 1890 waren es schon mehr als doppelt so viele – überwiegend portugiesische Einwandererinnen und Einwanderer und Menschen, die aus Afrika verschleppt und versklavt wurden. Mit dem Aufstieg von São Paulo geht auch der Wandel von der Sklavenwirtschaft zur geregelten Lohnarbeit einher.

Im öffentlichen Raum herrscht Werbeverbot
Im Zuge des Booms kamen Facharbeiter und Handwerker, darunter viele aus Italien, aber auch Deutschland, Polen und Portugal; später auch Japaner sowie Menschen aus dem Nahen Osten. Mit dem Aufstieg der Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte bewusst forciert. Man schätzt, dass um 1900 im gesamten Bundesstaat São Paulo 90 Prozent der Arbeiter aus dem Ausland kamen. In den 1930er Jahren überschritt die Einwohnerzahl erstmals die Millionengrenze. Bis heute hat São Paulo multi-kulturelle Züge: Es gibt viele Stadtviertel, die von den Nachfahren der damaligen Einwanderer bis heute geprägt sind. So gibt es das italienische Viertel Bela Vista, das asiatische Viertel Liberdade sowie Brooklin Paulista, wo sich deutsche Einflüsse finden.

Sao Paulo: Straßenschluchten und HochhäuserDie Stadt drängt in die Höhe (© Eric Christian Knutsson)
Das Stadtbild ist bestimmt durch eine sehr dichte Bebauung mit Hochhäusern, deren Zahl scheinbar unablässig zunimmt. Zwischen 1922 und 1930 entstand mit dem Edificio Martinelli der erste Wolkenkratzer Südamerikas, Besitzer war der italienische Einwanderer Giuseppe Martinelli.

Längst haben die vielen Hochhäuser dazu geführt, dass die Stadt unstrukturiert und chaotisch wirkt. Markante Orientierungspunkte gibt es kaum. Der prominenteste Straßenzug ist die ehemalige Villenstraße Avenida Paulista, heute eine gigantische Hochhausschlucht mit riesigen Shopping Malls und luxuriösen Apartments. Zentral gelegene Grünflächen wie den Ibirapuera-Park finden sich selten. Eine Besonderheit in dieser scheinbar wild wuchernden und unkontrollierbaren Stadt, ist es, dass es so gut wie keine Reklametafeln und Plakatwände gibt: 2007 wurde in São Paulo ein völliges Werbeverbot im öffentlichen Raum beschlossen.

Überschwemmungen in der Regenzeit
Wie fast alle Megastädte hat São Paulo mit ökologischen Problemen zu kämpfen. Die Luftverschmutzung ist extrem hoch. Außer der Luft sind auch die Flüsse der Stadt stark verschmutzt. Weil ein großer Teil des Stadtgebietes bebaut ist und die Böden versiegelt sind, kommt es in der Regenzeit zu Beginn des Jahres regelmäßig zu Überschwemmungen. Das verschmutzte Wasser der Flüsse Rio Tietê und Rio Pinheiros flutet dann in die Wohngebiete, so dass das Alltagsleben stark eingeschränkt ist: Die Verkehrswege sind unbrauchbar, und der Gestank ungeklärter Abwässer von Industrie und Privathaushalten durchdringt die Luft.

Sao Paulo: Blick in die StadtSão Paulo ist eine multi-kulturelle Metropole. (© Eric Christian Knutsson)
Wie in ganz Brasilien ist die Kluft zwischen Arm und Reich sehr groß. Im Jahr 2002 lebten 6,5 Prozent der Stadtbevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In den Favelas – den informellen Siedlungen, die am Stadtrand liegen und überwiegend durch Armut geprägt sind – ist die Kriminalitätsrate hoch. Überfälle auf PKWs und Busse sowie Entführungen sind keine Seltenheit. Das Viertel Jardim Ângela, im Südosten von São Paulo gelegen, weist eine der höchsten Kriminalitätsraten bei Kapitaldelikten auf. 1996 wurde das Gebiet von der UN als "gewalttätigste Region der Erde" eingestuft. Nach einigen der aktuellen Statistiken kommen in Jardim Ângela auf 100.000 Einwohner 166 Mordopfer – das ist weltweit der höchste Wert.

Das starke soziale Gefälle und die daraus resultierende hohe Kriminalitätsrate sowie das tägliche Verkehrschaos und die Umweltprobleme machen São Paulo aber anscheinend nicht weniger attraktiv: Jährlich kommen 9,3 Millionen Urlauber sowie Geschäftsreisende in die Metropole. Damit liegt São Paulo noch vor Rio de Janeiro und ist somit auch unter touristischen Gesichtspunkten führend in Brasilien.

Bevölkerung

Brasilien, bevölkerungsreichtes Land Lateinamerikas, hat gleich zwei Megastädte: São Paulo und Rio de Jainero. São Paulo ist mit über 18 Millionen Menschen die viertgrößte urbane Agglomeration weltweit. Damit ist sie auch die größte Stadt Brasiliens, gefolgt von Rio de Jainero mit 11,5 Millionen Einwohnern. Ein Zehntel der brasilianischen Bevölkerung lebt in São Paulo. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wuchs die Bevölkerung São Paulos rasant an, vor allem aus dem Nordosten Brasiliens zogen viele Menschen in die Stadt. Bereits 1980 zählte die Stadt über 12 Millionen Einwohner.

In Brasilien gibt es viele Städte mit ein bis zwei Millionen Menschen. Zu den größeren Städten zählt Belo Horizonte mit knapp sechs Millionen Bewohnern. Dann folgt Porto Alegre mit 4,1 Millionen. Beide Städte, ebenso wie São Paulo und Rio de Jainero liegen im Südosten Brasiliens – an bzw. in der Nähe der Küste. Brasilia, die Hauptstadt Brasiliens, ist eine der wenigen bevölkerungsreicheren Städte im Landesinneren. Brasilia zählt zurzeit 3,3 Millionen Menschen.

Laut Statistik war Brasilien bereits 1960 verstädtert. Zurzeit liegt der Grad der Urbanisierung bei 84 Prozent. In Deutschland sind es 75 Prozent. In Lateinamerika werden jedoch auch kleinere Siedlungen mit mehr als 2.000 Einwohnern als urban bezeichnet, so dass Verstädterung sehr viel weiter gefasst wird als beispielsweise in Asien oder auch Europa. Der Vergleich statistischer Angaben ist deshalb wenig aussagekräftig.


São Paulo

Einwohner in Millionen
1950: 2,33 Millionen
1960: 3,97
1970: 7,62
1980: 12,09
1990: 14,78
2000: 17,1
2005: 18,33
2010: 19,58*
2015: 20,54


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +5,31 %
1960: +6,5
1970: +4,65
1980: +2,05
1990: +1,53
1995: +1,4
2000: +1,4
2005: +1,32
2010: +0,95


Fläche und Bevölkerungsdichte
Die Metropolregion São Paulo umfasst knapp 8.000 km² mit über 18 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Damit liegt die Bevölkerungsdichte bei knapp 3.000 Menschen pro Quadratkilometer.



Brasilien

Einwohner in Millionen
1950: 54 Millionen
1960: 73
1970: 96
1980: 122
1990: 149
2000: 174
2005: 186
2010: 198
2015: 209
2020: 219


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +1,39 %
2010: +1,07
2020: +0,78


Grad der Urbanisierung
2000: 81,2 %
2010: 86,5
2020: 89,5


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 141 Millionen (+2,13 %)
2010: 171 (+1,46)
2020: 196 (+0,98)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 33 Millionen (-2,13 %)
2010: 27 (-1,65)
2020: 23 (-0,99)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2005 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben

Soziale Situation
Nach Schätzungen soll es in São Paulo 2.000 bis 2.500 Favelas geben, informelle Siedlungen mit fast ausschließlich armer Bevölkerung. Die meisten liegen am Stadtrand. Fast immer werden diese Stadtviertel von Banden beherrscht, die mafia-ähnlich strukturiert sind. Eine der größten und einflussreichsten Organisationen ist die PCC – Primeiro Comando da Capital ("Erstes Hauptstadtkommando"). Mitte 2006 kam es zu den bislang heftigsten Anschlägen der PCC auf kommunale und staatliche Einrichtungen; dabei weiteten sich die Unruhen auf andere Städte des Landes aus. Rund 170 Menschen starben damals. Laut Amnesty International kam es auch zu Übergriffen auf unbeteiligte Personen durch die Polizei.

Wohnen
2002 waren 99 Prozent aller Haushalte an die Stromversorgung angeschlossen. 98 Prozent der Paulistanos hatten Zugang zu Trinkwasser in höchstens 200 Metern Entfernung von ihrer Wohnung; allerdings ist die Qualität des Trinkwassers oft schlecht. 95 Prozent der Einwohner sind an das städtische Abwassersystem angeschlossen, wobei das Schmutzwasser mitunter ungeklärt in die Flüsse geleitet wird. Ein weiteres Problem ist die Müllentsorgung: Nur etwa ein Prozent des Abfalls wird recycelt, der Rest landet auf gigantischen Mülldeponien.

Religion und Sprache
Nach der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2000 sind 68 Prozent der Paulistanos römisch-katholisch, danach folgen Protestanten mit einem Anteil von 16 Prozent. Verbreitet sind auch spiritistische Elemente. Wenngleich sich bloß 2,75 Prozent der Einwohner ausschließlich zum Spiritismus bekennen, sind Teile dieser Lehren auch unter Anhängern der christlichen Religion verbreitet. Wie überall in Brasilien wird in São Paulo Portugiesisch gesprochen.

Verkehr
National wie auch international gilt São Paulo als wichtiger Verkehrsknotenpunkt, unter anderem befinden sich zwei bedeutende Flughäfen auf dem Stadtgebiet; außerdem ist São Paulo sehr gut durch Autobahnen und Eisenbahnlinien angeschlossen. Die innerstädtische Verkehrssituation hingegen ist chaotisch: Etwa 5,2 Millionen Autos sind in São Paulo gemeldet, und 42 Prozent der Paulistanos benutzen den PKW, um zur Arbeit zu gelangen. Die Straßen sind tagtäglich hoffnungslos überfüllt. Rund 37 Prozent der Einwohner benutzen öffentliche Verkehrsmittel. Das Streckennetz der Metro von São Paulo ist insgesamt 57,6 Kilometer lang, allerdings für eine Stadt dieser Größe nur unzureichend ausgebaut: Es gibt nur fünf U-Bahnlinien; und vor allem ist man außerhalb des Zentrums beim öffentlichen Personennahverkehr auf Busse angewiesen, die im täglichen Verkehrsstau stecken bleiben. 40 Minuten brauchen die Paulistanos im Durchschnitt, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen – und noch mal 40 Minuten für den Weg zurück.

Diejenigen, die es sich leisten können, nutzen immer häufiger den Hubschrauber, um so dem Verkehrskollaps zu umgehen. Offiziell gibt es derzeit etwa 450 Helikopter in der Stadt – viele Hochhäuser besitzen einen Landeplatz. Doch der hohe Luftverkehr bringt auch eine erhebliche Lärmbelästigung mit sich. Nach offiziellen Angaben der Stadtverwaltung liegt São Paulo beim Hubschrauberverkehr weltweit auf Platz zwei.

Links

Cidade de São Paulo (portugiesisch)

Portal do Governo do Estado de São Paulo (Bundesstaat São Paulo, Infos auf englisch)
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