Skyline von Schanghai
24.9.2008

Slums

Weltweit lebt fast ein Drittel aller Stadtbewohner in Slums (32%), in den Entwicklungs- und Schwellenländer sogar 43%.

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    Im Zuge der globalen Verstädterung verbreiten sich nicht nur moderne Lebens- und Baustile, sondern auch städtische Armut und Slums. Allerdings gibt es bislang keine verbindliche Definition von "Slum". Der Begriff umfasst ein breites Spektrum von Bau- und Wohnformen, die von vernachlässigten Altstädten über informelle Selbstbau-Quartiere bis zu desolaten Hütten-Siedlungen reichen. Auch gibt es eine kontroverse Debatte über die ambivalente Rolle der Slums in den Südmetropolen, wobei nicht nur auf die offensichtlichen Probleme, sondern auch auf das soziale und produktive Potential der Slumbevölkerung hingewiesen wird, die in der Regel einen wichtigen Beitrag zur Stadtökonomie leistet.

    Um die Verbreitung von Slums international zu erfassen und zu vergleichen, hat UN-HABITAT operative Kriterien entwickelt wie: schlechte Bausubstanz, hohe Belegungsdichte, fehlender Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen, unsichere Wohn- oder Aufenthaltsrechte. Auf dieser Grundlage zeichnet der Bericht "The Challenge of Slums" (2003) ein äußerst kritisches Bild. Von 1975 bis 2001 stieg die Zahl der in Slums lebenden Menschen von 500 auf 923 Mio. Heute (2005) leben rund 1 Mrd. Menschen in Slums, davon fast alle in den Entwicklungs- und Schwellenländern (946 Mio). Weltweit lebt also fast ein Drittel aller Stadtbewohner in Slums (32% oder 923 Mio.), in den Entwicklungs- und Schwellenländer sogar 43% oder 869 Mio.

    Dabei ist der der Anteil der Slumbewohner an der Stadtbevölkerung regional sehr unterschiedlich. Einen sehr großen Anteil Slumbewohner findet man in den Städten Afrikas südlich der Sahara (72%), es folgen Süd- und Zentralasien (59%), Ostasien (36%), Westasien (33%), Lateinamerika und Karibik (32%), Südostasien (28%) und Nordafrika (28)%. Betrachtet man die absolute Zahl der Slumbewohner, dann steht aber nicht Afrika, sondern Asien im Brennpunkt. In Südasien (mit Indien) und in Ostasien (mit China) leben insgesamt rund eine halbe Milliarde Menschen in Slums, also die Hälfte der globalen Slumbevölkerung. In den Städten Afrikas gibt es dagegen "nur" 166 Mio. Slumbewohner, in Lateinamerika und Karibik 128 Mio. und in Nordafrika 21 Mio.

    Es wird erwartet, dass sich bis 2015 der Anteil der Slumbewohner an der städtischen Bevölkerung in den meisten Regionen verringert, vor allem in Nordafrika, aber auch in der Wachstumsregion Ostasien. Dennoch wird auch dort die absolute Zahl der Slumbewohner von 194 (2001) auf 267 Mio. (2015) steigen, noch kritischer wächst die Zahl der Slum-Bewohner in Südasien (von 262 auf 345 Mio.).

    Dramatisch stellt sich die Lage in Afrika (südl. d. Sahara) dar, wo sich fast das gesamte Stadtwachstum in Form von Slums vollzieht. Dabei wird die Slumbevölkerung von 166 Mio. (2001) auf 313 Mio. (2015) steigen. In Kinshasa, Khartum oder Daressalam leben schon heute bis zu 80% der Menschen in Slums. Mike Davis nennt Lagos den "...größten Knoten in einem Korridor von Hüttenstädten mit 70 Mio. Menschen, der sich von Abidjan bis Ibadan erstreckt – wahrscheinlich die längste durchgehende Spur städtischer Armut auf der Erde".

    Trotz zahlreicher Armutsberichte und internationaler Konferenzen wird in den Entwicklungs- und Schwellenländern der Anteil der Slumbewohner an der städtischen Bevölkerung nahezu konstant bleiben (42%), wobei selbst dies in manchen Ländern schon eine enorme Leistung darstellt, weil trotz des raschen Städtewachstums der Anteil der Slumbewohner an der Stadtbevölkerung zumindest nicht weiter angestiegen ist. Global gesehen werden die Fortschritte, die man in Asien und Lateinamerika in dieser Hinsicht machen wird, von der kritischen Entwicklung in Afrika wieder neutralisiert.

    Nach UN-HABITAT könnte bis 2015 die globale Slumbevölkerung auf rund 1,3 Milliarden und bis 2030 auf rund 2 Mrd. steigen. Diese gigantischen Zahlen stellen alle internationalen Entwicklungsziele in Frage, insbesondere die im Jahr 2000 feierlich verkündeten Milleniums-Ziele der Vereinten Nationen, nach denen bis 2015 die globale Armut halbiert und das Leben von 100 Millionen Slumbewohnern verbessert werden sollte. Wie es scheint werden die Städte, bislang Symbol und Chance für ein besseres Leben, zunehmend zu einer Armutsfalle. Für UN-HABITAT ist die "Verstädterung der Armut" ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, der nur mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft und unter Einsatz massiver Mittel gewonnen werden kann.

    Definition

    Der Begriff "Slum" umfasst ein breites Spektrum von provisorischen, informellen und überalterten Behausungen. Neben der unklaren Definition und fließenden Grenzen zwischen den zahlreichen prekären Siedlungs- und Wohnformen besteht das Problem einer statistischen Erfassung auch darin, dass in vielen Städten die informellen Stadtgebiete als illegal gelten und dazu keine offiziellen und genauen Daten vorliegen. Der UN-Habitat Bericht "The Challenge of Slums" (2003) enthält ein ganzes Kapitel zur Definition von Slums und zur Methodik, diese statistisch zu erfassen. Dabei stützt man sich auf Merkmale wie: schlechte Lokalisierung (im öffentlichen Raum, an steilen Hängen, große Entfernung zu den Jobs, etc.); fehlender Schutz vor den klimatischen Bedingungen, natürlichen und anderen Risiken; temporäre Bauweise und gravierende konstruktive Mängel; geringe Wohnfläche und Überbelegung der Räume; fehlende Infrastruktur, insbesondere Wasser und sanitäre Einrichtungen; fehlender rechtlicher Schutz und ungesicherter Aufenthalt; zu hohe Kosten der Unterkunft. Je nachdem, welche und wie viele dieser Slum-Kriterien erfüllt sind, kann man ein differenziertes und vergleichbares Bild der informellen Siedlungen und anderer prekärer Stadtgebiete erstellen.

    Statistik

    Slums
    Städtische Elends- und Spontansiedlungen, 2001-2015
    Slum-Bevölkerung in Mio. und in % der städtischen Bevölkerung

      2001   2005 2015
    Welt 923 31.6 1.011 1.270
       
    entwickelte Länder 54 6.0 64 63
    Europa 33 6,2    
    andere 21 5,7    
       
    Entwicklungslnder 869 43.0 946 1.200
    Nordafrika 21 28,2 21 21
    Afrika (sdl. d. Sahara) 166 71.9 199 313
    Lateinamerika u. Karibik 128 31.9 152 153
    Ostasien 194 36.4 212 267
    Süd- u. Zentralasien 262 58.8 276 345
    Sdostasien 57 28.0 60 69
    Westasien 41 33.1 46 64


    Quelle
    The Challenge of Slums: Global Report on Human Settlements 2003, S.14, Table 1.3
    www.unhabitat.org/

    Links

    UN-HABITAT - Publications

    UN-HABITAT - Slum Definitions

    MANFRED KRIENER (taz) - Die Explosion der Slums

    Autor: Prof. Dr. Eckhart Ribbeck


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