Die Menschen haben ein Recht auf Stadt
Anna Tibaijuka, Direktorin von UN-Habitat
Textversion englischDeutsche Übersetzung des Video-Interviews
Wir nennen dieses Millennium also das urbane Millennium. Es ist ein Jahrtausend, in dem der Homo Sapiens in der Stadt lebt. Deshalb nennen wir ihn den Homo Urbanus. Er lebt in der Stadt. Und wenn die Menschen in die Städte ziehen, kann man sie nicht davon abbringen, sie haben das Recht zu kommen. Wir treten für ihr Recht auf die Stadt ein, weil die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben hierher kommen. Selbst wenn es die erste Generation nicht schafft, ihre Lebensumstände zu verbessern, kommen einige von ihnen auch, weil sie auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder hoffen; deshalb gehen die Menschen fort.
Wir haben also ungefähr 1,2 Milliarden Menschen, die in Elendsvierteln wohnen, was ungefähr ein Drittel der Stadtbevölkerung der Welt darstellt. In Afrika zum Beispiel leben 72 Prozent der Stadtbevölkerung in Slums. Slums sind Elendsviertel, wo es kein Wasser gibt, keine sanitären Einrichtungen, wo die Menschen viel zu eng leben, ohne Infrastruktur und mit dem ständigen Risiko von den städtischen Behörden gewaltsam vertrieben zu werden, weil diese Menschen normalerweise Land bewohnen, dass ihnen nicht gehört.
Die Vereinten Nationen, meine Behörde UN-HABITAT: Wir lehnen es kategorisch ab, Menschen aus ihrem Zuhause, aus ihren Viertel zu vertreiben. Wir plädieren für eine Verbesserung, für eine Aufrüstung der Elendsviertel. Aber wir befürworten natürlich auch eine ausgeglichene Entwicklung des gesamten Staatsgebietes. Wir müssen in die ländlichen Gebiete investieren, in kleine und mittelgroße Städte, um zu verhindern, dass am Ende alle Bürger in den riesigen Metropolen landen, die so schlecht geplant sind. Und dies kann nur geschehen, wenn man sehr gute politische Ansätze zur Regionalplanung hat: etwa Wachstumszentren auf dem Land, wie man es zum Beispiel in Europa hat.
Europas Städte haben eine sehr gute Infrastruktur. Obwohl Europa urbanisiert ist, findet man hier keine Megastädte: Nicht einmal London ist eine Megastadt, auch Paris ist keine Megastadt, Berlin ist keine Megastadt - nach internationalen Standards. Hier leben nur 3,5 Millionen Menschen, während wir in Städten wie Sao Paolo 17 Millionen Menschen haben. 30 Prozent der Menschen in Sao Paolo leben in Elendsvierteln. Dann gibt es da noch Lagos in Nigeria. Lagos hat derzeit 13 Millionen Einwohner, im Jahre 2015 werden es 23 Millionen sein, und Lagos wird damit die drittgrößte Stadt der Welt sein. Wie kann man also den Weltfrieden und Wohlstand sichern, wenn die Bevölkerung und die jungen Menschen - mit Verlaub, die Bevölkerungen der Entwicklungsländer, vor allem in Afrika, bestehen doch hauptsächlich aus jungen Menschen -, in Slums leben? Die Slums werden zur großen Herausforderung unserer Zeit, weil man all diese Stimmen nicht ignorieren kann; man überhört sie vielleicht.
Es stimmt auch, dass die arme Menschen weniger organisiert sind, also sollte man bedenken, dass wenn die Regierung es versäumt, für die Armen zur sorgen, sie zu gleichberechtigten Bürgern zu machen, wodurch nur Probleme entstehen, soziale Probleme. Es wird soziale Probleme sowohl innerhalb der Nationen als auch zwischen den Nationen geben. Die Zukunft einer jeden Nation dieser Erde liegt also ganz bestimmt in der Stadt. Nun besteht die Herausforderung natürlich darin, eine Antwort auf die folgende Frage zu finden: Wie können wir unsere Städte zu einem lebenswerten, einem produktiven Ort für uns alle machen?
Redaktion: Sonja Ernst
Kamera: Jörg Pfeiffer
Schnitt: Jörg Pfeiffer
Übersetzung ins Deutsche: Martina Heimermann
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