Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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Umwelt und Verbraucher – Angebot und Nach(haltigkeits)frage


30.3.2009
Konsumenten beeinflussen durch Nachfrage den Markt. Diese Macht können sie einsetzen, um ökologisch produzierte Produkte und damit eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Welche Möglichkeiten gibt es, sich über die Auswirkungen eines Produkts zu informieren und Bewusstsein für nachhaltiges Handeln zu schaffen?

Händlerin Karin Steul dekoriert am 29. September 2006 auf einem Markt in Dresden einen Stand mit Obst und Gemüse aus biologischem Anbau. Regionale Produkte sind in ihrer Herstellung nicht automatisch energiesparender und damit ökologischer als Importware aus dem Ausland. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 19. Juni 2008 veröffentlichte Studie der Universität Giessen. Der Energieaufwand für Anbau, Ernte und Transport hänge nicht von der Entfernung zum Markt ab, sondern von der Betriebsgröße, argumentieren die Forscher. Produkte aus kleineren Betrieben könnten dabei bis zu fünf Mal mehr Energie verbrauchen als solche aus größeren Betrieben.Ein Obst- und Gemüsestand auf einem Markt in Dresden mit Produkten aus biologischem Anbau. (© AP)

Durch die Wahlfreiheit beim Kauf haben Konsumenten nicht nur Macht, sondern tragen auch Verantwortung: Denn meist können sie sich für Produkte entscheiden, durch deren Herstellung, Gebrauch oder Entsorgung die Umwelt weniger belastet wird, als es bei anderen der Fall ist. Indem sie kaufen oder nicht kaufen, können sie eine nachhaltige Entwicklung beeinflussen. Denn es sind natürliche Ressourcen, die zur Produktion von Konsumgütern verwendet oder durch sie beeinträchtigt werden.

Voraussetzung für ein sozial und ökologisch verträgliches Kaufverhalten ist, dass Verbraucher sich ihrer Einflussmöglichkeiten bewusst sind und die Auswirkungen ihres Kaufverhaltens kennen. Konsumenten sollten auch den globalen Kontext in die Beurteilung, ob ein Produkt unter sozial fairen und ökologisch vertretbaren Bedingungen entstanden ist, einbeziehen. Nachhaltiger Konsum setzt daher vor allem den Zugang zu Informationen und ein breites Wissen voraus, das zum Beispiel durch Ökosiegel unterstützt wird. Damit betrifft nachhaltiger Konsum nicht nur die eigene Lebensphilosophie, vielmehr sind auch Politik und Wirtschaft gefordert, die erforderlichen Informationen bereitzustellen. Gewiss fällt es Gutverdienern leichter, sich "ökokorrekt" zu verhalten, weil etwa Biolebensmittel teurer sind als konventionelle. Nicht selten aber zahlen sich nachhaltige Produkte im Laufe ihres Produktlebens auch finanziell aus, da sie länger funktionieren als andere oder weniger Strom verbrauchen wie etwa Energiesparlampen. Und mittlerweile haben Biolebensmittel auch Einzug in die Discounter gehalten, verkaufen große Bekleidungshäuser Produkte aus Biobaumwolle zum gleichen Preis wie konventionelle Mode – eine Entwicklung, die zumindest teilweise auch der speziellen Nachfrage der Verbraucher zu verdanken ist.

Konsumenten bekommen die Welt, die sie bezahlen



Verbraucher können also etwas dagegen tun, wenn der Markt voller nicht nachhaltiger Produkte ist, deren Produzenten in fernen Ländern nicht fair bezahlt oder durch deren Herstellung die Umwelt oder auch die eigene Gesundheit belastet werden.

Einem Großteil der Verbraucher fehlt jedoch das Wissen um die eigene Macht und darüber, welche Produkte mit gutem Gewissen zu kaufen sind und welche besser im Regal bleiben sollten. Vielen fehlt jedoch die Motivation, sich Information zu beschaffen, weil Probleme nicht als dringlich genug erkannt werden. So besteht unter Wissenschaftlern und Politikern weitgehend Einigkeit darüber, dass der vom Menschen verursachte Beitrag zum Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten zu sehr großen Umweltproblemen führen wird. Weil die Folgen sich aber mit zeitlicher Verzögerung zeigen, fällt es vielen Menschen schwer, ihr Verhalten zu ändern und etwa auf Flugreisen zu verzichten und stattdessen z.B. die emissionsärmere Bahn zu benutzen. Nicht zuletzt durch die Globalisierung liegen Produktionsbedingungen, Nutzungsort und Produktionsfolgen zeitlich und räumlich sehr weit voneinander entfernt – Verbraucher bekommen von den möglichen sozialen und ökologischen Desastern andernorts nichts mit.

Damit sich Konsumenten im Angebotsdickicht eines unüberschaubar gewordenen globalen Marktes zurechtfinden können, stehen viele Informationsquellen zur Verfügung – sowohl zivilgesellschaftliche als auch staatliche Anlaufstellen.

Für schutzbedürftige Verbraucher – Verbraucherpolitik



In der Bundesrepublik begann der Staat bereits früh, den Verbraucherschutz zu fördern: So wurde etwa die Stiftung Warentest ins Leben gerufen, die seit 1966 die Verbraucherzeitschrift "Test" herausgibt. Doch es sind nicht nur die Konsumenten, die geschützt werden sollten. Umfassende Verbraucherinformation ist auch für die Belange der Umwelt beziehungsweise des Umweltschutzes bedeutend. So wurden neben den Qualitäts- zunehmend auch ökologische Kriterien in die Produkttests aufgenommen.

Proklamiertes Ziel der deutschen Verbraucherpolitik ist es, Verbraucher zu informieren, zu schützen und ihre Rechte zu stärken. Als Marktteilnehmer sollen sie auf gleicher Augenhöhe mit der Wirtschaft handeln und Nachhaltigkeit einfordern können. Sie haben jedoch auch ein Recht darauf, nicht bei jedem Produkt mühsam nach dessen ökologischen Folgen recherchieren zu müssen. Verbraucher sollten auf ein gewisses Maß an staatlicher Verantwortung und Kontrolle vertrauen können, also darauf, dass bestimmte Produkte gar nicht erst auf den Markt gelangen. Zu diesem Zweck wurde Anfang 2001 das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zum Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL, heute BMELV) umgebildet – als Reaktion auf Ausbruch und Verlauf der Rinderkrankheit BSE. Verbraucher sollten vor der Unübersichtlichkeit des Marktes geschützt werden, auf dem gesundheitsgefährdendes Fleisch erhältlich war. Nach der sogenannten BSE-Krise wurden im BMELV die Kompetenzen für den Verbraucherschutz institutionell gebündelt. Ein Schwerpunkt der verbraucherpolitischen Arbeit betrifft zum Beispiel die Förderung des ökologischen Landbaus.

Das neue Verbraucherinformationsgesetz vom 1. Mai 2008 legt gesetzlich fest, dass jeder Verbraucher das Recht auf umfassende Information zu jedem beliebigen Produkt erhält. Dazu zählt die Auskunft darüber, woher verwendete Rohstoffe stammen, unter welchen Bedingungen das Produkt hergestellt wurde und ob es sich recyceln lässt.

Schule für mündige Konsumenten: Verbraucherbildung



Mit dem BMELV bekamen Verbraucher eine stärkere Interessenvertretung vonseiten der Politik. Weitere Unterstützung bieten über 200 deutschlandweit bestehende Verbraucherzentralen. Das sind Beratungsstellen, die sich als gemeinnützige Organisationen mit allen Fragen des privaten Konsums befassen. Sie sind im Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) organisiert, den überwiegend das BMELV finanziert. Der Verband arbeitet eng mit Umwelt- und Tierschutzverbänden zusammen, etwa als Initiator und Mitglied der "Allianz für Tiere", eine Vereinigung, die sich für bessere Haltungsbedingungen landwirtschaftlicher Nutztiere engagiert.

Die Verbraucherinitiative e.V. (VI) ist ein weiterer wichtiger Verband. Ihre Informationen vermittelt sie überwiegend durch Qualitätstests und öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagnen, wie etwa mit der Broschüre "Klimafreundlich einkaufen". Aber auch der "ombudsmann.de", eine Schlichtungsstelle für Onlinehandel, geht auf die VI zurück. Das erklärte Bildungsziel lautet, Lernprozesse anzustoßen, damit Verbraucher in Zukunft besser in der Lage sind, selbst zu entscheiden, welche Produkte umwelt- und verbraucherfreundlich sind.

Neben diesen beiden großen Verbänden gibt es viele weitere Zusammenschlüsse und Netzwerke der Zivilgesellschaft. Auch deren Ziel ist es, nachhaltiges Verbraucherverhalten zu fördern und über die Aufklärung der Öffentlichkeit Druck auf Hersteller und Händler auszuüben.


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