Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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Wassersparen in Deutschland – ein zweischneidiges Schwert


30.3.2009
Zuhause sind die Deutschen Meister im Wassersparen. Das führt zu nicht ausgelasteten Wasserleitungen, in denen sich Keime ansiedeln können. Daneben steigt der "virtuelle Wasserverbrauch", der durch hierzulande konsumierte, aber im Ausland produzierte Produkte entsteht.

Brunnen am Strausberger PlatzBrunnen am Strausberger Platz (© jodofe / Photocase)

Der Wasserbedarf konnte hierzulande seit den 1970er Jahren um ein Fünftel gekappt werden und liegt mit derzeit 120 Litern pro Einwohner und Tag im Vergleich zu anderen Industrienationen beispielhaft niedrig – so niedrig, dass es zumindest einigen Wasser- und Abwasserwerken mit dem Wassersparen schon zu viel wird. Die Dimensionierung der Aufbereitungskapazitäten in den Wasserwerken und Kläranlagen sowie der Trinkwasserversorgungsnetze und der Kanalisation wurde in Zeiten vorgenommen, in denen mit noch weiter steigendem Wasserbedarf gerechnet worden ist. Jetzt passt die Infrastruktur nicht mehr zum realen Verbrauch – dies führt zu steigenden Unterhalts- und Betriebskosten.

Weitere Wassersparanstrengungen müssen auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass wir den größten Teil unseres Wasserbedarfs erfolgreich ins Ausland verlagert haben. Unser Import von Lebensmitteln und Rohstoffen hat in den Herkunftsländern einen teilweise exorbitant hohen Wasserbedarf zur Folge. Der aus unseren Importen resultierende Wasserverbrauch liegt deutlich höher als die gesamte Niederschlagsmenge, die auf Deutschland herabregnet. Beim Wassersparen muss es daher künftig auch darum gehen, diesen viel zu hohen "virtuellen Wasserbedarf" zu reduzieren.

Wasser- und Abwasserbetriebe in der Fixkostenfalle



Als in den 1970er Jahren der westdeutsche Wasserbedarf auf fast 150 Liter pro Einwohner und Tag angestiegen war, verlängerten die damaligen Planer den Trend linear in die Zukunft und sagten einen weiteren Anstieg auf über 250 Liter pro Einwohner und Tag voraus. Entsprechend wurden Wasserwerke und Kläranlagen sowie die Wasserversorgungsnetze und Kanalisationen ausgebaut. Tatsächlich führten aber das wachsende Wassersparbewusstsein in der Bevölkerung, die Entwicklung wassereffizienterer Wasch- und Spülmaschinen, Wasserspartasten an Toilettenspülkästen und -perlatoren in Wasserhähnen zu einer Trendumkehr. Inzwischen liegt der Haushaltswasserbedarf bei nur mehr 120 Litern pro Einwohner und Tag.

Noch drastischer ging der Wassereinsatz im industriell-gewerblichen Bereich zurück. Neben Betriebsstilllegungen ist der Bedarfsrückgang in der Industrie vor allem auf eine effizientere Wassernutzung zurückzuführen: Inzwischen wird in deutschen Unternehmen durch Kreislauf- und Kaskadenführungen jeder Tropfen Wasser im Durchschnitt fast sechs Mal genutzt. Der zurückgehende Wasserbedarf entspannte vielerorts kritische Situationen, die sich ergeben hatten, weil die Grundwasserressourcen übernutzt wurden.

Aufbau Ost über das Ziel hinaus



In Ostdeutschland ging der Wasserverbrauch nochmals stärker zurück als im Westen. Der bevorstehende demographische Wandel, die Abwanderung, der drastische Bedarfsrückgang in der zusammenbrechenden Ex-DDR-Industrie, der Wassersparwillen der Bevölkerung, die Suburbanisierung und die Entwicklung im Städtebau wurden nur ungenügend vorausgesehen oder ignoriert. Noch gravierender als in Westdeutschland befindet sich jetzt die ostdeutsche Siedlungswasserwirtschaft in der "Fixkostenfalle": Denn 70 bis 80 Prozent der Kosten in der Wasserver- und Abwasserentsorgung sind sogenannte Fixkosten: Der größte Teil des kommunalen Vermögens liegt unter der Erde in Form von weitverzweigten Trinkwasserversorgungsnetzen und Kanalröhren.

Die hohen Kosten für diese "unterirdische Infrastruktur" wurden von Kommunen beziehungsweise Wasser- und Abwasserverbänden größtenteils über Kredite aufgebracht. Daher sind in der Regel weit über 50 Prozent der Wasser- und Abwassergebühren auf "kalkulatorische Kosten" zurückzuführen – also auf die Zinsen für die Kredite sowie auf die Abschreibung. Dazu kommen noch die Personalkosten in der Größenordnung von 20 Prozent. Dieser Fixkostensockel verringert sich kaum, wenn Trinkwasserbedarf und Abwasseranfall zurückgehen.

Eher ist das Gegenteil der Fall: Wenn Bevölkerung und Gewerbe weniger Trinkwasser benötigen, verlangsamt sich der Wasserdurchfluss im Rohrleitungsnetz. Durch das "Stagnationswasser" kann sich die Güte des Trinkwassers infolge von erhöhter Temperatur, verstärkter Korrosion und mikrobieller Aufkeimung verschlechtern. Um dieser Verschlechterung der Trinkwassergüte vorzubeugen, muss das Rohrleitungsnetz häufiger gespült werden. Der zurückgehende Wasserbedarf wird also (entgegen allgemeiner Annahme) zu einem höheren betrieblichen Aufwand führen – und damit zu noch höheren Kosten. Was Haushalte und Gewerbebetriebe an Wasser sparen, wird von Wasser- und Abwasserbetrieben für verstärkte Rohrnetz- und Kanalspülungen benötigt – zumindest lokal ein ökologisches Nullsummenspiel. Engagement in weitergehende Wassersparmaßnahmen zu investieren, ist nur noch dort angebracht, wo es durch Grund- oder Quellwasserentnahmen tatsächlich zu ökologischen Schäden in der Natur kommt, oder wo es mit einem überproportional hohen Energieverbrauch verbunden ist, Trinkwasser zu gewinnen und zu transportieren.


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