Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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Ökologische Landwirtschaft – für noch grünere Äcker


30.3.2009
Ökologische Landbau entwickelte sich in Deutschland im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Das Ziel: ressourcenschonend und tiergerecht zu wirtschaften und qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen.

Gänse laufen am 22. August 2005 über die Wiese eines Freilandbetriebes bei Bruckmühl in Oberbayern. Bayerns Umweltministerium bereitet zur Zeit Notfallmassnahmen für den Fall der Einschleppung des Vogelgrippe-Virus nach Deutschland vor.Glückliche Gänse auf der Wiese eines Freiland-Betriebes in Oberbayern. (© AP)

Der Ökologische Landbau entwickelte sich in Deutschland im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Angesichts ökonomischer und ökologischer Probleme, die durch die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft ausgelöst wurden, beschritten ökologisch wirtschaftende Landwirte neue Wege. Lange bevor nachhaltiges Wirtschaften zum allgegenwärtigen Schlagwort wurde, entwarfen sie Richtlinien, um ressourcenschonend und tiergerecht zu wirtschaften und zugleich qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen.

Was zeichnet die Ökologische Landwirtschaft aus?



Prinzipiell soll der Betrieb weitgehend unabhängig von externen Produktionsmitteln in möglichst geschlossenen Stoff- und Energiekreisläufen bewirtschaftet werden. Die Anzahl und Art der gehaltenen Tiere und die im Pflanzenbau angebauten Kulturen sollen idealerweise aufeinander abgestimmt und den spezifischen Gegebenheiten und Möglichkeiten des jeweiligen Standortes angepasst sein.

So ergibt sich zum Beispiel das Gebot der "flächengebundenen" Tierhaltung: Es sollen nur so viele Tiere gehalten werden, wie mit den Futtermitteln des jeweiligen Betriebes ernährt werden können. Zugleich sollte die Menge des anfallenden Wirtschaftsdüngers, das heißt der Ausscheidungen der Tiere, mit dem Nährstoffbedarf der Anbauflächen und Pflanzen abgestimmt sein. So dient er als wertvoller Ersatz für leicht lösliche mineralische Düngemittel. Diese sind ebenso wie chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel größtenteils verboten. Denn der Öko-Landbau zielt nicht auf Maximalerträge, die Tieren und Natur abgerungen werden. Im Gegenteil geht es darum, die ohnehin ablaufenden natürlichen Prozesse und Wechselwirkungen zu nutzen und zu fördern.

Dies zeigt sich besonders deutlich in der Düngung. Deren Hauptanliegen ist nicht, die Ackerpflanzen direkt zu ernähren, sondern die Bodenfruchtbarkeit mit betriebseigenen, erneuerbaren Mitteln zu erhalten und zu pflegen. Dazu zählt vor allem der Anbau von Pflanzen, die in der Lage sind, Stickstoff aus der Luft im Boden anzureichern, den so genannten Leguminosen (etwa Erbsen, Bohnen oder Luzerne). Besonders wichtig ist darüber hinaus eine vielfältige Fruchtfolge. Die durchdachte Abfolge verschiedener Pflanzen auf den Feldern dient auch dazu, Schädlinge natürlich zu bekämpfen. Dafür pflanzen die Landwirte zudem Hecken oder Blühstreifen am Ackerrand, um gezielt Nützlinge wie bestimmte Vögel oder Insekten zu fördern.

Vielfalt ist ein wichtiges Prinzip des als Organismus betrachteten landwirtschaftlichen Betriebs. Sie zeigt sich auch in der Struktur der Agrarökosysteme. So werden Hecken, Feuchtbiotope oder Streuobstwiesen nicht nur für die Nützlinge geschaffen, sondern auch um die Stabilität der Ökosysteme zu erhöhen. Von der ökologischen Bewirtschaftung profitieren zahlreiche Wildkräuter und Tierarten, die auf Bio-Äckern deutlich zahlreicher auftreten als auf konventionellen. Auch die Pflanzensorten und Nutztierrassen weisen eine größere Vielfalt auf.

Tiere artgerecht halten



Öko-Landwirte streben eine möglichst artgerechte Tierhaltung an. Daher sind unter anderem wesentlich mehr Platz als in der konventionellen Haltung und regelmäßiger Auslauf vorgeschrieben. Käfighaltung für Legehennen ist ebenso verboten wie Vollspaltenböden für Schweine. Eine rein auf Höchstleistung ausgerichtete Fütterung ist untersagt; stattdessen sollen die Tiere mit Futter versorgt werden, das auch ihre artspezifischen Bedürfnisse achtet (etwa verpflichtende Stroheinstreu oder ausreichend Heu für Rinder). Die Vorgaben zur Gesunderhaltung der Tiere setzen vor allem auf Vorbeugung und schränken die Vergabe von chemisch-synthetischen Medikamenten ein – dies soll die Umwelt, die Lebensmittel und so letztlich die Verbraucher vor Rückständen schützen.

Die Ökologische Landwirtschaft nutzt in der Natur vorhandene Prozesse durch vorsichtige Überhöhung. Eingriffe, mit denen natürliche Ordnungsprinzipien grundlegend verändert werden – vor allem wenn die Folgewirkungen mit hohen oder nicht vorhersehbaren Risiken verbunden sind –, werden abgelehnt. Daher ist der Einsatz von Gentechnik grundsätzlich verboten.

Gesetzliche Regelungen und Kennzeichnung



Als immer mehr Verbraucher begannen, diese Wirtschaftsweise zu honorieren, und Bio-Lebensmittel kauften, wuchs die Gefahr von Trittbrettfahrern und einer unlauteren Verwendung des bis dato nicht geschützten Begriffes. Konsequenterweise erließ die EU 1991 (1999 für die Tierhaltung) gesetzliche Regelungen mit verbindlichen Vorgaben für die Erzeugung, Verarbeitung und Kontrolle von Bio-Lebensmitteln. Diese umfassen Vorschriften von der Art zulässiger Futtermittel über den maximalen Düngereinsatz bis hin zu den erlaubten Zusatz- und Hilfsstoffen. Auch die Fristen und Kriterien der Umstellung auf die biologische Wirtschaftsweise sind gemeinschaftlich geregelt.

Eines der dichtesten und wirksamsten Kontrollsysteme im Lebensmittelbereich soll garantieren, dass diese Vorgaben auch tatsächlich eingehalten werden. Mindestens einmal jährlich werden alle an der Herstellung Beteiligten, vom Landwirt bis zum Großhandel, kontrolliert. Akribisch und umfassend werden die Herkunft der Rohstoffe und weiterer Komponenten sowie die Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse bis hin zum Verkauf überprüft. Je nach Grad eines Verstoßes müssen die Unternehmen mit unterschiedlich schweren Sanktionen rechnen.

Bio-Weingummi-Bonbons werden am 2. Februar 2009 auf einem Stand bei der Internationalen Süßwarenmesse ISM In Köln ausgestellt. (© AP)
Auch die Kennzeichnung der Waren ist gesetzlich geregelt, sodass Verbraucher sicher sein können: Wo "bio" oder "öko" auf dem Lebensmittel steht, ist auch "bio" drin. Verlässliche Orientierung auf den ersten Blick bietet seit 2001 das deutsche Bio-Siegel. Das grüne Sechseck darf für alle Produkte und Waren verwendet werden, die den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung entsprechen – unabhängig davon, ob diese aus Deutschland stammen oder nicht. Ab dem Jahr 2010 wird ein europaweit einheitliches Zeichen eingeführt. Zusätzlich finden sich auf zahlreichen Bio-Produkten auch die Zeichen der Bio-Verbände. Diese machen in ihren jeweiligen Richtlinien zum Teil deutlich strengere Vorgaben als die EU-Verordnung.

Globalisierung und regionale Verankerung des Öko-Landbaus



Prinzipiell können Verbraucher auch bei Produkten und Rohstoffen, die von außerhalb der EU eingeführt werden, sicher sein, dass es sich um "echte" Bio-Produkte handelt, da sie gleichwertigen Anforderungen genügen müssen. Doch der rasant wachsende Markt und die zunehmende Einfuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln aus aller Welt erhöhen die Gefahr von Betrug. Mit der fortschreitenden Globalisierung der Bio-Produktion steigen zudem die transportbedingten Umweltbelastungen. Wie ökologisch können Bio-Produkte aus Übersee noch sein?

Will man das gleiche Sortiment wie im konventionellen Bereich, können manche Produkte allerdings nur in anderen Klimazonen erzeugt werden (etwa Kaffee, Kakao, tropische Früchte). Außerdem bringt Bio-Landwirtschaft den dortigen Produzenten und der Umwelt vor Ort all die Vorteile, die wir auch hier zu schätzen wissen.

Umfassende Ökobilanzen von Produkten zu erstellen ist schwierig, denn die Emissionen und sonstigen Umweltwirkungen müssen genau erfasst werden. So kann zum Beispiel ein energieintensives Produktionsverfahren (Gewächshauskulturen) für die Gesamtenergiebilanz kritischer sein als die Transportstrecke. Nichtsdestotrotz wäre die regionale Herstellung möglichst vieler Bio-Produkte wünschenswert.

Entwicklung der Bio-Anbaufläche. Quelle: Zahlen, Daten, Fakten: Die Bio-Branche 2009. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.Entwicklung der Bio-Anbaufläche. Quelle: Zahlen, Daten, Fakten: Die Bio-Branche 2009. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.
Dem Öko-Landbau ist die regionale Verankerung seit jeher ein wichtiges Anliegen, das sich zum Beispiel in den Prinzipien der flächengebundenen Tierhaltung und der Kreislaufwirtschaft niederschlägt. Einige Verbände verbieten Futtermittelimporte aus dem Ausland, und in der Regionalvermarktung sind Bio-Landwirte überproportional engagiert.

Gründe für eine Förderung des Öko-Landbaus



Angesichts unterschiedlicher Erzeugungsbedingungen weltweit und Transportkosten, welche die Umweltbelastungen nicht widerspiegeln, kann es für Bio-Produzenten hierzulande schwierig sein, sich gegen Konkurrenten aus dem Ausland zu behaupten. Dabei erzeugt der Öko-Landbau nicht nur schmackhafte und gesunde Lebensmittel, sondern erbringt zahlreiche gesellschaftliche Leistungen. So hilft er, die Biodiversität und vielfältige Kulturlandschaften zu erhalten.

Mit seinen positiven Wirkungen auf Leben, Struktur und Wasserspeicherkapazität des Bodens trägt er zum Schutz vor Erosion und Hochwasser bei. Ausgewogenere Nährstoffbilanzen und der zurückhaltendere Einsatz von Medikamenten schonen die Oberflächengewässer, den Boden wie auch das Trinkwasser. Der Öko-Landbau ist auch klimaverträglicher: Der Verzicht auf mineralische Dünger und synthetische Pflanzenschutzmittel vermindert den Energieverbrauch und zugleich die Emission klimawirksamer Gase.

Nicht nur die Umwelt profitiert: Durch einen höheren Arbeitsaufwand und einen hohen Anteil handwerklicher Arbeiten (auch in Verarbeitung und Handel) schafft die Ökologische Lebensmittelwirtschaft zusätzliche Arbeitsplätze, darunter überproportional viele für Menschen mit Behinderungen. Im Durchschnitt beschäftigen die Betriebe etwa ein Drittel mehr Menschen. So tragen sie dazu bei, bäuerliche und mittelständische Strukturen zu sichern und die Attraktivität ländlicher Räume zu erhöhen.

Öko-Anbaufläche in der EU 2007. Quelle: Zahlen, Daten, Fakten: Die Bio-Branche 2009. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.Öko-Anbaufläche in der EU 2007. Quelle: Zahlen, Daten, Fakten: Die Bio-Branche 2009. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.
Bislang werden diese gesellschaftlichen Leistungen jedoch nur in Ausnahmefällen honoriert. Von besonderer Bedeutung für die Wirtschaftlichkeit der Betriebe ist die Umstellungsförderung, die durch die Bundesländer festgesetzt wird. Denn wird auf die ökologische Wirtschaftsweise umgestellt, gehen meist (zunächst) die Erträge zurück, während der Arbeitsaufwand steigt.

Vor allem die ökologische Tierhaltung erfordert zudem nicht unerhebliche Anfangsinvestitionen. Als (teurere) Bio-Ware vermarktet werden dürfen die Produkte jedoch erst nach einer mehrjährigen Umstellungsfrist, was die finanziellen Herausforderungen noch erhöht. Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bio-Branche zu verbessern und hierzulande von den gesellschaftlichen Leistungen des Öko-Landbaus zu profitieren, wäre es angeraten, die Betriebe weiter zu unterstützen.

Im Vergleich zu anderen Ländern der EU liegen die in Deutschland gezahlten Prämien im Mittelfeld. Zwischenzeitlich wurde die Umstellungs- oder Beibehaltungsförderung in einigen Bundesländern deutlich reduziert oder ausgesetzt. Die daraus resultierende Planungsunsicherheit für die Betriebe ist einer der wesentlichen Gründe, warum die Erzeugung hierzulande deutlich der wachsenden Nachfrage hinterherhinkt.

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