Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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30.3.2009 | Von:
Marina Tsaliki
Burghard Wittig

Pflanzenvielfalt ade – Ursachen für den Artenverlust in Deutschland

Wildpflanzen haben es hierzulande schwer: Die meisten Auen, Sümpfe und Moore sind trocken- gelegt, und die Bebauung wird immer dichter. Der Klimawandel droht den Artenschwund noch zu beschleunigen.
Spätblühende TraubenkirscheAbb. 3: Spätblühende Traubenkirsche Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Die Vielfalt der Pflanzen in Mitteleuropa ist eng mit den Aktivitäten des Menschen in der Vergangenheit verbunden. Die Einwanderung von Pflanzenarten mithilfe des Menschen überstieg schon zu Beginn der mittleren Eisenzeit (700 bis 500 v. Chr.) die natürliche Einwanderung (s. Abb. 1). Durch Waldrodungen und anschließende Nutzungen wie Beweidung und erster Ackerbau im Mittelalter entstand eine Kulturlandschaft, in der nur noch wenige naturnahe Elemente – meist schwer zu kultivierende Bereiche wie Hochmoore, Salzwiesen oder schwer zugängliche Hochgebirgsstandorte – übrig blieben. Den Böden wurden durch Beweidung und Abtragen des Oberbodens Nährstoffe entzogen. Über die Jahrhunderte bildeten sich so viele nährstoffarme Lebensräume wie Heiden und Magerrasen. Die durch extensive Landwirtschaft entstandenen Halbtrockenrasen gehören zu unseren artenreichsten Gebieten.


Abb. 1: Gefährdungsursachen bei Farn- und Blütenpflanzen, nach (1) verändert und zu fünf Hauptgruppen zusammengefasst. Grundlage der Auswertung sind 819 ausgestorbene und gefährdete Farn- und Blütenpflanzen der Roten Liste, Mehrfachnennungen sind möglich.Abb. 1: Gefährdungsursachen bei Farn- und Blütenpflanzen, nach (1) verändert und zu fünf Hauptgruppen zusammengefasst. Grundlage der Auswertung sind 819 ausgestorbene und gefährdete Farn- und Blütenpflanzen der Roten Liste, Mehrfachnennungen sind möglich.
Die höchste Artenzahl an Pflanzen in Mitteleuropa wurde vermutlich zu Beginn der industriellen Revolution erreicht (circa 1800 bis 1850). Durch zunehmende menschliche Eingriffe seit Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt die Zahl der einheimischen Pflanzenarten sowie der Archäophyten (einheimische Pflanzenarten, die vor 1492 n. Chr. mit dem Menschen eingewandert sind) ab. Dieser Prozess dauert bis heute an, wenngleich die meisten ausgestorbenen Arten in Deutschland schon vor dem ersten Weltkrieg verschwunden sind [1].


Die wichtigsten Gründe für den Artenverlust

Abb. 2: Die Wasser-Lobelie ist ein in unserer Flora brisantes Beispiel für eine Art, die sich im Rückgang befindet. Foto: B. WittigAbb. 2: Die Wasser-Lobelie ist ein in unserer Flora brisantes Beispiel für eine Art, die sich im Rückgang befindet. Foto: B. Wittig (© B. Wittig )
Eine Untersuchung des Bundesamtes für Naturschutz von 819 ausgestorbenen und gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in Deutschland ergab, dass Lebensraumzerstörung und landwirtschaftliche Nutzung die Hauptursachen für den Artenrückgang sind (Abb. 1) [2]. Standortveränderungen, besonders durch flächendeckende Einträge von Nährstoffen wie Nitrate und Phosphate aus der Landwirtschaft, beeinflussen ungefähr die Hälfte der betrachteten Arten. Viele der ausgestorbenen oder gefährdeten Arten sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen, die es in unseren stark genutzten Landschaften kaum noch gibt. Sehr nährstoffarme Gewässer wie Heideweiher oder Moore und Moorwälder weisen die höchsten Anteile ausgestorbener und gefährdeter Arten in Deutschland auf (Abb. 2).

Zerstörung von Lebensraum

Vor allem durch Bebauung, den Abbau von Rohstoffen – verbunden mit Überschüttungen oder Auffüllungen –, sowie durch die Vernichtung von Altwässern, Nassstellen und Bodensenken geht Lebensraum unwiderruflich verloren, was die Artenvielfalt stark gefährdet. Der Bims- und Lavagestein-Abbau in der Vulkaneifel oder der Gipsabbau im Harz vernichteten beispielsweise große, für viele Wildpflanzen wertvolle Flächen. Aber auch kleine Baumaßnahmen tragen zum Verschwinden von Pflanzenarten bei: Die Beseitigung alter Dorfstrukturen und der Ausbau von Wegrändern oder Weinbergböschungen sind nur zwei Beispiele von vielen.

Intensive Landwirtschaft

Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung seit den 1960er-Jahren hat einen erheblichen Anteil am Rückgang von Pflanzenarten auf Wiesen, Weiden und Äckern. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zum Beispiel die starke Zufuhr von Mineraldünger und Gülle, Anwendung von Unkrautbekämpfungsmitteln (Herbizide), frühe Mahd, Entwässerung von Feuchtwiesen und Umbruch von Grünland. Die Folgen sind artenarmes Intensivgrünland und Äcker, in denen wilde Pflanzenarten kaum noch zu finden sind.

Seit den 1980er-Jahren war durch eine schwierigere ökonomische Lage der Landwirtschaft ein leichter Rückgang der Intensivierung zu verzeichnen, der allerdings keine merklichen positiven Effekte auf die Bestandsituation gefährdeter Arten hatte. Derzeit ist im Zuge des Biomassebooms und der Verteuerung landwirtschaftlicher Produkte ein weiterer Intensivierungsschub der landwirtschaftlichen Nutzung zu beobachten, was mit zunehmendem Maisanbau und der Einführung neuer Energiepflanzen wie Chinaschilf verbunden ist. Damit werden Extensivierungsbemühungen der jüngeren Vergangenheit teilweise zunichte gemacht.

Neben der Intensivierung der Landwirtschaft gefährdet die mangelnde Nutzung von meist ertragsschwachen Standorten viele Pflanzenarten. Viele Arten sind von der landwirtschaftlichen Pflege ihres Lebensraumes abhängig. Dies gilt besonders für Frisch- und Feuchtwiesen sowie Magerrasen. Wenn es sich dabei um Schutzgebiete handelt, ist die Nutzung für Landwirte in hohem Maße unwirtschaftlich und wird vernachlässigt.

Zersplitterte Reste von Heiden und Feuchtwäldern

Neben der engen Bindung an einen Standorttyp gibt es weitere biologische Risikofaktoren, die die Gefährdungssituation deutlich verschärfen können: ein fehlender Vorrat an Diasporen (in der Regel Samen) im Boden, schlechte Verjüngung, geringe Keimraten oder mangelnde Ausbreitungsfähigkeit [3]. Die Ausbreitung wird durch die starke Zerschneidung ehemals großer zusammenhängender Landschaften durch Straßen und Siedlungen noch erschwert. Von den ehemals großflächigen Heiden oder Feuchtwäldern in Nordwestdeutschland sind nur zersplitterte Reste geblieben. Charakteristische Pflanzenarten dieser Gebiete wie der Englische Ginster oder die Moor-Ährenlilie sind aufgrund der Zerschneidung bedroht oder ihre Bestände gehen bereits zurück.

Viele Prozesse der Ausbreitung von Pflanzenarten gibt es mittlerweile gar nicht mehr. Arten in Magerrasen oder Heiden breiteten sich etwa durch umherziehende Tierherden aus. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wanderten große Schafherden in Baden-Württemberg von den Sommerweiden der Schwäbischen Alb zu den Winterweiden am Bodensee [4].

Welche Rolle spielen Neophyten?

Neophyten (griech.: neue Pflanzen) sind Pflanzen, die bewusst oder unbewusst vom Menschen in der Neuzeit – nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 – in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen [5]. Insbesondere aufgrund ihrer prächtigen Blüten wurden Pflanzen wie Mahonie oder Kartoffelrose zum Verschönern und Bereichern von Gärten oder Parkanlagen nach Europa gebracht. Eher unbewusst und zufällig erfolgt die Einschleppung fremdartiger Gewächse durch die Einfuhr von Samen oder Pflanzenmaterial durch Reisende, an deren Gepäck und Kleidung Samen haften bleiben.

Neophyten bereichern einerseits die pflanzliche Vielfalt, können andererseits aber auch schädliche Auswirkungen auf die heimische Pflanzenwelt haben. Aufgrund fehlender Konkurrenz um Platz und Nährstoffe und des Fehlens natürlicher Fraßfeinde am neuen Standort haben Neophyten einen Vorteil gegenüber heimischen Arten. In manchen Fällen kommt es zu einer ungebremsten Ausbreitung dieser Arten und einer Verdrängung und Gefährdung der heimischen Vielfalt. Man spricht dann von den Neophyten als invasive Arten und ist bedacht, diese möglichst schnell unter Kontrolle zu bekommen und die weitere Ausbreitung zu vermeiden.

Abb. 4:  Spätblühende Traubenkirsche erobert einen Kiefernforst. Foto: H. SchepkerAbb. 4: Spätblühende Traubenkirsche erobert einen Kiefernforst. Foto: H. Schepker (© H. Schepker )
Bekannte Beispiele für Neophyten, die sich in Deutschland etabliert haben, sind die Spätblühende Traubenkirsche in Heiden und Wäldern (Abb. 3 und 4), das Kleine Springkraut in Laubwäldern, die Kanadische Goldrute in Brachen sowie der Japanische Knöterich in Stauden- und Unkrautfluren.

Klimawandel mischt die Karten neu

Das Klima wirkt sich auf alle Prozesse in der Natur aus, die Verteilung der Arten auf der Erde hängt wesentlich von den Klimabedingungen ab. Temperaturschwankungen und Zu- und Abnahmen der Niederschlagsmengen führen zu zeitlichen und räumlichen Verschiebungen in der Tier- und Pflanzenwelt bis hin zu Veränderungen in der Artenzusammensetzung einzelner Ökosysteme [7].

Für die in Deutschland vorkommenden Arten wird eine Verschiebung in nördliche und östliche Gebiete und eine generelle Verlagerung in höhere Lagen (Gebirge) prognostiziert. Während heimische Arten verdrängt werden, wandern gleichzeitig neue gebietsfremde Arten ein und führen zu weiteren Veränderungen der Ökosysteme. Werden die bisherigen Lebensräume zu sehr verändert oder vernichtet, kann es zu einem (lokalen) Aussterben von Arten kommen, die an dieses Gebiet gebunden sind und nicht ausweichen können.

Lässt sich der Artenschwund aufhalten?

Zwar zeigen viele Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen kleinere und größere Erfolge, eine Trendwende im Artenrückgang ist jedoch noch nicht erreicht. Ein fortschrittlicher Ansatz ist die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union, mit der in Europa ein miteinander verbundenes Schutzgebietsnetz geschaffen wird. Zum ersten Mal wird mit dieser Richtlinie ein verbindliches Monitoring, das heißt eine Überwachung von Lebensräumen und Arten, gesetzlich vorgeschrieben.

In vielen Schutzgebieten müssen dringend gezielte Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen wie die kontrollierte Beweidung von Heiden, die Erhaltung von Ackerwildkräutern durch angepasste Nutzung oder die Wiedervernässung ehemaliger Bruchwälder für bestandsbedrohte Pflanzenarten entwickelt werden. Hier wären bei konsequentem Naturschutzhandeln viele Erfolge möglich. Zu wünschen wäre weiterhin eine grundlegende Reformierung der Agrarsubventionspolitik. Dies bedeutet, dass konkrete Umweltziele – etwa mehr artenreiches Grünland oder Ackerbegleitvegetation – viel stärker honoriert werden müssten, als dies bislang der Fall ist. Ein Ansatz hierfür ist der Vertragsnaturschutz.

Ein Ziel der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung ist es, für den größten Teil der Rote Liste-Arten die Gefährdungssituation deutlich zu verbessern. Insgesamt sind noch viele Anstrengungen notwendig, um die Pflanzenvielfalt in Deutschland langfristig zu sichern.


[1] Korneck, D., Schnittler, M., Klingenstein, F., Ludwig, G., Takla, M., Bohn, U.& R. May (1998): Schriftenreihe für Vegetationskunde 29, S. 299-444.

[2] Cordes, H., Feder, J., Metzing, Hellberg, F., D., Wittig, B. (2006): Atlas der Farn- und Blütenpflanzen des Elbe-Weser-Gebietes, S. 512.

[3] Garve, E. (2004): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen. Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen 1/2004, S. 76.

[4] Poschlod, P., Wallis De Vries, M. (2002) : The historical and socioeconomic perspective of calcareous grasslands – lessons from the distant and recent past. Biological Conservation 104, S. 361-376.

[5] Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen – Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. S. 380.

[6] Starfinger, U., Kowarik, I., Rode, M., Schepker, H. (2003): From desirable ornamental plant to pest to accepted addition of the flora? – the preception of an alien tree species through the centuries. Biological Invasions 5, S. 323-335.

[7] Korn, H., Epple, C. (2006): Biologische Vielfalt und Klimawandel – Gefahren, Chancen, Handlungsoptionen. BfN-Skripten 148, S. 27.
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