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Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.4.2008 | Von:
Tobias Plieninger, Oliver Bens

Biologische Vielfalt und globale Schutzgebietsnetze

Schutzgebiete zum Erhalt der Biodiversität

Der Begriff "Schutzgebiet" ist weit gefasst und umfasst gleichermaßen Totalreservate, in denen sämtliche Nutzungen untersagt sind, und Flächen, die der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen dienen sollen. Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) definiert Schutzgebiete als "ein Areal von Land und/oder Meer, das vor allem dem Schutz und Erhalt der biologischen Diversität gewidmet ist, sowie natürlicher und damit verbundener kultureller Ressourcen, und das durch rechtlicheoder andere wirksame Maßnahmen gemanagt wird".[9] Sowohl die Anzahl wie auch die Größe der Schutzgebiete haben in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen (vgl. Abbildung).
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Das World Conservation Monitoring Centre der UN-Umweltbehörde UNEP verzeichnete im Jahr 2006 weltweit 106 926 Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 19,6 Millionen Quadratkilometer.[10] Damit befinden sich 11,6 Prozent der terrestrischen Erdoberfläche in Schutzgebieten. Diese Fläche ist größer als die Territorien Chinas und Indiens und übertrifft sogar die Summe der weltweiten Ackerflächen.

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Die IUCN gliedert die weltweiten Schutzgebiete in sechs Kategorien, die sich in ihren Schutzzielen unterscheiden (vgl. Tabelle 1). Ob der strenge Schutzansatz der Gebiete der Kategorien I-IV oder der schonende Nutzungen tolerierende Ansatz der Schutzgebietskategorien V und VI effizienter zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt, wird vielfach diskutiert. Streng geschützte Gebiete erlauben eine stärkere Fokussierung auf die unmittelbaren Naturschutzziele. Der Vorteil der Kategorie V- und VI-Gebiete ist aber, dass in ihnen eine schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen zugelassen und deren Schutz besser mit den Interessen der lokalen Bevölkerung zu vereinbaren ist. In diesen Gebieten sind Ziele des Schutzes von Elementen der Naturlandschaften und der Kulturlandschaften zu vereinen. Die IUCN-Kategorien bilden einen Gradienten, dessen eines Ende maximale Schutzeffizienz und dessen anderes Ende eine optimale Unterstützung durch die Bevölkerung darstellt.[11]

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Die Repräsentation der Großlebensräume der Erde, der terrestrischen Biome, in Schutzgebieten variiert sehr stark (vgl. Tabelle 2). Das Ziel, zehn Prozent der Flächen unter Schutz zu stellen, wird bislang erst in neun der 14 Biome erreicht. In den Schutzgebieten besonders stark unterrepräsentiert sind die Weltmeere. 4 116 Meeresschutzgebiete decken mit 1,6 Millionen Quadratkilometer weniger als 0,5 Prozent der Meeresoberfläche ab. Das bekannteste Meeresschutzgebiet dürfte das Great Barrier-Riff an der Nordostküste Australiens sein. Am geringsten repräsentiert sind die für ihren Reichtum an Korallenriffen, Seegräsern und Mangrovenwäldern bekannten Küsten des Indischen Ozeans.

Die größte Zahl an Schutzgebieten findet sich derzeit in Europa (46 000 Schutzgebiete), im nördlichen Eurasien (18 000) sowie in Nordamerika (13 000). Die größten Schutzgebietsflächen liegen mit 1,96 Millionen Quadratkilometer in Südamerika, gefolgt vom nördlichen Eurasien (1,82 Millionen Quadratkilometer) und Ostasien (1,76 Millionen Quadratkilometer).[12] Das größte zusammenhängende Schutzgebiet der Welt ist mit 972 000 Quadratkilometer der Nordost-Grönland-Nationalpark, gefolgt von der 640 000 Quadratkilometer großen Ar-Rub'al-Khali Wildlife Management Area in Saudi-Arabien. Diese beiden Beispiele geben bereits einen Hinweis auf die verbreitete Praxis der Schutzgebietsausweisung: Schutzgebiete werden oft nicht dort eingerichtet, wo die biologische Vielfalt besonders effizient erhalten werden kann, sondern in Gegenden, die aufgrund ihres Klimas, ihrer Böden, ihrer Geomorphologie oder ihrer Abgeschiedenheit für andere Nutzungen nicht in Frage kommen. Naturschutzbiologen bezeichnen diese systematische Konzentration von Schutzgebieten auf anderweitig kaum nutzbare Lebensräume als "rocks and ice syndrome".[13]

Zwei unter besonderer internationaler Anerkennung stehende Schutzgebietsformen sind die UNESCO-Welterbestätten und Biosphärenreservate.[14] Aufgabe der Welterbestätten ist es, das herausragende universelle Natur- und Kulturerbe, dessen Zerstörung einen Verlust für die Menschheit darstellen würde, zu bewahren. Sie vereinen die "Kronjuwelen" des Natur- und Kulturerbes und weisen den höchsten internationalen Schutzstatus auf. Ein Gebiet kann sich als Naturerbe qualifizieren, wenn es beispielsweise über außergewöhnliche Naturerscheinungen verfügt oder von herausragender Bedeutung für die In-situ-Erhaltung der biologischen Vielfalt ist. Unter den 851 Objekten finden sich 166 Naturerbestätten sowie 25 gemeinsame Natur- und Kulturerbestätten. Prominente Stätten sind der Grand Canyon im Südwesten der USA, die Iguaçu-Wasserfälle im brasilianisch-argentinischen Grenzgebiet und die zu Ecuador gehörenden Galápagos-Inseln. Ziel der Ausweisung von UNESCO-Biosphärenreservaten dagegen sind repräsentative oder typische Ökosysteme, gewissermaßen also die "Normallandschaft". Sie dienen dem Naturschutz, der Forschung und der Erprobung nachhaltiger Wirtschaftsweisen; menschliche Nutzung ist in ungleich höherem Maße zugelassen bzw. erwünscht als in den Weltnaturerbestätten. Unter den 529 Biosphärenreservaten befinden sich z.B. der südöstlich Berlins gelegene Spreewald, die Everglades im US-Bundesstaat Florida und das Serengeti-Ngorongoro-Gebiet in Tansania.

Planung von Schutzgebieten

Unter den heutigen Schutzgebieten sind die wenigsten durch strategische Naturschutzplanung auf nationaler oder gar internationaler Ebene entstanden. Oft führten bestimmte politische Umstände zu ihrer Ausweisung (so z.B. im Fall der ostdeutschen Großschutzgebiete, die 1990 in der letzten Sitzung des DDR-Ministerrats unter vorläufigen Schutz gestellt wurden), oder es wurden besonders schöne oder markante Landschaften unter Schutz gestellt. Vielfach begründete man die Einrichtung von Reservaten auch mit dem Schutz besonders charismatischer Tierarten, etwa der bekannten "big five" (Löwe, Afrikanischer Elefant, Leopard, Breitmaulnashorn, Afrikanischer Büffel) im südlichen Afrika. Angesichts begrenzter Flächen und finanzieller Ressourcen ergibt sich jedoch die Notwendigkeit nach einer möglichst effizienten Auswahl und Gestaltung von Schutzgebieten. So wird mit dem Konzept der "biodiversity hotspots" versucht, Naturschutzmaßnahmen auf diejenigen Gegenden zu fokussieren, in denen eine möglichst große Artenzahl zu möglichst geringen Kosten erhalten werden kann. In einer wegweisenden Studie wurden 25 Brennpunkte identifiziert, die insgesamt nur 1,4 Prozent der globalen Landoberfläche einnehmen, auf denen sich jedoch u.a. 44 Prozent aller Pflanzen- und 35 Prozent aller Wirbeltierarten konzentrieren.[15] Ganz überwiegend liegen die "hotspots" (z.B. die tropischen Anden, die Westafrikanischen Wälder und Madagaskar) im Bereich der tropischen Regenwälder.

Die Konzentration aller Schutzbemühungen auf die Tropen vernachlässigt aber andere Lebensräume, die zwar artenärmer sind, jedoch ebenfalls bedeutende Ökosystemleistungen bereitstellen und möglicherweise bessere sozioökonomische oder politische Rahmenbedingungen für ihren Schutz aufweisen.[16] Daher wird aktuell angestrebt, ein repräsentatives System von Schutzgebieten aufzubauen, das alle Lebensräume adäquat abdeckt. Viele internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen haben Karten zur globalen Priorisierung der Schutzbemühungen erarbeitet. Ein beispielhaftes Vorhaben ist das Projekt "Global 200 Ecoregions" der Umweltorganisation WWF International.[17]

Die 238 erfassten Ökoregionen sollen alle natürlichen Lebensräume repräsentieren, durch eine ausreichende Größe ökologische und evolutionäre Prozesse erhalten, langfristig überlebensfähige Tier- und Pflanzenpopulationen beherbergen und auch großflächige und langfristige Störungen und Umweltveränderungen abpuffern können. Mittlerweile existieren komplexe mathematische Modelle, die auf der Basis einer Vielzahl von biologischen, aber auch sozioökonomischen Parametern Kosten und Nutzen konkreter Schutzbemühungen gegenüberstellen und so aufzeigen, wo, wann und auf welche Weise Investitionen in Schutzgebiete den effizientesten Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten können.[18]


[9] IUCN, World Commission on Protected Areas, in: www.iucn.org/themes/wcpa (27. 11. 2007).
[10] Vgl. UNEP World Conservation Monitoring Centre, World Database on Protected Areas, in: www.unep-wcmc.org/wdpa (26. 11. 2007).
[11] Vgl. Hugh P. Possingham et al., Protected Areas-Goals, Limitations, and Design, in: Martha J. Groom/Gary K. Meffe/C. Ronald Carroll (eds.), Principles of Conservation Biology, Sunderland 2006.
[12] Vgl. UNEP World Conservation Monitoring Centre (Anm. 10).
[13] John Terborgh, Requiem for Nature, Washington, D. C. 1999, S. 97.
[14] Vgl. United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, in: www.unesco.org/mab, www.unesco.org/whc (26. 11. 2007).
[15] Vgl. Norman Myers et al., Biodiversity hotspots for conservation priorities, in: Nature, 403 (2000) 6772, S. 853 - 858.
[16] Vgl. Peter Kareiva/Michelle Marvier, Conserving biodiversity coldspots, in: American Scientist, 91 (2003) 4, S. 344 - 351.
[17] Vgl. David M. Olson et al., Terrestrial ecoregions of the world: A new map of life on earth, in: BioScience, 51 (2001) 11, S. 933 - 938.
[18] Vgl. Kerrie A. Wilson et al., Prioritizing global conservation efforts, in: Nature, 440 (2005) 7062, S. 337 - 340.


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