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Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.4.2008 | Von:
Tobias Plieninger, Oliver Bens

Biologische Vielfalt und globale Schutzgebietsnetze

Konflikte und Chancen

Die bemerkenswerte Anzahl und Fläche der weltweiten Schutzgebiete verschleiern, dass deren tatsächliche Beiträge zum Naturschutz oft wesentlich bescheidener sind, wenn die Gebiete nicht effektiv betrieben und Schutzvorschriften in der Praxis nicht durchgesetzt werden. Aus Sicht der Naturschutzbiologie ist die Ursache der meisten Probleme von Schutzgebieten deren zu geringe Größe. Dies liegt daran, dass die Resilienz, d.h. die Belastbarkeit von Ökosystemen, ganz wesentlich vom Vorkommen von Prädatoren an der Spitze der Nahrungspyramiden (etwa großen Greifvögeln oder Raubtieren) abhängt. Diese haben in der Regel sehr große territoriale Ansprüche - ein Jaguar benötigt z.B. ein Revier von rund 2 500 Hektar. Um die Anzahl von Individuen zu bestimmen, die zur langfristigen Erhaltung einer Population erforderlich sind, wurde das Konzept der "kleinsten überlebensfähigen Population" entwickelt. Als Faustzahl werden für Prädatoren häufig 300 fortpflanzungsfähige weibliche Individuen genannt. Ein Schutzgebiet, das eine stabile Jaguarpopulation erhalten soll, muss demzufolge mindestens 750 000 Hektar Land umfassen.[19] Die daraus folgenden gewaltigen Flächenansprüche lassen erahnen, wie häufig Schutzgebiete von Flächennutzungskonflikten geprägt sind. Auch fällt die Bilanz der weltweiten Schutzgebiete unter dieser Prämisse deutlich bescheidener aus: 33 Prozent der 117 Naturschutzgebiete des Amazonasbeckens waren 1995 kleiner als 100 000 Hektar, 51 Prozent lagen zwischen 100 000 und 1 Million Hektar, und nur 15 Prozent der Gebiete waren größer als 1 Million Hektar.[20]

Die Probleme liegen aber nicht nur in der fehlenden Größe von Schutzgebieten, sondern auch im Management der Reservate selbst. Insbesondere in den Tropen gelten viele Schutzgebiete als so genannte "paper parks", also als Reservate, die mehr oder weniger nur auf dem Papier existieren. So war 1998 bei 47 von 87 staatlichen Schutzgebieten Brasiliens auf die rechtliche Verankerung keine praktische Umsetzung gefolgt. Weitere 32 Gebiete waren allenfalls minimal implementiert, und nur sieben Schutzgebiete wiesen tatsächlich geklärte Eigentumsverhältnisse, eine Abgrenzung im Gelände, Managementpläne, funktionierende Gebietsüberwachung, ein angemessenes Budget, Personalstellen und Ausstattung sowie eine entsprechende Infrastruktur auf.[21] In der Folge ist der Schutzstatus vieler Schutzgebiete sehr schwach, und ihre Ökosysteme sind oft durch illegalen Straßenbau, Siedlungen, Wilderei, Holzeinschlag oder Beweidung stark beeinträchtigt. Beispielsweise führte die lokale demographische und ökonomische Entwicklung seit 1975 zu einer starken Fragmentierung und einer Verschlechterung von Lebensräumen im südwestchinesischen Wolong Nature Reserve, das für die Erhaltung des Großen Panda von zentraler Bedeutung ist.[22] Die Schutzgebiete in den Regenwäldern West- und Zentralafrikas werden insbesondere durch die illegale Jagd auf Wildtiere wie Elefanten, Primaten oder waldbewohnende Antilopen beeinträchtigt.[23]

Folge dieser so genannten "bushmeat crisis" sind von großen Säugetieren, Reptilien und Vögeln entleerte Wälder.[24] Weitere Einflüsse, die Schutzgebiete beeinträchtigen, sind überregionaler und globaler Natur, etwa die Auswirkungen von Klimawandel, Luft- und Wasserverunreinigung, Urbanisierung oder des Bevölkerungswachstums. Viele der Schutzgebiete, die eine besonders hohe Biodiversität aufweisen, liegen in Ländern, in denen bewaffnete Konflikte verbreitet sind, etwa in Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo oder Sri Lanka. Vielfach haben kriegerische Auseinandersetzungen einen effektiven Naturschutz zunichte gemacht und zu Entwaldung, Habitatvernichtung, Erosion und Wilderei geschützter Arten geführt.[25] Doch trotz dieser vielfachen Belastungen konnten viele Gebiete ihre Schutzziele überraschend gut erreichen. So wies eine Studie nach, dass selbst unterfinanzierte Schutzgebiete Ökosysteme und Arten effektiv schützen und insbesondere die Rodung von Primärwäldern aufhalten können.[26]

Eine für die Schutzgebiete positive Entwicklung ist, dass die von ihnen erbrachten Ökosystemleistungen zunehmend von der Gesellschaft wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Diese Leistungen können z.B. in der Speicherung von CO2; in Böden und Vegetation, der Verringerung von Bodenerosion, im Hochwasserschutz oder in der Grundwasserneubildung bestehen. Vereinzelt gelingt es auch, diese Umweltleistungen durch neuartige Zahlungsmechanismen in Wert zu setzen. Ein Beispiel hierfür ist das mexikanische Biosphärenreservat Sierra Gorda. Landeigentümer, die auf Waldrodung und Weidewirtschaft verzichten, erhalten jährliche Zahlungen, da die Bewahrung der ursprünglichen Wälder unmittelbar der Trinkwasserversorgung zugute kommt.[27] Weltweit zielen innovative Ansätze im Schutzgebietsmanagement darauf ab, Konflikte mit den Interessen der örtlichen Bevölkerung durch deren Beteiligung an der Schutzgebietsverwaltung, aber auch an möglichen Erlösen aus den Schutzgebieten zu mildern, etwa in Form von "community-based conservation area management".[28] Vielfach wurden Verantwortlichkeiten dezentralisiert und insbesondere die Belange indigener Völker in das Parkmanagement integriert.

Ein weiterer Trend ist, den privaten Sektor in die Bemühungen zum Aufbau von Schutzgebieten einzubeziehen. Insbesondere im südlichen Afrika und in Lateinamerika werden zahlreiche Schutzgebiete in privater Regie betrieben.[29] Diese arbeiten meist profitorientiert (Gewinne werden u.a. durch Ökotourismus erwirtschaftet), doch haben sie sich auch ehrgeizige Naturschutzziele gesteckt. Auch wenn private Schutzgebiete nicht immer rechtsverbindlichen Schutzstatus haben, leisten sie in vielen Gegenden wertvolle Naturschutzbeiträge, indem sie gefährdete Tier- und Pflanzenarten beherbergen, schädliche Einwirkungen auf angrenzende staatliche Schutzgebiete abpuffern und das "Naturkapital" von Schutzgebieten in Wert setzen und daraus Einkommen generieren. Private Schutzgebiete entstehen auch durch die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen. So hat die amerikanische Umweltorganisation "The Nature Conservancy", bislang 69 000 Quadratkilometer in den USA und über 473 000 Quadratkilometer im Ausland unter Schutz gestellt - häufig in Form von "public-private-partnerships". Auch in Deutschland gewinnen private Schutzgebiete an Bedeutung, u.a. durch die Aktivitäten der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und der Heinz-Sielmann-Stiftung, die in der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaft große Flächen der natürlichen Entwicklung überlassen.

Eine weitere Entwicklung im Schutzgebietsmanagement ist eine verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit. So bildet etwa der deutsche Nationalpark Unteres Odertal eine gemeinsame Einheit mit dem polnischen Landschaftsschutzpark Unteres Odertal, und der Nationalpark Bayerischer Wald grenzt an den tschechischen Nationalpark Sumava. Zunehmend wird eine solche Kooperation in Form von "grenzüberschreitenden Schutzgebieten" formalisiert. Diese ermöglichen Naturschutz, nachhaltige Nutzung und internationale Zusammenarbeit gleichermaßen und können in bestimmten Regionen auch zur Friedenserhaltung und -sicherung beitragen. Auch können sie die effektive Größe von Schutzgebieten erhöhen und die durch Grenzziehungen unterbrochene Durchgängigkeit der Migrationsrouten von Wildtieren wieder herstellen. Eine Studie zählte im Jahr 1997 382 grenzüberschreitende Schutzgebiete mit einer Fläche von 1 127 934 Quadratkilometer und 98 beteiligten Ländern.[30]

Aufbau von Schutzgebietsnetzen

Da zahlreiche Schutzgebiete nicht die Größe aufweisen, die zum langfristigen Überleben aller beherbergten Tier- und Pflanzenpopulationen erforderlich ist, gibt es Bestrebungen, die Gebiete zu Systemen oder Netzwerken zusammenzuführen. Als weltweit vorbildlich gilt dabei das Schutzgebietssystem Costa Ricas, in dem auf mittlerweile über 25 Prozent der Landesfläche 160 großflächige Schutzgebiete eingerichtet wurden. Bei der Planung des Systems aus streng geschützten Gebieten und Gebieten mit schonender Nutzung wurde neben der Repräsentativität aller Lebensräume des Landes besonders auf die Vernetzung der Schutzgebiete geachtet.[31] Darüber hinaus sollen die Schutzgebiete von sieben mittelamerikanischen Ländern zu einem noch großflächigeren Schutzgebietskorridor, dem "Meso-American Biological Corridor" verbunden werden, der vom Tikal-Nationalpark in Guatemala bis zum Darién-Nationalpark Panamas verläuft.[32]

Mit der Unterzeichnung der UN-Biodiversitätskonvention haben sich die Vertragsstaaten verpflichtet, die bestehenden Schutzgebiete zu einem weltweiten Netzwerk weiterzuentwickeln. Ein solches System umfasst Kernzonen bestimmter Habitattypen, Pufferzonen sowie durchlässige Korridore und Trittsteine, die den Austausch von Tier- und Pflanzenpopulationen erlauben. Nach Artikel 8 der Konvention soll dieses weltumspannende Netzwerk gemeinsam mit anderen Maßnahmen Ökosysteme, natürliche Lebensräume, überlebensfähige Populationen und auch domestizierte bzw. kultivierte Arten an ihren Ursprungsorten erhalten.[33] Konkretisiert wurde der Aufbau des Netzwerks in einem Arbeitsprogramm "Schutzgebiete", das im Rahmen der 7. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention 2004 in Kuala Lumpur verabschiedet wurde. Es sieht den Aufbau effektiv gemanagter und ökologisch repräsentativer nationaler und regionaler Schutzgebietssysteme vor. Bis 2010 soll ein globales Netz von Schutzgebieten an Land und bis 2012 auf See errichtet werden. Dieses Netzwerk soll einen Verbund von Gebieten unterschiedlicher Schutz- und Nutzungskategorien darstellen und insbesondere auch die nachhaltige Nutzung durch lokale und indigene Bevölkerung ermöglichen. Die Umsetzung des Arbeitsprogramms wird von den Geberländern der Konvention aktiv mit finanziellen Mitteln unterstützt. Das deutsche Bundesministerium für Umwelt befürchtet jedoch, dass die Umsetzung des Arbeitsprogramms hinter den gesteckten Zielen zurückbleiben wird.[34] Das weitere Vorgehen hinsichtlich des Schutzgebietsprogramms wird einer der inhaltlichen Schwerpunkte der 9. Vertragsstaatenkonferenz im Mai 2008 in Bonn sein.


[19] Vgl. John Terborgh, Requiem for Nature, Washington, D. C. 1999, S. 62.
[20] Vgl. Carlos A. Peres/John W. Terborgh, Amazonian nature reserves: An analysis of the defensibility status of existing conservation units and design criteria for the future, in: Conservation Biology, 9 (1995), S. 34 - 46.
[21] Vgl. Marc Hockings/Sue Stolton/Nigel Dudley, Evaluating Effectiveness: A Framework for Assessing the Management of Protected Areas, Gland-Cambridge 2000, S. 93 - 97.
[22] Vgl. Jianguo Liu et al., Ecological degradation in protected areas: the case of Wolong Nature Reserve for Giant Pandas, in: Science, 292 (2001) 5514, S. 98 - 101.
[23] Vgl. Richard F. W. Barnes, The bushmeat boom and bust in West and Central Africa, in: Oryx, 36 (2002) 3, S. 236 - 242.
[24] Kent H. Redford, The empty forest, in: BioScience, 42 (1992) 6, S. 412 - 422.
[25] Vgl. Jeffrey A. McNeely, Conserving forest biodiversity in times of violent conflict, in: Oryx, 37 (2003) 2, S. 142 - 152.
[26] Vgl. Aaron G. Brunner et al., Effectiveness of parks in protecting tropical biodiversity, in: Science, 291 (2001) 5501, S. 125 - 128.
[27] Vgl. Katherine Ellison/Amanda Hawn, Liquid assets, in: Conservation in Practice, 6 (2005) 2, S. 20 - 27.
[28] Louise E. Buck et al., Biological Diversity: Balancing Interests Through Adaptive Collaborative Management, Boca Raton 2001.
[29] Vgl. Jeff Langholz, Economics, objectives, and success of private nature reserves in Sub-Saharan Africa and Latin America, in: Conservation Biology, 1 (1996) 10, S. 271 - 280.
[30] Vgl. Dorothy Calhoun Zbicz, Transboundary Cooperation in Conservation: A Global Survey of Factors Influencing Cooperation between Internationally Adjoining Protected Areas, Dissertation, Duke University, Durham 1999.
[31] Vgl. Mario A. Boza, Conservation in action: Past, present, and future of the National Park System of Costa Rica, in: Conservation Biology, 7 (1993) 2, S. 239 - 247.
[32] Vgl. United Nations Development Program/Global Environmental Facility, Establishment of a Programme for the Consolidation of the Mesoamerican Biological Corridor, in: www.biomeso.net/GrafDocto/PROD OC-CBMINGLES.pdf (27. 11. 2007).
[33] Vgl. Convention on Biological Diversity (Anm. 8).
[34] Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Hintergrundpapier 8. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt in Curitiba, Brasilien, in: www.bmu.de/files/naturschutz/ uebereinkommen_ ueber_die_biologische_vielfalt/ 8_vertragsstaaten konferenz/application/pdf/hintergrundpapier_ curitiba.pdf (27. 11. 2007).


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