Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.4.2008 | Von:
Detlef Virchow

Die Erhaltung der Agrobiodiversität

Durch Züchtung und Selektion haben Landwirte und Viehzüchter in der Vergangenheit unzählige Kulturpflanzen und Haustierrassen hervorgebracht. Doch zunehmend ersetzen sie diese durch wenige neue "Hochertragssorten".

Einleitung

Seit dem Beginn der menschlichen Viehhaltung und ackerbaulichen Tätigkeiten haben Landwirte und Viehhalter Kulturarten und -sorten durch Selektion und züchterische Aktivitäten entwickelt sowie Haustierrassen domestiziert und weitergezüchtet.
Die Technologisierung der Landwirtschaft bedroht die biologische Vielfalt. Foto: APDie Technologisierung der Landwirtschaft bedroht die biologische Vielfalt. Foto: AP
Somit ist in den vergangenen 12 000 Jahren ein breites Fundament an Kulturpflanzen sowie Haustierrassen entstanden, die alle an bestimmte Umwelt- und Betriebsbedingungen angepasst sind. Diese Vielfalt in der Landwirtschaft wird im Allgemeinen als Agrobiodiversität bezeichnet. Agrobiodiversität umfasst alle Bestandteile der biologischen Vielfalt, die von Bedeutung für die Ernährung und Landwirtschaft sind sowie zur Erhaltung der Schlüsselfunktionen von Agrarökosystemen beitragen. Neben den Nutzpflanzen und -tieren sind es ihre wilden Verwandten und alle Organismen, die ökologische Leistungen für die Landwirtschaft erbringen.[1]


Verlust der Agrobiodiversität

Die Modernisierung der Landwirtschaft seit dem letzten Jahrhundert führte zu einer Züchtung, die nach den modernsten Methoden bis heute Kulturpflanzen sowie Haustierrassen mit Blick auf höhere Produktivität, Toleranzen gegen abiotische und Resistenzen gegen biotische Stressfaktoren, erhöhten Nährstoffreichtum und konsumerorientierte Eigenschaften züchtet. Dieses führte einerseits zu einer weiteren Entfaltung der Agrobiodiversität; durch die gezielte Züchtung sowie durch den generellen technischen Fortschritt in der Landwirtschaft ersetzten die Landwirte andererseits immer mehr unterschiedliche traditionelle Sorten durch immer weniger neue "Hochertragssorten".[2] Dies führte zu einer Verengung des Genpools von Nutzpflanzen sowie -tieren. So dominieren beispielsweise in Indien zehn Reissorten 75 Prozent des Reisanbaugebietes, in welchem früher bis zu 30 000 verschiedene Reissorten angebaut wurden.[3] In den ökologisch und ökonomisch marginalisierten Standorten Indiens werden jedoch immer noch über 16 000 Reissorten angebaut.[4]

Dieses trifft im selben Maße für die Diversität unter den Haustierrassen zu. Von den 7 616 identifizierten domestizierten Nutztierrassen gelten 20 Prozent als vom Aussterben bedroht, und im Laufe der vergangenen sechs Jahre sind 62 Rassen ausgestorben.[5] Dabei verzeichnet Europa den höchsten Prozentsatz von Rassen, die ausgestorben oder bedroht sind (55 Prozent der Säugetiere und 69 Prozent der Geflügelrassen).

Neben den individuellen Entscheidungen auf landwirtschaftlicher Betriebsebene, der Marktentwicklung und den politischen und institutionellen Weichenstellungen werden die genetischen Ressourcen für die Ernährung und Landwirtschaft (GREL) durch Naturkatastrophen, Kriege und Bürgerkriege bedroht, in denen die Ernte einer Region (und damit auch das Saatgut für die nächste Anbausaison) zerstört werden kann und damit die spezifischen genetischen Ressourcen einer Region ausgelöscht werden können.[6] Falls traditionelle Nutztier- und -pflanzenarten nicht mehr genutzt werden, gerät das Wissen über die spezifischen Anbau- und Haltungsmethoden in Vergessenheit, und so geht nicht nur das genetische Material, sondern auch das traditionelle Wissen verloren.

Rechtfertigung von Agrobiodiversität

Dieser Verengungstendenz von Agrobiodiversität wird auf den unterschiedlichsten Ebenen entgegengesteuert:von kleinen, ehrenamtlich engagierten und konkret vor Ort agierenden Gruppen bis zu den relevanten politischen Verantwortlichen auf nationaler und internationaler Ebene. Der politische Wille, pflanzengenetische Ressourcen für die Ernährung und Landwirtschaft (PGREL) zu erhalten und ihre Nutzung zu fördern, wurde in der Deklaration von Leipzig während der 4. Internationalen Technischen Konferenz über pflanzengenetische Ressourcen 1996 dokumentiert.[7] Der institutionelle Prozess für die nachhaltige Erhaltung und Nutzung der Haustierrassen hat erst viel später begonnen, aber folgt in der Struktur dem pflanzengenetischen Prozess.

Grundsätzlich kann man die Bedeutung der Agrobiodiversität anhand unterschiedlicher Werte für Individuen, spezifische Interessensgruppen und der Staaten- und Weltgemeinschaft definieren. Der direkte Nutzwert ergibt sich aus dem Nutzen, der durch die Erhaltung von GREL für die Zucht erzielt werden kann. Dieser Zuchtwert ist sowohl durch die steigende Nachfrage seitens der konventionellen Zucht als auch der biotechnologischen Industrie verstärkt in den Blickpunkt gerückt.[8]

Neben dem Zuchtwert gibt es weiterhin den allgemeinen Produktionsnutzwert. Vor allem Kleinbauern in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die nur beschränkt in den Markt für landwirtschaftliche Betriebsmittel und Produkte eingebunden sind und die zum Teil unter extrem knapper Verfügbarkeit an Ressourcen (Kapital, Boden, Wasser) produzieren und leben müssen, sind sehr auf die Vielfalt der GREL angewiesen. Durch den Anbau von unterschiedlichsten traditionellen, an den Standort angepassten Sorten und die Haltung dementsprechender Haustierrassen, die in der Regel weniger Betriebsmittel benötigen (z.B. Dünger, Schutzmittel gegen Krankheiten und Schädlinge), können diese Produzenten das Produktionsrisiko minimieren und besonders bei extremen klimatischen Bedingungen die Produktion und das Überleben sichern.

Der allgemeine Produktionsnutzwert geht fließend in den Versicherungswert von Agrobiodiversität über. Dieser leitet sich ab aus der Wertschätzung von Agrobiodiversität einerseits zur Risikovermeidung auf Betriebsebene (Witterungs- und damit einhergehende Ernteschwankungen, unvorhersehbare Ereignisse) und andererseits für zukünftige Nutzung der GREL in der Zucht und anderen Bereichen.

Der Vermächtniswert als einer der beiden "nicht-nutzbaren" Werte von Agrobiodiversität stellt den potentiellen (nicht immer bekannten) Nutzen der GREL für zukünftige Generationen dar. Durch die Erhaltung des größtmöglichen Genpools für zukünftige Generationen soll diesen die Möglichkeit gegeben werden, Kulturpflanzen und Haustierrassen nach zukünftiger Nachfrage zu entwickeln und an - noch nicht abzusehende - sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen.

Der ethische Wert von Agrobiodiversität ergibt sich letztendlich aus dem Wert für die Erhaltung genetischer Ressourcen an sich. Dieser Existenzwert gibt die Wertschätzung für Agrobiodiversität für Individuen oder spezifische Gruppen an, denen die Existenz einer Tierrasse oder einer Kultursorte bzw. -art an sich wertvoll ist, ohne einen direkten Nutzen mit dieser Sorte bzw. Rasse verbinden zu wollen oder zu können.[9]


[1] Vgl. GTZ, Agrobiodiversität: Genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft. Themenblätter BIODIV, Eschborn 2001.
[2] Food and Agriculture Organization (FAO), The state of the world's plant genetic resources for food and agriculture, FAO, Rome 1998.
[3] Vgl. FAO, Harvesting Nature's Diversity, FAO, Rome 1993.
[4] Vgl. ICR (Indian Country Report), Country Report on Status of Plant Genetic Resources India, Submitted to FAO in the preparatory process for the International Technical Conference on Plant Genetic Resources, New Delhi 1995.
[5] Vgl. FAO, The State ot the World's Animal Genetic Resources for Food and Agriculture, Barbara Rischkowsky/Dafydd Pilling (eds.), Rome 2007.
[6] Vgl. Detlef Virchow, Conservation of Genetic Resources: Costs and Implications for a Sustainable Utilization of Plant Genetic Resources for Food and Agriculture, Berlin-Heidelberg 1999.
[7] Vgl. FAO (Anm. 2).
[8] Vgl. Matin Qaim/Detlef Virchow, The Role of Biotechnology for Global Food Security, in: Agrarwirtschaft, 49 (2000) 9/10, S. 348 - 356.
[9] Vgl. Detlef Virchow (ed.), Efficient Conservation of Crop Genetic Diversity: Theoretical Approaches and Empirical Studies, Berlin-Heidelberg 2003.


einfach POLITIK: aktuell

Fahrverbote für Diesel

Die Abgase von vielen Diesel-Autos sind noch viel schmutziger,
als man bisher gedacht hat.
In Hamburg gibt es deshalb Fahrverbote für ältere Diesel-Autos.
Vielleicht bald auch in anderen Städten.

Mehr lesen

Dossier

Klimawandel

Globale Erwärmung und Klimawandel: diese beiden Worte sind in aller Munde. Wie konnte es überhaupt zum Klimawandel kommen? Und reichen die Bemühungen im Kampf gegen die globale Erwärmung aus?

Mehr lesen

Dossier

Bioethik

Wann beginnt das Leben? Was genau ist die Würde des Menschen? Gibt es ein Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende? Und welchen moralischen Status haben Tiere? Die Bioethik setzt sich mit grundsätzlichen Fragen des Seins auseinander. Sie liefert Antworten für die politischen Entscheidungen der Gegenwart. Aber wirft auch neue Fragen und Probleme auf.

Mehr lesen

Spezial

"Plastic Planet"

"Nach der Stein-, der Bronze- und der Eisenzeit haben wir jetzt die Plastikzeit" - mit diesem Zitat beginnt eine Reise des österreichischen Regisseurs Werner Boote von den 1960er-Jahren, als Plastik immer mehr verbreitet wurde, bis in die heutige Zeit. Heute sind wir von Plastik umgeben.

Mehr lesen