Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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Natur – Landschaft – Wildnis


9.3.2012
Natur, Landschaft und Wildnis haben für uns vor allem positive Bedeutungen. Weshalb ist das so? Warum sehnen sich viele Menschen nach Natur? Warum schützen wir sie? Was ist der Unterschied zwischen Natur, Landschaft und Wildnis?

Landschaft bezeichnet eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend.Landschaft bezeichnet eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend. (© bungo/Photocase)

Auf der Suche nach Antworten sollte man festhalten: Erstens: Bewertungen von Naturphänomenen sind kulturell geprägt. Sie sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich und unterliegen einem kulturgeschichtlichen Wandel. Beispielsweise sah man in der christlichen Kultur in Gebirgen Jahrhunderte lang eine schreckliche Wildnis; um 1600 begann man, sie als Ausdruck göttlicher Erhabenheit zu deuten und ehrfürchtig zu betrachten; heutzutage dominieren andere Motive als Gottesfurcht, wenn uns Gebirge faszinieren (s.u.). Zweitens: Naturschutz ist ein modernes, erst um 1900 entstandenes Phänomen. Anlass für seine Entstehung war nicht eine ökologische Krise, sondern die (heute noch verbreitete) Kritik daran, dass infolge von Kapitalismus, Industrialisierung und Verstädterung regionale Unterschiede in Sitten und Gebräuchen verschwanden und die Menschen ’entwurzelt’ wurden. Deshalb wollte man traditionelle Kulturlandschaften in ihrer regionalen Eigenart und als Heimat vor der Zerstörung durch industrialisierte Landnutzung schützen.

Heutzutage schützen wir Natur insbesondere aus zweierlei Gründen: zweckrationale Gründe beziehen sich auf ihre Nutzbarkeit (s.u.), emotionale auf die ästhetischen Qualitäten und symbolischen Bedeutungen, die sie in unserer Kultur als Landschaft oder Wildnis hat (s.u.). Ethische Gründe sind demgegenüber nachrangig: Sie liefern keine genügend präzisen Kriterien dafür, welche Natur geschützt werden soll. Zudem sind sie, außer der Forderung nach Verantwortung für leidensfähige Lebewesen (Pathozentrismus), wohl nicht schlüssig.

Ziele für den Naturschutz werden aufgrund gesellschaftlicher Interessen und kultureller Werte festgelegt. Die Naturwissenschaften liefern Wissen, wie man diese Ziele erreichen kann, wie man z. B. das Überleben einer bestimmten Art sichern oder die Klimaerwärmung auf einen bestimmten Wert begrenzen kann. Sie klären auch auf über die Folgen von Umweltveränderungen, z.B. wie sich der Klimawandel auf die Vegetation auswirkt. Sie können so konkrete Naturschutzziele mit rationalen Argumenten stützen. Sie können aber nicht darüber entscheiden, welche Ziele wir verfolgen wollen.

Natur als nützlicher Gegenstand: Ressource und Ökosystem



Baruth (Brandenburg): Etwa 15.000 Festmeter Holz lagern auf dem Holzplatz des Sägewerkes Baruth - eine Menge, die in knapp einem halben Monat verarbeitet wird. Die Klenk GmbH Oberrot (Baden-Württemberg), größtes Säge-Unternehmen der Bundesrepublik, hat seit der Übernahme des Werkes Baruth vor etwa drei Jahren 116 Millionen Mark in die Kapazitätserweiterung investiert. 244 Beschäftigte produzieren auf dem 40 Hekter großen Areal pro Jahr 700.000 Kubikmeter Nutzholz. In Zukunft soll sich die Verarbeitungskapazität auf jährlich eine Million Kubikmeter belaufen. (PDM22-170699)Das Werksgelände einer Sägerei in Baruth (Brandenburg). (© picture-alliance / ZB )

Wenn wir Natur aufgrund ihrer Nutzbarkeit wertschätzen, nehmen wir eine zweckrationale Perspektive ein. Natur hat dann ausschließlich instrumentellen Wert, d.h. sie ist Mittel zu einem von uns gesetzten Zweck, wie z.B. Wälder als Holzquelle für die Möbelindustrie. Sie dient uns vor allem durch sogenannte Produktions- und Regulationsfunktionen, die uns ein gesundes, sicheres und angenehmes Leben ermöglichen. Ökologische Prozesse produzieren erneuerbare Ressourcen wie Sauerstoff (durch Photosynthese), Trinkwasser (durch Schadstoffabbau), Nahrungsmittel und nachwachsende Rohstoffe (durch Wachstum). Evolutionäre Prozesse erzeugen Biodiversität, die uns als Ressource dient z.B. für Züchtung und Gentechnologie (Arten, Gene), Pharmazie (Wirkstoffe) und Bionik ('Erfindungen' der Natur als Vorbild technischer Produkte). Natürliche Prozesse regulieren, wenn sie bestimmte Umweltbedingungen in für uns günstiger Weise konstant halten (Selbstreinigung von Gewässern, Kontrolle von Schädlingspopulationen durch natürliche Feinde usw.).

Der Lotus-Effekt ist eine "Erfindung" der Natur, die als Vorbild technischer Produkte dient.Der Lotus-Effekt ist eine "Erfindung" der Natur, die als Vorbild technischer Produkte dient. (© Mikromaus/Photocase)

Natur- und Umweltschutz sollen in zweckrationaler Perspektive dafür sorgen, dass die natürlichen Produktions- und Regulationsfunktionen erhalten bleiben. Dazu betrachtet man Naturausschnitte oft als Ökosysteme, d.h. als Wirkungsgefüge aus verschiedenen Organismen und deren unbelebter Umwelt, die Ökosystemdienstleistungen erbringen. Artenschutz betreibt man in zweckrationaler Perspektive, weil jede Art eine potenzielle Ressource ist. Ob die Stabilität von Ökosystemen mit der Artenzahl zunimmt, ist umstritten.

Natur als ästhetisch-symbolischer Gegenstand: Landschaft und Wildnis



Im Naturschutz dominieren seit einigen Jahrzehnten zweckrationale Argumente, die durch Verweis auf tatsächliche oder vermeintliche ökologische Sachzwänge gestützt werden. Alltagsweltlich ist Natur jedoch vor allem Gegenstand und Ort emotionaler Erfahrungen. Sie hat sogenannten eudaimonistischen Wert, weil sie aufgrund ihrer ästhetischen Qualitäten und symbolischen Bedeutungen mit der Idee eines guten, sinnerfüllten Lebens verknüpft ist. Voraussetzung für diese alltagsweltliche Perspektive ist, dass wir nicht mehr – naturabhängig – in einer ländlich-bäuerlichen, sondern – distanziert von Natur – in einer städtisch-industriellen, hoch technisierten Gesellschaft leben.

Der eudaimonistische Wert von Natur ergibt sich, anders als ihr instrumenteller Wert, nicht aus physischen Eigenschaften von Naturphänomenen. Somit ist er auch nicht aus naturwissenschaftlich-ökologisch beschreibbaren Eigenschaften ableitbar (so wie sich der künstlerische Wert eines Gemäldes nicht aus den chemischen Eigenschaften der verwendeten Farben ableiten lässt). Vielmehr weisen wir der Natur diesen Wert zu, und zwar im Rahmen von kulturell geprägten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Deshalb kann dasselbe physische Stück Natur unterschiedlich, ja gegensätzlich wahrgenommen, gedeutet und bewertet werden. Unsere emotionalen Naturerfahrungen sind zwar stets subjektiv-individuell, bewegen sich aber immer im Rahmen kulturell geprägter, intersubjektiver Muster, sodass man über sie diskutieren kann.

"Landschaft" und "Wildnis" sind das Resultat zweier solcher Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Das heißt, wenn wir von Landschaft oder Wildnis sprechen, so sprechen wir nicht über einen Gegenstand von der Art eines Ackers oder Wassereinzugsgebietes, nicht über einen naturwissenschaftlich beschreibbaren Zustand von Natur und auch nicht über Ökosysteme.

Landschaft: ästhetische Ganzheit und Utopie harmonischer Mensch-Natur-Einheit



Erst in der Neuzeit erhielt das Wort Landschaft eine ästhetische Bedeutung, die bis heute dominiert: "Landschaft" nannte man zunächst in der Fachsprache der Malerei die um 1500 entstandene zentralperspektivische Darstellung einer schönen Gegend als individuelle Ganzheit. Der Begriff ging später in die Umgangssprache ein und bezeichnete eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend. In dieser sieht ein empfindender Betrachter eine von der Natur allein (Naturlandschaft) oder von Natur und Menschenhand (Kulturlandschaft) geformte Gegend als harmonische, individuelle, konkrete Ganzheit.

Eine Landschaft ist mit einer Melodie vergleichbar: Beide existieren nur als mentale Vorstellung. Denn nur in unserer Vorstellung bilden die Einzelphänomene wie Töne bzw. Wald, Bach, Wiese eine sinnhafte Ganzheit. Die Ganzheit resultiert aus unserer ästhetischen Wahrnehmung. Heutzutage ist in unserer Kultur das Sehen von Landschaften eine (für Erwachsene) selbstverständliche, kulturell eingeübte Fähigkeit. Deshalb könnte man irrtümlich meinen, Landschaften seien von Natur aus gegebene Einheiten.

Landschaften zu sehen hat für uns große emotionale Bedeutung: Wir können uns so subjektiv-ästhetisch Ausschnitte der Welt als Ganzheit gegenwärtig halten, nachdem die seit der Antike gültige metaphysische Vorstellung von der Welt als göttliches Werk ihre Geltung verloren hat. Dabei setzt paradoxerweise das Sehen der landschaftlichen Einheit gerade die Versachlichung, Individualisierung und Distanzierung voraus, die es ästhetisch aufhebt: Nur, weil wir Natur naturwissenschaftlich in Einzelphänomene zergliedert analysieren und zur Ressource versachlicht haben und deshalb distanziert von ihr (städtisch) leben können, können wir sie ohne Nutzungsinteresse ästhetisch betrachten. Andernfalls sähen wir keine Landschaft, sondern nur ein Nebeneinander nutzbarer Einzelphänomene wie Wald (als Holzquelle), Bach (als Fischgrund) und Wiese (als Futterquelle). Nur, weil wir uns als freie, selbstbestimmte bürgerliche Individuen begreifen und nicht mehr als Menschen, die einen vorgegebenen Platz in der göttlichen Ordnung haben, können wir Ausschnitte der Erdoberfläche als individuelle Ganzheiten betrachten.



 

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