Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

9.3.2012 | Von:
Dr. Thomas Kirchhoff

Natur – Landschaft – Wildnis

Schafhirte mit Herde.Im Rahmen der Aufklärungs- und Zivilisationskritik deutete man (Kultur–)Landschaft nun als objektiv gegebene regionale Einheit von 'Land und Leuten'. (© Jenzig71/Photocase)

Erst im Zuge der Herausbildung des aufklärerischen Menschen- und Weltbildes wurde es möglich, Natur als Landschaft zu sehen. Im Rahmen der Aufklärungs- und Zivilisationskritik erfolgte aber eine Uminterpretation. Man deutete (Kultur–)Landschaft nun nicht mehr als subjektiv-ästhetische Ganzheit, sondern als objektiv gegebene regionale Einheit von 'Land und Leuten': Landschaft sei, wenn sie diesem Ideal nahekomme, das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, in dem die Menschen ihr Land entsprechend dessen natürlichen Bedingungen auf eine ihrem eigenen Charakter entsprechende Weise behutsam-einfühlsam nutzen und gestalten. So prägten sich Mensch und Natur wechselseitig. Das führe dazu, dass sie zusammen eine einzigartige Einheit bildeten, deren ästhetischer Ausdruck eine schöne Landschaft sei.

Seitdem symbolisiert in unserer Kultur Landschaft – insbesondere eine kleinteilige vorindustrielle Kulturlandschaft mit ihren charakteristischen Biotopen und heimischen Tier- und Pflanzenarten – die Utopie einer harmonischen, nachhaltigen Mensch-Natur-Einheit, die es gegen Globalisierung und Industrialisierung zu schützen gilt.

Diese Landschaftsauffassung bildete die Basis der klassischen, landschaftskundlichen Geographie. Auf ihr basieren noch diejenigen Schulen innerhalb der heutigen Geographie, die Landschaft systemtheoretisch als sogenanntes Landschaftsökosystem begreifen; dieses sei ein einheitliches materielles Wirkungsgefüge aus Ökosystemen (Natur) und sozioökonomischen Systemen (Gesellschaft), dessen physiognomischer Aspekt das Landschaftsbild sei. Diese Landschaftsauffassung legt man zugrunde, wenn man traditionelle Kulturlandschaften pauschal als ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig auffasst, wenn man landschaftliche Schönheit für den Ausdruck dieser (vermeintlichen) Nachhaltigkeit hält und wenn man in der Erhaltung der historisch entstandenen, landschaftsspezifischen Biodiversität aus heimischen Arten eine unabdingbare Voraussetzung für ökologische Nachhaltigkeit sieht. Mit solchen Auffassungen wird jedoch eine subjektiv-ästhetische Ganzheit (Landschaft) unberechtigt als objektive funktionale Ganzheit (organismusähnliches Ökosystem) interpretiert. Zudem wird das Landleben feudaler Zeiten dadurch idealisiert. Und man ignoriert, dass viele Kulturlandschaften, die für uns ästhetisch-symbolischen Wert haben, nicht das Resultat ökologisch nachhaltiger Nutzung sind – wofür die Lüneburger Heide, die durch Übernutzung von Wäldern entstanden ist, ein extremes Beispiel ist.

Wilseder Berg in der Lüneburger Heide.Wilseder Berg in der Lüneburger Heide. Lizenz: cc by/2.5/deed.de (Willow)

Damit ist nicht bestritten, dass moderne industrialisierte Landnutzung weniger nachhaltig sein kann als vormoderne bäuerliche. Es geht vielmehr darum, Folgendes deutlich zu manchen: Man kann weder von ästhetisch-symbolischen auf ökologisch-funktionale Qualitäten noch umgekehrt von diesen auf jene schließen. Das alles spricht auch nicht dagegen, traditionelle Kulturlandschaften erhalten zu wollen. Nur sollte sich die Argumentation dafür primär auf ihre ästhetisch-symbolischen Qualitäten beziehen. Argumentiert man hingegen pauschal mit der ökologischen Nachhaltigkeit schöner Landschaften, so läuft man Gefahr, ein Interesse an ästhetisch-symbolischen Qualitäten von Landschaften als ökologischen Sachzwang auszugeben. Damit gibt man das Interesse eines begrenzten Personenkreises als Allgemeininteresse aller aus.

Wildnis: symbolische Gegenwelt

Wildnis ist Natur immer dann, wenn wir sie als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung deuten und dabei ihre Unbeherrschtheit betonen. Das gesamte Mittelalter hindurch galt Wildnis, vor allem Waldwildnis, als Ort des Bösen, den man meiden sollte. Heutzutage hat sie vor allem positive Bedeutungen. Diese sind seit Beginn der Neuzeit entstanden und basieren alle auf folgender Denkfigur: Erstens: Man kritisiert etwas an der vom Menschen geschaffenen gesellschaftlichen Ordnung. Zweitens: Man deutet die seit der Neuzeit entstandene Trennung von Mensch und Natur als Entfremdung. So wird drittens Natur zum positiven ursprünglichen Anderen bzw. Ort der Abwesenheit dieser Ordnung und Trennung.

Welche spezielle Bedeutung Wildnis im Rahmen dieser Denkfigur erhält, hängt ab vom Menschenbild bzw. Gesellschaftsideal und den jeweils für sie charakteristischen Begriffen von Freiheit, Vernunft und Ordnung. Wildnis hat deshalb eine Vielzahl von Bedeutungen, die sich teilweise widersprechen.

Nicht die Tatsache, dass ein Gebiet frei von Einflüssen des Menschen ist, macht es zu einer Wildnis, sondern dass es als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung empfunden wird. Dafür genügt es, dass das Gebiet zumindest in einer für den Betrachter relevanten Hinsicht nicht vom Menschen gemacht ist. So erklärt es sich, dass für manche Betrachter z.B. die Spontanvegetation auf Stadtbrachen eine Wildnis ist und für andere z.B. ein unbeeinflusstes Gebiet bereits deshalb in seinem Wildnischarakter beeinträchtigt wird, weil es als Naturschutzgebiet beschildert wurde.

Spontanvegetation auf StadtbracheAuch Spontanvegetation auf Stadtbrachen kann als Wildnis wahrgenommen werden. (© Gabi Pott/Photocase)

In unserer Kultur dominieren heutzutage zwei positive Bedeutungen von Wildnis: Erstens: Wildnis symbolisiert die Utopie einer ursprünglichen, vollkommenen Ordnung, die vom Menschen zerstört worden ist, sodass der Mensch nun entfremdet von äußerer und seiner eigenen, inneren Natur lebt. Wildnis steht für Freiheit von zivilisatorischer Entfremdung, für emotionale Nähe zu einem paradiesischen Urzustand, für die Sehnsucht nach einer natürlichen Ordnung.

Diese ursprüngliche natürliche Ordnung wurde im Laufe der Kulturgeschichte der Wildnis unterschiedlich bestimmt. In der Physikotheologie war sie die von Gott geschaffene, harmonische, durch und durch zweckmäßige Ordnung. Diese sei wegen ihrer Komplexität für den menschlichen Verstand nicht erkennbar, könne vom Menschen aber ästhetisch-intuitiv erfasst werden, wenn er Natur kontemplativ ohne Nutzungs- oder Erkenntnisinteressen betrachte. In der Aufklärungskritik, etwa bei Rousseau, ist Wildnis der moralisch gute Naturzustand. In diesem leben die ’edlen Wilden’ in Harmonie miteinander und mit der Natur, weil sie sich noch an sich selbst orientieren statt an zivilisatorischen Äußerlichkeiten und Scheinbedürfnissen. Ökologische Weltbilder nahmen die Idee einer ursprünglichen, vollkommenen Ordnung auf. Sie behaupteten die Existenz eines ursprünglich intakten Naturhaushaltes bzw. ursprünglich intakter, gesunder Ökosysteme, die sich selbst regulieren und durch geschlossene Stoffkreisläufe dauerhaft selbst erhalten. In deren Ordnung hätte sich der Mensch einfügen müssen statt sie zu zerstören, um kurzfristigen Nutzen zu erzielen.

Nationalpark Hainich in Thüringen.Nationalpark Hainich in Thüringen. (© Nationalpark Hainich)

Zweitens: Wildnis ist Ort symbolischer (und realer) Freiheit von kultureller bzw. zivilisatorischer Ordnung. Wildnis fasziniert als Ort der Entlastung vom Druck der Zivilisation. Entweder fasziniert sie aufgrund einer Sehnsucht nach ursprünglicher, unreglementierter, individueller Aktivität, nach 'Ungezähmtheit', nach Entlastung von den Konventionen, Regeln zivilisierten Lebens, aus dem man vorübergehend heraustreten möchte. Eine ideale Wildnis ist dann eine Gegend, in der es keine Konventionen usw. gibt, sondern nur natürliche Einschränkungen: die der äußeren Natur wie Wetter und Unwegsamkeiten sowie die der eigenen Natur in Form von körperlichen Bedürfnissen. Oder Wildnis fasziniert als Gegenwelt zur traditionellen Kulturlandschaft, weil man das mit dieser assoziierte Wertesystem grundsätzlich ablehnt. Sie kann auch ein romantischer Ort sein, an dem man sich frei fühlt von einer an Technik und Rationalität orientierten Gesellschaft.

Literatur

Eisel, Ulrich (1982): "Die schöne Landschaft als kritische Utopie oder als konservatives Relikt". In: Soziale Welt 33, S. 157–168.

Großklaus, Götz & Oldemeyer, Ernst (Hg.) (1983): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. Karlsruhe.

Hard, Gerhard (1982): Landschaft. In: Jander, Lothar; Schramke, Wolfgang & Wenzel, Hans-Joachim (Hg.), Metzler Handbuch für den Geographieunterricht. Ein Leitfaden für Praxis und Ausbildung. Stuttgart. 160–171.

Kirchhoff, Thomas & Trepl, Ludwig (Hg.) (2009): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. Bielefeld.

Kirchhoff, Thomas, Vicenzotti, Vera & Voigt, Annette (Hg.) (2012): Sehnsucht nach Natur. Über den Drang nach draußen in der heutigen Freizeitkultur. Bielefeld.

Körner, Stefan; Nagel, Annemarie & Eisel, Ulrich (2003): Naturschutzbegründungen. Bonn: Bundesamt für Naturschutz.

Piechocki, Reinhard (2010): Landschaft – Heimat – Wildnis. Schutz der Natur – aber welcher und warum? München.

Piepmeier, Rainer (1980): "Das Ende der ästhetischen Kategorie ’Landschaft’". In: Westfälische Forschungen 30, S. 8–46.

Ritter, Joachim (1974): Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft. In: Ritter, Joachim (Hg.), Subjektivität. Sechs Aufsätze. S. 141–163 & 172–190.

Schama, Simon (1996): Der Traum von der Wildnis. Natur als Imagination. München.

Seel, Martin (1991): Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt/M..

Simmel, Georg (1957): Philosophie der Landschaft. In: Landmann, Michael (Hg.), Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft. Stuttgart, S. 141–152.

Smuda, Manfred (Hg.) (1986): Landschaft. Frankfurt/M..

Stremlow, Matthias & Sidler, Christian (2002): Schreibzüge durch die Wildnis. Wildnisvorstellungen in Literatur und Printmedien der Schweiz. Bern.

Trepl, Ludwig (1997): Ökologie als konservative Naturwissenschaft. Von der schönen Landschaft zum funktionierenden Ökosystem. In: Eisel, Ulrich & Schultz, Hans-Dietrich (Hg.), Geographisches Denken. Kassel: Gesamthochschulbibliothek, S. 467–492.


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