Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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9.3.2012 | Von:
Dr. Thomas Kirchhoff

Natur – Landschaft – Wildnis

Natur, Landschaft und Wildnis haben für uns vor allem positive Bedeutungen. Weshalb ist das so? Warum sehnen sich viele Menschen nach Natur? Warum schützen wir sie? Was ist der Unterschied zwischen Natur, Landschaft und Wildnis?
Landschaft bezeichnet eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend.Landschaft bezeichnet eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend. (© bungo/Photocase)

Auf der Suche nach Antworten sollte man festhalten: Erstens: Bewertungen von Naturphänomenen sind kulturell geprägt. Sie sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich und unterliegen einem kulturgeschichtlichen Wandel. Beispielsweise sah man in der christlichen Kultur in Gebirgen Jahrhunderte lang eine schreckliche Wildnis; um 1600 begann man, sie als Ausdruck göttlicher Erhabenheit zu deuten und ehrfürchtig zu betrachten; heutzutage dominieren andere Motive als Gottesfurcht, wenn uns Gebirge faszinieren (s.u.). Zweitens: Naturschutz ist ein modernes, erst um 1900 entstandenes Phänomen. Anlass für seine Entstehung war nicht eine ökologische Krise, sondern die (heute noch verbreitete) Kritik daran, dass infolge von Kapitalismus, Industrialisierung und Verstädterung regionale Unterschiede in Sitten und Gebräuchen verschwanden und die Menschen ’entwurzelt’ wurden. Deshalb wollte man traditionelle Kulturlandschaften in ihrer regionalen Eigenart und als Heimat vor der Zerstörung durch industrialisierte Landnutzung schützen.

Heutzutage schützen wir Natur insbesondere aus zweierlei Gründen: zweckrationale Gründe beziehen sich auf ihre Nutzbarkeit (s.u.), emotionale auf die ästhetischen Qualitäten und symbolischen Bedeutungen, die sie in unserer Kultur als Landschaft oder Wildnis hat (s.u.). Ethische Gründe sind demgegenüber nachrangig: Sie liefern keine genügend präzisen Kriterien dafür, welche Natur geschützt werden soll. Zudem sind sie, außer der Forderung nach Verantwortung für leidensfähige Lebewesen (Pathozentrismus), wohl nicht schlüssig.

Ziele für den Naturschutz werden aufgrund gesellschaftlicher Interessen und kultureller Werte festgelegt. Die Naturwissenschaften liefern Wissen, wie man diese Ziele erreichen kann, wie man z. B. das Überleben einer bestimmten Art sichern oder die Klimaerwärmung auf einen bestimmten Wert begrenzen kann. Sie klären auch auf über die Folgen von Umweltveränderungen, z.B. wie sich der Klimawandel auf die Vegetation auswirkt. Sie können so konkrete Naturschutzziele mit rationalen Argumenten stützen. Sie können aber nicht darüber entscheiden, welche Ziele wir verfolgen wollen.

Natur als nützlicher Gegenstand: Ressource und Ökosystem

Baruth (Brandenburg): Etwa 15.000 Festmeter Holz lagern auf dem Holzplatz des Sägewerkes Baruth - eine Menge, die in knapp einem halben Monat verarbeitet wird. Die Klenk GmbH Oberrot (Baden-Württemberg), größtes Säge-Unternehmen der Bundesrepublik, hat seit der Übernahme des Werkes Baruth vor etwa drei Jahren 116 Millionen Mark in die Kapazitätserweiterung investiert. 244 Beschäftigte produzieren auf dem 40 Hekter großen Areal pro Jahr 700.000 Kubikmeter Nutzholz. In Zukunft soll sich die Verarbeitungskapazität auf jährlich eine Million Kubikmeter belaufen. (PDM22-170699)Das Werksgelände einer Sägerei in Baruth (Brandenburg). (© picture-alliance / ZB )

Wenn wir Natur aufgrund ihrer Nutzbarkeit wertschätzen, nehmen wir eine zweckrationale Perspektive ein. Natur hat dann ausschließlich instrumentellen Wert, d.h. sie ist Mittel zu einem von uns gesetzten Zweck, wie z.B. Wälder als Holzquelle für die Möbelindustrie. Sie dient uns vor allem durch sogenannte Produktions- und Regulationsfunktionen, die uns ein gesundes, sicheres und angenehmes Leben ermöglichen. Ökologische Prozesse produzieren erneuerbare Ressourcen wie Sauerstoff (durch Photosynthese), Trinkwasser (durch Schadstoffabbau), Nahrungsmittel und nachwachsende Rohstoffe (durch Wachstum). Evolutionäre Prozesse erzeugen Biodiversität, die uns als Ressource dient z.B. für Züchtung und Gentechnologie (Arten, Gene), Pharmazie (Wirkstoffe) und Bionik ('Erfindungen' der Natur als Vorbild technischer Produkte). Natürliche Prozesse regulieren, wenn sie bestimmte Umweltbedingungen in für uns günstiger Weise konstant halten (Selbstreinigung von Gewässern, Kontrolle von Schädlingspopulationen durch natürliche Feinde usw.).

Der Lotus-Effekt ist eine "Erfindung" der Natur, die als Vorbild technischer Produkte dient.Der Lotus-Effekt ist eine "Erfindung" der Natur, die als Vorbild technischer Produkte dient. (© Mikromaus/Photocase)

Natur- und Umweltschutz sollen in zweckrationaler Perspektive dafür sorgen, dass die natürlichen Produktions- und Regulationsfunktionen erhalten bleiben. Dazu betrachtet man Naturausschnitte oft als Ökosysteme, d.h. als Wirkungsgefüge aus verschiedenen Organismen und deren unbelebter Umwelt, die Ökosystemdienstleistungen erbringen. Artenschutz betreibt man in zweckrationaler Perspektive, weil jede Art eine potenzielle Ressource ist. Ob die Stabilität von Ökosystemen mit der Artenzahl zunimmt, ist umstritten.

Natur als ästhetisch-symbolischer Gegenstand: Landschaft und Wildnis

Im Naturschutz dominieren seit einigen Jahrzehnten zweckrationale Argumente, die durch Verweis auf tatsächliche oder vermeintliche ökologische Sachzwänge gestützt werden. Alltagsweltlich ist Natur jedoch vor allem Gegenstand und Ort emotionaler Erfahrungen. Sie hat sogenannten eudaimonistischen Wert, weil sie aufgrund ihrer ästhetischen Qualitäten und symbolischen Bedeutungen mit der Idee eines guten, sinnerfüllten Lebens verknüpft ist. Voraussetzung für diese alltagsweltliche Perspektive ist, dass wir nicht mehr – naturabhängig – in einer ländlich-bäuerlichen, sondern – distanziert von Natur – in einer städtisch-industriellen, hoch technisierten Gesellschaft leben.

Der eudaimonistische Wert von Natur ergibt sich, anders als ihr instrumenteller Wert, nicht aus physischen Eigenschaften von Naturphänomenen. Somit ist er auch nicht aus naturwissenschaftlich-ökologisch beschreibbaren Eigenschaften ableitbar (so wie sich der künstlerische Wert eines Gemäldes nicht aus den chemischen Eigenschaften der verwendeten Farben ableiten lässt). Vielmehr weisen wir der Natur diesen Wert zu, und zwar im Rahmen von kulturell geprägten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Deshalb kann dasselbe physische Stück Natur unterschiedlich, ja gegensätzlich wahrgenommen, gedeutet und bewertet werden. Unsere emotionalen Naturerfahrungen sind zwar stets subjektiv-individuell, bewegen sich aber immer im Rahmen kulturell geprägter, intersubjektiver Muster, sodass man über sie diskutieren kann.

"Landschaft" und "Wildnis" sind das Resultat zweier solcher Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Das heißt, wenn wir von Landschaft oder Wildnis sprechen, so sprechen wir nicht über einen Gegenstand von der Art eines Ackers oder Wassereinzugsgebietes, nicht über einen naturwissenschaftlich beschreibbaren Zustand von Natur und auch nicht über Ökosysteme.

Landschaft: ästhetische Ganzheit und Utopie harmonischer Mensch-Natur-Einheit

Erst in der Neuzeit erhielt das Wort Landschaft eine ästhetische Bedeutung, die bis heute dominiert: "Landschaft" nannte man zunächst in der Fachsprache der Malerei die um 1500 entstandene zentralperspektivische Darstellung einer schönen Gegend als individuelle Ganzheit. Der Begriff ging später in die Umgangssprache ein und bezeichnete eine in ästhetischer Sehweise betrachtete Gegend. In dieser sieht ein empfindender Betrachter eine von der Natur allein (Naturlandschaft) oder von Natur und Menschenhand (Kulturlandschaft) geformte Gegend als harmonische, individuelle, konkrete Ganzheit.

Eine Landschaft ist mit einer Melodie vergleichbar: Beide existieren nur als mentale Vorstellung. Denn nur in unserer Vorstellung bilden die Einzelphänomene wie Töne bzw. Wald, Bach, Wiese eine sinnhafte Ganzheit. Die Ganzheit resultiert aus unserer ästhetischen Wahrnehmung. Heutzutage ist in unserer Kultur das Sehen von Landschaften eine (für Erwachsene) selbstverständliche, kulturell eingeübte Fähigkeit. Deshalb könnte man irrtümlich meinen, Landschaften seien von Natur aus gegebene Einheiten.

Landschaften zu sehen hat für uns große emotionale Bedeutung: Wir können uns so subjektiv-ästhetisch Ausschnitte der Welt als Ganzheit gegenwärtig halten, nachdem die seit der Antike gültige metaphysische Vorstellung von der Welt als göttliches Werk ihre Geltung verloren hat. Dabei setzt paradoxerweise das Sehen der landschaftlichen Einheit gerade die Versachlichung, Individualisierung und Distanzierung voraus, die es ästhetisch aufhebt: Nur, weil wir Natur naturwissenschaftlich in Einzelphänomene zergliedert analysieren und zur Ressource versachlicht haben und deshalb distanziert von ihr (städtisch) leben können, können wir sie ohne Nutzungsinteresse ästhetisch betrachten. Andernfalls sähen wir keine Landschaft, sondern nur ein Nebeneinander nutzbarer Einzelphänomene wie Wald (als Holzquelle), Bach (als Fischgrund) und Wiese (als Futterquelle). Nur, weil wir uns als freie, selbstbestimmte bürgerliche Individuen begreifen und nicht mehr als Menschen, die einen vorgegebenen Platz in der göttlichen Ordnung haben, können wir Ausschnitte der Erdoberfläche als individuelle Ganzheiten betrachten.
Schafhirte mit Herde.Im Rahmen der Aufklärungs- und Zivilisationskritik deutete man (Kultur–)Landschaft nun als objektiv gegebene regionale Einheit von 'Land und Leuten'. (© Jenzig71/Photocase)

Erst im Zuge der Herausbildung des aufklärerischen Menschen- und Weltbildes wurde es möglich, Natur als Landschaft zu sehen. Im Rahmen der Aufklärungs- und Zivilisationskritik erfolgte aber eine Uminterpretation. Man deutete (Kultur–)Landschaft nun nicht mehr als subjektiv-ästhetische Ganzheit, sondern als objektiv gegebene regionale Einheit von 'Land und Leuten': Landschaft sei, wenn sie diesem Ideal nahekomme, das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, in dem die Menschen ihr Land entsprechend dessen natürlichen Bedingungen auf eine ihrem eigenen Charakter entsprechende Weise behutsam-einfühlsam nutzen und gestalten. So prägten sich Mensch und Natur wechselseitig. Das führe dazu, dass sie zusammen eine einzigartige Einheit bildeten, deren ästhetischer Ausdruck eine schöne Landschaft sei.

Seitdem symbolisiert in unserer Kultur Landschaft – insbesondere eine kleinteilige vorindustrielle Kulturlandschaft mit ihren charakteristischen Biotopen und heimischen Tier- und Pflanzenarten – die Utopie einer harmonischen, nachhaltigen Mensch-Natur-Einheit, die es gegen Globalisierung und Industrialisierung zu schützen gilt.

Diese Landschaftsauffassung bildete die Basis der klassischen, landschaftskundlichen Geographie. Auf ihr basieren noch diejenigen Schulen innerhalb der heutigen Geographie, die Landschaft systemtheoretisch als sogenanntes Landschaftsökosystem begreifen; dieses sei ein einheitliches materielles Wirkungsgefüge aus Ökosystemen (Natur) und sozioökonomischen Systemen (Gesellschaft), dessen physiognomischer Aspekt das Landschaftsbild sei. Diese Landschaftsauffassung legt man zugrunde, wenn man traditionelle Kulturlandschaften pauschal als ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig auffasst, wenn man landschaftliche Schönheit für den Ausdruck dieser (vermeintlichen) Nachhaltigkeit hält und wenn man in der Erhaltung der historisch entstandenen, landschaftsspezifischen Biodiversität aus heimischen Arten eine unabdingbare Voraussetzung für ökologische Nachhaltigkeit sieht. Mit solchen Auffassungen wird jedoch eine subjektiv-ästhetische Ganzheit (Landschaft) unberechtigt als objektive funktionale Ganzheit (organismusähnliches Ökosystem) interpretiert. Zudem wird das Landleben feudaler Zeiten dadurch idealisiert. Und man ignoriert, dass viele Kulturlandschaften, die für uns ästhetisch-symbolischen Wert haben, nicht das Resultat ökologisch nachhaltiger Nutzung sind – wofür die Lüneburger Heide, die durch Übernutzung von Wäldern entstanden ist, ein extremes Beispiel ist.

Wilseder Berg in der Lüneburger Heide.Wilseder Berg in der Lüneburger Heide. Lizenz: cc by/2.5/deed.de (Willow)

Damit ist nicht bestritten, dass moderne industrialisierte Landnutzung weniger nachhaltig sein kann als vormoderne bäuerliche. Es geht vielmehr darum, Folgendes deutlich zu manchen: Man kann weder von ästhetisch-symbolischen auf ökologisch-funktionale Qualitäten noch umgekehrt von diesen auf jene schließen. Das alles spricht auch nicht dagegen, traditionelle Kulturlandschaften erhalten zu wollen. Nur sollte sich die Argumentation dafür primär auf ihre ästhetisch-symbolischen Qualitäten beziehen. Argumentiert man hingegen pauschal mit der ökologischen Nachhaltigkeit schöner Landschaften, so läuft man Gefahr, ein Interesse an ästhetisch-symbolischen Qualitäten von Landschaften als ökologischen Sachzwang auszugeben. Damit gibt man das Interesse eines begrenzten Personenkreises als Allgemeininteresse aller aus.

Wildnis: symbolische Gegenwelt

Wildnis ist Natur immer dann, wenn wir sie als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung deuten und dabei ihre Unbeherrschtheit betonen. Das gesamte Mittelalter hindurch galt Wildnis, vor allem Waldwildnis, als Ort des Bösen, den man meiden sollte. Heutzutage hat sie vor allem positive Bedeutungen. Diese sind seit Beginn der Neuzeit entstanden und basieren alle auf folgender Denkfigur: Erstens: Man kritisiert etwas an der vom Menschen geschaffenen gesellschaftlichen Ordnung. Zweitens: Man deutet die seit der Neuzeit entstandene Trennung von Mensch und Natur als Entfremdung. So wird drittens Natur zum positiven ursprünglichen Anderen bzw. Ort der Abwesenheit dieser Ordnung und Trennung.

Welche spezielle Bedeutung Wildnis im Rahmen dieser Denkfigur erhält, hängt ab vom Menschenbild bzw. Gesellschaftsideal und den jeweils für sie charakteristischen Begriffen von Freiheit, Vernunft und Ordnung. Wildnis hat deshalb eine Vielzahl von Bedeutungen, die sich teilweise widersprechen.

Nicht die Tatsache, dass ein Gebiet frei von Einflüssen des Menschen ist, macht es zu einer Wildnis, sondern dass es als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung empfunden wird. Dafür genügt es, dass das Gebiet zumindest in einer für den Betrachter relevanten Hinsicht nicht vom Menschen gemacht ist. So erklärt es sich, dass für manche Betrachter z.B. die Spontanvegetation auf Stadtbrachen eine Wildnis ist und für andere z.B. ein unbeeinflusstes Gebiet bereits deshalb in seinem Wildnischarakter beeinträchtigt wird, weil es als Naturschutzgebiet beschildert wurde.

Spontanvegetation auf StadtbracheAuch Spontanvegetation auf Stadtbrachen kann als Wildnis wahrgenommen werden. (© Gabi Pott/Photocase)

In unserer Kultur dominieren heutzutage zwei positive Bedeutungen von Wildnis: Erstens: Wildnis symbolisiert die Utopie einer ursprünglichen, vollkommenen Ordnung, die vom Menschen zerstört worden ist, sodass der Mensch nun entfremdet von äußerer und seiner eigenen, inneren Natur lebt. Wildnis steht für Freiheit von zivilisatorischer Entfremdung, für emotionale Nähe zu einem paradiesischen Urzustand, für die Sehnsucht nach einer natürlichen Ordnung.

Diese ursprüngliche natürliche Ordnung wurde im Laufe der Kulturgeschichte der Wildnis unterschiedlich bestimmt. In der Physikotheologie war sie die von Gott geschaffene, harmonische, durch und durch zweckmäßige Ordnung. Diese sei wegen ihrer Komplexität für den menschlichen Verstand nicht erkennbar, könne vom Menschen aber ästhetisch-intuitiv erfasst werden, wenn er Natur kontemplativ ohne Nutzungs- oder Erkenntnisinteressen betrachte. In der Aufklärungskritik, etwa bei Rousseau, ist Wildnis der moralisch gute Naturzustand. In diesem leben die ’edlen Wilden’ in Harmonie miteinander und mit der Natur, weil sie sich noch an sich selbst orientieren statt an zivilisatorischen Äußerlichkeiten und Scheinbedürfnissen. Ökologische Weltbilder nahmen die Idee einer ursprünglichen, vollkommenen Ordnung auf. Sie behaupteten die Existenz eines ursprünglich intakten Naturhaushaltes bzw. ursprünglich intakter, gesunder Ökosysteme, die sich selbst regulieren und durch geschlossene Stoffkreisläufe dauerhaft selbst erhalten. In deren Ordnung hätte sich der Mensch einfügen müssen statt sie zu zerstören, um kurzfristigen Nutzen zu erzielen.

Nationalpark Hainich in Thüringen.Nationalpark Hainich in Thüringen. (© Nationalpark Hainich)

Zweitens: Wildnis ist Ort symbolischer (und realer) Freiheit von kultureller bzw. zivilisatorischer Ordnung. Wildnis fasziniert als Ort der Entlastung vom Druck der Zivilisation. Entweder fasziniert sie aufgrund einer Sehnsucht nach ursprünglicher, unreglementierter, individueller Aktivität, nach 'Ungezähmtheit', nach Entlastung von den Konventionen, Regeln zivilisierten Lebens, aus dem man vorübergehend heraustreten möchte. Eine ideale Wildnis ist dann eine Gegend, in der es keine Konventionen usw. gibt, sondern nur natürliche Einschränkungen: die der äußeren Natur wie Wetter und Unwegsamkeiten sowie die der eigenen Natur in Form von körperlichen Bedürfnissen. Oder Wildnis fasziniert als Gegenwelt zur traditionellen Kulturlandschaft, weil man das mit dieser assoziierte Wertesystem grundsätzlich ablehnt. Sie kann auch ein romantischer Ort sein, an dem man sich frei fühlt von einer an Technik und Rationalität orientierten Gesellschaft.

Literatur

Eisel, Ulrich (1982): "Die schöne Landschaft als kritische Utopie oder als konservatives Relikt". In: Soziale Welt 33, S. 157–168.

Großklaus, Götz & Oldemeyer, Ernst (Hg.) (1983): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. Karlsruhe.

Hard, Gerhard (1982): Landschaft. In: Jander, Lothar; Schramke, Wolfgang & Wenzel, Hans-Joachim (Hg.), Metzler Handbuch für den Geographieunterricht. Ein Leitfaden für Praxis und Ausbildung. Stuttgart. 160–171.

Kirchhoff, Thomas & Trepl, Ludwig (Hg.) (2009): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. Bielefeld.

Kirchhoff, Thomas, Vicenzotti, Vera & Voigt, Annette (Hg.) (2012): Sehnsucht nach Natur. Über den Drang nach draußen in der heutigen Freizeitkultur. Bielefeld.

Körner, Stefan; Nagel, Annemarie & Eisel, Ulrich (2003): Naturschutzbegründungen. Bonn: Bundesamt für Naturschutz.

Piechocki, Reinhard (2010): Landschaft – Heimat – Wildnis. Schutz der Natur – aber welcher und warum? München.

Piepmeier, Rainer (1980): "Das Ende der ästhetischen Kategorie ’Landschaft’". In: Westfälische Forschungen 30, S. 8–46.

Ritter, Joachim (1974): Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft. In: Ritter, Joachim (Hg.), Subjektivität. Sechs Aufsätze. S. 141–163 & 172–190.

Schama, Simon (1996): Der Traum von der Wildnis. Natur als Imagination. München.

Seel, Martin (1991): Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt/M..

Simmel, Georg (1957): Philosophie der Landschaft. In: Landmann, Michael (Hg.), Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft. Stuttgart, S. 141–152.

Smuda, Manfred (Hg.) (1986): Landschaft. Frankfurt/M..

Stremlow, Matthias & Sidler, Christian (2002): Schreibzüge durch die Wildnis. Wildnisvorstellungen in Literatur und Printmedien der Schweiz. Bern.

Trepl, Ludwig (1997): Ökologie als konservative Naturwissenschaft. Von der schönen Landschaft zum funktionierenden Ökosystem. In: Eisel, Ulrich & Schultz, Hans-Dietrich (Hg.), Geographisches Denken. Kassel: Gesamthochschulbibliothek, S. 467–492.
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