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Das Gesicht der Flüsse im Wandel


30.3.2009
Es gibt viele Möglichkeiten, Flüsse zu nutzen – z.B., um Güter umweltfreundlich zu transportieren oder regenerative Energie zu erzeugen. Doch was für Folgen hat das für die Ökologie?

Blick aus der Luft auf Schloß Pillnitz in der Nähe von Dresden während des Elbe-Hochwassers 2006. Die Eingangstreppe ist bereits mit schlammigem Wasser überflutet.Das Hochwasser der Elbe hat die Freitreppe vor dem Schloss Pillnitz bereits überflutet, April 2006. (© AP)

Flüsse sind wie Adern in unserer Landschaft. Der natürliche Wechsel von Niedrig- und Hochwasser und die Tatsache, dass Wasser nie geradeaus fließt, sondern sich in mäandrierenden, schlängelnden Bewegungen zum Meer bewegt, haben die Landschaften geformt und verändert. Dabei nehmen die Flüsse Geröll aus den Bergen oder Sand aus den Ebenen mit, tragen Ufer ab und lagern das Geschiebe und die Sedimente wieder woanders an, sodass Flachwasserzonen, Sandbänke oder Inseln entstehen. Die ständig wiederkehrenden Hochwasser verstärken diese natürlichen Veränderungsprozesse und oftmals gräbt sich der Fluss dabei ein neues Bett.

Verlust der Überschwemmungsflächen am Rhein seit 1880.Verlust der Überschwemmungsflächen am Rhein seit 1880.
Im Flachland wird der Hauptstrom, bedingt durch die niedrige Fließgeschwindigkeit, in der Regel von vielen Nebenströmen begleitet und die Landschaft bis zu den natürlichen Hochufern der Talränder durch die Dynamik des Flusses ständig verändert. So formte der Oberrhein vor der großen Rheinkorrektur durch den Ingenieur Johann Tulla im 19. Jahrhundert Flusstäler von 2 bis 4 Kilometern, mancherorts sogar bis zu 40 Kilometern Breite. Da diese natürlichen Überflutungsräume der Flüsse, die Auen, durch den ständigen Wechsel von Überflutung und Trockenfallen geprägt sind, entstehen Lebensräume mit den unterschiedlichsten Standortbedingungen, die sich in einer außergewöhnlich hohen Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren widerspiegelt.

Natürlichkeit ist Vergangenheit



Diese natürlichen Flusslandschaften kennen wir allerdings nur noch von Bildern aus vergangenen Zeiten oder aus unberührten Gegenden unserer Erde. Bis zu 95 Prozent unserer Flüsse sind heute regelrecht eingemauert: ein eng eingedeichter Hauptstrom mit wenig Vorland zur Überflutung, befestigten Ufern aus Steinschüttungen, Spundwänden oder Beton und teilweise oder sogar durchgängig aufgestauten Flussläufen mit großen Staumauern und Schleusen.

Die Bedrohung durch das Hochwasser hat die Menschen schon sehr früh veranlasst, Dämme zu ihrem Schutz zu bauen. Doch erst vor gut 200 Jahren wurde mit dem Dammbau und der Flussregulierung in großem Maße an allen deutschen Flüssen begonnen. Indem man die Flüsse eindeichte, gewann man zugleich das fruchtbare Schwemmland der Auen, um es landwirtschaftlich und als neue Siedlungsflächen zu nutzen.

Vielfältige Nutzungsinteressen



Auch die Schifffahrt profitierte von den veränderten Bedingungen. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ihr jedoch starke Konkurrenz durch die Bahn, was wiederum Anlass gab, die Flussläufe weiter auszubauen. Ein weiterer Meilenstein der Flussregulierungen war der Bau von großen Staudämmen zur Wende ins 20. Jahrhundert. Durch das starke Bevölkerungswachstum in den Städten und die vermehrte Nutzung des Flusswassers durch die aufstrebende Industrie wurde nicht nur das Wasser insgesamt knapp, sondern auch das Trinkwasser rar, weil die Flüsse verschmutzten.

Zeitgleich wurde aber auch der Nutzen der Staudämme entdeckt, um Hochwasser einzudämmen, da es trotz aller Flussregulierungen noch immer zu Hochwasserkatastrophen kam. Mit ihnen konnte der Niederschlag der Nebenflüsse gestaut und somit das Hochwasser der großen Ströme verringert werden. Etwa zeitgleich wurde auch der Wert von Staudämmen für die Stromproduktion erkannt. Seitdem konkurrieren Hochwasserschutz, Trinkwasserreservoir und Energiegewinnung durch die Wasserkraft um ihre Nutzung. Das führte zu gravierenden Veränderungen der Flüsse, die mit starken ökologischen Folgeschäden erkauft wurden.

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Große Naturkatastrophen 1950 - 2008. Quelle: Münchener Rückversicherung 2009.Große Naturkatastrophen 1950 - 2008. Quelle: Münchener Rückversicherung 2009.
Aus diesen Erfahrungen wurde nicht gelernt. Noch in den 1950er und 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die bayrischen Donauzuflüsse im großen Maßstab aufgestaut, um Strom zu gewinnen. Nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) soll der Bau von Kleinwasserkraftwerken sogar staatlich gefördert werden. Damit wird der Ausbau der Nebenflüsse weiter verstärkt, flächendeckend nimmt man große ökologische Schäden in Kauf. Staudämme unterbrechen die Fließdynamik der Flüsse und den Transport des Geschiebes. Das hat zur Folge, dass flussuntypische Lebensräume entstehen und sich die Flüsse immer tiefer eingraben. Auch das Wanderverhalten der Fische wird unterbrochen. Großen Schaden richten auch die Turbinen der Wasserkraftwerke an: sie zerhäckseln regelrecht die Fischfauna trotz aller Sicherheitsvorkehrungen. Dies alles wird in Kauf genommen, obwohl der Anteil an Wasserkraft, die noch zugebaut werden könnte, mit lediglich 0,5 Prozent an der Gesamtenergiegewinnung marginal ist.


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