Dossierbild Hochwasser

6.8.2012 | Von:
Mark Cioc

Der geopferte Rhein

Die Technisierung des Rheins

Flüsse kann man aus recht unterschiedlichen Perspektiven betrachten: Als Strich in der Landschaft, als Adern eines Wassersystems, als Arterie eines biologischen Lebensraums. Das erste Bild legt nahe, dass ein Fluss vor allem eine Abflussrinne für das Wasser und die Sedimente ist, die es mit sich bringt. Das zweite Bild legt Wert darauf, dass ein Fluss und seine Ufer nicht von seinem Einzugsgebiet getrennt werden. Zu dem gehören auch das Quellgebiet, Auen, Täler, Berge, Zuflüsse, Inseln, das Delta – alles also, was mit diesem Wassersystem zusammenhängt. Das dritte Bild aber beinhaltet noch mehr, weil es davon ausgeht, dass Flüsse an der Schnittstelle von physikalisch-chemischen und von biologischen Welten liegen. Sie stellen einen biologischen Raum zur Verfügung, der von Fischen, Schnecken, Vögeln, Bäumen, Menschen gleichermaßen bewohnt wird.

Die Ingenieure des Rheins, geschult in den Traditionen der Aufklärung und des Wasserbaus, betrachteten die Flüsse dagegen mit Scheuklappen: Für sie waren sie Abflussrinnen für Wasser und Geschiebe. Als sie die Flüsse auszubauen begannnen, dachten sie nicht an die Lebensräume, sondern an die nötige Technik.

Doch die Geomorphologie des Rheins und seine Umwelt sind zu verschieden, als dass sie als ein einziges Ökosystem betrachtet werden können. Wissenschaftler schlugen daher immer wieder vor, den Rhein in zwei Abschnitte zu teilen, ein jeder von ihnen mit eigenen Ökosystemen. Der alpine Rhein beinhaltet das System des Alpenrheins und seiner Zuflüsse, das Aare-System und den Hochrhein. Forellen und Äschen sind die vorherrschenden Fischarten, bei den Bäumen dominieren Erlen und Weiden. Die technische Bändigung dieses Abschnitts begann mit dem Bau von Wasserkraftwerken und Hochwasserschutz.

Der nicht alpine Teil des Rheins besteht aus dem Oberrhein, dem Mittelrheintal und dem Niederrhein – allesamt Abschnitte also, die schiffbar sind. Hier leben Barben, Brassen und Flundern, an den Ufern stehen Eichen und Ulmen. Betrachtet man die Technisierung des Rheins auf diesen Abschnitten treten die negativen Auswirkungen für Flora und Fauna besonders deutlich zu Tage. Das betrifft sowohl das Delta in den Niederlanden, den Niederrhein und das Mittelrheintal in Deutschland sowie den Oberrhein zwischen Deutschland und Frankreich.

Wasserbau in den Niederlanden

Die wasserbaulichen Projekte im Delta wurden und werden vor allem unter der Ägide der Niederlande betrieben. Der Abfluss des Wassers im Rheindelta hatte, so sahen es die Ingenieure, zwei natürliche Fehler: Das Bett war zu flach und eben, um die Sedimente zu transportieren, und die vielen Mündungen waren zu schmal, um das Wasser bei hohen Wasserständen durchzuleiten. Das größte Problem war der Zusammenfluss der Waal, dem wichtigsten Mündungsarm des Rheins, und der Maas in Heerewaarden und in Loevestein. Wenn die Waal viel Wasser mit sich brachte, und das war im Sommer häufig der Fall, war der Rückstau in die Maas so groß, dass sie regelmäßig über ihre Ufer trat. Ähnlich problematisch war der schmale Flusslauf zwischen Rotterdam und der Nordsee, der den Abfluss minderte und keine größeren Schiffe auf der Waal zuließ.

Das niederländische Ministerium für Öffentliche Angelegenheiten und Wassermanagement koordinierte schließlich alle Wasserbauarbeiten. Das erste Unternehmen, das so genannte "Merwede Projekt" von 1850 bis 1916, konzentrierte sich auf den Abschnitt unterhalb des Zusammenflusses von Waal und Maas zwischen Gorinchem und Dordrecht. Die Arbeiten begannen mit dem Bau eines neuen Wasserbetts, der "Nieuwe Merwede", am mittleren Abschnitt des gleichnamigen Flusses, der in seinem natürlichen Zustand eher einer Abfolge von Bächen als einem Fluss glich. Das neue Bett versorgte die Waal und die Maas mit einem tieferen und breiteren Zugang zum Meer, auch Hochwasserschutz und Schifffahrt profitierten.

Der nächste Schritt war der Abschnitt unterhalb der Nieuwe Merwede, die auch als Boven Merwede bekannt war. Ihr Bett war vom gemeinsamen Lauf von Waal und Maas so weit entfernt, dass während der Niedrigwasserperioden immer wieder Sandbänke auftauchten. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, haben die Niederländer ein neues Mündungssystem für die Maas geschaffen – die Bergse Maas – die den Abfluss regulierte und einen neuen Wasserweg zur Nordsee über Hollandsch Diep eröffnete.

Zur gleichen Zeit, von 1860 bis 1872, starteten holländische Ingenieure das "Nieuwe Waterweg Projekt". Ziel war es, den 35 Kilometer langen Abschnitt der Waal zwischen Rotterdam und der Nordsee zu kanalisieren. Die Wasserbauer gruben einen Graben durch das Hoek van Holland, dämmten das alte Flussbett ein und ließen das Wasser schließlich durch die neue Waalmündung rauschen. Anschließend wurde das neue Bett ausgebaggert, um so die Voraussetzungen für den Aufstieg Rotterdams zur größten Hafenstadt Europas zu schaffen.

Deutscher und französischer Ausbau

Der Ausbau des Mittelrheintals und des Niederrheins auf der Strecke von Bingen bis Pannerden war ein Werk Preußens. Es begann 1851 mit der Gründung der Rheinstrombauverwaltung in Koblenz. Die wichtigste technische Herausforderung am Niederrhein war die Verbesserung der Schiffbarkeit durch die Schaffung eines durchschnittlichen Abflusses bei gleichbleibender Strömung. Eine Abladetiefe von mindestens zwei Metern war für die Strecke von Bingen nach Sankt Goar vorgesehen, zwischen Sankt Goar und Köln wurden 2,50 Meter angestrebt, bis Pannerden sollten es drei Meter sein. Um das Ziel zu erreichen, musste der Fluss verengt werden: Zwischen Bingen und Oberwesel durfte der Rhein nur noch 90 Meter breit sein, von Oberwesel nach Sankt Goar 120 Meter und 150 Meter von Sankt Goar bis zur niederländischen Grenze.

Am Niederrhein gab es damals eine Anzahl von Mäandern, also begannen die Wasserbauingenieure die Schleifen abzuschneiden, um den Lauf des Stromes abzukürzen und einzutiefen. Die Entfernung zwischen Bonn und Pannerden wurde um 23 Kilometer verringert. Inseln wurden abgegraben, ebenso Sandbänke und andere Hindernisse. Die Ufer wurden befestigt, bald entstanden die ersten Häfen.

Der Ausbau des Oberrheins von Basel nach Bingen vollzog sich in drei verschiedenen Etappen, zwei davon unter deutscher und eine unter französischer Regie. Die erste, das Tulla-Projekt von 1817 bis 1876, galt vor allem dem Hochwasserschutz. Es verlegte den Oberrhein in ein neues Bett mit einer einheitlichen Breite: Sie betrug 200 Meter von Basel nach Straßburg und 230-250 Meter von Straßburg bis Mannheim. Insgesamt wurde der Lauf des Stroms um 82 Kilometer verkürzt. Davon entfielen 31 Kilometer von Basel bis zur Mündung der Lauter, und 51 Kilometer auf dem Weg bis Mannheim. In diesem Zusammenhang verschwanden auch über zweitausend Inseln.

Das Tulla-Projekt hatte einen entscheidenden Nachteil. Es führte zu einer deutlichen Erosion des Flussbettes – so sehr, dass dieser Abschnitt des Rheins bald weniger schiffbar war als vor Beginn der Rheinkorrektur. Spätere Arbeiten im Rahmen des so genannten "Honsell-Rehbock-Projekts" von 1906 bis 1936 stellten sich diesem Problem, in dem sie den Rhein so umbauten, dass er an die niederländischen und preußischen Rheinprojekte anschließen konnte. Ziel war es nun, ein einheitliches Flussbett von zwei Metern Tiefe und 88 Metern Breite zu schaffen, um eine ganzjährige Schiffbarkeit von Mannheim bis Basel gewährleisten zu können. Dazu brauchte man Deiche, Dämme und Querwerke, gleichzeitig wurden die Ufer und Hafenanlagen befestigt. Nicht einfach war es dabei, den Wasserstand zu halten, weil es am Oberhein, anders als am Niederhein, durch den Zufluss aus den Alpen zu starken Schwankungen kam. Dennoch führte das "Honsell-Rehbock-Projekt" dazu, dass der Rhein in den zwanziger Jahren auch für größere Schiffe unterhalb von Mannheim, den Endpunkt der Rheinschifffahrt während des 19. Jahrhunderts, bis zu den neuen Häfen von Karlsruhe und Kehl/Straßburg befahrbar war.

Die Hindernisse für die Schifffahrt von Straßburg bis Basel entlang der badisch-elsäßischen Grenze zu überwinden, gestaltete sich weitaus schwieriger. Ein Problem waren die Isteiner Stromschnellen, ein ungewolltes Nebenprodukt der Tulla-Regulierung. Sie zu umgehen hätte ein ausgeklügeltes Schleusensystem erfordert. Ein ähnlich gelagertes Problem war der Grundwasserstand in Baden. Jegliche Regulierung des Flussbetts hätte das Grundwasser rund um Baden zwangsläufig abgesenkt und Folgen für die Landwirtschaft gehabt. Die deutschen Behörden hatten es nicht eilig, den Rhein bis Basel schiffbar zu machen und dem Basler Hafen damit den Zugang zur Nordsee zu öffnen, vor allem nicht um den Preis einer Grundwasserabsenkung in Baden. Die Arbeiten an diesem Abschnitt begannen erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Frankreich an den Rhein zurückkehrte und seinerseits mit dem Bau des Grand Canal d'Alsace (1921-1959) begann. Mit dem Kanal sollte möglichst viel Wasser vom Ursprungsbett des Rheins abgeleitet und schließlich parallel zum Strom durch eine Reihe von Wasserkraftwerken geleitet werden. Neben der Produktion von Energie aus Wasserkraft ermöglichte der Kanal die ganzjährige Befahrung auf der Strecke von Basel, Mulhouse, Colmar und Straßburg.

Aus der Perspektive der Renaissance, der Aufklärung und der ihres Denkens verbundenen Ingenieure verwandelten die niederländischen, deutschen und französischen Rheinprojekte den Fluss in eine Art "Ideal-Strom": eine betonierte Röhre, die das Wasser gleichmäßig und immer vorhersehbar abwärts beförderte. Ökologisch betrachtet, bedeutete das neue Bett des Rheins den Verlust an natürlichen Begebenheiten und damit auch der Artenvielfalt

Die Ökonomie der Umweltverschmutzung

Wir wissen inzwischen, dass die Mercator-Perspektive – ausgehend von der berühmten zweidimensionalen Weltkarte, die Gerhard Mercator 1569 geschaffen hatte – Europa in den Vordergrund stellte und den Rest der Welt an den Rand drängte. Als "Rheinkarte" aber ist sie ideal. Sie stellt nämlich Duisburg, die Geburtsstadt Mercators, und Rotterdam ins Zentrum – und mit ihnen den am meisten profitablen Abschnitt des Stroms. Zu Mercators Zeiten waren Holz, Fisch und Wein die wichtigsten Güter des Rheinhandels. Seit dem 19. Jahrhundert dominieren Kohle und Chemie.

Mehr als jede andere Industrie hat der Kohleabbau die natürliche Beschaffenheit des Rheinwassers beeinflusst – nicht nur, was das Tempo und das Ausmaß des Wasserbaus und der Regulierungsarbeiten betraf, sondern auch durch die Urbanisierung und die beginnende Wasserverschmutzung. Besonders betroffen war der Niederrhein und einer seiner Zuflüsse, die Emscher. Die floss durch die preußisch kontrollierten Provinzen Rheinland und Westfalen, das spätere Ruhrgebiet – und damit durch Europas größte Kohlenvorkommen. Kohleabbau, das bedeutete die Anlage von Gruben und Schächten, die Devastierung der Landschaft und die Bildung von stehenden Gewässern, die zu Herden für durch Wasser übertragbaren Krankheiten wurden. Das Reinigen der Kohle und die Produktion von Koks führten auch zur Eintragung von Phenol und anderen Giftstoffen in die Emscher und den Niederrhein.

Die Emscher, ein kurzer Fluss von nur 109 Kilometern Länge mit einem Einzugsgebiet von 850 Quadratkilometern, mäandert mitten durch die westfälischen Kohlegebiete, was sie zum unvermeidlichen Ziel für den Eintrag industrieller Abwässer machte. Im frühen 20. Jahrhundert entluden 150 Kohleminen, hundert weitere Fabriken und 1,5 Millionen Menschen ihr Abwasser in die Emscher. Nur die Hälfte ihres Wassers stammte damals von natürlichen Zuflüssen, der Rest, jährlich etwa hundert Millionen Kubikmeter, stammte zu 89 Prozent aus industriellen Abwässern und zu elf Prozent aus der städtischen Kanalisation.

Die preußische Regierung reagierte auf die zunehmende Zerstörung der Emscher mit der Gründung der halbstaatlichen und halbprivaten Emschergenossenschaft, der alle Gemeinden angehörten, die ihre Abwässer in die Emscher leiteten sowie ihr Trinkwasser aus ihr bezogen. Hauptanliegen der Genossenschaft war es, die Politik der Wasserversorger und Wassernutzer aufeinander abzustimmen. Tatsächlich aber behielten die umweltschädlichen Industrien die Oberhand. Sie sorgten dafür, dass sie über die Genossenschaft ihren Abfall billig entsorgen konnten. So wurde die Emscher mehr und mehr zu einem oberirdischen Abflusskanal. Ihre Länge wurde um 20 Kilometer verkürzt, was ihr ein steileres Gefälle und damit einen schnelleren Lauf verschaffte. Um das Durchsickern zu vermeiden, wurden ihr Bett und ihre Ufer betoniert. Spezielle Pumpen und Drainagesysteme sorgten dafür, dass die stehenden Gewässer zurück in die Emscher geführt wurden. So vertrat die Genossenschaft bald die Philosophie, dass es die billigste Art der Entsorgung sei, den Schadstoffen einen Kanal zu bauen und sie damit so schnell wie möglich emscherabwärts und in den Rhein zu fluten. "Der Rhein ist in der Lage, weit mehr Abwasser zu verkraften, als bislang angenommen", verteidigten die Wasserexperten der Genossenschaft 1912 ihre Politik der Umweltverschmutzung.


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