Dossierbild Hochwasser

6.8.2012 | Von:
Mark Cioc

Der geopferte Rhein

Die Opferung des Rheins



Die Praxis, den Rhein als Entsorgung für industrielle Abwässer zu benutzen, wurde bald auch von der chemischen Industrie übernommen, als sie in den 1860er Jahren mit dem Bau ihrer Fabriken am Rhein begann. "Geopferte Abschnitte", schrieb 1901 Curt Weigelt, damals Sprecher der Chemischen Industrie, "sind Abschnitte an einem Fluss, an denen Umweltverschmutzung erlaubt werden sollte, weil die Industrie sonst keine Möglichkeit hätte, ihre Abwässer loszuwerden ohne Jobs und Profite in Gefahr zu bringen und weil lokale Bedingungen eine Reinigung des Wassers in Klärwerken nicht ermöglichen."

Freilich unterschied sich die chemische Industrie vom Kohlebergbau sowohl in ihrer geografischen Ausdehnung als auch in ihren Produktionskapazitäten. Anders als der Bergbau war die chemische Industrie nicht auf die Kohlevorkommen im Ruhrgebiet und an der Emscher angewiesen. Sie konnte sich überall am Rhein zwischen der Schweiz und den Niederlanden niederlassen – vorausgesetzt, Kohle, Wasserkraft und Öl waren verfügbar. So vergrößerte sich bald die Anzahl jener Abschnitte des Rheins, die aus der Sicht der Industrie geopfert werden mussten. Darüber hinaus sorgte die breite Produktpalette der chemischen Industrie – Säuren, Basen, Farbstoffe, Dünger, Sprengstoffe, pharmazeutische Produkte, Filme und Petrochemie – dafür, dass dass die Anzahl der Giftstoffe nahezu ins Unermessliche stieg.

Das Rheinbecken war ein idealer Standort für die chemische Industrie weltweit und auch für verwandte Industrien wie Düngemittelindustrie und Zellulose, weil der Fluss unablässig Frischwasser für die Produktion, für Erwärmung und Kühlung lieferte und darüber hinaus ein hervorragendes Transportsystem hat. Schwefel, Pyrit, Salz, Kalk, Phosphor und andere wichtige Rohstoffe waren entweder vor Ort verfügbar oder konnten problemlos auf Rheinschiffen herangeschafft werden. Die westfälische Kohle sorgte für preiswerten Brennstoff und ein Überangebot an Teer, den Hauptbestandteil der Farbenherstellung. Säure-, Soda- und Fabenunternehmen suchten darüberhinaus die Nähe ihrer wichtigsten Abnehmer, die traditionellen Textilstandorte an der Wupper, an der Ruhr und am Rhein. Pottasche aus dem Elsass und Phosphatschlacke aus Lothringen machten den Rhein zum Zentrum der Düngemittelindustrie. Zellulosefabriken fanden hier das nötige Holz, Natronlauge und Wasser, das sie brauchten, um Fasern und Papier herzustellen.

Die drei erfolgreichsten chemischen Unternehmen – BASF, Bayer und Hoechst – wurden allesamt 1860 mit dem Beginn der künstlichen Farbenherstellung gegründet. Sie ließen sich an allen Abschnitten des "deutschen Rheins" an, also am Oberrhein, am Mittelrhein und am Niederrhein nieder sowie am Neckar, am Main und an der Wupper. Die erfolgreichsten Schweizer Firmen – Ciba, Geigy, Sandoz und Hoffmann-La Roche – konzentrierten sich auf dem Oberrhein in der Nähe von Basel, dem Endpunkt der Rheinschifffahrt. Auch sie begannen mit der Farbenherstellung und spezialisierten sich dann auf die Pharmaproduktion und andere Branchen. Die chemische Industrie im Elsass, ebenfalls am Oberrhein, begann, als es 1871 unter deutsche Kontrolle kam. Die Deutschen konzentrierten sich auf die Pottasche-Dünger-Produktion, indem sie die lokalen Chlorkalium-Minen ausbeuteten. Frankreich knüpfte später an diese Tradition an. Die niederländische Industrie, die sich im Rheindelta und rund um Rotterdam niederließ, entwickelte sich erst nach 1945, als Europas chemische Industrie damit begann, Olefin anstatt Kohleteer als wichtigsten Rohstoff zu verarbeiten.

Dass die Verschmutzung des Rheins im Ruhrgebiet in großem Maßstab toleriert wurde, war schon problematisch genug. Aber die fortgesetzte Verunreinigung durch die chemische Industrie rheinaufwärts und rheinabwärts führte schließlich zu einer Umweltkatastrophe. In den 1960er Jahren, als die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins die ersten Maßnahmen zur Sanierung des Flusses unternahm, war die Wasserqualität zwischen Basel und Rotterdam bereits so schlecht, dass der ganze Rhein als "geopferter Abschnitt" angesehen werden musste – mehr noch sogar als zuvor die Emscher. Eine Studie der Abwasserwirtschaft aus den 70er Jahren ergab, dass nahezu die Hälfte der Gifte von der chemischen Industrie stammte, und der größte Teil der Schadstoffe auf eine Handvoll Verursacher zurückgeführt werden konnte: die Pottasche-Minen im Elsass, die Kohle- und Chemiefabriken am Ober- und Niederrhein sowie die städtischen Ballungszentren Basel und Straßburg.

Das despotische Regime

Die Analyse von Karl Wittfogel über den Zusammenhang zwischen Bewässerungspolitik und sozialer Macht im alten Ägypten, in China und Indien ist inzwischen bekannt. Wachsende Bevölkerung und anhaltend prekäre Wasserversorgung, so seine Schlussfolgerung, führten zur Entwicklung der ersten "hydraulischen Gesellschaften", zu denen der Bau von Dämmen, Kanälen und Bewässerungsanlagen gehörten und zu entwickelten agro-urbanen Zivilisationen, in denen neben den jeweiligen Herrschern die "Agro-Bürokraten" den Ton angaben. Seine wichtigste These, dass diese Frühformen der "orientalischen Despotie" die heutige moderne asiatische Politik erklären, wurde wiederholt angefochten. Sein Begriff der "hydraulischen Gesellschaften" aber macht durchaus Sinn, wenn wir heute über den Rhein sprechen. Auch so etwas wie "orientalische Despotie" kam zu Wittfogels Lebzeiten über den Rhein.

Die Rheinkommission verkörperte dabei die oberste Ebene des "despotischen" Regimes, in dem sie alle Rheinprojekte alleine einem Ziel unterordnete: Maximierung der Leistungsfähigkeit des Rheins als Wasserstraße ungeachtet der Einflüsse auf den Strom als Lebensraum. Entwürfe für Brücken, Kanäle, den Uferausbau, Häfen: Alles, was mit der Entwicklung des Rheins zur Wasserautobahn zusammenhing, wurde unkritisch durchgewunken. Alles aber, was mit der Fischerei zusammenhing, wurde an die jeweiligen Fischereikommissionen der Regierungen weitergeleitet, als ob es keinen Zusammenhang zwischen den Wasserbauprojekten und den Fischbeständen gäbe. Die niederländische Vorherrschaft über das Delta, Preußens Hegemonie in Westfalen und Frankreich als Herrschaft im Elsass führten zu einem mittelschweren despotischen Regime über den schiffbaren Rhein von Basel bis Rotterdam. Die wirtschaftlichen Interessen herrschten über die Umweltinteressen.

Deutschland ging noch einen Schritt weiter, als es an Emscher und später auch am Rhein Wasserverbände gründete – und die Flüsse in die Hände von lokalen Despoten gab, unter denen die Industrie schalten und walten konnte wie sie wollte. Nicht die Bürger, sondern diese Verbände bestimmten darüber, was mit dem Wasser geschah. Industrielle, und nicht die Landwirte, bekamen den größten Teil des Wassers. Ingenieure, nicht Fischer, bestimmten darüber, was mit den Fischbeständen geschah. "Minimale Reinigung bei minimalen Kosten" lautete die unausgesprochene Devise – und führte dazu, dass die Vorfluter dazu genutzt wurden, um das Abwasser und andere Schadstoffe aus den Industriegebieten in den Rhein zu leiten so schnell und effizient es ging. Die allem zugrundeliegende – und falsche – Annahme war, dass der Rhein mit seiner Größe und seiner Wassermenge all den Kohlestaub, die Phenole, Chloride, das Arsen schon verkraften würde.

Die industrielle Lobby und die Vertreter der Binnenschifffahrt haben inzwischen ein neues "despotisches Regime" implementiert – die "Tyrannei der unwiderruflichen Vergangenheit". Heute würde nicht einmal der altmodischste Ingenieur und Wasserbauen einen Fluss in der Art und Weise traktieren, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Vielmehr, heißt es, hätten die Ingenieure die Herausforderung angenommen, bei Wasserbauprojekten auch die Bedeutung von Lebensräumen zu erkennen und sie zu schützen. Die alten Grundsätze des Wasserbaus – möglichst gerade, möglichst schnell, möglichst kanalisiert – sind in Misskredit geraten. Sogar ganze Kanäle werden heute unter ökologischen Gesichtspunkten gebaut. Der neue Rhein-Main-Donakanal schlängelt sich, aller Künstlichkeit des Wasserlaufs zum Trotz, durch das Altmühltal eher wie eine Fluss als wie ein Kanal. Statt eine klare Linie durch die Landschaft zu ziehen, folgten die Wasserbauingenieure den Konturen der hügeligen Landschaft, fügten künstliche Altarme und Lebensräume hinzu, um die Wanderung von Fischen zu ermöglichen. Sogar künstliche Zuflüsse wurden geschaffen, um die Dynamik eines natürlichen Wassersystems zu simulieren. Tatsächlich ähnelt der Rhein-Main-Donaukanal eher einem Fluss als die drei Flüsse, die er verbindet.

Ein Neubau ist eben einfacher zu realisieren als all das zu revidieren, was in der Vergangenheit geschehen ist. Denn noch immer sind die Irrtümer der Aufklärung und der Renaissance dem Rhein in Gestalt von befestigten Ufern, Staustufen, Elektrizitätswerken eingeschrieben. Sie zu entfernen, hieße die Städte, Dörfer, Straßen und Industrien infrage zu stellen, die sich auf den Flächen des ehemaligen Flusslaufs angesiedelt haben. Einige landwirtschaftliche Flächen kann man zwar renaturieren, und man hat es auch getan, aber den Rhein als ganzes wird man nicht mehr in den Zustand bringen können, in dem er vor zweihundert Jahren gewesen ist.

Die Grenzen der Renaturierung

Mit dem Nieuwe Waterweg wurde ein neuer Zugang Rotterdams zur Nordsee geschaffen.Mit dem Nieuwe Waterweg wurde ein neuer Zugang Rotterdams zur Nordsee geschaffen. (© Wikipedia)
Ein Blick auf die aktuellen Renaturierungsprojekte zeigt, wie begrenzt diese im Hinblick auf die ambitionierten Ziele sind. Das vielleicht bekannteste Projekt "Lachs 2000" war mit dem Anspruch angetreten, die gesamte Population des Lachses im Rhein im Jahre 2000 wiederherzustellen. Die dafür nötigen Kiesbette finden wir heute aber nur in einer Handvoll Zuflüssen, zum Beispiel in der Sieg, Bröl, Lahn, Saynbach, Bruche, Ill und Lauter, denn diese Abschnitte des Stroms waren zu klein, um industrialisiert zu werden. Selbst die größten Optimisten räumen heute ein, dass die Population nicht mehr als 20.000 Lachse pro Jahr erreichen wird, ein Bruchteil des Bestandes, der früher einmal im Rhein lebte.

Ein anderes Renaturierungsprojekt war der "Stork-Plan", der sich auf die Wiederherstellung einiger weniger Abschnitte des ehemals alluvialen Waldbestandes und der Inseln im holländischen Delta konzentrierte, vor allem in der Millinger Waard, in Sint Andries, Blauwe Kamer und Duurse Waarden an der Waal. Allerdings kam die niederländische Regierung schnell zu der Einsicht, dass größere Maßnahmen im Grunde unmöglich sind ohne das Drainagesystem im Delta und Ackerland und Bauland aufzugeben.

Ähnlich ging es dem Aktionsplan zum Hochwasserschutz, der 1998 auf den Weg gebracht wurde, und am Oberrhein so viel Überflutungs- und Polderflächen wie nur möglich schaffen sollte. Von Anbeginn aber stand fest, dass nur eine geringe Menge der ehemaligen Auen renaturiert werden konnten. Es ist einfach zuviel gebaut worden am Oberrhein.

Insgesamt betrachtet war der größte Schaden, den der Rhein bei seinem Umbau zur Wasserstraße und zu einem Industriekanal genommen hat, die Umweltverschmutzung. Im Zuge des Wiener Kongresses und im Sinne des Freihandels haben alle Anrainerstaaten dieser Transformation zugestimmt. Es machte damals Sinn, den Kleinstaaten den Zugriff auf den Strom zu entziehen und ihn unter ein globales Regime zu stellen. Unter der Ägide der Rheinkommission hatte die Binnenschifffahrt jährliche Wachstumserfolge zu vermelden. Der eigentliche Erfolg der Kommission aber bestand daran, nationale Eigeninteressen dem Interesse aller unterzuordnen – und so den Weg zu einem gemeinschaftlichen Wirtschaftsraum und der Europäischen Union zu ebnen.

Den Rhein in die Hände der Eurokraten zu geben, war dennoch ein faustischer Akt. Jede neue Erfolgsmeldung der Rheinschifffahrt wurde mit dem Verlust von natürlichen Lebensräumen bezahlt. Indem es keinerlei Einschränkungen gegenüber dem wirtschaftlichen Wachstum gab, hinterließ das Wiener Regime von 1815 den Regierungen der heutigen EU-Staaten ein zerstörerisches Erbe.


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