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Hochwasser in Deutschland 2013

12.6.2013
Überflutete Städte, Evakuierungen und Katastrophenalarm: Das Hochwasser 2013 betrifft weite Teile Deutschlands. Wie bereits bei der Flutkatastrophe 2002 ist das Engagement hoch. Die Sozialen Netzwerke werden zum Kommunikationsmedium der freiwilligen Helfer.

Das Hochwasser der Elbe hat am 11.06.2013 das Dorf Fischbeck (Sachsen-Anhalt) überflutet.Das Elbe-Hochwasser hat am 11. Juni das Dorf Fischbeck in Sachsen-Anhalt überflutet. (© picture-alliance/dpa)

Bayern, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein: Seit Ende Mai bahnt sich das Hochwasser seinen Weg durch Deutschland: entlang der Donau, Saale, Elbe und weiterer Flüsse. Während sich in Süddeutschland die Lage vielerorts langsam stabilisiert, steht den Menschen in Norddeutschland der Höhepunkt der Elbe-Flut noch bevor. Aktuell sind vor allem Gemeinden in Schleswig-Holstein und Niedersachsen betroffen (Stand: 12. Juni).

Großes Engagement: Bundeswehr und freiwillige Helfer



Seit dem 30. Mai unterstützen rund 130.000 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks, der Bundespolizei und der Bundeswehr die betroffenen Kommunen und Länder im Kampf gegen das Hochwasser. Etwa 18.000 Soldaten sind derzeit im Einsatz. Die Helfer evakuieren Menschen aus den vom Hochwasser bedrohten Orten, befüllen, transportieren und stapeln Sandsäcke und sichern den Trinkwasserschutz. Wo das Hochwasser zurückgeht, beginnen die Aufräumarbeiten.

Für die Bundeswehr ist es einer der größten Hilfseinsätze seit Jahren. Unterstützung erhalten die Soldaten aus Frankreich und den Niederlanden. Auch das zivilgesellschaftliche Engagement ist groß: Überall in den betroffenen Regionen sind zahlreiche freiwillige Helfer im Einsatz, die sich vor allem über die Sozialen Medien organisieren.

Das Hochwasser in den Sozialen Medien



Anders als noch bei der Hochwasserkatastrophe 2002 verbreiten sich die Informationen über die Sozialen Medien diesmal schneller als über die klassischen Medien. Auf Facebook werden spontan Gruppen gebildet, in denen sich die Betroffenen austauschen, Unterkünfte und Sachspenden angeboten werden oder zu Spenden aufgerufen wird. Auf Twitter werden über den Hashtag #hochwasser im Sekundentakt aktuelle Informationen veröffentlicht, die schnell die Helfer vor Ort erreichen.

Auch die klassischen Medien greifen auf die Informationen aus den Sozialen Medien zurück. "Es ist ein neuer Infokanal, der, gerade um junge Menschen zu erreichen, zunehmend an Bedeutung gewinnt. Und die Behörden müssen sich darauf einstellen, das auch zu nutzen", sagte der Vizepräsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Ralph Tiesle.

Es gibt aber auch Kritik an der Informationsflut. Tiesle warnt etwa vor Falschmeldungen. Mitunter kommt es vor, dass Bilder vom Hochwasser 2002 ins Netz gestellt werden. Und auch nicht jede Hilfsaktion, die sich spontan über die Sozialen Medien ergibt, kommt dort an, wo sie gebraucht wird. Noch fehle es an einer zentralen Instanz, die die Informationen auswertet und koordiniert, so Tiesle.

Maßnahmen zum Hochwasserschutz



In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich die „Jahrhunderthochwasser“ gehäuft. Als Reaktion trat 2005 das Hochwasserschutzgesetz in Kraft. Damit wurden erstmals bundesweit einheitliche Vorgaben zum vorbeugenden Hochwasserschutz festgelegt. Als Folge haben die Behörden zahlreiche hochwassergefährdete Flächen als Überschwemmungsgebiete ausgewiesen. Dort ist das Bauen nur noch unter strengen Auflagen möglich.

Die Maßnahmen zum Schutz vor Hochwasser liegen allerdings in der Verantwortung der Länder. Ihre Zusammenarbeit untereinander ist jedoch ungenügend. Bundesländer, die vom Hochwasser 2002 besonders stark betroffen waren, haben ihre Schutzmaßnahmen in den letzten Jahren stark intensiviert. Allein in Sachsen wurden 47 Hochwasser-Schutzkonzepte erstellt, die mehr als 1.000 Einzelmaßnahmen umfassten. Deiche wurden erhöht, Brücken verlegt, Rückhaltebecken angelegt.

Dennoch standen Grimma und Dresden diesmal wieder unter Wasser und auch das flussabwärts gelegene Magdeburg in Sachsen-Anhalt ist aktuell besonders schwer vom Hochwasser betroffen – laut Experten eine direkte Folge der forcierten Hochwasserschutzmaßnahmen am Oberlauf der Elbe. Dies verlagere den Wasserdruck stromabwärts. “Dass Magdeburg jetzt so viel Wasser hat, ist ein Ergebnis der erfolgreichen Arbeit in Sachsen“, so Jürgen Stamm, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Dresden.

Auch die Situation im Elb-Gebiet an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt macht deutlich, dass der länderübergreifende Dialog nicht immer funktioniert. Die Elbdeiche in Brandenburg sind rund 80 Zentimeter höher als auf der westlichen Seite in Sachsen-Anhalt – mit der Folge, dass die Wassermassen nach Sachsen-Anhalt ausweichen. Winfried Lücking, Hochwasserexperte der Umweltschutzorganisation Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert deshalb, dass der Bund beim Hochwasserschutz die Federführung übernehmen müsse.

Ursachen und Kritik



Ohnehin kritisieren Umweltschützer die einseitigen Schutzmaßnahmen, die sich vor allem auf den Ausbau und die Erhöhung der Deiche konzentrieren. Als Ursache für die sich häufenden „Jahrhundertfluten“ machen Experten vor allem extreme Starkregenfälle verantwortlich. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) fielen im ungewöhnlich "nassen" Mai bis Anfang Juni fast 23 Billionen Liter Regenwasser auf Deutschland. Diese Mengen kann der Boden kaum aufnehmen. Aber auch der forcierte Deichbau, Flussbegradigungen und Bodenversiegelungen sollen zur Verschärfung der Hochwasserlage beitragen. Die Ströme würden dadurch kanalisiert. Dies erhöhe zum einen die Fließgeschwindigkeit der Flüsse. Zum anderen gebe es durch den Verlust von Auen immer weniger natürliche Überflutungsflächen. „Dadurch können die Wassermassen nicht mehr in die Fläche ausweichen“, erklärt Georg Rast, Referent für Wasserbau und Hydrologie des World Wide Fund For Nature (WWF).

Heute werden nur noch etwa zehn bis 20 Prozent der ursprünglichen Überschwemmungsflächen bei Hochwasser überflutet. Hintergrund sei unter anderem die intensive landwirtschaftliche Nutzung der Flächen. In der Folge könnten die Böden weniger Wasser aufnehmen, das Regenwasser fließe oberirdisch schneller ab. Hinzu kommt die Bebauung: Jeden Tag verschwinden in Deutschland 100 Hektar freie Landschaft unter Asphalt oder Beton – jede Stunde eine Fläche von fünf Fußballfeldern. Dadurch reduziert sich die Versickerungsfläche für Regenwasser zusätzlich.

Verbesserung des Hochwasserschutzes



Das Bundesamt für Hochwasserschutz fordert deshalb, dass die Funktion der Auen als natürliche Überschwemmungsgebiete so weit wie möglich wiederhergestellt werde müsse. Auch Bundesumweltminister Altmaier sieht noch Nachholbedarf beim Hochwasserschutz. Beispielsweise seien viele Deichrückverlegungen an der Elbe nicht realisiert worden. Hintergrund seien häufig fehlende Kapazitäten in den Verwaltungen bei der Planung und Genehmigung von Maßnahmen sowie langwierige Verhandlungen mit Eigentümern und Nutzern von Flächen.

Nach der Flut: Folgekosten und Hilfsfonds



Wo die Pegelstände sinken, wird das Ausmaß der Flutkatastrophe sichtbar. Experten schätzen die Flutschäden bereits jetzt höher als die von 2002. Die Rating-Agentur Fitch teilte am Dienstag (11. Juni) mit, dass auf die Versicherungen Kosten von bis zu drei Milliarden Euro zukämen.

Die Elbe-Flut 2002 hatte die Branche 1,8 Milliarden Euro gekostet. Der gesamte wirtschaftliche Schaden lag wesentlich höher. Dieses Mal werde er sich wohl auf rund zwölf Milliarden Euro summieren, so Fitch. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte den Hochwasseropfern 100 Millionen Euro als Soforthilfe zu. Zudem plant die Bundesregierung einen Fonds zur Finanzierung der Hochwasserschäden.

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