Ein schmelzender Eisberg am 19. Juli 2007 vor der Insel Ammassalik in Ostgronland. Nach dem dramatischen Gipfel auf der indonesischen Ferieninsel Bali vor einem Jahr haben die Verhandlungen ueber einen neuen globalen Klimapakt längst die Mühen der Ebene erreicht. Im polnischen Posen (Poznan) versuchen Experten aus aller Welt ab Montag (1.12.) erste Pfloecke einzurammen, um den hoch komplizierten Vertrag bis Ende 2009 fertig zu bekommen.

Energiewende


30.4.2014
Deutschland kann zeigen, dass ein Industrieland die Energiewende schaffen kann. Bis zum Jahr 2050 können wir fast ohne Kohle, Öl und Erdgas sowie ganz ohne Kernenergie auskommen. Das kann sozial ausgewogen geschehen, ohne dass energieintensive Industrien das Land verlassen.

Windkraftwerke zwischen Maisfeldern, Deutschland, Niedersachsen | wind wheels among maize fields, Germany, Lower SaxonyWindkraftwerke zwischen Maisfeldern in Niedersachsen. (© picture alliance / blickwinkel )

Einführung



Wer 2013 seinen Schulabschluss feiern durfte, wird annehmen, dass die Energiewende eine aktuelle Entwicklung ist. Doch bereits vor über 30 Jahren wurde ein Buch mit dem Titel "Energie-Wende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran"[1] veröffentlicht. Seitdem werden immer wieder Berechnungen veröffentlicht, die zeigen, dass wir bis zum Jahr 2050 den Energieverbrauch halbieren und dabei fast ohne Kohle, Öl und Erdgas auskommen können und dass auch ohne Atomkraft nicht das Licht ausgeht. So kann Deutschland nicht nur seinen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leisten, sondern mittel- bis langfristig auch seine Energierechnung deutlich senken. Inzwischen zeigen verschiedene Studien sogar, dass unser Strom zu 100 Prozent mit naturverträglichen Energieträgern erzeugt werden kann.

In Deutschland war der zentrale Auslöser für die gesellschaftliche Diskussion über umweltfreundliche Energien die "Anti-Atomkraft-Bewegung". Sie ist in den 70er Jahren entstanden und bis heute aktiv. Ein weiterer Treiber waren die Ölpreiskrisen von 1973 und 1979. Hohe Preise für Öl und Gas lassen Energieeffizienz und die Suche nach Alternativen attraktiv erscheinen. Im Ergebnis brachte die erste Rot-Grüne Bundesregierung im Jahr 2000 den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie auf den Weg. Dieser sogenannten "Atomkonsens" machte ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Zum einen galt es, den Strom anderweitig bereitzustellen, zum anderen hatte schon Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 verkündet, Deutschland werde seine Kohlendioxidemissionen bis 2005 um 25 Prozent verringern und damit etwas gegen den Klimawandel unternehmen. Es galt also auch, die Stromerzeugung aus Kohle zu verringern. Seitdem gibt es zahlreiche politische Beschlüsse, welche die Energieversorgung Schritt für Schritt gewendet haben. Zwei nennenswerte Meilensteine sind die sogenannten Meseberger Beschlüsse von 2007 und das Energiekonzept der Bundesregierung von 2010. Beide beinhalten zum Teil sehr weitgehende Zielvorgaben und zahlreiche konkrete Maßnahmen.

Gleichwohl liegen die Absolventen des Jahrgangs 2013 nicht ganz falsch. Denn erst seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 ist die "Energiewende" in aller Munde. Allerdings steht dabei meist Erzeugung, Transport und Nutzung von Strom sowie der Ausstieg aus der Kernenergie im Vordergrund. Zwar hatte die Schwarz-Gelbe Regierung im Jahr 2010 gerade den "Ausstieg aus dem Ausstieg" verkündet und längere Laufzeiten der Kernkraftwerke beschlossen. Doch der Nuklearunfall vom März 2011 im Kernkraftwerk Fukushima führte zu einem Umdenken in der Politik. Quasi von heute auf morgen wurden acht Kernreaktoren vom Netz getrennt. Anschließend beschlossen die Verantwortlichen den vollständigen Ausstieg bis 2022. Sie bekräftigten die weitergehenden Ziele Klimaschutz, Energieeffizienz und den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Die Betreiber der hoch profitablen Atomkraftwerke waren verärgert. Sie mussten erhebliche Umsatz- und Gewinneinbrüche verkraften. Hinzu kommt, dass mit dem Fortschreiten der Energiewende immer weniger Kohlekraftwerke benötigt werden. Die Erneuerbaren Energien befinden sich hingegen überwiegend in Bürgerhand. Fünf Millionen Haushalte sind inzwischen zu Stromerzeugern geworden. Die großen Stromkonzerne stehen daher vor einem tiefgreifenden Veränderungsprozess.

Die Leitstudie des Bundesumweltministeriums zeigt, dass sich der Primärenergieverbrauch deutlich verringern lässt, während zugleich die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden.Primärenergieverbrauch lässt sich deutlich verringern, während zugleich die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden. (© Leitstudie 2011 des BMU)
Verschiedene wissenschaftliche Szenarien zeigen, dass die Energiewende möglich ist. Wir können – wenn wir die Potenziale der Energieeffizienz weitgehend ausschöpfen – den Verbrauch von Energie um über 50 Prozent bis 2050 verringern. Zugleich kann der Beitrag der erneuerbaren Energien gegenüber heute mindestens verdreifacht werden, so dass der Verbrauch von Öl, Gas und Kohle sogar um 80 Prozent sinkt. Dadurch sinken die Kosten für Energieimporte und die Abhängigkeit von den Lieferländern massiv.

Gleichwohl wird besonders über den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Damit die Stromversorgung auch ohne Atomkraft sicher ist, müssen u.a. neue Stromtrassen und Speichermöglichkeiten – etwa Speicherseen – geschaffen werden. Beides lehnen die vor Ort betroffenen Bürger meistens ebenso ab wie Windkraftanlage vor der eigenen Haustür. Kritiker der Energiewende thematisieren vor allem die hohen Strompreise. Diese trieben die sogenannten stromintensiven Industrien ins Ausland und einkommensarme Menschen gerieten in Existenznöte, weil sie ihre Rechnungen kaum noch begleichen könnten.[2] Zu beklagen sei auch, dass hochmoderne Kraftwerke gegenwärtig unrentabel seien, weil der Börsenpreis zu niedrig sei und daher ganz oder teilweise abgeschaltet werden müssten. Ineffiziente und längst abgeschriebene Großanlagen liefen hingegen auf vollen Touren, etwa auf Basis von Braunkohle.

Die Energiewende ist eine enorme soziale, wirtschaftliche und technische Kraftanstrengung für Deutschland. Hunderte Interessensvertreter – mit zum Teil gegensätzlichen Zielen – möchten die Ausgestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten beeinflussen. Ihre Ziele widersprechen sich mitunter diametral. Für die politischen Entscheidungsträger ist das eine schwierige Gemengelage.


Umsetzungsmaßnahmen und Ergebnisse



Zukunftsfähige Stromerzeugung

Im Bestreben, den Energieverbrauch zu verringern und die Erzeugung auf Sonne, Wind, Wasser und Pflanzen umzustellen, wurden bisher zahlreiche Gesetze und Verordnungen auf den Weg gebracht. Das bekannteste ist das Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG). Es verpflichtet die Betreiber der Stromnetze beispielsweise Windräder vorrangig ans Netz anzuschließen und den erzeugten Strom abzunehmen. Zudem erhält, wer sich ein Photovoltaikanlage (PV) auf das Dach baut, für die nächsten 20 Jahre je erzeuge Kilowattstunde eine feste Vergütung. Aus den Kosten für Kauf und Installation der PV-Module sowie den zu erwartenden jährlichen Sonnenstunden lässt sich so leicht berechnen, ob und wann sich Sonnenstrom rechnet. Durch diese Investitionssicherheit angelockt, haben viele Bürger und Unternehmen in die umweltfreundliche Stromerzeugung investiert. Der Effekt übertraf alle Erwartungen: Im Jahr 2013 wurde bereits ein Viertel des Stroms durch erneuerbare Energien erzeugt. Inzwischen beklagen viele die hohen Kosten. Das Gesetz ist sozusagen Opfer seines eigenen Erfolgs geworden und wird nun reformiert. Ziel er Reform ist es, die Kosten zu reduzieren und fair zu verteilen. Es soll einen verlässlichen Rahmen für Investoren geben und die Erneuerbaren zugleich an den Markt herangeführt werden.

Zugleich wird die Stromerzeugung aus Kohle und Gas immer effizienter. Das gelingt besonders durch vergleichsweise kleine, in Wohngebieten verteilte Kraftwerke, deren Abwärme zum Heizen genutzt wird. Das erhöht den Wirkungsgrad im Vergleich zum Großkraftwerk auf dem Land von 30-45 auf 90 Prozent. Zudem muss ein Gutteil des Stroms nicht mehr so weit transportiert werden.

Für das Gelingen der Energiewende sollten Anlagen und Geräte in den Unternehmen und Haushalten effizienter werden. Entsprechende Tipps finden sich regelmäßig in den Medien: beim Kauf von Haushaltsgeräten auf A+++ achten, schaltbare Steckerleisten sollen Standby-Verluste vermeiden, Sparlampen verwenden und einiges mehr. Viele Bundesbürger haben solche Ratschläge beherzigt. Doch hocheffiziente Geräte werden nicht allein durch innere Einsicht zum Standard. Der in der Regel höhere Preis wirkt abschreckend. Einige Weitsicht ist gefordert, denn nach einigen Jahren erweist sich das effizientere Gerät durch die eingesparten Kilowattstunden als das günstigerer. Um die Bürgerinnen und Bürger von solchen Entscheidungen zu entlasten, geben europäische Richtlinien derweil einige Standards vor. Zahlreiche ineffiziente Geräte dürfen inzwischen nicht mehr verkauft werden. Staubsauger gibt es ab 2017 nur noch mit maximal 900 Watt. Die Standby-Verluste etwa von Musikanlagen oder Satellitenempfängern betragen nur noch 0,5 Watt – statt wie zuvor bis zu 70 Watt. Die Sparlampe wurde zur Pflicht und hat der LED-Technologie zum raschen Durchbruch verholfen. Auch bei elektrischen Antrieben und Beleuchtung in Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen gibt es ähnlich große Einsparungen.

Indessen ist es problematisch, wenn beständig zusätzliche und größere Geräte angeschafft werden, z.B. Wäschetrockner, größere Fernseher und Kühlschränke. In den Haushalten sind Handy, iPad, WLan-Router, digitale Bilderrahmen selbstverständlich geworden. Insgesamt hat diese Entwicklung bisher die Effizienzerfolge weitgehend überkompensiert. Der Stromverbrauch insgesamt wie auch in den Haushalten stieg in dem Zeitraum von 1990 bis 2011 um etwa 20 Prozent.[3] In den vergangenen Jahren deutet sich jedoch eine Trendwende an. So können die Ziele des Energiekonzepts, den Stromverbrauch bis 2020 um 10 Prozent und bis 2050 um 25 Prozent zu senken, noch erreicht werden – aber nur mit zusätzlichen Anstrengungen von Politik, Verbrauchern und Wirtschaft für mehr Energieeffizienz und wenn auch der Trend zu immer mehr und größeren Gebäuden und Geräten gebrochen wird.

Wärme: Effizient und naturverträglich

Private Haushalte sind für gut ein Viertel des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland verantwortlich. Rund 85 Prozent davon werden für Heizung und Warmwasserbereitung eingesetzt.[4] Dabei wird in älteren Häusern zur Beheizung etwa zehnmal so viel Energie benötigt wie in effizienten Neubauten. Das Gelingen der Energiewende hängt daher maßgeblich davon ab, ob wir es schaffen, den Aufwand für Heizenergie zu verringern, auch in Nichtwohngebäuden.

Erforderlich ist dafür, dass die Fenster erneuert werden und eine sparsame Heizung installiert wird, gegebenenfalls auf Basis von Holz. Aufwändiger ist es, die Wände mit Dämmstoffen zu verkleiden – besonders bei Altbauten mit verzierten Fassaden. Da sich diese Maßnahme nur langfristig amortisiert, sind Vermieter beim Dämmen eher zurückhaltend. Schließlich müssen sie für die Heizkosten nicht aufkommen.

Mittlerweile sind die Fortschritte bei der Wärmeisolierung von Gebäuden augenscheinlich. Allenthalben ist zu beobachten, wie Häuser meist mit Styroporplatten verkleidet werden. Und so ist es bisher gelungen, den Energiebedarf je Quadratmeter Wohnfläche um über zehn Prozent zu verringern.[5] Eigentlich ein Grund zur Freude, doch in der gleichen Zeit wurden beständig neue Wohnungen und Häuser gebaut, selbst in stark schrumpfenden Städten. Sonst wären die Einsparungen schon weit größer. So aber ging der Wärmebedarf pro Person nur minimal zurück. Daraus folgt zum einen, dass die Sanierung von Gebäuden deutlich beschleunigt werden sollte und zum anderen, dass eine Begrenzung des Wohnflächenzuwachses insbesondere in schrumpfenden Städten und Regionen die Wirksamkeit der Sparmaßnahmen drastisch erhöhen könnte. Nicht zu vergessen ist zudem der Einsatz von Prozesswärme in der Industrie. Auch wenn hier in der Vergangenheit schon mehr eingespart wurde als bei den Gebäuden, ist noch mehr zu holen.

Mobilitätswende

Rund ein Drittel der Energie wird für den Verkehrssektor benötigt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch beim Transport von Gütern und Menschen einige Änderungen anstehen. Im Prinzip sind die Konzepte hier ähnlich aufgebaut wie für Wärme und Strom. Das Mantra der zukunftsfähigen Verkehrspolitik lautet: vermeiden, verlagern, vermindern: Unnötige Fahrten und Transporte vermeiden, Verkehr möglichst auf umweltschonende Verkehrsmittel verlagern und überall sparsame Fahrzeuge entwickeln und Verkehrsabläufe optimieren.

Wichtig ist: die Verantwortung für das Gelingen der Mobilitätswende liegt nicht allein beim Einzelnen. Die automobile Fortbewegung ist so tief kulturell und in den Infrastrukturen verankert, dass Informationen und Kampagnen allein kaum Veränderungen bewirken. Neben dem Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel ist es notwendig, dass wir Rahmenbedingungen für die Mobilitätswende schaffen. Beispielsweise sollte die Zahl der Flüge begrenzt werden, z.B. durch Steuern und eine absolute Begrenzung der Passagierzahlen sowie Starts und Landungen. Geschieht das nicht, kann auch die beste Effizienztechnik nur eine Stabilisierung des Kerosinverbrauchs bewirken. Für Pkw gibt es bereits CO2-Grenzwerte, die weiter verschärft werden.

Keine Angst vorm "Blackout"

Immer wieder wird in der öffentlichen Debatte einem möglichen "Blackout"« gewarnt. Bisher sind Stromausfälle aber extrem selten. Seit 2006 werden die Stromausfälle statistisch erfasst und veröffentlicht.[6] Nur selten kam es vor, dass die Bürgerinnen und Bürger über mehrere Stunden ohne Strom auskommen mussten. Das ist bis heute so geblieben, obgleich der Strom aus Sonne, Wind und Wasser deutlich schwankt und einige Atomkraftwerke vom Netz gingen. Und es kam nicht zu den prognostizierten "Blackouts". Auch in Zukunft kann die Energiewende ohne Katastrophen voranschreiten. Dafür ist es allerdings zum einen notwendig, dass besonders flexible Erzeuger wie etwa Gaskraftwerke die Schwankungen im Netz ausgleichen. Denn abhängig von den Wetterverhältnissen liefern Solar- und Windkraftanlagen wechselnde Strommengen.

Zum anderen haben viele Großverbraucher technische Möglichkeiten, ihren Stromverbrauch in Zeiten mit knappem Stromangebot zu senken, beispielsweise indem ein großes Kühllager in Überschusszeiten die Temperatur stärker absenkt und umgekehrt die Kühlung aussetzt, wenn Strom gerade knapp ist. Das geschieht freilich nicht von allein. Erforderlich sind entsprechende Fördermechanismen und gesetzliche Vorgaben.

Eine weitere Herausforderung der Energiewende ist die Stärkung und der Ausbau des Stromnetzes. Die Stromversorgung war über Jahrzehnte zentral aufgebaut. Atom- und Kohlekraftwerke mit beträchtlichen Erzeugungskapazitäten wurden meist weit außerhalb von Ballungsgebieten gebaut. Von dort wird der Strom mit Überlandleitungen in die Städte transportiert. Allein zwischen 1970 und 1993 ist das deutsche Hochspannungsspannungsnetz um 34 000 Kilometer auf 84 000 km ausgebaut worden.[7] Das war besonders für den Transport von Atomstrom notwendig.


Nun erzeugen schrittweise kleinere Anlagen über ganz Deutschland verteilt den Strom. Zusätzlich wird angestrebt, einen Teil des Windstroms aus Norddeutschland in den Süden zu transportieren. Das macht neue Trassen notwendig. In welchem Ausmaß, ist umstritten. Gut möglich, dass einige Tausend Kilometer neue Hochspannungsleitungen gebaut werden müssen. Im Vergleich zu früheren Ausbauprojekten ist das zwar eine Kleinigkeit, doch die betroffenen Anwohner formieren ihren Widerstand. Es wird viel verhandelt und gestritten. Der Druck ist hoch: Kommt der Netzausbau nicht schnell genug voran, ist die Stabilität der Stromversorgung potenziell gefährdet.

Die Kosten

Die Energiewende bringt vor allem im Stromsektor einen gewaltigen Strukturwandel mit sich. Die Stromerzeugung, beispielsweise mit einer Photovoltaikanlage, war Anfgang der 2000er Jahre wesentlich teurer als mit Kohle. Die zusätzlichen Kosten wurden über den Strompreis auf die Haushalte und kleinen Unternehmen umgelegt – derzeit ca. sechs Cent je Kilowattstunde. Zudem verursacht der Netzausbau, die Koordination von Stromerzeugung und -verbrauch sowie die Bereitstellung von flexiblen Kraftwerken und Stromspeichern zusätzliche Kosten.

Paradoxerweise erhöhen sich derzeit die Preise, um so günstiger grüner Strom ist. Denn wer eine Solaranlage oder eine Windkraftanlage betreibt, speist den Strom in das Netz ein und erhält dafür eine feste Vergütung. Die Netzbetreiber verkaufen den grünen Strom an der Strombörse. Da die dort erzielten Preise weit unter den festen Vergütungssätzen liegen, wird der Differenzbetrag auf die kleinen und mittleren Stromverbraucher umgelegt. Das gestiegene Angebot von Ökostrom führt zu niedrigeren Preisen an der Börse, weil die unflexiblen Kohlekraftwerke trotzdem laufen, so dass die Differenz zwischen dem Börsen-Strompreis und dem fixen Abnahmepreis und damit die Umlage steigt. Wird beispielsweise Windstrom fest mit neun Cent vergütet und für vier Cent an der Börse verkauft, müssen per Umlage fünf Cent ausgeglichen werden. Gleichzeitig müssten allerdings die Energieversorger die gesunkenen Kosten für den übrigen Strom, den sie ja nun günstiger an der Börse kaufen können, an die Verbraucher weitergeben. Wegen dieser Effekte ist eine Reformierung der Umlage für erneuerbare Energien in Planung. Da die garantierte Vergütung zudem massiv reduziert wurde, verursachen neue Anlagen nur noch vergleichsweise geringe Kosten.

Umweltfreundliche Elektrizität erscheint auch deswegen besonders kostspielig, weil unter anderem neue Windparks gegen abgeschriebene Kohlekraftwerke antreten. Das zeigt sich, wenn die Erzeugungspreise für neue Kraftwerke kalkuliert werden. In Großbritannien hat sich beispielsweise gezeigt, dass ein neues Atomkraftwerk nicht wirtschaftlich betrieben werden kann. Weil es aber dennoch politisch gewollt war, garantierte man den Investoren, den Atomstrom für elf Cent abzunehmen und zwar für 35 Jahre. In Deutschland erhalten große PV-Anlagen eine Vergütung von 9,88 Cent für 20 Jahre sicher. Für Windstrom gibt es noch sechs bis neun Cent. Die erneuerbaren Energien liegen nicht trotz, sondern wegen der Kosten im Trend. In vielen Ländern, besonders in China, wird die Energiewende intensiv vorangetrieben. Erklären lässt sich diese Entwicklung gerade mit den günstigen Kosten. Als in Brasilien Lizenzen für die Stromerzeugung versteigert wurden, obsiegten die Windparks. Lediglich vier Cent verlangten die Investoren je Kilowattstunde. Kein neues fossiles Kraftwerk konnte da mithalten.[8]

Würde die Förderung der erneuerbaren Energien augenblicklich auf Null gestellt, stiegen die Strompreise erst recht weiter. Der Grund: Weil der Kraftwerkspark in Deutschland überaltert ist, müssten ohne Energiewende fast alle Anlagen ersetzt werden und um den Ausbau sowie die Modernisierung des Stromnetzes käme man auch nicht herum. Die Kosten dafür können aber in jedem Fall durch effizientere Energienutzung wesentlich gesenkt werden, wie wir oben gesehen haben.

Insgesamt ergibt sich ein positiver volkswirtschaftlicher Nutzen der Energiewende. Das ist das Ergebnis einer vom Bundesumweltministerium geförderten Studie. Danach wurden die erneuerbaren Energien zum Beispiel im Jahr 2011 mit 13,5 Milliarden Euro gefördert. Dem stehe jedoch ein Nutzen von 21 Milliarden Euro gegenüber, etwa durch verminderte Umwelt- und Klimaschäden (acht Milliarden Euro), kommunale Investitionen (7,5 Milliarden) und vermiedene Energieimporte (2,9 Milliarden).[9] Die Energieeffizienz rechnet sich sogar meist schon allein durch die vermiedenen Energiekosten. Bis 2020 könnten die Energiekosten in Deutschland durch Energieeffizienz in Gebäuden und Unternehmen schon um 15 Milliarden Euro pro Jahr sinken. In Europa werden erneuerbare Energien zwar mit 30 Milliarden Euro im Jahr an Staatsgeld gefördert. Mit weitaus mehr Steuermilliarden unterstützten die Regierungen noch immer herkömmliche Energien: 35 Milliarden Euro für nukleare Anlagen und 26 Milliarden Euro für fossile Kraftwerke.

Weitermachen lohnt sich



Mit der Energiewende hat Deutschland einen Anfang zum klimafreundlichen Umbau des Energiesystems gemacht, der international erhebliche Beachtung findet. Fatal wäre es, steigende Energie- und Rohstoffpreise allein durch höhere Subventionen und Sozialtransfers zu kompensieren. Denn gerade hohe Energiepreise geben das nötige Signal, den vor uns liegenden Umbau im Energiesystem zu bewältigen. Wenn wir Energieeffizienz und erneuerbare Energien entschieden nutzen und die politischen Rahmenbedingungen dafür stimmen, können die Kosten schon bald deutlich geringer sein als mit der bisherigen Energieerzeugung und -nutzung. Dass hierzulande im Jahr 2013 rund ein Viertel des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen würde, haben die Experten noch vor einem Jahrzehnt für völlig illusorisch gehalten. Es zeigt sich einmal mehr, dass Visionen von heute Realitäten von morgen sein können.


Fußnoten

1.
Krause / Bossel / Müller-Reißmann (1980), Frankfurt a.M.
2.
Kopatz, Michael (2013): Energiewende. Aber fair! Wie sich die Energiezukunft sozial tragfähig gestalten lässt. München
3.
http://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/endenergieverbrauch-der-privaten-haushalte
4.
www.dena.de: Energieeffiziente Gebäude (27.1.2013)
5.
Venjakob, Johannes / Hanke, Thomas (2006): Neue Phase im Wettstreit zwischen Energieeffizienz und Wohnraumbedarf, in: E&M 15.5.2006
6.
http://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2013/130919SAIDIZuverlaessigkeitStromversorgung.html
7.
VDEW Statistiken, hrsg. vom VWEW Frankfurt am Main
8.
 Bauchmüller, Michael (2013): Mutlos in Deutschland, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 276, 29.11.2013, S. 17
9.
www.unendlich-viel-energie.de: Bilanz positiv: Nutzen Erneuerbarer Energien überwiegt die Kosten bei weitem (7.9.2012)

 
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