Eisberg vor Grönland

Energie- und Materialeffizienz


2.3.2009
Energie und Material werden oft ineffizient genutzt. Dabei sind Lösungsansätze und Konzepte zur Energie- und Materialeinsparung bereits weitgehend vorhanden und vielfach wirtschaftlich. Noch fehlt es aber an ihrer forcierten Umsetzung. Hierfür sind grundlegende Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erforderlich.

Blick auf das Sonnenschiff, eine Reihe von Niedrigenergiehäusern in Freiburg. Die Deutschen sollen in den nächsten zwölf Jahren 313 Milliarden Euro in den Klimaschutz investieren. Dies ist Ziel des Klima- und Energieprogramms, für das die Bundesregierung weitere wichtige Verordnungen und Gesetze auf den Weg brachte. Trotz der riesigen Kosten sollen die Bürger unter dem Strich sparen, weil sie weniger teure Energie verbrauchen. "Das ist ein Geldsparprogramm", sagte Umweltminister Sigmar Gabriel.Niedrigenergiehäuser in Freiburg. (© AP)

Einführung



Natürliche Ressourcen, d. h. Energie, abiotische oder nachwachsende Materialien, Wasser und Fläche, werden weltweit oft sehr ineffizient genutzt. Dies führt nicht nur zu eigentlich vermeidbaren negativen Umweltauswirkungen etwa durch Emissionen, Versiegelung von Böden oder Abfälle. Damit verbunden sind in Förderländern vielfach auch gesundheitsgefährdende und ausbeutende Arbeitsbedingungen. Der übergroße heutige Ressourcenverbrauch geht außerdem zu Lasten der kommenden Generationen. Und schließlich bleiben hierdurch Kostensenkungsmöglichkeiten ungenutzt.

Dies sind viele gute Gründe, die Ressourceneffizienz deutlich zu steigern. Nach vorliegenden Szenariorechnungen verschiedener wissenschaftlicher Institute wird von Ressourceneffizienzsteigerungen in den nächsten Jahren der größte Beitrag zum Klimaschutz erwartet. Die Lösungsansätze zur Energie- und Materialeinsparung und Konzepte zu ihrer Umsetzung sind bereits weitgehend vorhanden. Es fehlt aber an ihrer forcierten Umsetzung. Warum das so ist und wie das zu ändern ist, ist die entscheidende Frage.

Um Antworten auf diese Frage geben zu können, wenden wir uns zunächst dem Ausgangpunkt zu: Wie viele Ressourcen wir in Deutschland verbrauchen und welchen Anteil wir wirtschaftlich einsparen könnten. Um von diesem Ausgangspunkt zu einer nachhaltigeren, international und inter-temporal zukunftsfähigeren Lösung zu kommen, sind grundlegende Veränderungen erforderlich, die anschließend dargestellt werden.

Ressourcenverbrauch



In der Entwicklung des deutschen Energie- und Materialverbrauchs zeichnet sich eine gewisse Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch ab. Während das reale Bruttoinlandsprodukt immer weiter gestiegen ist, liegen Primärenergieverbrauch und globaler Materialaufwand in Deutschland seit 1991 unter ihrem Ausgangswert. Der globale Ressourcenaufwand umfasst dabei die direkt eingesetzten Materialinputs (verwertete inländische Ressourcenentnahmen und Einfuhren), die in der jeweiligen Volkswirtschaft weiterverarbeitet werden, und deren "ökologische Rucksäcke" (z. B. der Abraum bei der Kupferförderung), die auch zu maßgeblichen Umweltbelastungen führen, sich aber nicht im Produkt (z. B. Kupferdraht) wiederfinden.

Eine weitere Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch ist zukünftig aber nur solange möglich, wie die gesamtwirtschaftliche Ressourceneffizienzsteigerungsrate höher als die Rate des Wirtschaftswachstums ist, d. h. solange die durch technischen, sozialen oder institutionell-strukturellen Fortschritt ausgelösten Effizienzsteigerungen nicht durch das Wirtschaftswachstum aufgefressen werden. Neben technologischen Entwicklungen ist für die absolute Senkung des Ressourceneinsatzes eine grundlegende Veränderung der Produktions- und Konsummuster in Richtung Nachhaltigkeit erforderlich.

Der Ressourcenverbrauch der inländischen Produktion ist in Deutschland zwischen 1991 und 2000 von 5.843 auf 5.289 Millionen Tonnen um ca. 9 Prozent gesunken. Gleichzeitig stiegen aber die "ökologischen Rucksäcke" durch die Ressourcenentnahmen im Ausland, d. h. ökologische und soziale Folgewirkungen wurden zunehmend in andere Länder verlagert. Pro Kopf lag im Jahr 2004 der durchschnittliche Ressourcenverbrauch in Deutschland bei 73,8 Tonnen (1994: 73,0 Tonnen). Die Energieträgerbereitstellung verursachte etwa 42,5 Prozent des globalen Materialaufwands im Jahr 2004 in Deutschland. Bei der Energieintensität pro Kopf lag Deutschland mit fast 50.000 Kilowattstunden (kWh) im Jahr 2004 fast auf der Höhe von Japan und deutlich unter dem Pro-Kopf-Verbrauch der US-amerikanischen Bevölkerung (über 90.000 kWh).

Einsparpotenziale



Trotz unterschiedlicher Annahmen, Datengrundlagen und Detailergebnissen belegen verschiedenste Studien, dass in Deutschland und Europa insgesamt etwa 20 bis 30 Prozent Endenergieeinsparung gegenüber dem Trend mit heute verfügbaren Technologien und organisatorischen Lösungsansätzen wirtschaftlich umsetzbar sind. Dazu müssten "lediglich" bei den in den nächsten Jahren ohnehin stattfindenden Sanierungen oder beim Ersatz oder der Systemoptimierung alter Anlagen und Geräte jeweils eine effiziente, wirtschaftliche Lösung gewählt werden. Zwar sind mit den effizienten Lösungen in der Regel höhere Anschaffungskosten verbunden, die jedoch durch eingesparte Energie- und Wartungskosten mehr als kompensiert werden. Zu den Endenergieeinsparungen hinzu kommen Effizienzsteigerungsmöglichkeiten in der Energieumwandlung und -verteilung. Die Ansatzpunkte zur Materialeinsparung sind umfangreich und ebenfalls vielfach wirtschaftlich. Sie liegen für materialintensive Branchen nach ersten Einschätzungen bei 10 bis 20 Prozent.

Beispiele und Möglichkeiten für eine ressourceneffiziente Gestaltung von Produkten, Prozessen und Systemen sind vielfältig - insbesondere auch in den Bereichen Energie, Verkehr, Bauwesen und Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung. Sie reichen von der effizienten Rohstoffförderung über effiziente Gestaltung von Infrastrukturen, Versorgungsanlagen und Mobilitätssystemen bis hin zur effizienten Nutzung von Material, Wasser, Energie und Fläche für die verschiedenen Endnutzungen in privaten Haushalten, Industrie, Gewerbe und Dienstleistungsbereich (inklusive öffentlicher Verwaltungen). Am Ende der Prozessketten stehen effiziente Recyclingmöglichkeiten.

Drei Beispiele sollen die bestehenden Möglichkeiten veranschaulichen:

  • Der japanische Elektronik-Multi Sony hat konzernweit ein Green Management installiert, das sowohl zur CO2-Einsparung wie auch zur Steigerung der Ressourceneffizienz anspruchsvolle Ziele formuliert und umsetzt. Diese richten sich auf die Produktion und die jeweiligen Standorte einerseits und die Produkte (besonders in ihrer Nutzungsphase) andererseits. So konnten von 2000 bis 2005 der Energieverbrauch fast von drei Viertel aller Produkte um 30 Prozent gesenkt werden - und der Rohstoffverbrauch bei 90 Prozent der Produkte um 20 Prozent. Insgesamt konnte Sony damit die Ressourceneffizienz von 2000 bis 2005 um 42 Prozent steigern.
  • Durch die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf Leuchtdioden (LED)-Technik, wie sie in Düsseldorf beispielsweise bereits in einem Pilotprojekt begonnen wurde, können 50 Prozent ihres CO2 -Ausstoßes eingespart werden.
  • Im Rahmen von BürgerInnen-Contracting-Projekten zur energetischen Schulsanierung (www.solarundspar.de) wurden u. a. die Heizungssysteme der Schulen optimiert. Dabei wurde ein Großteil der bislang eingesetzten Heizungsumwälzpumpen überflüssig, die verbleibenden Pumpen wurden durch besonders effiziente ersetzt, Material und Energie wurde eingespart. Diese Ressourceneffizienzpotenziale können aber nicht nur in Schulen und Bürogebäuden genutzt werden, sondern auch in Wohngebäuden. Allein im Wohngebäudebereich könnten ein Prozent des deutschen Stromverbrauches dadurch eingespart werden, dass bei einer Heizungssanierung jeweils richtig dimensionierte hoch effiziente Heizungsumwälzpumpen eingesetzt würden.
Werden die Möglichkeiten der Ressourceneffizienzsteigerung genutzt, werden in der gesamten Prozesskette nicht nur Energie und Material gespart, sondern auch Treibhausgasemissionen vermieden. Für den Klimaschutz ist es unabdingbar, diese Potenziale in großem Umfang auszuschöpfen. In anspruchsvollen Reduktionsszenarien müssen – und können – zwei Drittel bis drei Viertel der notwendigen CO2-Minderung bis 2030 durch effiziente Energieverwendung erbracht werden. Im Jahr 2050 tragen dann die erneuerbaren Energien mit etwa 40 Prozent zum CO2-Minderungsziel von 80 Prozent bei. Dabei können die anfangs erforderlichen Zusatzkosten für die Markteinführung der erneuerbaren Energien durch die aus der Energieeinsparung resultierende Nettokosteneinsparung in dieser Zeitspanne kompensiert werden.

Nachhaltige Lösungen erfordern grundlegende Veränderungen



Die Gründe für das Nichtausschöpfen der Energie- und Materialeinsparpotenziale sind vielfältig. Mittel- bis langfristiges Ziel muss es sein, mit der Hälfte des heutigen Energie- und Rohstoffbedarfs auszukommen. Hierfür ist ein deutlicher Richtungswechsel erforderlich, zu dem alle Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beitragen müssen. Sechs Grundideen sollten das Umdenken und Umsteuern leiten:

Immer noch ist erstens das Denken über Ressourcen stark auf die Seite der Ressourcenbereitstellung und ihre Expansion fokussiert. Vor und parallel zu einer nachhaltigeren Gestaltung der Angebotsseite muss die Effizienzsteigerung bei der Energie- und Materialnutzung treten.

Das Lebenszyklusdenken sollte zweitens zum durchgängigen Prinzip werden, d. h. die Optimierung von der Ressourcengewinnung über die ressourceneffiziente Produktion, die ressourcenschonende Nutzung bis zur nachhaltigen Wiederverwertung, Recycling oder Entsorgung ("von der Wiege zur Bahre und wieder zur Wiege").

Neben der Orientierung am Lebenszyklusdenken muss drittens auch die Funktions- statt Produktorientierung bzw. Nutzungs- statt Angebotsorientierung treten. Beispielsweise interessiert die Nutzerinnen und Nutzer eines Gebäudes nicht allein die preisgünstige Versorgung mit Energie- und Heizungsprodukten, sondern die kostenminimale und bedarfsgerechte Bereitstellung von Raumwärme durch Kombination von Energieeinsatz, effizienter Heizungstechnologie und intelligenter Planer- und Handwerker-Dienstleistung. Ziel muss es generell sein, die Bereitstellung angepasster, kosteneffizienter Infrastrukturen und Funktionen bzw. Nutzungen (Dienstleistungen i.e.S.) zur Alltagsbewältigung in privaten und öffentlichen Haushalten, Industrie und Gewerbe anstatt der preisgünstigen Versorgung mit Energie und Material in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Denken in Wertschöpfungsketten muss viertens die isolierte Betrachtung nur des eigenen Unternehmens ablösen. In den Blick kommen dabei sämtliche Vorlieferanten und deren Lieferanten, aber auch die Kunden und deren Kunden. Nur so können die Effizienzpotenziale systemweit gehoben und es kann verhindert werden, dass eine Effizienzsteigerung in einer Wertschöpfungskettenstufe nicht durch einen Mehrverbrauch in anderen Wertschöpfungskettenstufen im In- oder Ausland überkompensiert wird.

Ein solches integriertes Optimierungsdenken muss fünftens flankiert werden durch neue ressourcensparende Produktions- und Konsummuster in Industrie und Gewerbe, aber auch in privaten und öffentlichen Haushalten, und durch eine entsprechende Neuausrichtung der Infrastrukturgestaltung und der staatlichen Rahmenbedingungen für die Märkte.

Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und technischer Fortschritt sind sechstens so auszurichten, dass in Zukunft verstärkt mit – oft eher dezentralen – intelligenten infrastrukturellen, technischen oder organisatorisch-institutionellen Lösungen Energie- und Materialverbräuche reduziert oder vermieden werden können.

Letztlich können die Hürden, die einer deutlichen Steigerung der Ressourceneffizienz entgegen stehen, nur durch die gezielte Kombination verschiedener Politikinstrumente und Maßnahmen überwunden werden. Da grundlegende Veränderungen nur stattfinden, wenn sich neben Technologien, Organisationsstrukturen und Institutionen auch die Strukturen in den Köpfen der Menschen verändern, muss das Thema Ressourceneffizienz auch in Schulen, Universitäten und in der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung etabliert werden. Der grundlegende systemische Wandel hin zu einer Ressourceneffizienzwirtschaft wird nicht konfliktfrei sein. Er verändert Machtkonstellationen. Dies erfordert engagierte Zielsetzungen, klare Rahmensetzungen und einen ausreichenden Unterstützungsrahmen für den Strukturwandel. Dies gilt lokal, regional, national, für Europa und auch international.


 

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