Eisberg vor Grönland

Klimaschule von unten nach oben


2.3.2009
Eine kleine NGO versucht inmitten der Namib-Wüste, Klimaschutz an der Basis zu vermitteln. Sie zeigt Schulkindern Namibias, wie wichtig es ist, sparsam mit den Ressourcen umzugehen. Gekocht wird auf Solarkochern und Wasser wird rationiert.

Nadeet (Namib Desert Environmental Education Trust) ist eine gemeinnützige, namibische Stiftung, die 2003 gegründet wurde. Als Nonprofit-Organisation hat sie sich zum Ziel gesetzt, Schulkindern auf spielerische Weise beizubringen, wie kostbar die Natur, wie wertvoll Wasser und wie wichtig ein ausgeklügeltes Abfallsystem ist.Viktoria Keding ist Leiterin von Nadeet. (© Bianca Gerlach)

Die beiden Jungs stehen vor dem Wassertank. Beide umklammern mit festem Griff den Rand des Zinkeimers und beratschlagen, wie viel sie vom kühlen Nass abzwacken können. Einen Liter, zwei oder sogar ganze vier? Sie entscheiden sich schließlich für einen Liter. Denn das Wasser, das sie an den fünf Tagen ihres Aufenthaltes inmitten der Wüste verbrauchen können, ist knapp – so wollen es die Veranstalter. Die Kinder sind zusammen mit ihrem Klassenlehrer in der Nadeet Umweltschule in der NamibRand-Wüste im Westen Namibias, um zu lernen, wie wichtig die Ressourcen ihres Landes sind und welche Auswirkungen aktiver Klimaschutz hat.

Nadeet (Namib Desert Environmental Education Trust) ist eine gemeinnützige, namibische Stiftung, die 2003 gegründet wurde. Als Nonprofit-Organisation hat sie sich zum Ziel gesetzt, Schulkindern auf spielerische Weise beizubringen, wie kostbar die Natur, wie wertvoll Wasser und wie wichtig ein ausgeklügeltes Abfallsystem ist. Denn ihnen sowie vielen Einwohnern des Landes auch fehlt häufig die nötige Umweltkompetenz.

Zum Beispiel muss für Probleme wie Mülltrennung und den sparsamen Umgang mit Wasser die entsprechende Sensibilität geschaffen werden. Etwa, wie wichtig es ist, Wasserhähne richtig zuzudrehen und den Müll zu trennen bzw. die jeweiligen Plätze dafür zu schaffen. Ebenso fehlt das Bewusstsein und Verständnis für die biologische Artenvielfalt des Landes. "Die namibischen Kinder haben beispielsweise unglaubliche Angst vor wilden Tieren. Deshalb würde sich kaum einer der Schüler wagen, draußen in der freien Wildnis zu übernachten, " erzählt Viktoria Keding, Leiterin der Schule.

Die 32-Jährige ist das Herz von Nadeet. Sie ist die treibende Kraft des Centers, Ideengeber, Fundraiser und Ansprechpartner für interessierte Schulen, Angestellte, Praktikanten und natürlich alle Kinder, die Nadeet besuchen. Keding hat deutsche Eltern, als sie zweieinhalb Jahre alt war, zog die Familie in die USA. Keding spricht daher beide Sprachen perfekt. Sie studierte in den Staaten "environmental education" (Umwelterziehung). Vor rund zehn Jahren zog es sie für eine Weile nach Namibia und vor lauter Leidenschaft für das Land, eine Verbundenheit zur Wüste und ihr Wille, die karge Landschaft für nachfolgende Generationen in ihrer Schönheit zu erhalten, trieb es sie nach einigen Jahren im Ausland wieder zurück nach Namibia. Ihr Ziel: "Die Kinder sollen das Konzept von Naturschutz verstehen. Und nicht nur begreifen, dass sie Wasser sparen sollen, sondern warum, " erklärt sie.

Vorbilder aus der Wüste nutzen



11.30 Uhr, die Schüler helfen hoch konzentriert beim Gemüseschälen, trennen geflissentlich den Abfall. Es ist Mittagszeit. Und statt auf die Schnelle Essen für die ungeduldige Bande zu kochen, wird bei Nadeet mit Muße gekocht. Dabei nutzen die Betreiber ein Vorbild aus der Wüste. "Wir suchen uns ein Beispiel aus der Wüste, " erzählt Viktoria, "und orientieren uns etwa am Tok-Toki-Käfer. Durch seine tiefschwarze Farbe heizt er an den empfindlich kalten Wüstenmorgenden schnell auf. Wir fragen uns dann: Was können wir von ihm lernen, " sagt Viktoria und deutet auf die schwarzen Töpfe. Sie werden für das Kochen in den drei Parabol-Kochern auf der Terrasse genutzt. Schwarz absorbiert mehr Sonnenstrahlen, weshalb sich die Speisen darin in den etwa menschengroßen Satellitenschüsseln aus glitzerndem Aluminium, auf diese Weise schnell erwärmen. Fleisch wird in einem Solarofen, einer Holzbox in der Größe einer Spielzeugkiste mit einer großen Spiegelwand, gegart. So einfach wie raffiniert – und komplett ohne Strom.

Damit die Speisen dann anschließend bis zum warmen Abendessen heiß bleiben, nutzt Nadeet einen Großmutter-Geheimtipp: eine Kochkiste. Hielt man bei uns früher beispielsweise gekochte Kartoffeln im Bett unter der Daunendecke warm, verstaut man hier die fertigen Speisen in einer Kiste, die Töpfe sorgfältig in mehrere Lagen Zeitungspapier eingepackt. Bis zum Abend hält so das Essen warm.

Insgesamt nehmen bis zu 40 Kinder zwischen zehn und 18 Jahren an der Umweltwoche von Montag bis Freitag teil, etwa drei Gruppen kommen pro Monat bei Nadeet unter. Sie wohnen in sechs Häusern als Team zusammen, haben bestimmte Aufgaben zu erfüllen und geben sich meist bedeutungsvolle Namen wie "Big Five" und "Penguins". "Die meisten Kinder sind von den Tagen in der Wüste begeistert, allerdings müssen wir sie erstmal hierher bekommen, " erzählt Leiterin Viktoria.

Die gesamte Schule ist zu 100 Prozent von Spenden abhängig. Das Interesse der Schulen ist landesweit sehr groß. Nur leider kann kaum ein Schüler bzw. eine Schule das Geld für den Transport aufbringen. "Wir bieten daher den Schulen an: Kommt zu uns – auch wenn ihr kein Geld habt. Wir besorgen die Sponsoren," erklärt Viktoria. Das ist nicht immer leicht, denn von staatlicher Seite bekommt die Schule keine Unterstützung. Dafür greifen ihr seit dem Start mehrere Helfer regelmäßig unter die Arme, darunter das in der Namibrand-Wüste lizenzierte Trekkingunternehmen "Tok Tokkie Trails" und der deutsche Reiseveranstalter Hauser Exkursionen, das einen Teil des Reisepreises in diese Region als Spende abzwackt.

Am Nachmittag gibt es noch ein kleines Experiment, direkt neben der Solaranlage. Viktoria legt ein schwarzes neben ein weißes Blatt Papier. Eine Berührung mit dem Finger reicht dann meist schon, um zu merken, wie viel Wärme das schwarze absorbieren kann. Noch einfacher ist Energiegewinnung aus der Natur wohl kaum zu vermitteln. In einem Solar-Ablesegerät können die Kinder zudem überprüfen, wie viel Strom durch Sonnenenergie bereits gewonnen wurde.

Anhand der Messlatte können die Kinder ablesen, wie viel Wasser sie verbraucht haben. Foto: Bianca GerlachAnhand der Messlatte können die Kinder ablesen, wie viel Wasser sie verbraucht haben. Foto: Bianca Gerlach
Auch beim Wasser wird mit Zahlen hantiert. Eine Messlatte an der Tonne neben dem Waschbecken zeigt den Kindern, wie viel von der wertvollen Ressource sie bereits verbraucht haben. Um unnötigen Wasserverbrauch von Anfang an zu vermeiden, hat man im gesamten Zentrum auf Wasserhähne verzichtet. In der Dusche hängt ein Wassereimer mit Ventil, das von Hand je nach Bedarf geöffnet wird, an den Waschbecken klafft ein Loch statt Hahn. Das Thema Wasser hatte sich Nadeet im letzten Jahr groß auf ihre Fahnen geschrieben und mit den Kindern erarbeitet. Dieses Jahr ist der Klimawandel Thema Nummer eins. So diskutiert man in dem Klassenraum im Hauptgebäude des Geländes über das Abschmelzen der Polarregion, das Aussterben von Eisbären, aber auch über die möglichen Folgen für das eigene Land. Etwa die Ausbreitung von Dürren und die Auswirkungen von jährlich sinkenden Niederschlagsmengen.

Wüste zum Anfassen



Abends ziehen sich die Schüler in ihre Holzhütten zurück. Da die meisten namibischen Schüler Angst vor einer Nacht im Freien haben, hat man sich eine Zwischenlösung ausgedacht. Die Kinder schlafen zwar in einem Haus, als Dach dient ein nahezu durchsichtiges Netz. So kommt keine Mücke, kein Reptil in die Schlafstätte, und trotzdem können die Kleinen nachts den Sternenhimmel der Wüste sehen. Ein einzigartiges Erlebnis, die Milchstraße zum Greifen nahe und die Anzahl der Sterne scheint sich hier jenseits aller künstlichen Lichtquellen vervielfacht zu haben.

Probleme mit mangelnder Umweltkompetenz sind nicht nur rund um die Namib-Wüste zu finden, landesweit herrscht Nachholbedarf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Beispielsweise haben die Einwohner durch ihre Kolonialgeschichte ein geringes staatsbürgerliches Bewusstsein. Allgemein ist der gemeinschaftliche Gedanke, staatliche Umweltbestimmungen umzusetzen, daher kaum verbreitet. Zudem kämpfen die Menschen mit existentiellen Problemen. Die HIV- und AIDS-Rate ist extrem hoch, die Schulbildung mangelhaft und der Grad der Verstädterung wächst, der Bezug zum traditionellen Lebensstil geht größtenteils verloren.

Hinzu kommt der jahrelange Raubbau an der Natur, generell erfahren Ressourcen eine geringe Wertschätzung. Daher sind neben Nadeet zahlreiche Gruppen im Land bemüht, das Bewusstsein für die Umwelt von unten nach oben zu vermitteln. Kinder sind lernfähig, können durch ihren Aufenthalt inmitten der Natur unmittelbar den Lebensraum Wüste erfahren und somit Respekt und Verantwortung für ihre Umwelt viel besser begreifen, als wenn sie nur mit Theorie konfrontiert werden. Die große Hoffnung der Initiatoren: Kinder unterrichten ihre Eltern.

Nach fünf Tagen im Freien sind viele Kinder wie verwandelt, sind der Natur näher gekommen, haben viel gelernt. Einige sind voller Elan und würden am liebsten in ihren Dörfern sofort Etliches ändern. "Ein Junge hatte beispielsweise die Idee aus dem ganzen Papiermüll, der sich in den Straßen ansammelt, Brennstoff zu machen," sagt Viktoria. "Wenn sich Kinder solche gewichtigen Gedanken machen, ist das für mich der größte Erfolg."


 

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