Afrika

21.5.2005 | Von:
Stefan Mair

Ausbreitung des Kolonialismus

Wettlauf der Kolonialmächte

Die völlige Durchdringung des afrikanischen Kontinents durch die Europäer wurde weniger von Händlern und Politikern als vielmehr von Forschern, Abenteurern und Missionaren vorangetrieben. Geprägt von den Ideen der Aufklärung entwickelte sich ein Wettlauf zwischen den Entdeckern, um die letzten weißen Flecken auf der afrikanischen Landkarte zu tilgen. Es wurde als große Herausforderung empfunden, daß gerade jener fremde Kontinent am wenigsten erforscht war, der "vor der Haustür" Europas lag. Im Mittelpunkt des Forscherinteresses lag die Entdeckung der Quellgebiete der großen Flüsse Afrikas, des Niger, des Kongo und des Nil. Insbesondere der Wettlauf um die Entdeckung der Nilquellen nahm schon fast absurde Formen an – nicht zuletzt deshalb, weil damit die Hoffnung verbunden war, die sagenumwobenen Goldvorkommen der Königin von Saba zu finden.

Gefördert wurde dieser Wettlauf unter anderem von der britischen Royal Geographic Society, von Handelsunternehmen und europäischen Zeitungen. Die Ideen der Aufklärung hatten aber auch indirekt dem Missionsgedanken neuen Aufschwung gegeben. Während lange Zeit die schwarze Bevölkerung Afrikas vornehmlich als "gottlose Wilde" betrachtet wurden, die deshalb nicht in den Genuß der christlichen Heilsbotschaft kommen könnten, hatte die Aufklärung das Bild des "Wilden" verändert und zumindest seine Menschlichkeit als unzweifelhaft definiert. Damit stand für die europäischen Kirchen die Verpflichtung außer Frage, ihre Missionstätigkeit auf den afrikanischen Kontinent auszudehnen.

Im Gefolge der Missionare und Entdecker drangen auch zahlreiche Händler in bis dahin unbekannte Gebiete vor und versuchten, mit den Herrschern vor Ort Handelsabkommen zu schließen, die ihnen wirtschaftliche Monopol- oder zumindest Vorrechte garantierten. Je stärker sich der Wettbewerb zwischen den einzelnen Händlern intensivierte, desto mehr versuchten sie, ihre Heimatstaaten in Schutzabkommen einzubinden.

Motive der europäischen Mächte

Damit ist bereits ein Grund genannt, warum europäische Mächte zu Kolonialmächten in Afrika wurden: In der Frühphase des Kolonialismus konnten sie sich zum Teil der Dynamik nicht entziehen, die der Missionsgeist der Kirchen, die Handelsinteressen der Unternehmer und die Entdeckungen der Forscher entfalteten. Die Bereitschaft europäischer Regierungen, sich auf die von einflußreichen Bevölkerungsgruppen geforderte Rolle einer Schutzmacht in afrikanischen Territorien einzulassen, wurde durch mehrere Faktoren erleichtert. Erstens ist die Kooperationswilligkeit ihrer afrikanischen Vertragspartner zu nennen: Sie hatten ein Interesse an der Aufrechterhaltung von Handelsbeziehungen, versuchten externe Schutzmächte als Trümpfe in internen Auseinandersetzungen oder Konflikten mit Nachbarn oder Konkurrenten auszuspielen, oder sie betrachteten derartige Verträge allein als Stück Papier, das ihnen Unannehmlichkeiten mit den europäischen Mächten ersparte, ohne große Folgen für die internen Machtstrukturen zu haben. Zweitens haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Kosten der europäischen Staaten für eine Inbesitznahme afrikanischen Landes verringert – zum einen durch militär-technologische Fortschritte, die sie in der Kriegsführung den Afrikanern weit überlegen machten, zum anderen durch medizinische Fortschritte bei der Bekämpfung tropischer Krankheiten.

Es ist jedoch keineswegs so, daß Großbritannien, Frankreich, Portugal, Deutschland, Belgien und Spanien nur deshalb Kolonialmächte in Afrika wurden, weil der Aufwand niedrig gewesen ist. Es gab durchaus volkswirtschaftliche Erwägungen wie die Aufrechterhaltung von Handelsfreiheit in Afrika oder globale strategische Überlegungen wie die Sicherheit der Seeroute von Europa nach Indien, die den Erwerb von Kolonien begünstigten. Wichtiger war jedoch die national aufgeheizte Stimmung in den meisten Ländern Europas, die es Offizieren, Kaufleuten, Industriellen, Missionaren und Forschern ermöglichte, Druck auf ihre Regierungen auszuüben. In Deutschland organisierten sich diese Personengruppen im Kolonialverein. Ihre Forderungen nach wirtschaftlicher Autarkie, Zugang zu Rohstoffen, Öffnung von Märkten, Schutz von Handelsrouten, Ausübung kultureller Hegemonie und das Empfinden, sich im Konkurrenzkampf mit anderen europäischen Mächten zu befinden, wurden von weiten Teilen der Bevölkerung in Frankreich, Großbritannien und Deutschland geteilt. Der europäische Imperialismus war somit weniger die Folge geopolitischer Überlegungen oder von Problemen der Kapitalverwertung in den frühen Industriestaaten, sondern basierte vor allem auf innenpolitischen Faktoren. Hinzu kamen spezifische Konstellationen vor Ort, die koloniale Expansion begünstigten oder bevorzugten.

Schritte zur Eroberung

Der französische Vorstoß in Westafrika vom Senegal aus wurde von einem patriotischen Gouverneur initiiert, der Frankreichs Heil im Erwerb von Kolonien sah. Dadurch sahen wiederum die Briten etablierte Handelsinteressen am Unterlauf des Niger bedroht. Sie verstärkten deshalb dort ihr Engagement. Durch das weitere Vordringen der Franzosen Richtung Zentralafrika sah sich der belgische König Leopold II. in seinen Bemühungen gefährdet, die Kontrolle über das Kongobecken auszuweiten, von dem er sich eine reiche Ausbeute versprach.

Die Briten erkannten Portugals jahrhundertealte Besitzungen in West- und im südlichen Afrika an, wofür sie dort im Gegenzug uneingeschränkte Handelsrechte erhielten. Der De-facto-Ausschluß der Händler anderer Nationen rief wiederum diese Staaten auf den Plan, allen voran Deutschland, das nun begann, sich in Westafrika, Südwestafrika und Ostafrika Kolonien zu sichern. Diese Entwicklungen in den einzelnen Regionen Afrikas waren eng miteinander verknüpft und bedingten sich zum Teil gegenseitig, so daß daraus letztendlich der Wettlauf der Kolonialmächte um afrikanische Besitzungen Ende des 19. Jahrhunderts entstand.

Um diesen Wettlauf in geordnete Bahnen zu lenken und Deutschlands Rolle als europäische Ordnungsmacht zu unterstreichen, organisierte Bismarck Ende 1884 die Berliner Konferenz, bei der die europäischen Mächte Afrika unter sich aufteilten. Sie endete 1885 mit folgenden Beschlüssen: Die Anerkennung der Besitzansprüche Leopolds II. im Kongobecken und Frankreichs in Zentralafrika, verbunden mit der Garantie der Handelsfreiheit in diesen Regionen.

Zudem wurden Großbritanniens Vorherrschaft im Mündungsgebiet des Niger und jene Frankreichs am Oberlauf des Flusses anerkannt. Die Anerkennung aller weiteren Besitzansprüche sollte in Zukunft von der Stärke des Engagements der Kolonialmächte in den jeweiligen Gebieten abhängen. Dies führte dazu, daß sie dort, wo sie bisher nur durch vereinzelte Handelsniederlassungen und isolierte Stützpunkte vertreten waren, ihre Herrschaft geographisch und funktional ausdehnten.

Nur in wenigen Fällen kam es in dieser Phase zu Konflikten zwischen den Kolonialmächten. Hervorzuheben sind hierbei der Konflikt zwischen Deutschland und Großbritannien um die Kontrolle in Ostafrika, der damit endete, daß Deutschland das Festland des heutigen Tansania mit Ruanda und Burundi zugesprochen bekam, Großbritannien das heutige Kenia. Die Konkurrenz zwischen Frankreich und Großbritannien um die Kontrolle über den Südsudan hätte beinahe zum Krieg zwischen beiden Mächten geführt.

Letztendlich mußte jedoch Frankreich, nachdem es bereits bis zum weißen Nil vorgestoßen war, klein beigeben. Der einzige wirkliche Krieg um koloniale Besitzungen in Afrika südlich der Sahara wurde zwischen Großbritannien und der südafrikanischen Burenrepublik ausgetragen. Der britische Sieg über die Buren mußte mit einem drei Jahre dauernden Krieg und dem Verlust von mehr als 20000 Menschenleben erkauft werden.

Der erste Weltkrieg beendete Deutschlands kurze Zeit als Kolonialmacht. Es verlor seine Kolonien Südwestafrika (Namibia), Tanganyika (der Festlandteil des heutigen Tansanias), Kamerun und Togo an Großbritannien, Frankreich und Südafrika, nicht ohne allerdings auch den Krieg um den Erhalt der Kolonien in Südwest- und Ostafrika ausgetragen zu haben.


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