Afrika

21.5.2005 | Von:
Stefan Mair

Ausbreitung des Kolonialismus

Strukturwandel

Die Kolonisierung Afrikas führte zu einem grundlegenden Wandel afrikanischer politischer und wirtschaftlicher Systeme sowie der bestehenden Sozialstrukturen. An die Stelle der regionalen Vielfalt, die noch Mitte des 19. Jahrhunderts in Afrika südlich der Sahara herrschte, trat die Übertragung relativ uniformer politischer Modelle und einheitlicher Wirtschaftsstrukturen. Eine der ersten entscheidenden Änderungen war die Festlegung von Grenzen in Afrika. Traditionelle afrikanische politische Einheiten kannten keine festen Grenzen (vgl. S. 11ff.).

Stark vereinfacht formuliert handelte es sich bei ihnen entweder um zentralistische Staatswesen, für die zwar ein Kerngebiet identifizierbar, das aber von Einflußzonen und Vasallenstaaten umgeben war. Die Grenzen zwischen Kerngebiet und Einflußzone sowie zwischen Einflußzone und nicht politisch kontrollierten Gebieten waren jeweils fließend. Daneben gab es Regionen, die keiner zentralen Kontrolle unterlagen, sondern von relativ autonomen, einander verbundenen oder sich befehdenden Dorfgemeinschaften beherrscht wurden.

Formen der Kolonialverwaltung

Die Kolonialmächte errichteten innerhalb der von ihnen definierten Grenzen unterschiedliche Formen der Kolonialverwaltung, die idealtypisch in die Kategorien direkte und indirekte Herrschaft unterteilt werden können. Erstere wurde im wesentlichen von Frankreich, Belgien und Portugal bevorzugt, letztere von Großbritannien. Direkte Herrschaft in ihrer reinen Form bedeutete, daß alle entscheidenden Stellen im Verwaltungsapparat einer Kolonie mit europäischen Beamten besetzt wurden, selbst jene in den entlegensten Winkeln der Kolonialreiche. Vorkoloniale politische und administrative Strukturen wurden zerschlagen, traditionelle Herrscherfunktionen nur auf unterster lokaler Ebene zur Machtausübung benutzt.

Demgegenüber hatten die Briten erstmals in Nordnigeria ein Herrschaftssystem getestet, bei dem sie sich bestehender politischer und administrativer Strukturen bedienten, also ihre Herrschaft indirekt ausübten. Das bedeutete jedoch nicht, daß sie alle traditionellen Herrscher in ihren Funktionen belassen hätten. Dieses Privileg genossen nur die kooperationsbereiten Vertreter, Widerstand Leistende wurden ausgetauscht. Gegenüber dem Modell der direkten Herrschaft besaß das der indirekten den Vorteil, daß es bei weitem mit geringeren Kosten verbunden war. Andererseits barg es das Risiko, daß traditionelle Herrscher ihre relative Autonomie zur Mobilisierung von Widerstand gegen die Kolonialherrschaft einsetzen konnten.

Unabhängig von der Frage direkter oder indirekter Herrschaftsausübung war es in jedem Fall die wichtigste Aufgabe der Kolonialbeamten, Finanzmittel für die Aufrechterhaltung der Kolonialverwaltung zu beschaffen. Dies geschah in der Regel durch Steuern und Zwangsarbeit, in den wenigen Gebieten Afrikas, in denen der Handel relativ intensiv war, auch durch Zölle. Daneben hatten die Kolonialbeamten vornehmlich für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dazu diente der Einsatz militärischer Gewalt und eine äußerst repressive Form der Rechtsprechung, die traditionelle afrikanische Systeme der Rechtsfindung zerschlug.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Änderungen

Besteuerung und Zwangsarbeit sollten jedoch nicht nur die Kosten der Kolonialverwaltung finanzieren. Sie hatten auch den Zweck, die afrikanische Bevölkerung zum Aufbau elementarer Infrastruktureinrichtungen heranzuziehen sowie ihre Integration in das koloniale Wirtschaftssystem zu erzwingen.

Die zentrale Infrastrukturinvestition war der Bau von Eisenbahnen. Er wurde ursprünglich vor allem aus strategischen Erwägungen begonnen, da nur die Eisenbahn den schnellen Transport von Truppen in entlegene Gebiete ermöglichte. Mit Hilfe des Schienenverkehrs gelang die Überwindung des afrikanischen Transportproblems, das bis dahin das entscheidende Hemmnis einer beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung gewesen war. Die Eisenbahn senkte wesentlich die Transportkosten. Für die zukünftige Entwicklung Afrikas war jedoch von Nachteil, daß die Eisenbahnschienen nicht traditionellen Handelsrouten folgten oder die wirtschaftliche Erschließung des gesamten Kolonialgebietes zum Ziel hatten. Vielmehr dienten sie neben dem strategischen Zweck nun vor allem dazu, den Gütertransport aus landwirtschaftlich oder mineralisch begünstigten Regionen zu den Häfen oder politischen Zentren eines Kolonialgebietes sicherzustellen.

Die Ausbeutung der mineralischen Ressourcen und die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion wären aber nicht möglich gewesen, wenn Steuerpflicht und Zwangsarbeit Afrikaner nicht dazu gezwungen hätten, sich in Minen und Plantagen zu verdingen. Da diese Arbeitstätigkeit in der Regel nicht für den Lebensunterhalt des Arbeiters und seiner Familie ausreichte, mußten er oder andere Familienmitglieder weiter das ihnen zur Verfügung stehende Land bestellen. Dies forcierte die Ausbildung einer spezifischen Form von Arbeitsstrukturen in vielen Kolonien, der Wanderarbeit. Die erwachsenen männlichen Mitglieder eines afrikanischen Haushalts arbeiteten zeitweilig außerhalb der Dorfgemeinschaft, die Frauen verblieben in ihr und arbeiteten in der Landwirtschaft. Dieses Schicksal blieb nur jenen Bauern erspart, die bereits vor der kolonialen Eroberung landwirtschaftliche Rohstoffe produziert und gehandelt hatten oder in Gebieten um die europäischen Siedlungszentren lebten und diese mit Nahrungsmitteln versorgten.


Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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