Afrika

21.5.2005 | Von:
Stefan Mair

Ausbreitung des Kolonialismus

Auswirkungen

Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf afrikanische Gesellschaften waren tiefgreifend. Traditionelle politische und administrative Systeme wurden entweder im Rahmen der direkten Herrschaft zerschlagen, oder deren Führer durch Einbindung in die indirekte Herrschaft teilweise diskreditiert. Gleichzeitig führte die indirekte Herrschaft häufig zur Verschärfung von Konflikten zwischen Volksgruppen. So bedienten sich die Briten in Uganda der Aristokratie und der administrativen Strukturen des Königreichs Buganda, um auch den Rest des Landes zu regieren. Außerdem verpflichteten sie vor allem Soldaten der als kriegerisch geltenden Volksgruppen aus dem Norden Ugandas, um das Territorium militärisch unter Kontrolle zu halten. Dieser Fall ist exemplarisch für eine Politik des Prinzips "Teile und Herrsche", die wesentlich zur Vertiefung innenpolitischer Konflikte beitrug und Nährboden für spätere gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Volksgruppen war.

Eine weitere Auswirkung der Kolonialherrschaft war das Heranwachsen einer neuen afrikanischen Elite, die sich vor allem aus Verwaltungsbeamten, aus erfolgreichen Unternehmern und Missionsschülern rekrutierte. Sie ging zum Teil aus der traditionellen Elite hervor, versuchte sich aber auch von ihr abzugrenzen und sah sich in Konkurrenz zu ihr. Ein weiterer, negativer politischer Effekt der Kolonialherrschaft bestand darin, daß in ihr der Staat und seine Vertreter vor allem als Unterdrücker, Kontrolleure und Ausbeuter auftraten. Dies sollte die Einstellung der meisten afrikanischen Gesellschaften gegenüber dem Zentralstaat für Generationen beeinflussen.

Die Ausrichtung der Infrastrukturnetze auf den an den Interessen der Kolonialmächte ausgerichteten Zweck, landwirtschaftliche sowie mineralische Kerngebiete mit Häfen und Verwaltungszentren zu verbinden, behinderte in der nachkolonialen Phase die Integration der jeweiligen Volkswirtschaften. Sie begünstigt bis heute internationale Wirtschaftsstrukturen, bei der die ehemaligen Kolonialgebiete überwiegend die Rolle des Lieferanten mineralischer und landwirtschaftlicher Rohstoffe spielen.

Wanderarbeit und Geldwirtschaft führte zu grundlegenden Veränderungen in der Sozialstruktur. Sie schwächten die Familienbande und die Stellung der Frau, die vom Gelderwerb weitgehend ausgeschlossen war. Sie untergruben auch die traditionell starke Position der älteren Generation in afrikanischen Gesellschaften, da sie geringen Wert als Arbeitskräfte hatten. Frauen und die ältere Generation profitierten auch kaum von der Ausbreitung des Bildungswesens in einer späteren Phase der Kolonialherrschaft und gerieten somit gegenüber dem männlichen Teil jüngerer Generationen mehr und mehr ins Hintertreffen.

Ebenfalls in einer späteren Phase trat ein, was gegenwärtig für eine der entscheidenden Auswirkungen der Kolonialherrschaft gehalten wird: die Verbesserung des Gesundheitswesens und damit die einschneidende Senkung der Sterblichkeitsraten. In Verbindung mit gleichbleibend hohen Geburtenraten verursachte sie ein anhaltend hohes Bevölkerungswachstum in Afrika südlich der Sahara. Trotz der mit diesem Wachstum verbundenen Probleme, sind sowohl die Verbesserung des Gesundheitswesens als auch die Expansion des Bildungswesens zwei positive Ausprägungen des Kolonialismus in Afrika. Auch der Aufbau einer Basisinfrastruktur wären ohne koloniale Inbesitznahme in so relativ kurzer Zeit kaum möglich gewesen. Außerdem hat sie den sozialen und kulturellen Wandel in der Region beschleunigt.

Zum Teil werden die Auswirkungen des Kolonialismus aber auch überschätzt. Die Kolonialherrschaft hat wenig am personalistischen Politikverständnis der meisten afrikanischen Gesellschaften geändert. Sie konnte den Vorrang lokaler sozialer Identitäten – wie den der Familie, der Dorfgemeinschaft, des Clans, der Altersgruppe und der Volksgruppe – vor abstrakteren, allgemeineren Identitäten wie die der Nation nicht beenden. Ebensowenig führte sie in den meisten Fällen zu einer grundlegenden Veränderung der vor allem auf den Eigenbedarf ausgerichteten Wirtschaftsweise afrikanischer Kleinbauern.

Der Streit darüber, ob der Kolonialismus Afrika grundlegend verändert hat oder ob traditionelle Strukturen noch immer das Leben in Afrika so sehr bestimmen, daß die Phase kolonialer Unterwerfung eine Episode war, ist müßig. Kapitalismus, Christentum und Islam, das Konzept des Nationalstaats und westliche Werte erfuhren durch ihren Kontakt mit afrikanischen Kulturen einschneidende Umformungen, wie sie auch diese Kulturen grundlegend modifizierten. Dieser Prozeß wird von dem Historiker John Iliffe so beschrieben: "Das Neue ersetzte nicht einfach nur das Alte, sondern vermischte sich vielmehr mit diesem, belebte es manchmal neu und führte zu neuartigen, spezifisch afrikanischen Formen der Synthese."


Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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