Afrika

21.5.2005 | Von:
Dirk van Laak

Deutschland in Afrika - Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

Das koloniale Dilemma

Unter Bismarck wollte das Deutsche Reich zunächst lediglich als Sicherungsmacht in den Kolonien präsent sein, der offizielle Ausdruck "Schutzgebiete" dokumentierte dies sinnfällig. Dieser Ansatz beruhte auf der Erwartung, dass die lautstarke Koloniallobby - seit 1887 zur "Deutschen Kolonialgesellschaft" zusammengeschlossen - sich in privater Initiative für die Erschließung der neu erworbenen Gebiete einsetzen würde. Die wirtschaftliche Entwicklung und Teile der Verwaltung wurden daher Terrain-, Charter- und Handelsgesellschaften übertragen, denen auch der Aufbau einer Infrastruktur überlassen wurde. Es erwies sich jedoch, dass deutsche Unternehmer in Afrika zwar an Gewinnen, nicht aber an einer koordinierten Entwicklung der Gebiete interessiert waren. Ohne dauerhafte staatliche Investitionen waren die Kolonien weder in lohnende Wirtschafts- noch in Siedlungsgebiete zu verwandeln. Auch vom anhaltenden Widerstand der indigenen Bevölkerung war man überrascht. Die ersten Maßnahmen bestanden daher in einer "Befriedung" der Gebiete - die meist gewaltsam erfolgte und selten dauerhaft gelang - sowie in der medizinischen Vorsorge und Ungezieferbekämpfung, um den Aufenthalt weißer Soldaten, Verwaltungsbeamter und Siedler überhaupt zu ermöglichen. Weil die Anlage von Wasserstellen, Häfen, Straßen oder Eisenbahnen echte Pionierarbeiten waren, wurden sie von Unternehmern und Siedlern als staatliche Aufgaben verstanden. Damit bewegte sich die deutsche Kolonialpolitik von Beginn an in einem Missverständnis zwischen privater und öffentlicher Initiative. Zum Austragungsort dieser Spannungen wurden die Debatten des Reichstags, der über die kolonialen Etats entschied. Manche Parlamentarier lehnten den Imperialismus kategorisch ab, andere hielten das Projekt Kolonien für ein zu riskantes und teures Unternehmen, und sie sahen sich durch die ersten zehn bis fünfzehn Jahre deutscher Kolonialpolitik fast durchgängig bestätigt.

Hinzu kam, dass bald eine Reihe von Unregelmäßigkeiten und höchst anfechtbare Verhaltensweisen der deutschen Kolonisatoren bekannt wurden, vor allem Vergehen gegen die einheimische Bevölkerung. Manche der Soldaten und Verwaltungsbeamten, aber auch Siedler oder Unternehmer glaubten, den Afrikanern mit einem ausgeprägt "herrischen" Auftreten begegnen zu müssen. Zum bekanntesten Kolonialskandal wurde der "Fall Peters": Die Symbolfigur der deutschen Koloniallobby hatte seine schwarze Geliebte mitsamt ihrem Liebhaber aufhängen lassen, was Kolonialgegner nicht nur für seine Absetzung nutzten, sondern auch zu einer Generalabrechnung über die deutschen Kolonialmethoden.[8] Diese Kolonialdebatten bezogen sich aber stets auf innenpolitische Konfliktlinien, so dass sie die afrikanischen Zustände selten lebensnah erfassten.[9]

Der um die Jahrhundertwende so eklatante Widerspruch zwischen der fortgesetzten deutschen Behauptung nach einem "Platz an der Sonne" und der tatsächlichen Entwicklung in den Kolonien hatte mehrere Ursachen: - Die Deutschen waren vergleichsweise unerfahren in der praktischen Kolonisation der Tropen. Sie mussten daher viele der Erfahrungen, die Briten oder Franzosen bereits seit längerem besaßen, beschleunigt nachholen. Bismarcks Versuch eines "Kolonialreichs mit beschränkter Haftung" scheiterte.[10] - Die Erschließung der gewaltigen Gebiete war problematischer als zunächst geglaubt. Nach anderthalb Jahrzehnten waren lediglicheinige Stützpunkte, Stichbahnen sowie Dampferlinien auf einigen ostafrikanischen Seen eingerichtet. Zudem gab es uneinheitliche Vorstellungen darüber, welchen Zweck man überhaupt mit den Kolonien verband, ob man dort siedeln, sie ausbeuten oder sie um ihrer selbst willen "aufwerten" wollte. - Da sie weithin unbekannte Territorien erworben hatten, stellten die Deutschen erst mit Verzögerung fest, wie wenig ertragreich sie waren. Hinzu kam eine Reihe unglücklicher Zufälle wie die Rinderpest von 1897, die in Südwestafrika ca. 80 Prozent des Viehbestandes der "Eingeborenen" und mehr als 50 Prozent des Viehs deutscher Siedler vernichtete. Deutsche Unternehmer investierten eher in die lukrativer erscheinende Bagdadbahn als in afrikanische Projekte. - Die Erwartung, dass deutsche Auswanderer in den deutschen Kolonien siedeln würden, um ihre fortwährende "Entdeutschung" zu verhindern, erfüllte sich schon deshalb nicht, weil Deutschland ab den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von einem Auswanderer- zu einem Einwandererland wurde. Somit hielten sich in Deutsch-Südwestafrika vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als 15 000 "Weiße" auf (nicht alle davon waren Deutsche), in Deutsch-Ostafrika rund 5 000, in Kamerun 2 000 und in Togo 500. In den Siedlergesellschaften und im Verwaltungspersonal hielten sich oft Rückstände von ansonsten überlebten, spätfeudalen Verhaltensweisen. Und gerade die Siedlerfrauen, die nur mit großen Schwierigkeiten angeworben werden konnten, sahen sich oft als strikte Wahrerinnen von Tradition und "Deutschtum".[11] - Die "Eingeborenen", über die man anfangs ebenso wenig wusste wie über das Territorium, wurden als "Eigentümer" ihres Landes bestenfalls gering geschätzt. Die Behauptung, dass sie aus den ihnen anvertrauten Räumen und Ressourcen nichts machten, was auch nur entfernt an die produktive Arbeit undWertschöpfung der Europäer erinnerte, schien Grund genug, sie zu enteignen. Gegen die meist unfairen und oft gewaltsamen Methoden der Kolonisatoren, sie zurückzudrängen und ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, hatten die Afrikaner allen Grund, Widerstand zu leisten. Er war jedoch gegenüber den sehr "ehrpussligen" Deutschen meist zwecklos, denn er wurde mit ungleichen Waffen geführt. Neben einer Vertreibung blieb als Alternative die langsame Anpassung an europäische Arbeit, Geldwirtschaft und stationäre Lebensweise. Entgegen der Erwartung der Kolonisatoren führte dies jedoch zu einer umfassenden "Entwurzelung" der traditionellen afrikanischen Gesellschaften.

- Die deutsche Öffentlichkeit begeisterte sich nur zögerlich für die Kolonien. Denn jenseits der exotischen Faszination für das "Fremde" wurden die zukünftigen Entwicklungen selbst an deutschen Stammtischen zum Teil ungemein realistisch eingeschätzt: "Wenn die deutschen Pioniere ihre Kulturaufgabe in Asien, Afrika usw. erfüllt haben werden und man hier glauben wird, der Moment sei gekommen, um die erhofften Glücksgüter zu sammeln, da werden die fremden Völkerstämme sich aufraffen und das Sklavenjoch von sich werfen, und der deutsche Michel hat dann das Nachsehen."[12]


Fußnoten

8.
Vgl. Franz Giesebrecht, Ein deutscher Kolonialheld. Der Fall "Peters" in psychologischer Beleuchtung, Zürich 1897; ders., Die Behandlung der Eingeborenen in den deutschen Kolonien. Stellungnahmen deutscher Kolonialpioniere, Berlin 1897.
9.
Vgl. Hans Spellmeyer, Deutsche Kolonialpolitik im Reichstag, Stuttgart 1931; Maria-Theresia Schwarz, "Je weniger Afrika, desto besser". Die deutsche Kolonialkritik am Ende des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. u.a. 1999.
10.
Vgl. Rudolf von Albertini (unter Mitarbeit von Albert Wirz), Europäische Kolonialherrschaft. Die Expansion in Übersee von 1880 - 1940, München 1982, S. 448f.
11.
Vgl. Lora Wildenthal, German Women for Empire, 1884 - 1945, Durham 2001.
12.
Richard J. Evans (Hrsg.), Kneipengespräche im Kaiserreich. Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892 - 1914, Reinbek 1989, S. 351.

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