Afrika

21.5.2005 | Von:
Dirk van Laak

Deutschland in Afrika - Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

"Kolonisation der Erhaltungsmittel"

Auf dem ersten deutschen Kolonialkongress 1902 wertete der Bonner Professor Ferdinand Wohltmann die ersten 18 Jahre der deutschen Kolonialzeit "gleichsam als die phantasiereichen sorglosen Flitterwochen, die ein jedes lebensfrisches Paar und ein lebensfrohes Volk, das glücklich Kolonien heimführt, durchmachen muß". Nach seiner Auffassung lag die Zukunft der Kolonien "mehr in der Dichte und Kaufkraft der eingeborenen Bevölkerung als in Pflanzungsanlagen".[13] Hier deutete sich ein Umschwung an, der sich um die Jahrhundertwende bei fast allen Kolonialmächten vollzog: Eine "Inwertsetzung" der Kolonien schien der einzige Weg, um zu verhindern, dass sie auf Dauer ein Zuschussgeschäft bleiben würden. Die "Eingeborenen" wurden als künftige Subjekte von Markt und Staat entdeckt. Sie zur Arbeit anzuhalten, schien ihre "Proletarisierung" zu verhindern und sie aus dem Zustand der "Unproduktivität" zu erlösen. Umstritten blieb, ob man diese Arbeitsleistung am besten über eine Besteuerung, die Weckung von Bedürfnissen oder durch Zwang bewirkte. Die deutschen Kolonien experimentierten mit unterschiedlichen Formen der Arbeitserziehung, zumal sich die Afrikaner selten freiwillig auf regelmäßige Lohnarbeit einließen.[14]

Am 15. Juli 1902 beleuchtete die "Deutsche Zeitung" am Beispiel Deutsch-Ostafrikas den vermuteten Zusammenhang zwischen Steuereinnahmen, Arbeitsleistung, Konsum, Sicherheit und Infrastruktur: "Sobald Eisenbahn-Verbindungen aus dem Innern zur Küste hergestellt sind, kann die Steuererhebung nicht nur räumlich weiter und weiter ausgedehnt werden, sondern die Steuerschraube kann auch fester angezogen werden. Statt drei Rupien Hüttensteuer können ohne jede Schwierigkeit sechs Rupien von der Familie erhoben werden, da mit der Möglichkeit des Absatzes der Wert der Arbeit ins Vielfache steigt, und der Neger die Bedeutung wirtschaftlicher Vorteile außerordentlich schnell erfaßt. Derart werden sich die Einnahmen der Kolonie von Jahr zu Jahr heben und die geringe Garantiesumme für den Bahnbau mit Leichtigkeit decken." Doch die Bahnbauten kamen nur schleppend voran, erst 1894 wurde ein Teilstück der sogenannten Usambarabahn eröffnet. Die Eisenbahnfrage sollte die gesamte zweite Hälfte der deutschen Kolonialzeit vor 1914 bestimmen.

Tatsächlich tat das Deutsche Reich seit Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts mehr für die Entwicklung der deutschen Kolonien. Die Berliner Kolonialverwaltung wurde aufgewertet, ein Kolonialdirektor eingesetzt, ein Kolonialrat gebildet, Gouverneure und Verwaltungspersonal an eine kürzere Leine genommen. Um die Jahrhundertwende entstand eine Reihe von Einrichtungen, die sich der Erforschung und Entwicklung der deutschen Kolonien annahmen, darunter das 1896 gegründete Kolonialwirtschaftliche Komitee, das vor allem agrarische Grundlagenforschung betrieb. Im Mai 1891 wurde in Dahlem eine Botanische Zentralstelle für die Kolonien eingerichtet, ab 1899 wurden in der Deutschen Kolonialschule bei Witzenhausen "Kulturpioniere" ausgebildet. 1900 entstand in Hamburg das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, 1902 folgte das Biologisch-Landwirtschaftliche Institut Amani in Deutsch-Ostafrika, um nur einige zu nennen. Denn alle Kolonialmächte waren nun davon überzeugt, dass Imperien nicht mehr primär durch Kraft und Willen, sondern vielmehr durch wissenschaftliche Information zu festigen seien.[15] Die Deutschen waren auf ihre "wissenschaftlichen" Kolonisationsmethoden besonders stolz, die von den kolonialen Konkurrenten vor 1914 durchaus anerkannt wurden.

Kritisiert wurde jedoch, dass noch immer "zu viel in Theorie und zu wenig in Praxis gemacht"[16] und die Erkenntnisse mit deutscher "Gründlichkeit" auf die Schutzgebiete übertragen wurden. Akademische Gedanken über eine "Hebung" ihres Kulturniveaus erreichten die Afrikaner im Wesentlichen als Arbeitszwang. Ihre eigene Kultur, ihr Wirtschafts- und Ökosystem waren durch die Eingriffe der Kolonisatoren bereits gründlich aus der Balance geraten. Viele gut gemeinte Ansätze versandeten nach wie vor im Gewirr unklarer Zuständigkeiten und einer unflexiblen Bürokratie. Der "Assessorismus" mancher Kolonialbeamter wurde in Deutschland geradezu sprichwörtlich.

Ein wirklicher Durchbruch zu einer neuen Kolonialpolitik vollzog sich erst nach einer Reihe blutiger Erhebungen. Wegen der schärferen Gangart bei der Erschließung brachen 1904 sowohl in Deutsch-Südwestafrika als auch in Deutsch-Ostafrika lang anhaltende Aufstände der "Eingeborenen" aus. Eine Rolle spielten dabei offenbar nichteingelöste Zusagen an nomadisierende Völker, ihre Lebensgrundlagen nicht über Gebühr einzuschränken. Die Herero und Nama in Südwestafrika wehrten sich mit strategischem Geschick gegen die deutsche Kolonialmacht, die hierauf - und auf den nahezu zeitgleichen Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika - mit beispielloser Härte reagierte.[17] Das Deutsche Reich sah sich durch die Aufstände fundamental herausgefordert. Die moderaten Stimmen um Gouverneur Theodor Leutwein, die auf dem Erhalt der "schwarzen" Arbeitskraft wie auch der Sachwerte bestanden, konnten sich nicht durchsetzen. General Lothar von Trotha, der die Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika befehligte, spekulierte offenbar auf eine "rein weiße" Kolonie. Sein Feldzug enthielt manche Aspekte der späteren Praxis einer Eroberung von "Lebensraum" im europäischen Osten, so die Bezeichnung als "Rasse"- und "Vernichtungskrieg", das Abschieben in lebensfeindliche Gegenden, die Vernichtung der Nahrungsgrundlagen, die unterschiedslosen Exekutionen oder die Tötung durch Vernachlässigung.[18]

Die Kriege bescherten den Kolonien im Deutschen Reich zum ersten Mal wirkliche Aufmerksamkeit. Der entrichtete "Blutzoll" - gemeint waren die getöteten deutschen Siedler und Soldaten - ließ kein Zurück zu einer halbherzigen Kolonialpolitik zu. 1907 wurde zu einem Wendejahr. Nach der so genannten "Hottentottenwahl", die im Reichstag eine kolonialfreundliche Mehrheit schuf, führte der Kolonialstaatssekretär Bernhard Dernburg ein modernisiertes koloniales Management ein. Nicht mehr nur Kritiker wie Matthias Erzberger, der noch 1906 eine vernichtende "Kolonial-Bilanz" vorgelegt hatte, befassten sich mit den Kolonien.[19] Auch die Ökonomen Karl Helfferich, Moriz Julius Bonn und Walther Rathenau unterbreiteten Vorschläge für eine "Sanierung" des deutschen Kolonialprojekts. Für kurze Zeit unterstützte das Reich den Infrastrukturausbau, der sich auf Eisenbahnen konzentrierte. Dernburg sprach von einer "Kolonisation der Erhaltungsmittel"[20]. Seine Politik einer "Hebung der Eingeborenenkultur" wertete die Afrikaner nun als wirtschaftliches "Aktivum". Von diesem Zugeständnis ihrer Entwicklungsfähigkeit setzten sich freilich rassisch-biologische Auffassungen ab, die in den "Farbigen" das unveränderlich "Andere" erblickten. "Herrenmenschen" wie Carl Peters waren von der schleichenden Aufwertung des "Negers" befremdet, da dieser doch eine "Sklavennatur" sei, der nur ein "männlicher selbstbewußter Wille" imponiere.[21] Die allmähliche Angleichung der zivilisatorischen Niveaus zwischen Schwarzen und Weißen brachte also auch eine immer ausgeprägtere Unterscheidung nach rassistischen Kriterien mit sich.[22] Die Rassenfrage - besonders das Problem der so genannten "Mischehen" - beherrschte die Debatten. Paul Rohrbach, zeitweise "Ansiedlungskommissar" in Deutsch-Südwest, meinte, unter dem Einfluss farbiger Konkubinen ginge den Ansiedlern "jedes Gefühl für Sitte, Kultur, gesellschaftliche Ordnung und nationale Würde" verloren, sie seien letztlich "verkaffert".[23] Und der Tropenarzt Ludwig Külz wies sogar auf den "kontraselektorischen Einfluß" hin, den die Weißenherrschaft mit ihren Kultursegnungen in Afrika bewirke.[24]

Immerhin wurden die afrikanischen Arbeitskräfte in der Folge besser behandelt. Gegen 1913 waren in den deutschen Kolonien ca. 150 000 Afrikaner getauft, und 120 000 lernten an deutschen Schulen. Auch wurden bis 1914 in den deutschen Kolonien etwa 3 754 Kilometer Eisenbahnen gebaut. Trotzdem blieb die Kolonialpolitik ein unrentables Zuschussgeschäft, lediglich Togo trug sich finanziell selbst. Schätzungen zufolge wurden von der Gründung bis zum Ausbruch des Krieges 646 Millionen Reichsmark für die afrikanischen Kolonien aufgewandt. Die Einfuhr an Sisal, Baumwolle, Kaffee, Erdnüssen, Kopra oder Bananen war auf dem Weltmarkt leicht zu kompensieren.[25] Wolfgang Reinhard sieht in dieser Bilanz ein "Grundmuster" des europäischen Kolonialismus: "Die 'öffentlichen Hände' übernehmen mehr oder weniger notgedrungen die Infrastrukturkosten, ohne unmittelbar entsprechenden Gewinn aus den Kolonien zu ziehen, das heißt, für die meisten Staatskassen war Kolonialherrschaft defizitär, was die deutschen Sozialdemokraten der Regierung im Reichstag oft genug vorgehalten haben. Hingegen haben 'private Hände' immer wieder satte Gewinne aus Kolonialgeschäften eingestrichen, so daß bis zuletzt von Regierungsseite immer wieder Anläufe unternommen wurden, um diese eigentlichen Gewinner auch für die Unkosten der Kolonialherrschaft aufkommen zu lassen."[26]


Fußnoten

13.
Verhandlungen des Deutschen Kolonialkongresses 1902 zu Berlin am 10. und 11. Oktober 1902, Berlin 1903, S. 505, 507.
14.
Vgl. Anton Markmiller, Die Erziehung des Negers zur Arbeit. Wie die koloniale Pädagogik afrikanische Gesellschaften in die Abhängigkeit führte, Berlin 1995.
15.
Vgl. Thomas Richards, The Imperial Archive. Knowledge and the Fantasy of Empire, London 1993, S. 5.
16.
So der Kolonialtechniker Franz Allmaras, Ich baue 2 000 km Eisenbahnen, in: Heinrich Pfeiffer (Hrsg.), Heiß war der Tag. Das Kolonialbuch für das junge Deutschland, Berlin 1933, S. 41.
17.
Zum Herero-Krieg vgl. die literarischen Verarbeitungen von Gustav Frenssen, Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht, Berlin 1906; Uwe Timm, Morenga. Roman, München 1978; Gerhard Seyfried, Herero. Roman, Frankfurt/M. 2003.
18.
Vgl. Jürgen Zimmerer, Krieg, KZ und Völkermord in Südwestafrika. Der erste deutsche Genozid, in: ders./Joachim Zeller (Hrsg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904 - 1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003, S. 60.
19.
Vgl. Matthias Erzberger, Die Kolonial-Bilanz. Bilder aus der deutschen Kolonialpolitik auf Grund der Verhandlungen des Reichstags im Sessionsabschnitt 1905/06, Berlin 1906.
20.
Bernhard Dernburg, Zielpunkte des deutschen Kolonialwesens. Zwei Vorträge, Berlin 1907, S. 9.
21.
Carl Peters, Kolonialpolitik und Kolonialskandal (1907), in: ders., Gesammelte Schriften, 1. Bd., München-Berlin 1943, S. 441f.
22.
Vgl. Pascal Grosse, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850 - 1918, Frankfurt/M.-New York 2000.
23.
Peter Scheulen, Die "Eingeborenen" Deutsch-Südwestafrikas. Ihr Bild in deutschen Kolonialzeitschriften von 1884 bis 1918, Köln 1998, S. 138f.
24.
Wolfgang Uwe Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus. Deutschland 1884 - 1945, Paderborn 1997, S. 65; vgl. auch Birthe Kundrus, Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien, Köln 2003, S. 219 - 279.
25.
Vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn u.a. 19912, S. 239.
26.
Wolfgang Reinhard, Öffentliche und andere Hände. Privatisierung und Deregulierung im Lichte historischer Erfahrung, in: Helga Breuninger/Rolf Peter Sieferle (Hrsg.), Markt und Macht in der Geschichte, Stuttgart 1995, S. 281.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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