Afrika

5.12.2005 | Von:
Stefan Mair

Staatliche Unabhängigkeit seit den fünfziger Jahren

Bis Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die koloniale Vorherrschaft trotz heftigem Widerstand weitgehend unangetastet. Mit zunehmendem Zugang zu Bildung formierte sich ein afrikanischer Unabhängigkeitswille, der Ende der fünfziger Jahre erste Erfolge zeigte.


Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 264) - Staatliche Unabhängigkeit seit Ende der fünfziger Jahre

Einleitung

Zur Jahrhundertwende hatten die europäischen Kolonialmächte fast den ganzen afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt. Hiervon gab es in Afrika südlich der Sahara nur wenige Ausnahmen: das Königreich Äthiopien, das auf eine lange staatliche Tradition zurückblicken konnte, Liberia, das ab 1822 unter dem Schutz der USA zum Refugium freigelassener amerikanischer Sklaven geworden war und bereits 1847 seine Unabhängigkeit erlangte, sowie die Burenrepubliken in Südafrika, Oranje-Freistaat und Transvaal. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die koloniale Vorherrschaft weitgehend unangetastet. Das bedeutet aber nicht, daß es dagegen keinen heftigen Widerstand gegeben hätte. Er bestand zum einen vor allem aus zivilem Ungehorsam und passivem Widerstand, zum anderen aus meist lokal begrenzten, bewaffneten Aufständen gegen die Fremdherrschaft. Stellvertretend hierfür seien die Rebellion der Ndebele in Süd-Rhodesien 1896, die Erhebung der Asante in Ghana 1900 und der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika von 1905 bis 1907 genannt. Dieses gewalttätige Aufbegehren wurde stets mit großer Brutalität niedergeschlagen. Daß dieses Vorgehen nach dem Zweiten Weltkrieg immer schwieriger wurde, lag am politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel in den Kolonien und am veränderten internationalen Umfeld. Die Kolonialherrschaft hatte ansatzweise eine afrikanische städtische Mittelschicht entstehen lassen – Händler, Angestellte europäischer Unternehmen, Juristen, Lehrer, Journalisten, Ärzte und Transportunternehmer –, die immer weniger bereit waren, ihren Status als politisch einflußlose Bürger zweiter Klasse hinzunehmen. Formiert wurde ihr Widerstand durch eine kleine Schicht von Intellektuellen, die in der Regel in Missionsschulen sozialisiert worden waren und ihre politische Prägung an europäischen oder amerikanischen Universitäten erhalten hatten. Nach 50 Jahren Kolonialismus hatten mehr und mehr Afrikaner Zugang zu Bildung.

Die zunehmende Verstädterung hatte neue Formen der sozialen Organisation und Kommunikation entstehen lassen und das sich beschleunigende Bevölkerungswachstum hatte zu einem erhöhten Anteil der jüngeren Generationen an der Gesamtbevölkerung geführt. Sie neigten mehr als die älteren zu politischem Radikalismus und Widerstand. Diese Bereitschaft zum politischen Protest wurde durch die negativen wirtschaftlichen Effekte des Zweiten Weltkriegs verstärkt. Die Kolonialmächte forcierten die Ausbeutung ihrer Kolonien, um zusätzliche Finanzmittel und mineralische Ressourcen zur Kriegführung zu mobilisieren. Gleichzeitig stellten sie ihre Konsum- und Investitionsgüterproduktion in den Dienst der Aufrüstung, was zur Verknappung dieser Güter in den Kolonien und folgerichtig zu Preissteigerungen führte.

Nicht zu unterschätzen sind neben den wirtschaftlichen auch die politischen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Kolonien. Afrikaner wurden zum Militärdienst in Europa und Asien herangezogen. Dies führte zum einen dazu, daß viele Afrikaner sich in dem Bewußtsein näher kamen, dies sei nicht ihr Krieg, und die Kolonialmächte schuldeten ihnen etwas im Ausgleich für ihren Kriegsdienst. Zum anderen ließ die Aufstellung von Kolonialregimentern das Gefühl der Solidarität zwischen den afrikanischen Angehörigen dieser Einheiten wachsen. Zwar konnte Frankreich 1944 bei der Konferenz in Brazzaville noch die geforderte Selbstverwaltung der Kolonien ablehnen, gestand diesen aber zumindest eine gewählte Vertretung in der französischen Nationalversammlung zu. Politiker und Intellektuelle wie Malis Ahmed Sékou Touré, Senegals Léopold Sédar Senghor und Félix Houphouet-Boigny aus der Elfenbeinküste nutzten diese Bühne, um ihre Forderungen vorzubringen ¡und sich als nationale Führungspersönlichkeiten zu profilieren.

Der sich formierende Unabhängigkeitswille der Afrikaner stieß nach dem Zweiten Weltkrieg auf günstige internationale Bedingungen. Die beiden wichtigsten Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien waren wirtschaftlich, politisch und militärisch enorm geschwächt. Ihre Versuche, die wirtschaftliche Schwäche durch einen verstärkten Abzug von Ressourcen aus den Kolonien zu lindern, stießen schnell an ihre Grenzen. Zudem erhöhten sich mit dem wachsenden Widerstand gegen die Kolonialherrschaft die Kosten der Unterdrückung.


Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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