Afrika

5.12.2005 | Von:
Jacob Emmanuel Mabe

Multikulturelle Gesellschaften

Afrikanische Gesellschaftsstrukturen

Afrikas Vielvölkerstaaten gehen zwar auf die koloniale Staatenbildung nach dem Modell eines europäischen Einheitsstaates zurück. Gleichzeitig nutzten die Europäer aber die Vielfalt an Völkern und Kulturen als Machtmittel, um ihre Herrschaft in Afrika zu festigen. Statt das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf nationaler Ebene zu fördern, errichteten die Kolonialmächte Herrschaftsstrukturen, welche die kulturellen Divergenzen und Differenzen zwischen den Völkern stimulierten.[2]

Diese Strukturen haben ethnische Bindungen verstärkt, die auch nach der Unabhängigkeit von den einheimischen politischen Eliten zum Zweck der Machtergreifung und des Machterhalts instrumentalisiert und missbraucht worden sind. Leider werden in den Ländern Afrikas bislang kaum konsequente politische Maßnahmen ergriffen, die auf die Realisierung eines nationalen Bewusstseins bauen oder auf die Förderung der gegenseitigen Toleranz und eines Klimas der Öffnung und Verständigung zwischen den Menschen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen setzen.

Identitätsstiftende Erfahrungen sind notwendig, um allen ethnischen Gruppen zu einem stärkeren Zusammenhalt zu verhelfen.Identitätsstiftende Erfahrungen sind notwendig, um allen ethnischen Gruppen zu einem stärkeren Zusammenhalt zu verhelfen. (© Luc Sesselle, SXC.hu)
Den relativ jungen Nationalstaaten Afrikas fehlen bisher identitätsstiftende Erfahrungen, die allen ethnischen Gruppen gemeinsam wären und ihnen zu einem stärkeren Zusammenhalt verhelfen könnten. Es ist nicht die ethnische Diversität als solche, die der Bildung einer nationalen Identität entgegensteht, sondern vielmehr eine politisch instrumentalisierte Ethnizität. Der Begriff beschreibt weniger ein gefühlsmäßiges Bekenntnis zu einer Ethnie als eine meist politisch motivierte Neigung, die eigene ethnische Gruppe und Kultur aufzuwerten und gleichzeitig andere Volksgruppen mit ihren Traditionen geringer zu schätzen. Angesichts dieser politisierten Ethnizität, welche auch zum Teil von afrikanischen Regierungen verstärkt und für politische Zwecke ausgenutzt wird, lässt sich eine Einteilung der Staaten und Gesellschaften in Ethnien nicht vermeiden.

Messen die meisten Afrikanerinnen und Afrikaner der ethnischen Identität noch besonderen Stellenwert bei, so geschieht dies auch aus einer gewissen Nostalgie heraus, die sie für ihre eigene Sprache und Kultur aufbringen. Mit der Einführung der Amtssprachen in der Kolonialzeit verloren die lokalen Sprachen weitgehend ihre Bedeutung als authentisches Mittel der Bewahrung und Weitergabe der ethnischen Kultur. Das Festhalten der politischen und wissenschaftlichen Eliten Afrikas an europäischen Sprachen in der Bildung und Verwaltung hat zudem dazu geführt, dass die Barrieren, Berührungsängste, Rivalitäten und Vorurteile zwischen den verschiedenen Ethnien beinahe unüberwindbar geworden sind. Das wird auch nicht zuletzt bei der Besetzung von Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft deutlich, wo die ethnische Zugehörigkeit stets politisiert wird.

Die Degradierung einheimischer oder nativer Sprachen hat außerdem schwerwiegende Auswirkungen auf das Identitätsbewusstsein der Afrikaner. In Afrika überwiegt der Glaube, dass der Mensch seine Identität und die Einzigartigkeit seiner Kultur und Religion nur durch die Artikulation der Werte seiner Tradition in der Muttersprache wahren kann. Solange den einheimischen Sprachen und damit auch Kulturen die ihnen gebührende Stellung in der Bildung, Wissenschaft und Politik nicht zukommt, wird man die in Afrika drohenden gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Krisen keineswegs überwinden können.

Fußnoten

2.
Afrikanische Gesellschaften: Die afrikanischen Intellektuellen selbst unterscheiden ihre Gesellschaften hinsichtlich des geltenden Rechts, der Sitte und Moral, der Kunst, der vorherrschenden Werte und Lebensregeln. Dabei stehen den traditionellen Gesellschaften, die aus afrikanischer Sicht einst Verwandtschaftstreue, Moral, Geselligkeit, Sittsamkeit, Heimat- und Familienverbundenheit verkörperten, die modernen Gesellschaften gegenüber. Letztere sind erst im Zuge der Kolonisierung Afrikas entstanden und werden mit Entgeltsarbeit, Schulbildung, Geldgier, Luxus, Kriminalität, Gewalt, etc. assoziiert. Die modernen Gesellschaften werden in der wissenschaftlichen Literatur oft mit den nachkolonialen Staaten mit allen ihren Sozialstrukturen und politischen Lebensformen identifiziert.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Mediathek

Der afrikanische Kontinent

Afrika ist eng mit anderen Teilen der Welt verbunden, im Hinblick auf seine Geschichte, auf frühere Migrationen und auf die heutige Wirtschaft.

Jetzt ansehen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de