Afrika

20.5.2005 | Von:

Gesellschaftlicher Wandlungsprozess

Erziehungswesen

Eine der großen Hoffnungen der Unabhängigkeitsära war die Erwartung, daß die entstehenden jungen Nationalstaaten die durch die koloniale Schul- und Bildungspolitik verursachten Defizite rasch beseitigen und durch eine intensive Bildungs- und Ausbildungspolitik den Grundstein für einen selbsttragenden Entwicklungsprozeß legen würden. In der Tat haben die afrikanischen Staaten – mit Unterstützung durch die Entwicklungshilfe – Beeindruckendes in der Bildungspolitik geleistet und nicht unerhebliche Anstrengungen unternommen, den Bildungsstand der Bevölkerung zu heben. Lag die Alphabetisierungsrate 1970 noch bei lediglich 27 Prozent, so hat sie sich 1994 mit 56 Prozent dem Durchschnitt der Entwicklungsländer angenähert (64 Prozent). Die Länder des subsaharischen Afrika geben nach wie vor einen höheren Anteil ihres Bruttosozialprodukts für Bildung aus als die anderen Staaten der Erde – einschließlich der Industriestaaten des Nordens.

Diese allgemein beeindruckende Entwicklung kann allerdings nicht darüber hinweg- täuschen, daß sowohl innerhalb der einzelnen Staaten große Unterschiede im Zugang zu Bildung bestehen, als auch zwischen den einzelnen Staaten. Erreichten Länder wie Kenia oder Sambia Alphabetisierungsquoten von 77 Prozent, so liegt derselbe Wert nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP, United Nations Development Programme) in den islamisch geprägten Ländern des Sahel bei 13 Prozent (Niger) oder 19 Prozent (Burkina Faso). Neben großen Unterschieden zwischen Stadt und Land ist nach wie vor (zumal in den islamischen Ländern) der Unterschied zwischen Männern und Frauen erheblich. Lag 1994 die Alphabetisierungsquote im afrikanischen Durchschnitt bei Männern bei 64,3 Prozent, so lag derselbe Wert für Frauen bei lediglich 44,4 Prozent.

In den letzten zwei Jahrzehnten sind die in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit erreichten Erfolge allerdings wieder in Frage gestellt worden. Nahezu alle Staaten haben die Ausgaben für die Bildung gekürzt und die Investitionen in die Infrastruktur des Bildungssektors sträflich vernachlässigt. Dies, verbunden mit der Bevölkerungsexplosion, hat zu einem erheblichen Rückgang vor allem der Qualität des staatlichen Bildungsangebots geführt.

Quellentext

Zu arm für die Schule

Rund 40 Millionen junger Afrikaner haben einer neuen Studie des Weltkinderhilfswerks (Unicef) zufolge noch immer keinen Zugang zu allgemeinen Schulen.

Im Vergleich zu 1960, als erst ein Viertel aller Kinder des Kontinents am Schulunterricht teilnehmen konnte, hat sich die Bildungssituation zwar deutlich verbessert. Unicef zufolge werden aber auch heute noch viele Minderjährige durch Armut, Kriege und Versäumnisse des Staates von den Schulen ferngehalten. Von Chancengleichheit für Mädchen und Jungen kann ebenfalls keine Rede sein.

Wie aus dem „Bericht über die Lage der Kinder in der Welt 1999“ hervorgeht, bräuchten die Staaten der Region zusätzlich 1,9 Milliarden US-Dollar für den öffentlichen Bildungshaushalt. In Schwarzafrika erreichen derzeit nur sechs Länder – Botswana, die Kapverden, Malawi, Mauritius, Simbabwe und Südafrika – eine Einschulungsrate von bis zu 90 Prozent in den Grundschulen. Der Durchschnitt in der gesamten Region liegt bei knapp 60 Prozent. Etwa ein Drittel der ABC-Schützen kehrt der Schulbank vor Abschluß der vierten Klasse den Rücken. Besonders kritisch ist die Lage laut Unicef-Report in Gabun, in der Republik Kongo (Brazzaville), auf den Komoren und in Tschad, wo über ein Drittel der Grundschüler Klassen wiederholen müssen. [...]

Die Regierungen in der Region führen die Bildungsmisere vor allem auf die hohen Auslandsschulden zurück. Unicef zufolge muß etwa Tansania fast sechsmal mehr öffentliche Gelder für den Schuldendienst als für den Bildungssektor aufwenden. Insgesamt stehen die Länder südlich der Sahara bei internationalen Gläubigern mit 227,2 Milliarden US-Dollar in der Kreide [...]. Jeder Einwohner der Region trägt [...] eine Schuldenlast von 379 Dollar bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen, das häufig noch unter diesem Wert liegt. [...]

Zudem werden in vielen Ländern Afrikas nach wie vor Mädchen bei der Ausbildung benachteiligt. Dem Unicef-Bericht zufolge sind im regionalen Durchschnitt 61 Prozent aller Jungen, aber nur 57 Prozent der Mädchen eingeschult. Auch zwischen den einzelnen Regionen zeigt sich ein großes Gefälle. In nordafrikanischen Ländern besuchen etwa 75 Prozent der Mädchen den Unterricht und in Benin nur 50 Prozent. „Vielen Mädchen wird auch weiterhin der Zugang zu Schulen verwehrt, weil sie schon früh im Haushalt Verantwortung übernehmen müssen“, erklärt Faiza Juma Mohammed von der NGO „Equality Now“ mit Sitz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Das Recht auf Bildung werde ihnen wohl nicht eher gewährt, bis sich die schwierigen Lebensbedingungen verbessert hätten.

Frankfurter Rundschau vom 18. Januar 1999.

Probleme des Schulsystems

Die Masse der afrikanischen Grund- und Hauptschulen erfüllt nicht einmal mehr pädagogische Mindestanforderungen. Insofern sind die hohen formalen Einschulungszahlen eher mit Vorsicht zu genießen. Gleichzeitig hat die Verschlechterung der ökonomischen Situation der meisten Familien in den letzten fünfzehn Jahren zu einer weit selektiveren Einschulung geführt. Vor allem Mädchen werden nur noch zögerlich eingeschult. Damit verbunden hat die Koranschule als kostengünstige Alternative zur "westlichen" Schule in den islamischen Teilen Afrikas eine gewisse Renaissance erlebt.

Das Hauptproblem des afrikanischen Bildungswesens stellen – neben der fehlenden Infrastruktur und dem Versagen des Staates, eine Mindestausbildung zu garantieren – allerdings zwei andere, eng miteinander verknüpfte Defizite dar: Das Nichtangepaßtsein der Lehrinhalte und Schulformen an die tatsächlichen Bedürfnisse und die Verengung der Wahrnehmung von Bildung als Vehikel des sozialen Aufstiegs. Beide Phänomene hängen eng mit der Entstehung des afrikanischen Bildungssystems zusammen. Während der Kolonialzeit war der Besuch "westlicher" Bildungseinrichtungen gleichbedeutend mit der Garantie eines Postens in der kolonialen Administration. Entsprechend standen in der Ausbildung nicht die Bedürfnisse einer angepaßten lokalen Entwicklung im Vordergrund, sondern die Übernahme von Werten und Funktionsmechanismen der Zivilisation und Kultur der europäischen Kolonialherren.

Nach der Unabhängigkeit ermöglichte die Absolvierung von Gymnasium und Universität den direkten Aufstieg in die nachkoloniale Herrschafts- und Funktionselite. Diese Schicht der kolonialen und nachkolonialen "Bildungsprofiteure" hat seither eine inhaltliche Anpassung der Schulausbildung an die Bedürfnisse agrarischer und vorindustrieller Gesellschaften nachhaltig blockiert. Wichtiger blieb für diese Schicht immer, daß die Schulabschlüsse der lokalen Schulen den Zugang zu den Universitäten der Industrieländer ermöglichen und dem übernommenen kulturellen westlichen Wertesystem entsprechen. So diskutieren heute noch afrikanische Gymnasiasten in der Elfenbeinküste oder Togo über die Aktualität Viktor Hugos und die Fabeln Racines; gleichzeitig wird in den Schulen kaum den realen Lebensverhältnissen angepaßtes Wissen vermittelt. Eine praxisorientierte Berufsschulausbildung fehlt gänzlich.

Quellentext

Alltag afrikanischer Frauen

Zusammenfassend ist festzustellen, daß sich im Verlauf der historischen Entwicklung der Status der Frau in vielen gesellschaftlichen Bereichen tendenziell verschlechtert hat. Dies zeigt sich nicht nur darin, daß ihr der freie Zugang zur Landnutzung und die Einführung weniger arbeitsintensiver Anbauverfahren vorenthalten wurde. Sie war vielmehr auch kaum in den Geldkreislauf integriert und konnte oft die vorhandenen Bildungsmöglichkeiten nicht nutzen. Schließlich hat sie – ausgehend von der Position eines relativ gleichberechtigten Partners mit eigenem Verantwortungs- und Entscheidungsbereich – mehr und mehr Kompetenzen an den Mann abgetreten. Dieser Prozeß wurde in erster Linie von außen gesteuert und hat insgesamt die Abhängigkeit der Frau erhöht.

Die afrikanische Frau übt in aller Regel mehr Berufe gleichzeitig aus. Sie ist nicht nur Hausfrau und Mutter, sondern sie betreut den Pflanzenbau (Getreide, Obst und Gemüse), die Viehhaltung, Binnenfischerei und Forstwirtschaft. Teilweise ist sie auch für die Verarbeitung und den Vertrieb (Handel auf dem lokalen Markt) der Agrarprodukte zuständig und übernimmt oft auch handwerkliche Funktionen.

Als Folge dieser Mehrfachbelastung erreicht der durchschnittliche Arbeitstag der Landfrauen nach Angaben der International Labour Organization (ILO) eine Dauer von zwölf Stunden, wobei zu Aussaat- und Erntezeiten auch sechzehn Stunden festzustellen sind. Diese sehr hohe Arbeitsbelastung kommt vielfach in Statistiken über die Beschäftigung von Frauen nicht zum Ausdruck, weil die Tätigkeit in Haushalt und Landwirtschaft im Rahmen der Subsistenzwirtschaft nicht als produktive Leistung mit ökonomischer Bewertung angesehen wird. [...]

Einen realistischen Einblick in das Arbeitsprogramm von Frauen bietet eine differenzierte Betrachtung der unterschiedlichen Arbeitsbereiche. Hier steht zunächst die Hausarbeit im Vordergrund. Neben den klassischen Aufgaben der Zubereitung von Grundnahrungsmitteln und der Kinderbetreuung haben vor allem in Entwicklungsländern das Sammeln von Brennholz und die Beschaffung von Wasser Priorität. Damit sind lange Wege und hohe Lasten verbunden [...]

Als Subsistenzlandwirtin produziert sie Getreide, Knollengewächse (Kassava) und Gemüse, vor allem Zwiebeln. Dabei entscheidet die Frau alleine, was wann angebaut wird und wann sie die Feldarbeiten erledigt. [...] Der Anbau von Gemüse hängt sehr von der Verfügbarkeit von Wasser ab und damit von der Bereitschaft, für jeden zusätzlichen Gang zur Wasserstelle einen Zeitaufwand von ein bis zwei Stunden in Kauf zu nehmen. [...]

Walter Schug, „Die Rolle der afrikanischen Frau im Entwicklungsprozeß“, in: Universitas 5/1988, S. 580 ff.

Über viertausend Jahre lang hat man in afrikanischen Kulturen Frauen verstümmelt. Viele sind der Ansicht, der Koran würde das vorschreiben, da dieser Brauch hauptsächlich in moslemischen Ländern verbreitet ist. Doch weder im Koran noch in der Bibel steht, daß die Beschneidung der Frau ein gottgefälliges Werk sei. Vielmehr wird diese Praktik schlicht von Männern unterstützt und gefordert, von unwissenden, egoistischen Männern, die sich damit ihr alleiniges Anrecht auf die sexuellen Dienste ihrer Frauen sichern wollen. Deshalb verlangen sie, daß ihre Frauen beschnitten sind. Die Mütter fügen sich und lassen die eigenen Töchter beschneiden, aus Angst, diese könnten sonst keinen Ehemann finden. Denn eine Frau, die nicht beschnitten wurde, gilt als schmutzig und mannstoll und kann daher nicht verheiratet werden. In einer Nomadenkultur wie der, in der ich groß wurde, ist jedoch kein Platz für eine unverheiratete Frau. Deshalb betrachten es die Mütter als ihre Pflicht, ihren Töchtern möglichst gute Startchancen zu verschaffen [...] Für die Verstümmelung von Millionen von Mädchen jedes Jahr gibt es keinen Grund – außer Unwissenheit und Aberglaube. Aber die Schmerzen, das Leid und die Todesfälle aufgrund von Beschneidungen sind mehr als genug Gründe, schnellstens damit aufzuhören.

Waris Dirie, Wüstenblume, München 1998, S. 338 f.

„Wir können Frauenbeschneidung nur durch intensive Aufklärungskampagnen verhindern. Nur wenn wir die Einstellung der Menschen verändern, sie überzeugen, können wir ihr Verhalten verändern“, sagt Abebe Kebede, beim NCTPE (National Commitee on Traditional Practices in Ethiopia) für Bildungsarbeit verantwortlich.

„Die Informationskampagnen richten sich auf dem Land vor allem an einflußreiche Mitglieder der Dorfgemeinschaften, an reiche Bauern oder an traditionelle Geburtshelferinnen.“

Abebe ist froh, daß sich die Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) der Frauenbeschneidung jüngst angenommen hat. Die 1997 verabschiedete „Addis Abeba Declaration“ kündigt an, Frauenbeschneidung in den 28 afrikanischen Ländern, in denen sie praktiziert wird, per Gesetz unter Strafe zu stellen. Bestraft werden sollen vor allem diejenigen, die den Eingriff durchführen. „Wir hoffen, daß es im Jahr 2005 keine Frauenbeschneidung in Afrika mehr gibt“, sagt Berhane Ras-Work. Sie ist Vorsitzende des Gremiums aus namhaften afrikanischen Juristen, Gesundheitsexperten und Frauenvereinigungen, das die Deklaration verabschiedet hat.

Deutscher Frauenrat (Hg.), informationen für die frau 10/97, S. 8

Universitäten

Schließlich wurden auch die entstehenden Universitäten weitgehend an den Bedürfnissen der Verwaltung ausgerichtet, die vor allem die Natur- und Ingenieurwissenschaften vernachlässigten. Die Masse der Studierenden wurde in wachsendem Maße in rasch aufgeblähte geisteswissenschaftliche Fakultäten kanalisiert, wo sie für die Entwicklung des Landes weitgehend wertlose, für den Staat aber relativ kostengünstige Universitätsdiplome in Germanistik, Geschichte oder Literaturwissenschaften erwarben. Die expandierende Verwaltung und die entstehenden staatlichen Betriebe und Wirtschaftsverwaltungen haben als Auffangbecken für diese Hochschulabsolventen ohne berufliche Qualifikationen dienen müssen.

Auch dieses System ist mit der allgemeinen Krise der afrikanischen Volkswirtschaften und der Strukturanpassungspolitik der achtziger Jahre weitgehend zerfallen. Professoren ohne Gehalt unterrichteten zunehmend demotivierte und desillusionierte Studenten in überfüllten Hörsälen ohne Mikrophon und Klimatisierung (vom mangelhaften Zugang zu Büchern oder Fachzeitschriften ganz zu schweigen). Nur einigen Ländern gelang es, das Hochschulsystem halbwegs intakt über diese Periode zu retten. In weiten Teilen Afrikas muß sowohl das akademische System als auch das Grund- und Hauptschulsystem als grundlegend reformbedürftig angesehen werden.

Dabei ist eine Wiederbelebung des Bildungssystems durchaus möglich. Eltern in Afrika – dies zeigt auch der Boom von Privatschulen in den letzten Jahren – sind erfahrungsgemäß bereit, beträchtliche Opfer für eine gute Schulausbildung ihrer Kinder in Kauf zu nehmen.


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