Afrika

20.5.2005 | Von:

Gesellschaftlicher Wandlungsprozess

Wertewandel

Urbanisierung, Alphabetisierung, Monetarisierung der Wirtschaft, Explosion der Bevölkerungszahlen und dramatische Veränderung der Altersstrukturen, Kodifizierung eines künstlichen, aus einer anderen Kultur importierten Rechtssystems und Einbruch der Medien in kleinräumliche, von Mündlichkeit geprägte Gesellschaften, haben zu einer dramatischen Veränderung des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wertesystems geführt. Dabei wurden die alten tradierten Werte mit ihrer Betonung von Vorrechten aufgrund von Alter und Familiensolidarität nicht einfach von den "neuen" Werten der westlichen Kultur und der Marktwirtschaft ersetzt. Typisch für Afrika ist vielmehr ein Mix von alten und neuen Werten, die gerade im urbanen Milieu immer wieder neu formuliert werden. Einerseits läßt sich hier – oft genug aus schierem Überlebenszwang heraus – das Fortbestehen von traditionellen Solidaritätsnormen beobachten. Familienmitglieder, Abkömmlinge derselben Klans oder Dörfer errichten im städtischen Milieu Solidarstrukturen, die ihnen in einer extrem schwierigen Umgebung das Überleben erleichtern und heikle Situationen (Tod von Familienmitglie-dern mit den hohen Kosten der Beerdigungen, Krankheit und deren Behandlungskosten, geschäftliche Initiativen) meistern helfen.

Andererseits wird die traditionelle Form der Familien-Solidarität gerade von den Aktiveren und Erfolgreicheren oft als extrem belastend empfunden, da es den Großfamilien die systematische Abschöpfung eines Teils der Früchte ihrer Arbeit ermöglicht. In diesem Zusammenhang ist unübersehbar, daß die Einforderung von "Solidarität" oft durch massive Drohungen bis hin zu einer Gefahr für Leib und Leben, etwa der Androhung von Vergiftung oder Hexerei, betrieben wird – ein zunehmendes, von der Masse der Afrikaner mit großen Bedrohungsgefühlen und Ängsten gelebtes sozio-kulturelles Phänomen.

Gleichzeitig verlieren jedoch andere traditionelle soziale Normen – etwa der Respekt vor Alter, Erfahrung und Abstammung – an Bedeutung. Die wichtigsten "Werte" in Afrika sind heute eindeutig Wohlstand und Macht. Geld ist das bestimmende Element fast aller sozialer Prozesse in den Knappheitsgesellschaften geworden. Entsprechend sind die sozialen und familiären, aber auch die administrativen Beziehungen in einem hohen Grad monetarisiert worden. Die allgemein beobachtbare massive Korruption im Alltag – angefangen beim Verkehrspolizisten, über den Professor, der sich für die Prüfungsabnahme bezahlen läßt, bis zum Minister, der keinen Kooperationsvertrag unterschreibt, bei dem nicht ein paar Prozente für ihn und seinen Klan herausspringen – ist Ausdruck dieser Entwicklung.

Dieser Prozeß der Auflösung der alten Werte sollte jedoch nicht nur an diesen problematischen Entwicklungen gemessen werden. Individualisierung, Liberalisierung, Auflösung von hergebrachten Unterordnungsmustern (Junge unter Alten, Frauen unter Männern, bestimmte ethnische und soziale Gruppen und Kasten unter anderen) und die Herausbildung verwestlichter Wertesysteme (Individualrechte, politische, ökonomische und kulturelle Teilhabeansprüche etc.) eröffnen auch für die einzelnen Menschen eine Chance, ein freieres und selbstbestimmteres Leben als innerhalb des traditionellen Wertekorsetts zu führen.

Der Prozeß der Entstehung eines neuen Wertesystems mit seinen Status-, Wert- und Norm-Unsicherheiten, mit der Entwertung traditioneller Werte und der Zerstörung sozialer Beziehungen und traditioneller Solidaritätsmuster ist allerdings für die Betroffenen oft genug schwierig und schmerzhaft. Dies erklärt auch die große Bedeutung, die ethnischer Solidarität nach wie vor im Alltag der Menschen zukommt: In einer Welt sich verändernder gesellschaftlicher Normen stellen die gegenseitigen Solidaritätsverpflichtungen im Rahmen ethnischer Gemeinschaften einen der wenigen kalkulierbaren und verläßlichen Faktoren im Überlebenskampf dar.


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