Afrika

20.5.2005 | Von:

Ägyptens Weg in die Moderne

Zentrale Bedeutung der Wasserversorgung

Fouad Ibrahim

Keiner der Nilanrainerstaaten ist in gleicher Weise vom Nilwasser abhängig wie Ägypten, das ohne den Nil praktisch ein reiner Wüstenstaat wäre. Als Herodot Ägypten als "ein Geschenk des Nils" bezeichnete, meinte er damit nicht nur das lebensspendende Wasser, sondern auch den fruchtbaren Nilschlamm, der zu allen Zeiten die Grundlage der ägyptischen Landwirtschaft und damit der Ernährung der Bevölkerung des Landes bildete.

Vor Inbetriebnahme des Hochstaudammes von Assuan Ende der sechziger Jahre wurden im Durchschnitt jährlich auf jedem Hektar Land in der ägyptischen Nilaue 20 Tonnen fruchtbarer, aus den vulkanischen Aschen Äthiopiens stammender Sedimente angeschwemmt. Seitdem lagert sich der Schlamm beim Eintritt des Nils in das Staubecken ab, wo er keinen Nutzen bringt, sondern das Stauvolumen kontinuierlich verringert. Auf den Feldern des Niltals und -deltas versuchen die Bauern heute, sein Ausbleiben durch Kunstdüngergaben zu kompensieren.

Assuan-Staudamm

Um das Wasser des Nils trotz der Saisonalität seines Abflusses optimal zu nutzen, wurden schon früh Wasserbauten entlang seiner Ufer errichtet. So entwickelten die Ägypter vor circa 5000 Jahren die Beckenbewässerung, indem sie das Nilwasser in der Zeit der Hochflut in große eingedämmte Becken in der Nilaue leiteten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Ägypten und im Sudan eine Reihe von Staudämmen errichtet, um den Wasserspiegel des Flusses zu heben und sein Wasser in Bewässerungskanäle einleiten zu können. Diesem Zweck diente auch der 1902 erbaute und später erhöhte alte Staudamm von Assuan. Der ihm zugehörige Stausee hatte eine Kapazität von 5,3 Milliarden Kubikmetern. Sein Wasser sollte in erster Linie im Frühsommer zur Bewässerung der Baumwollkulturen dienen. Der in den sechziger Jahren errichtete Sadd el-Ali, der Hochstaudamm von Assuan, mit seiner Kapazität von über 160 Milliarden Kubikmetern Wasser, wurde als Überjahresspeicher konzipiert. Mit seinem Bau verfolgte man folgende Ziele:

  • Erweiterung der Agrarfläche Ägyptens um 22 Prozent durch eine zusätzlich zur Verfügung stehende Menge von 7,5 Milliarden Kubikmetern Bewässerungswasser,

  • Umstellung von 409000 Hektar Agrarland von saisonaler Beckenbewässerung auf Dauerbewässerung,

  • Schutz Ägyptens sowohl vor Schäden durch Hochwasser als auch durch Wassernot in Jahren mit geringem Nilabfluss sowie

  • Gewinnung von jährlich zehn Milliarden Kilowattstunden Hydroelektrizität.
Die drei zuletzt genannten Ziele wurden verwirklicht, die Ausdehnung der durch Nilwasser versorgten Agrarfläche blieb jedoch bislang aus. Die durch den Dammbau verursachten Folgeschäden geben darüber hinaus heute auch den Verantwortlichen in Ägypten zu ernster Sorge Anlass. Als folgenschwer erwies sich der Grundwasseranstieg im Niltal und -delta, der zur Verstärkung der Bodenversalzung führte. Salzhaltiges Grundwasser zerstört zunehmend auch die Fundamente der altägyptischen Denkmäler, die nicht nur als kostbares Weltkulturerbe gelten, sondern auch die Hauptanziehungspunkte des Tourismus im Lande darstellen, der das Rückgrat der ägyptischen Wirtschaft bildet. Allein 1999 verschaffte er nach offiziellen Schätzungen dem Lande Einnahmen von circa fünf Milliarden US-Dollar.

Es ist abzusehen, dass es in naher Zukunft zwischen Äthiopien, dem Sudan und Ägypten zu Auseinandersetzungen wegen des Nilwassers kommen wird. Sowohl Äthiopien als auch der Sudan haben bereits die Errichtung neuer Nilstaudämme angekündigt. Hierdurch wird Ägypten, dem zur Verwirklichung des Salam-Kanal-Projekts zur Bewässerung Sinais und des Toschka-Kanal-Projekts im Süden der Westlichen Wüste jetzt bereits circa fünf Milliarden Kubikmeter Wasser jährlich fehlen, Anteile am Nilwasser verlieren.

Ende Juni 2001 traf sich die Internationale Gruppe für Zusammenarbeit entlang des Nils erstmalig in Genf. Die teilnehmenden Minister der Nilanrainerstaaten Burundi, Kongo, Ägypten, Eritrea, Äthiopien, Kenia, Ruanda, Sudan, Tansania und Uganda wollen eine Arbeitsgruppe bilden, die wirtschaftliches Wachstum und Bewahrung der Umwelt gleichzeitig verwirklichen will. Insgesamt will man drei Milliarden US-Dollar in einem "Programm der gemeinsamen Visionen" in Projekte der sozialen und der Umweltentwicklung investieren. Strittige Fragen wie die der Fertigstellung des Jonglei-Kanals durch den Südsudan (siehe Seite 52), mit dem sich – bei nachhaltigen ökologischen Schäden für die Sumpfregionen des Sudd – das Wasserangebot für Ägypten deutlich erhöhen würde, wurden allerdings nicht angesprochen.


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