Afrika

20.5.2005 | Von:

Ägyptens Weg in die Moderne

Bevölkerungswachstum und Urbanisierung

Detlef Müller-Mahn

Zwei Probleme sind kennzeichnend für die bevölkerungsgeographische Entwicklung in Ägypten während des vergangenen Jahrhunderts: Erstens hat sich die Schere zwischen der rasch wachsenden Bevölkerungszahl und den begrenzten Ressourcen an Kulturland und Wasser immer weiter geöffnet. Zweitens hat sich die räumliche Verteilung der Bevölkerung zwischen Land und Stadt deutlich verschoben, was auf die Transformation der ehemals agrarisch-ländlichen Gesellschaft im Zuge einer weit reichenden Urbanisierung zurückzuführen ist.

Zum ersten Problempunkt: Die Bevölkerung Ägyptens hat sich im 20. Jahrhundert auf heute gut 65 Millionen verfünffacht, während die Bewässerungsfläche trotz großangelegter Projekte nur um etwas mehr als die Hälfte auf 32700 Quadratkilometer ausgedehnt werden konnte. Die Knappheit von Kulturland und Wasser hat unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung der ägyptischen Gesellschaft mit Nahrungsmitteln und auf die Lebensbedingungen der bäuerlichen Bevölkerung.

Ägypten: Entwicklung von Bevölkerung und EntwicklungsflächeÄgypten: Entwicklung von Bevölkerung und Entwicklungsfläche (© bpb)
Die pro Kopf verfügbare Bewässerungsfläche ging so weit zurück, dass heute rein rechnerisch ein Feld von der Größe eines Fußballplatzes für die Ernährung von zehn Ägyptern ausreichen müsste. Eine agrarische Selbstversorgung ist unter diesen Bedingungen inzwischen unmöglich. Auch bei intensiver Bewirtschaftung mit zwei Fruchtfolgen pro Jahr ist eine ausreichende Nahrungsmittelproduktion für die wachsende Zahl von Menschen nicht mehr zu leisten. Defizite der inländischen Nahrungsproduktion werden allerdings erst dann wirklich bedrohlich, wenn nicht in ausreichendem Umfang Devisen für Nahrungsmittelimporte erwirtschaftet werden können. Genau hier liegt die Herausforderung für die Zukunft des Landes: Ägypten muss eine Politik der Industrialisierung und Exportförderung verfolgen, um den steigenden Importbedarf finanzieren zu können. Ebenso sollte die Intensität der Landnutzung weiter erhöht und die nutzbare Kulturfläche ausgeweitet werden. Schließlich müssen auch die bevölkerungspolitischen Maßnahmen, die bereits zu einem moderaten Rückgang der Geburtenraten geführt haben, intensiv fortgesetzt werden.

Diese existenziellen Aufgaben werden nicht leicht zu realisieren sein: Die seit Anfang der neunziger Jahre auf Druck der internationalen Gebergemeinschaft betriebene wirtschaftliche Strukturanpassung soll die ägyptische Wirtschaft liberalisieren und damit international konkurrenzfähig machen. Dieses Ziel wurde bisher jedoch erst unvollständig erreicht, weil vor allem die Privatisierung der großen Staatsunternehmen auf massive Widerstände im Staatsapparat trifft. Zudem haben sich infolge der Strukturanpassung die Lebensbedingungen der ländlichen Armutsbevölkerung so weitgehend verschlechtert, dass mit einer zunehmenden Abwanderung in die Städte zu rechnen ist. Eine Intensivierung im Agrarsektor stößt auf enge ökonomische Grenzen, weil die kleinbäuerlich geprägte Landwirtschaft nicht allein der Marktversorgung dient, sondern auch der Produktion für den Eigenverbrauch. Eine steuernde Bevölkerungspolitik schließlich ist für die Regierung Mubarak ein problematisches Vorhaben, weil damit der Konflikt mit der radikalen islamistischen Bewegung riskiert wird.

Das Missverhältnis von Bevölkerungszunahme und Landknappheit führt noch in einer zweiten Hinsicht in ein Entwicklungsdilemma: Die über Generationen fortgesetzte Erbteilung beschleunigt die Verarmung der überwiegend kleinbäuerlichen Landbevölkerung. Sie hat inzwischen zu einer so extremen Fragmentierung des Landbesitzes geführt, dass heute nur noch ein Bruchteil aller landwirtschaftlichen Betriebe über eine für die Existenzsicherung erforderliche Mindestgröße von knapp einem Hektar verfügt.

Zusätzlich verschärft wurde die Armut auf dem Lande im Jahre 1997 durch die Änderung gesetzlicher Bestimmungen aus der Nasser-Zeit, die seit mehr als vier Jahrzehnten den landwirtschaftlichen Pächtern ein unbefristetes Nutzungsrecht an den Pachtflächen zu günstigen Konditionen zugesichert hatten. Fast eine Million Pächterfamilien verloren dadurch ihre Ansprüche auf das Land. Es ist zu befürchten, dass viele von ihnen in die Städte abwandern werden, weil ihnen die Existenzbasis entzogen wurde.

An dieser Stelle zeigt sich nun das zweite bevölkerungsgeographische Problem, die rasante Urbanisierung des Landes: Das Wachstum städtischer und ländlicher Siedlungen hat nach Schätzungen der Weltbank im Zeitraum von 1952 bis 1990 zu einem Verlust von etwa 250000 Hektar fruchtbaren Kulturlandes durch Überbauung geführt. Dies entspricht etwa einem Viertel der in diesem Zeitraum hinzugewonnenen Neulandfläche. Die Expansion der Siedlungen ist dabei nicht nur Ausdruck steigender Bevölkerungszahlen, sondern auch eines steigenden Lebensstandards und veränderter Lebensgewohnheiten.

Quellentext

Kairo als Megastadt Afrikas

Mit rund zwölf Millionen Einwohnern, die im Jahr 2000 innerhalb des metropolitanen Ballungsgebietes leben, ist Kairo die größte Stadt Afrikas. Während andere Megastädte in der Dritten Welt durch starke Zuwanderung aus den ländlichen Regionen höhere Wachstumsraten als die Gesamtbevölkerung aufweisen, trifft dies für Kairo nicht mehr zu. Nach der Ölpreisexplosion 1973 wandelte sich die bisherige Landflucht aus dem übervölkerten Niltal in die ägyptische Metropole zu einer temporären Gastarbeiterwanderung in die erdölreichen und bevölkerungsarmen Nachbarstaaten. Die Rückkehrer nutzten ihre Ersparnisse vor allem zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und Erwerbsmöglichkeiten in den Heimatorten. Seither wächst die Einwohnerzahl der Megastadt langsamer als die Gesamtbevölkerung Ägyptens.

Zugleich hat innerhalb des Ballungsraumes eine massive Verlagerung der Bevölkerung aus dem Kernbereich in die "informellen Siedlungen" am Rande der Metropole stattgefunden. In diesen extrem dichtbevölkerten Wohnquartieren, die meist ohne Baugenehmigung auf Bewässerungsland errichtet wurden und in denen die öffentliche Infrastruktur weitgehend fehlt, lebt inzwischen fast jeder zweite Einwohner Kairos.

Als Alternative zu den expandierenden "informellen Siedlungen" wurde bereits in den siebziger Jahren die Dezentralisierung der Bevölkerung und der Industrie durch die Anlage neuer Wüstenstädte geplant. Dank umfangreicher staatlicher Subventionen war die Dezentralisierung der Industrie ein großer Erfolg. In der 60 Kilometer östlich von Kairo gelegenen "Stadt des 10. Ramadan" sind bereits mehr Menschen beschäftigt als ursprünglich geplant. Doch davon wohnen die wenigsten an ihrem Arbeitsort. Mehr als zwei Drittel sind Pendler aus Kairo oder dem Delta. Hier ist die Dezentralisierung der Bevölkerung bisher weitgehend gescheitert.

Anders verläuft dagegen die Entwicklung der "Stadt des 3. Oktober", 30 Kilometer westlich von Kairo. Eine Schnellstraße, welche die durchschnittliche Fahrzeit ins Zentrum von 90 auf 25 Minuten verkürzt, hat dazu beigetragen, dass sich immer mehr Angehörige der Mittel- und Oberschicht in der neuen Wüstenstadt niederlassen. Seit 1995 entstanden dort auch zahlreiche luxuriöse Wohnviertel, die von hohen Zäunen oder Mauern umgeben sind und deren Zugang durch einen privaten Wachdienst kontrolliert wird. Nach einem anfänglichen Nachfrageboom zeichnete sich allerdings bereits 1999 ein so großes Überangebot an Luxusvillen ab, dass die Immobilienpreise rapide sinken und die Realisierung vieler Projekte zweifelhaft ist.

Günter Meyer



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