Afrika

20.5.2005 | Von:

Ägyptens Weg in die Moderne

Agrarverfassung und Agrarproduktion

Gamal Abdelnasser

Sonja Hegasy

Im Dezember 1996 blockierten ägyptische Bauern Eisenbahnlinien und Landstraßen in Mittelägypten. Unter der Parole "Frieden gegen Erde" demonstrierten sie vor dem Landwirtschaftsministerium gegen ein neues Pachtgesetz, das die Höhe der Pacht dem freien Markt überlassen soll. Die Bauern setzten Scheunen und Kooperativen in Brand. Gewaltsame Ausschreitungen häuften sich auch zwischen Pächtern und Großgrundbesitzern.

Seit der Revolution 1952 sind die Fellachen (Bezeichnung für die Ackerbau treibende Landbevölkerung in den arabischen Ländern) nicht mehr so deutlich an die Öffentlichkeit gegangen. Damals wurde König Faruk von einer Gruppe von Offizieren abgesetzt und Ägypten wandelte sich von einer Monarchie zu einer Republik. Die königlichen Ländereien wurden sofort von den "Freien Offizieren" verstaatlicht. Unter dem sozialistischen Präsidenten Nasser erfolgte in den sechziger Jahren die zweite Stufe der Agrarreform, die auch das Land der einflussreichsten Grundbesitzerfamilien an das Bauernproletariat verteilte. Ganz wurde der Großgrundbesitz jedoch nie abgeschafft: 1990 besaßen noch 9000 Familien 15 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche, während fast drei Millionen Kleinbauern weniger als einen Feddan bebauten (ein Feddan entspricht der Größe eines Fußballfeldes).

Ägypten ist ein Land, das weiterhin stark von seiner bäuerlichen Gesellschaft geprägt wird, obwohl nur drei Prozent des Landes landwirtschaftlich genutzt werden können. Ein Drittel aller Beschäftigten arbeitet in der Landwirtschaft. Dabei werden Frauen und Kinder, die mitarbeiten, statistisch noch nicht einmal erfasst. Ein knappes Fünftel des Bruttoinlandsprodukts wird im Agrarsektor erwirtschaftet. Ägyptische Baumwolle, das so genannte weiße Gold, ist aufgrund ihrer langen Fasern die beste Sorte der Welt und gehört zu den wichtigen Devisenbringern des Landes.

Bis der Staat massiv in die Landwirtschaft eingriff, war Ägypten sogar ein Netto-Exportland von Agrarprodukten. Da jedoch an erster Stelle sichergestellt werden sollte, dass ausreichend billige Nahrungsmittel für die städtische Bevölkerung produziert werden, setzte die Regierung staatliche Ankaufspreise für Grundnahrungsmittel fest. Spätere Versuche, den Brotpreis zu erhöhen, zogen die erbitterten Proteste der armen Bevölkerung nach sich. 1977 kam es in Ägypten zu den so genannten Brotrevolten, die in fast allen Entwicklungsländern mit dem Beginn der IWF-Strukturanpassungsmaßnahmen zu verzeichnen sind. Seit Mitte der achtziger Jahre verkraftete der ägyptische Staatshaushalt die Subventionen nicht mehr. Schrittweise mussten sie wieder rückgängig gemacht werden.

Heute ist die Deregulierung im Agrarsektor weit fortgeschritten. Die Bauern können ihre Produkte weitestgehend selbstständig auf dem freien Markt anbieten. Ebenso ist aber auch die Geburtenrate überproportional gestiegen, so dass einige Grundnahrungsmittel (Weizen, Zucker) noch immer knapp sind. Zwischen 1990 und 1995 lag die durchschnittliche Wachstumsrate der Bevölkerung bei 2,2 Prozent. Der überlebenswichtige Weizen muss zu über 50 Prozent aus Australien, den USA und Europa importiert werden. Er wird zu teuren Weltmarktpreisen eingekauft und muss natürlich mit Devisen bezahlt werden.

Als Folge der Deregulierung im Agrarsektor trat 1997 nach einer Vorlaufzeit von fünf Jahren das neue Pachtgesetz in Kraft. Die Regierung zielte darauf ab, dass kapitalkräftige Grundbesitzer wieder stärker in ihre Ländereien investieren und die Produktion stärker auf den Export orientieren würden, wenn auch die Höhe der Pacht stiege. Unter Nasser war die Pacht auf ein siebenfaches der jährlichen Steuer festgesetzt worden.

Mit dem neuen Gesetz sollte sie allein von Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Das führte dazu, dass ein Feddan nach 1992 das 21-fache der Steuer kostete. Viele Bauern fürchteten, eine Verdreifachung der Pacht nicht mehr bezahlen zu können und von ihrem Land vertrieben zu werden.

Nach Schätzungen sind etwa fünf Millionen Bauern und ihre Familien von diesem Gesetz betroffen. Landwirtschaftsminister Yousef Wali, dessen Familie vor der Verstaatlichung selbst zu den größten Feudalherren des Landes gehörte, schlug vor, den vertriebenen Bauern neu gewonnenes Land in der Wüste anzubieten. Dadurch würden jedoch sämtliche gewachsenen Dorfstrukturen zerstört werden. Und der Boden, der der Wüste in einem zähen Kampf abgerungen wird, ist nicht mit der äußerst fruchtbaren Erde entlang des Nils zu vergleichen. Tatsächlich ist es aber bislang nicht zu den erwarteten sozialen Verwerfungen gekommen.

Die Ernteerträge sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Obst und Gemüse werden in Ägypten im Überschuss produziert. Von einem Erfolg bei der Erhöhung der Agrarexporte wird es wesentlich abhängen, ob Ägypten die Umstrukturierung seiner Wirtschaft durchführen kann oder nicht. Gerade die Agrarprodukte sind wettbewerbsfähig und werden daher von den südlichen EU-Mitgliedstaaten wie Griechenland oder Spanien gefürchtet. So gehört der Zugang für Obst und Gemüse zum europäischen Markt zu den Schlüsselthemen, die einen Abschluss der Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der ägyptischen Regierung über eine Freihandelszone bis 2001 hinauszögerten (siehe auch Seite 61ff.).Will die Europäische Union tatsächlich einen Beitrag zur Armutsbekämpfung und Stabilität in Ägypten leisten, so muss sie als erstes den Marktzugang für ägyptische Agrarerzeugnisse erleichtern.


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