Afrika
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Zur Rolle der Ressource Wasser in Konflikten


16.8.2006
Der Zugang zu Wasser bestimmt die sozio-ökonomische Entwicklung eines Staates. Wasser ist überlebenswichtig für die Erhaltung und Entwicklung jeder Volkswirtschaft und deshalb auch für das allgemeine Existenzniveau. Verteilungskonflikte um Wasser werden mit wachsender Erdbevölkerung, globaler Erwärmung und zunehmender Verschmutzung aller Voraussicht nach zahlreicher.


Auszug aus:
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 25/2006) - Zur Rolle der Ressource Wasser in Konflikten

Einleitung



Auf der Erde befinden sich ca. 1,4 Milliarden Kubikkilometer Wasser. Nur etwa 2,5 Prozent dieses Wassers sind trinkbar, davon sind große Teile für die Menschheit nur schwer oder gar nicht zugänglich. 69 Prozent der globalen Süßwasservorräte sind in Gletschern oder im ewigen Eis gebunden; rund 30 Prozent befinden sich unter der Erde als sauberes Grundwasser. Nur etwa 0,3 Prozent befinden sich relativ leicht zugänglich in Seen und Flüssen. Die verbleibenden 0,7 Prozent bilden Bodenfeuchtigkeit, Grundeis, Dauerfrost und Sumpfwasser.

Steigender Wasserverbrauch, u.a. wegen des Bevölkerungswachstums, und die daraus oftmals resultierende Übernutzung und Verschmutzung sorgen für eine stetige Verknappung der globalen Süßwasservorräte. Die Folge ist Wassermangel: Die Liste der Regionen, die unter Wasserknappheit leiden, wird immer länger.[1] Gleichwohl ist eine zuverlässige Versorgung mit Wasser sowohl für die Produktion von Nahrungsmitteln als auch für die Erzeugung industrieller Güter eine unerlässliche Voraussetzung.

Der Zugang zu Wasser bestimmt die sozio-ökonomische Entwicklung eines Staates. Wasser ist überlebenswichtig für die Erhaltung und Entwicklung jeder Volkswirtschaft und deshalb auch für das allgemeine Existenzniveau.[2] Wird der Zugang zu Wasser eingeschränkt, zum Beispiel durch Übernutzung, Verschmutzung oder aus politischen Gründen, droht ein Verfall des gesellschaftlichen Lebensstandards, der zu massiven innergesellschaftlichen Spannungen führen kann. Diese Spannungen äußern sich zum Beispiel in Verteilungskonflikten zwischen Landwirtschaft und Industrie, Stadt- und Landbevölkerung oder zwischen ethnischen Gruppen. Die Stärke dieser Spannungen, die politische Verfasstheit eines Staates und die besonderen klimatischen und hydrologischen Gegebenheiten einer Region beeinflussen die Gewaltträchtigkeit solcher wasserbezogenen Konflikte.

Die Frage der Konflikteskalation ist insbesondere in internationalen Flussgebieten von Bedeutung, die fast die Hälfte der Landoberfläche der Erde bedecken und etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung beheimaten. Voraussagen gehen davon aus, dass solche internationalen Wassereinzugsgebiete in den kommenden Jahren vermehrt zu Kontroversen führen werden, da die Anrainer oftmals unterschiedlicher Meinung über die Wasserzuteilung sind. Besonders hoch ist das Konfliktpotenzial in internationalen Wassereinzugsgebieten, die in nicht integrierten Regionen liegen, in denen die politische Atmosphäre insgesamt also eher von Konfrontation als von Kooperation geprägt ist. In solch einem politischen Klima wird Wasser und seine Zuteilung meist als Nullsummenspiel verstanden, d.h. alle Beteiligten gehen davon aus, dass die Aufgabe von Wasserrechten bzw. -ressourcen mit ihrem Verlust gleichzusetzen ist.

Konflikte um knappe Wasserressourcen sind komplexe Phänomene. Es wird hier begrifflich unterschieden zwischen genuinen Wasserkriegen, d.h. gewaltvollen internationalen Auseinandersetzungen, die sich ausschließlich um Wasser drehen, und Wasserverteilungskonflikten, die oftmals auf regionaler bzw. lokaler Ebene auftauchen und in der Regel in größere Konfliktkonglomerate eingebettet sind. Meist sind mehrere Akteure mit verschiedenen, oft vitalen Interessen beteiligt. Die Ursachen solcher Konflikte sind strukturell unterschiedlich und können nach territorialen, wirtschaftlichen, militärischen, demografischen und vergleichbaren Einflussgrößen kategorisiert werden; ihr Verlauf ist von sozio-kulturellen Prägungen und von den Kapazitäten der beteiligten Interessengruppen abhängig. Wasserverteilungskonflikte sind nicht per definitionem gewaltvoll, auch wenn es immer wieder Fälle von Gewalteinsatz gegeben hat.

Die wissenschaftlichen Studien der vergangenen zwanzig Jahre zum Thema "Wasser - Konflikt oder Kooperation" haben zu zwei grundlegenden Erkenntnissen geführt. Erstens sind globale Bedrohungen durch Wasserkriege nicht sehr wahrscheinlich. Kurt Spillmann schrieb im Jahr 2000: "Zwischenstaatliche Kriege über erneuerbare Ressourcen wie Wasser sind auch gegenwärtig wenig wahrscheinlich, da die Nutzung erneuerbarer Ressourcen weder einfach noch schnell in Macht umgewandelt werden kann."[3] Daran hat sich auch in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert. Avraham Tamir schrieb schon 1988: "Why go to war over water? For the price of a weeks fighting, you could build five desalination plants. No loss of life, no internal pressure, and a reliable supply you don't have to defend in hostile territory."[4]

Viel wahrscheinlicher sind Konflikte um knappe Wasserressourcen auf substaatlicher Ebene, die zum Teil bereits gewaltsam ausgetragen werden. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit sind gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den ethnischen Gruppen der Gikuyu und Massai in Kenia im Januar 2005: Die sesshaften Gikuyu stritten mit den nomadisierenden Massai-Hirten um die Ressourcen im Rift Valley. Die Nomaden wandern traditionell mit der Regenzeit; durch eine Verknappung des vorhandenen Wassers wurde ihr Bewegungsspielraum jedoch begrenzt, sie blieben länger in - oftmals von Gikuyu besiedelten - Gebieten. Es kam zu Verteilungsstreitigkeiten und Konflikten um die Frage, wer das Recht habe, welches Land (und welches Wasser) zu bewirtschaften. Ähnliche Fehden existieren zwischen den Nomaden der Pokot und den sesshaften Luhya im Nordwesten Kenias und zwischen den Garre und den Murle im Nordosten des Landes.

Hier wird ein Aspekt deutlich, der zunehmend ins wissenschaftliche Blickfeld rückt: Die Kontrolle über Wasserressourcen ist untrennbar mit der Kontrolle über Land verbunden. Territorialhoheit jedoch ist ein integraler Bestandteil nationaler, ethnischer und kultureller Identitäten. Die Ressource Wasser, die ohnehin aufgrund ihrer Unersetzbarkeit für menschliches Überleben einen hohen Stellenwert genießt, ist deshalb anfällig für eine Politisierung und Ideologisierung. Verkürzt gesagt: Wasserressourcen werden als Teil der Identität einer Gruppe dargestellt, um so ihre Nutzung gegenüber anderen Ansprüchen zu legitimieren. So wird Wasser in vielen Regionen der Erde, und insbesondere in solchen, in denen Wasserknappheit herrscht, nicht entlang wirtschaftlich-rationaler Überlegungen verwaltet, sondern entsprechend politisch-ideologischer Grundsätze.

Die zweite Erkenntnis ist, dass Wasserverteilungskonflikte weit öfter zu Kooperation als zu Konfrontation führen: Die "International Water Treaties"-Datenbank der Universität von Oregon[5] listet zum Beispiel mehr als 400 Wasserabkommen auf, davon allein fast hundert nach dem Zweiten Weltkrieg. Zudem sind Regelungen zur Wasserverteilung in der Regel sehr belastbar: Selbst militärische Konflikte können ihnen oft nichts anhaben.

Im Folgenden soll zunächst mithilfe von Fallstudien gezeigt werden, welch unterschiedlicher und komplexer Gestalt Wasserverteilungskonflikte sein können. Es wird deutlich, dass Wasser eine Ressource ist, die Kooperation zwischen Konfliktparteien begünstigen kann. Nichtsdestoweniger bedarf es weiterer Anstrengungen auf globaler Ebene, um künftige Wasserverteilungskonflikte zu verhindern und langfristig die Wasservorräte der Erde zu schützen, denn die Ressource Wasser kann ebenso gut und schnell Katalysator für Konflikte, auch gewaltvolle, werden. Diesbezügliche Defizite und Entwicklungspotenziale werden in der Schlussbemerkung formuliert.


Fußnoten

1.
Wasserknappheit wird im so genannten Wasserknappheitsindex der schwedischen Hydrologin Malin Falkenmark definiert. Sie führte die folgenden Definitionen ein: Wenn Staaten mehr als 1 700 m3 Trinkwasser pro Jahr und Kopf zur Verfügung haben, spricht man von relativer Hinlänglichkeit der Wassermenge. Probleme sind selten und regional begrenzt. Zwischen 1000 und 1 700 m3 sprechen Wissenschaftler von Wasserstress, d.h. Wassermangel ist weit verbreitet. Unter 1 000 m3 tritt Wasserknappheit ein, d.h. Wassermangel ist chronisch. Unter 500 m3 handelt es sich um absolute Wasserknappheit. Vgl. Wilhelm Sager, Wasser, Hamburg 2001, S. 20.
2.
Vgl. Christiane Fröhlich, Wasserverteilungskonflikte. Deeskalation und Gewaltprävention, in: Ulrich Ratsch u.a. (Hrsg.), Friedensgutachten 2005, Münster 2005, S. 237 - 246.
3.
Kurt R. Spillmann, Kriegsursache der kommenden Generation? Der Kampf um das Wasser, in: Internationale Politik, 55 (2000) 12, S. 5.
4.
Avraham Tamir, A Soldier in Search of Peace: An Inside Look at Israel's Strategy, London 1988, S. 56.
5.
http://www.transboundarywaters.orst.edu.

 

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