Afrika

4.2.2008 | Von:
Marcus Pawelczyk

Auf der Zweibahnstraße die globalisierte Zukunft gestalten

Eine Dokumentation über das dritte Forum der Initiative "Partnerschaft mit Afrika", vom 2. bis 4. November 2007 in Rheingau

Afrika und Europa stehen gemeinsam vor den Herausforderungen der Globalisierung. Diese weltweite Entwicklung wird auf beiden Kontinenten mit Sorge betrachtet, aber auch als Chance für eine Partnerschaft gesehen, so der Tenor des dritten Afrika-Forums von Bundespräsident Horst Köhler.

Lagos: Verkehrschaos gehört hier zum Alltag.Lagos: Verkehrschaos gehört hier zum Alltag. (© AP)

Als Bundespräsident Horst Köhler am 5. November 2005 auf dem Bonner Petersberg das Afrika-Forum ins Leben rief, entwickelte sich daraus eine mittlerweile fest etablierte Veranstaltungsreihe, in der Staats- und Regierungschefs mit Vertretern aus Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft diskutieren. Sie beruht auf der Initiative "Partnerschaft mit Afrika", die von Köhler und der Hamburger Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius ins Leben gerufen wurde. Vor mehr als zwei Jahren ging es darum, das asymmetrische Verhältnis zwischen den Ländern Afrikas und den Industriestaaten neu auszuloten. Der offene Dialog erwies sich dabei als veritable Form, um Spannungen und Widersprüchlichkeiten aufzudecken, aber auch Gemeinsamkeiten herauszustellen und neue Wege für ein gleichberechtigtes Miteinander zu finden.

Um zukünftige Entwicklungen besser einordnen zu können, stand im zweiten Afrika-Forum, das vom 12. bis 14. Januar 2007 in Ghanas Hauptstadt Accra stattfand, die Generationenfrage im Mittelpunkt. Welche Impulse gehen von der Jugend aus? 50 Nachwuchskräfte aus Afrika und Deutschland sprachen "auf Augenhöhe" mit hochrangigen Politikern, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern über Umweltschutz, Gewalt- und Konfliktprävention, aber auch Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen. "Wenn wir unserer Jugend keine Zukunft geben, haben wir unsere Gegenwart verspielt", so Bundespräsident Köhler in seiner damaligen Erklärung.

Globalisierung als Herausforderung

Afrika und Europa stehen längst vor den Herausforderungen der Globalisierung. "Veränderung bringt Unsicherheit. Afrika erwartet, dass dies in Europa nicht zu einer verstärkten Binnenschau führt. Offenheit und Anpassungsfähigkeit sind für Afrikaner wie Deutsche wichtige Voraussetzungen, um die Chancen der Globalisierung zu nutzen", erläuterte Köhler den Hintergrund für das dritte Afrika-Forum, das vom 2. bis 4. November 2007 im Konferenzzentrum Kloster Eberbach (Rheingau) veranstaltet wurde und den Titel trug: "Herausforderungen des Wandels – Afrikanische und deutsche Antworten".

Wie bewerten die Menschen in den verschiedenen Ländern die Globalisierung? Wo liegen die Ursachen? Und welche Folgen könnten daraus für alle resultieren? "Dabei halte ich es fast für wichtiger, Fragen zu formulieren, als schon alle Antworten zu geben", so der Bundespräsident in seiner Eröffnungsrede. "Haben wir zum Beispiel schon hinreichend begriffen, dass die Deutschen wie die Völker Afrikas Teil einer Weltgesellschaft sind, deren Schicksal in wichtigen Teilen miteinander verbunden ist? Wie steht die Globalisierung im Verhältnis zu Vorstellungen einer nationalen oder regionalen Identität?"

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Chatham-House-Regel

Während der Veranstaltung galt die so genannte "Chatham-House-Regel", die der Anonymität von Gesprächspartnern dient. Sie besagt, dass Teilnehmende oder Beobachter zwar die Inhalte weitergeben dürfen, zugleich ist es ihnen aber zum Beispiel untersagt, Gesprächsbeiträge den entsprechenden Personen zuzuordnen. Diese Regelung wurde auch für die vorliegende Dokumentation berücksichtigt. Finden sich dennoch namentlich zitierte Äußerungen wieder, so fielen diese entweder auf der öffentlichen Pressekonferenz im Anschluss an die Veranstaltung, oder sie wurden für offizielle Mitteilungen freigegeben.

Als hochrangige Gäste durfte das deutsche Staatsoberhaupt am Tagungsort in der Nähe Wiesbadens begrüßen: Festus G. Mogae, Staatspräsident der Republik Botsuana; den Präsidenten der Bundesrepublik Nigeria Umaru M. Yar'Adua; Thomas Boni Yavi, Präsident der Republik Benin; das Staatsoberhaupt Madagaskars Marc Ravalomanana und Ashanti-König Otumfuo Osei Tutu II als wichtigster Vertreter traditioneller Autorität in Ghana. Großer Wert wurde auch auf die Beteiligung von Intellektuellen aus verschiedenen Kulturbereichen gelegt. Dazu gehörten unter anderem die Schriftsteller Henning Mankell (Schweden), Antje R. Strubel (Deutschland), Binyavanga Wainaina (Kenia) und Nuruddin Farah (Somalia), aber auch Musiker wie Adé Bantu oder Filmemacher wie Ulrich Köhler (beide aus Deutschland). Abgerundet wurde das Plenum durch Teilnehmer/innen aus der Wirtschaft (Alamine O. Mey, Gatsby Foundation in Kamerun), Justiz (Unity Dow, Richterin des Hohen Gerichtshofes in Botsuana) und von Nichtregierungsorganisationen (Ann Lorschiedter, Association of Volunteers in International Service, Uganda).

Partnerschaftliche Gestaltung

Nach einem musikalischen Auftakt, in dem Chorleiterin Sonja Kandels und Schüler/innen der Gutenberg-Realschule Eltville akustische Impressionen aus Afrika und Deutschland miteinander verknüpften, begann die zweitägige Veranstaltung, die von Christoph Bertram ("Die Zeit") und Emmanuel Gyimah-Boadi (Politikwissenschaftler) moderiert wurde, mit zwei Interviews, gefolgt von einer größeren Diskussionsrunde mit sich anschließenden Workshops. Ausgehend vom Leitmotiv "Globalisierung partnerschaftlich gestalten" wurde zunächst auf die Notwendigkeit eingegangen, über dieses Thema miteinander in einer "offenen und ehrlichen, aber niemals konfrontierenden Art und Weise" zu sprechen, wie ein Teilnehmer betonte. Zugleich wehrte sich dieser gegen Vorwürfe, dass Afrikaner in der Globalisierung nur ein Hindernis zur eigenen Entwicklung sähen. Sie bedeute zugleich "Chancen und Herausforderungen", die gesteuert werden können. Zudem wurde betont, dass Afrika ein großer Kontinent mit vielen modernen Staaten sei und man daher zwischen bestimmten Regionen differenzieren müsse. Thematisiert wurden darüber hinaus noch weitere Aspekte an diesem Morgen. Dabei ging es um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und Afrika und welche Möglichkeiten sich daraus für beide Partner ergeben könnten. Außerdem wurde die Rolle Chinas im globalen Kontext betrachtet. Neben diesen ökonomischen Feldern wies ein Teilnehmer schließlich auf die Berücksichtigung von kulturellen und religiösen Aspekten in der Globalisierungsdebatte hin.

Im Rahmen der sich anschließenden Plenardiskussion bekamen die weiteren Gäste die Möglichkeit, in kürzeren Statements ihre Sichtweisen und Anregungen zu präsentieren, aber auch Fragen an die Staatsoberhäupter zu richten. Sehr freimütig wurden beispielsweise Probleme im Umgang miteinander konkretisiert und Ansätze herausgearbeitet, wie dieses Ungleichgewicht behoben werden könnte.

Präsident Ravalomanana aus Madagaskar stellte diesen Aspekt in der späteren Pressekonferenz heraus. Seiner Meinung nach werden afrikanische Staaten von europäischer Seite "manchmal" nicht gleichberechtigt behandelt. Sein Lösungsvorschlag: "Wir haben gelernt, dass Afrikaner nur mit einer klaren Vision vor Augen eigene Strategien entwickeln können." Zudem sollten "wir unsere Fähigkeiten zur Verhandlungsführung stärken". Eine weitere, kontrovers geführte Debatte spannte sich über das Thema Entwicklungszusammenarbeit. Während ausgewählte Stimmen von afrikanischen Ökonomen einen sukzessiven Rückgang oder gar sofortigen Stopp fordern, erwarten andere "eine entschlossene und wirkungsvolle Hilfe seitens des Nordens oder der Industrieländer", zitierte Köhler sinngemäß in der Pressekonferenz den nigerianischen Präsidenten Umaru M. Yar'Adua. Als Voraussetzung für diese Unterstützung betonte der Bundespräsident, dass Afrika allerdings "noch eine ganze Reihe von Aufgaben lösen" müsse, von der "wirtschaftlichen Entwicklung bis hin zu Fragen der Rechtsstaatlichkeit, der Governance, der Korruptionsbekämpfung, insbesondere auch der Bildung, der Infrastruktur".

Abgesehen von diesen Kern-Diskussionen kamen auch spezifische Themen zur Sprache. Eine kleine Auswahl: Wie verläuft die Integration von afrikanischen Migranten in europäischen Ländern? Welche Möglichkeiten bestehen, den umstrittenen Fischfang in afrikanischen Küstengebieten einzudämmen? Wieso existieren zwischen Europäern und Afrikanern unterschiedliche Wahrnehmungen, was das Engagement der chinesischen Wirtschaft auf dem Kontinent angeht? Wem kommen die zukünftigen Einnahmen aus dem Rohstoffreichtum Afrikas zugute?


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