Afrika

4.2.2008 | Von:
Henning Mankell

"Den versteckten Kolonialismus beenden"

Interview Henning Mankell

Henning MankellHenning Mankell (© AP)
Mosambik ist längst zu seiner zweiten Wahlheimat geworden. Seit mehr als 15 Jahren lebt Schwedens Bestseller-Autor Henning Mankell ("Kommissar Wallander") in dem einst vom Bürgerkrieg zerstörten Land. Sein wichtigstes Anliegen: der Kampf gegen Aids und das Vergessen.

Herr Mankell, Sie leben nicht nur in Schweden, sondern seit mehr als 25 Jahren auch in Afrika. Woher kommt dieses Interesse für den Kontinent?

Mankell: Als junger Mann hat mich Afrika schon sehr früh fasziniert. Und später wollte ich diesen Kontinent mit seinen Menschen unbedingt näher kennenlernen. Ich lebte zunächst in verschiedenen Ländern, mal hier, mal dort. Vor 15 Jahren wurde ich dann gefragt, ob ich mich am Aufbau des ersten nationalen Theaterprojekts in Mosambik beteiligen möchte. Was kein Problem war, da sich diese Arbeit sehr gut mit meinem Schreiben vereinbaren ließ. Und so bin ich in der Hauptstadt Maputo gelandet, meiner letzten Station. Ich glaube kaum, dass ich nochmal weiterziehen werde, weil mir einfach die Zeit fehlt, andere Länder besser kennenzulernen.

Mosambik hat während des 16-jährigen Bürgerkriegs vieles durchgemacht. Wie sehr hat sich die Situation seit dem Waffenstillstand von 1992 gewandelt?

Mankell: Am Anfang spielten sich weiterhin schreckliche Szenen ab. Die Menschen hungerten, liefen barfuß herum, konnten sich nichts leisten. Es dauerte noch ziemlich lange, bis sich diese Umbruchphase wieder beruhigte und die Menschen in Frieden miteinander leben konnten. Als ich eines Tages beobachten konnte, wie die Menschen anfingen, ihre Häuser anzustreichen, wusste ich: Sie glauben fest an den Frieden. Vieles hat sich im Laufe der Zeit zum Guten verändert, nur eines nicht: die Armut. Ein Kilometer von meinem Apartment entfernt verhungern heute noch Frauen und Männer. Diese Tatsache musste ich zu akzeptieren lernen. Armut ist das größte Problem in Afrika, und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich daran etwas verändern wird.

Sie haben bereits das "Teatro Avenida" in Maputo erwähnt. Was möchten Sie mit diesem Projekt erreichen?

Mankell: Sie müssen sich vorstellen, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung in Mosambik weder lesen noch schreiben kann. Das lebendige Theater ist ein unglaublich wichtiges Instrument, den Menschen etwas über ihr Leben zu erzählen. Wir müssen natürlich darauf achten, welche Stücke wir aufführen. Am besten funktionieren Themen, die aus dem Leben der Besucher gegriffen sind. Was allerdings nicht bedeutet, dass wir nicht auch Klassiker spielen wie Büchners "Woyzeck" im vergangenen Jahr. Das war ein riesiger Erfolg, weil die Menschen spürten, dass ihnen dieses 150-Jahre-alte Stück etwas über das heutige Mosambik mitteilte. Dieses Theater zu betreiben, ist wirklich eine ganz besondere Aufgabe.

In Ihren Afrika-Romanen lenken Sie häufig die Aufmerksamkeit der Leser auf soziale Konflikte des Kontinents. Öffentliche Kampagnen nutzen Sie zusätzlich, um beispielsweise Aids zu bekämpfen. Glauben sie, dass die Industriestaaten ihr Interesse an der Immunschwächekrankheit in Afrika verloren haben?

Mankell: Der medizinischen Forschung ist es längst gelungen, dass HIV-infizierte Menschen in Europa oder Amerika nicht mehr sofort an Aids sterben müssen. Und ihr Leben so normal wie möglich gestalten können. Es ist zu einer Art chronischen Krankheit bei uns geworden, in Afrika verläuft sie stattdessen weiterhin tödlich. Eine Zeitlang hatte man sogar das Gefühl, dass die Menschen ihr Interesse an dieser Krankheit und deren Folgen verloren hatten. Betrachten wir also Aids in Afrika und in der westlichen Welt, gibt es zwei ungeschriebene Gesetze: Egal, was man macht, es kommt zu spät. Und wieviel man auch unternimmt, es ist immer zu wenig. Wir sollten dennoch offen sein für neue Erfahrungen und diese ständig hinterfragen. Es liegt in unserer Verantwortung, dass zukünftig niemand mehr auf dieser Welt an Aids sterben muss.

Sie unterstützen auch die so genannte 'Memory Books'-Initiative. Welches Konzept steckt dahinter?

Mankell: Zu den größten Tragödien in Afrika zählt, dass häufig junge Eltern an Aids sterben. Ihre Kinder bleiben allein zurück. Sind diese später selbst erwachsen, haben sie keine Erinnerungen mehr an ihre Väter und Mütter. Wir wissen aber, wie wichtig dieses Wissen über unsere Wurzeln ist. Als ich zum ersten Mal vom Bücher-Projekt hörte, fragte ich mich zunächst: Wie funktioniert das? Schließlich können die meisten Eltern nicht einmal schreiben. Ich reiste daraufhin nach Uganda, wo die ersten 'Memory Books' entstanden waren. Drei Wochen verbrachte ich dort mit sterbenden Menschen, was eine sehr tief greifende Erfahrung war.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Mankell: Ich lebte in einem Dorf außerhalb von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, in dem viele Menschen an Aids gestorben waren. Mir fiel ein kleines Mädchen namens Aida auf, die kurz zuvor ihre Eltern verloren hatte. Sie kam zu mir herüber und zeigte mir ein kleines Buch. Als ich es öffnete, fand ich darin einen gepressten blauen Schmetterling. Sie sagte zu mir, dass ihre Mutter diesen blauen Schmetterling geliebt habe. Das war eines meiner bewegendsten Erlebnisse: Du kannst etwas in Büchern mitteilen, ohne ein Wort zu schreiben. Und so funktioniert das Prinzip der 'Memory Books'.

Sie haben während des dritten Forums die europäischen Staaten dafür kritisiert, nicht nur Afrikas Rohstoffe auszubeuten, sondern auch massives 'Brain Drain' zu betreiben.

Mankell: Nehmen Sie das Beispiel von Krankenschwestern, die in den ärmsten Staaten Afrikas angelernt werden. Sie wandern nach Europa aus, um in unseren Krankenhäusern zu arbeiten. Die afrikanischen Länder bleiben auf ihren Ausbildungskosten sitzen. Außerdem fehlen ihnen diese Kräfte zu Hause. Ein Zustand, der sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte. Genauso gibt es übrigens keinen Grund, warum es allein in Manchester mehr malawische Ärzte geben soll als in Malawi selbst. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Wir müssen etwas gegen diesen versteckten Kolonialismus unternehmen.

Welche weiteren Erkenntnisse haben Sie auf dem Afrika-Forum gewinnen können?

Mankell: Viele stellen sich die Frage, warum so viele hochrangige Politiker aus Afrika zu diesem Treffen anreisen. Die Antwort lautet: Weil Bundespräsident Köhler ihnen zuhört. Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis - den Afrikanern zuzuhören. Es gibt eine Krankheit hier in Europa. Wir glauben nämlich, für alle Probleme die Lösungen parat zu haben. Dabei müssten wir manchmal nur darauf achten, was andere zu sagen haben. Dann wüssten wir vielleicht, dass andere Lösungen besser wären.

Das Interview führte Marcus Pawelczyk, freiberuflicher Journalist in Hamburg.


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