Afrika

5.12.2005 | Von:
Aissatou Bouba-Folle

Das Theater im frankophonen Afrika

Konzeption historischer Dramen

Ähnliche Verschiebungen wurden auch bei der Konzeption von historischen Dramen vorgenommen, deren Funktion nicht mehr die bloße Verherrlichung der afrikanischen Vergangenheit sein sollte. Man suchte nach neuen inhaltlichen Alternativen. Es gab nunmehr selbst im Lande der großen historischen Dramen, dem Senegal, eine Tendenz, sich vom bisher europazentrierten Geschichtsbild zu verabschieden. Das historische Drama sollte sich auf die Gegenwart und auf die aktuellen Belange der Afrikaner beziehen, um so zur Lösung dringenderer Probleme insbesondere im sozialen und politischen Bereich beizutragen. Es musste aus diesem Grund in erster Linie die Macht und ihre Legitimität reflektieren und nahm folglich die Züge eines engagierten bzw. politischen Dramas an. Die Darstellung historischer Persönlichkeiten wie des Zulu-Königs Chaka und Steve Biko aus Südafrika, Amilcar Cabral aus Guinea-Bissao oder Kwame Nkrumah aus Ghana, die symbolhaft für den Kampf um die Freiheit standen, sollte die Forderung nach politischen und sozialen Freiheiten unterstützen. Manche Autoren entschieden sich bei dieser Charakterisierung für einen Perspektivwechsel: um dem Streben nach einer Demokratisierung gerechter zu werden, beschlossen sie, die Schattenseiten der bisher positiv dargestellten historischen Führer, wie zum Beispiel des Königs Chaka, nicht mehr auszublenden. Dort, wo die Zensur mächtig war, aber sich die Förderung der Kritikfähigkeit des Publikums gegenüber den eigenen Regierenden als dringend notwendig erwies, wählte man auch die Form der satirischen Darstellung unrühmlicher - zum einen realer, aber auswärtiger (Jean Bédel Bokassa, Idi Amin, Joseph-Desiré Mobutu), zum anderen fiktiver - Diktatoren.

Die Afrikanisierung des historischen Dramas stand in dem Bestreben, auch weniger gebildete Leute zu erreichen, ohne dass die Stücke an künstlerischer Qualität einbüßen sollten. Einige Autoren sahen sich veranlasst, nach Alternativen nicht nur in inhaltlicher, sondern auch in formaler Hinsicht zu suchen. Die einen gaben den üblichen Aufbau eines Theaterstücks in Akten und Szenen auf; andere übernahmen Elemente des populären Theaters, um so ein totales Kunstwerk zu schaffen. Der Wille, das politische Bewusstsein der Zuschauer zu stärken und ferner anspruchsvolle Kunstwerke hervor zu bringen, regte spätestens nach den 1970er Jahren die Suche nach effizienteren ästhetischen Mitteln an, als denen, die das Sprechtheater französischer Prägung zu bieten hatte. Beispielhaft zu nennen sind die Kongolesen Silvain Bemba und Sony Labou. Ersterer ließ sich vom lateinamerikanischen magischen Realismus inspirieren, letzterer von Shakespeare, von der lateinamerikanischen Tropikalität und dem europäischen 'absurden Theater'. Um seine dramatischen Experimente, in denen er eine extreme Grausamkeit inszenierte, erproben und seine dramaturgischen Vorstellungen in die Tat umsetzen zu können, gründete Sony Labou 1979 ein Theaterensemble, das Rokado Zulu-Theater. Dergleichen taten auch viele andere Dramaturgen, die allerdings im Gegensatz zu ihm bei den Bemühungen, das afrikanische Theater zu erneuern, ihre Inspirationsquellen nicht hauptsächlich außerhalb des Kontinents suchten.

Über diese Neuerung hinaus sollten die afrikanischen dramatischen Formen zur Geltung gebracht und damit ein authentisches modernes afrikanisches Theater geschaffen werden. Eine Debatte um diesen Richtungswechsel wurde, vor allem durch Niangoran Porquet aus der Côte d´Ivoire mit seinem transkulturellen Konzept der "griotique" ausgelöst; in diesem Konzept verschrieb sich Porquet - die Ideale der Négritude [3] aufgreifend - der Aufwertung der afrikanischen Erzähl- und Vortragskunst, und damit der Rolle des traditionellen Erzählers, des "griots". Es entstanden in der Folge mehrere Theaterprojekte, die mehr oder weniger einen innovativen und mitunter experimentellen Charakter hatten, ohne sich allerdings von den politischen und sozialen Realitäten in Afrika zu entfernen. Ein Beispiel ist das "digida"-Theater des Ivorers Zadi Zaourou, der sich an die esoterisch anmutenden Erzählungen der Jägerbünde seines Volkes anlehnte, und sich ihrer Sprache und Vorstellungen, ihrer Techniken, Musik- und Tanztraditionen bediente. Die in diesem Theater formulierte Kritik an den Regierenden, die Raubtieren gleichgesetzt wurden, war mit dem Ziel gekoppelt, die Zivilgesellschaft zu stärken.

Das ebenfalls 1979 in Abidjan von der Französin Marie-José Hourantier und der Kamerunerin Werewere Liking ins Leben gerufene rituelle Theater wurde auf der Grundlage von Symbolen und nach dem Schema traditioneller Rituale (z.B. Initiationsriten, Heilungszeremonien) einerseits und unter Einbeziehung europäischer psychoanalytischer Therapieformen andererseits konstituiert. Es setzte sich ebenfalls die Entlarvung sozialer, politischer und kultureller Missstände zum Ziel. Werewere Liking schrieb einige Stücke im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit Hourantier. Dann trennte sie sich von ihr und gründete ein multidisziplinäres, in einer Art Produktionsgenossenschaft arbeitendes Ensemble, das "Ki-Yi-Mbock". Dieses rituelle Theater verfolgte ebenfalls die Umsetzung des Ideals eines Gesamtkunstwerkes, "art total", welches alle Elemente des Theaters vom Schauspiel bis hin zur Bühnen- und Kostümgestaltung umfassen sollte.

Die Generation der frankophonen Dramaturgen der 1990er Jahre verzichtete auf die Bodenständigkeit ihrer Vorgänger und schuf ein Theater, das sich sowohl auf vielfältige kulturelle Referenzen aus aller Welt als auch auf ausgeprägt hybride Dramaturgien stützte.

Fußnoten

3.
Die Philosophie der Négritude plädiert für eine Rückbesinnung auf die kulturellen und gesellschaftlichen Werte der in Afrika und in der Diaspora lebenden Afrikaner in Abgrenzung zur europäischen Kultur. Sie wurde von dem afro-karibischen Schriftsteller und Politiker Aimé Césaire (*1913) sowie von dem senegalesischen Präsidenten und Dichter Léopold Sédar Senghor (1906-2001) und dem guayanischen Schriftsteller Léon-Gontran Damas (1912-1978) in den 1930iger Jahren entwickelt und als kulturelle Selbstbehauptung gegenüber den Kolonialmächten, vor allem Frankreichs, verstanden.

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