Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.
1 | 2 Pfeil rechts

Revolutionen gegen Demokratie oder Revolutionen für Demokratie?


21.3.2012
In den vergangenen sechs Jahrzehnten kam es zum Sturz von Monarchien und der Gründung unabhängiger Staaten in der arabischen Welt. Dennoch hat es das politische Denken der Araber in dieser Zeit nicht geschafft, eine wirklich demokratische Renaissance zu entwickeln und zu fördern, glaubt Hussein Yaakoub. Warum?

Anti-Regierungs-Proteste in Bahrain am Freitag, 25.11.2011.Anti-Regierungs-Proteste in Bahrain am Freitag, 25.11.2011. (© picture-alliance/AP)

Die Revolutionen, die durch Tunesien, Ägypten und Libyen gefegt sind und die wir gegenwärtig noch in Syrien, Bahrain und Jemen beobachten, haben jedermann überrascht: die herrschenden Parteien, die Oppositionsgruppen und Regierungen auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene. Diese Revolutionen waren sogar für die Revolutionäre selbst eine Überraschung, auch wenn sie diejenigen waren, die sie durch die Forderung nach friedlichen Protesten sowie nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen mobilisiert haben. Als die Zahl der Protestierenden stieg und das Zusammenspiel zwischen verschieden Teilen der arabischen Bevölkerung zunahm, wurde darüber hinaus der Forderungsrahmen bis zum dem Punkt ausgedehnt, dass bis jetzt drei Führer von der Macht verdrängt wurden und eine sofortige Machtabgabe dieser Führer verlangt wurde - jetzt, und nicht erst morgen.

Der Fall dieser Persönlichkeiten war nicht nur das Ergebnis des Protests eines jungen Tunesiers, der sich nach seiner erniedrigenden Behandlung in einem Verwaltungszentrum lebendig verbrannte, und er war nicht nur das Ergebnis der Kommunikation zwischen jungen Frauen und Männern über Facebook und Twitter. Vielmehr sind sie das Resultat der Tatsache, dass die Völker dieser Länder - jedes innerhalb des Kontexts seiner eigenen Umstände und Bedingungen - ein tief greifendes Gefühl der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehegt haben, das von ihren Diktatoren über lange Zeiten hinweg ausgelöst wurde. Und sie litten unter größtem Elend, das durch die schlechte Regierungsführung und die ungezügelte Korruption der herrschenden Klassen hervorgerufen wurde.

Diese Volksrevolutionen sind in der arabischen Welt bisher unbekannte Bewegungen für Demokratie - in den Revolutionen, die in den 1950ern und 1960ern über die Region hinweg fegten und nicht nach der politischen Denkweise der Araber, gemäß der das Problem der Demokratie aus verschiedenen Gründen aus dem politisch "revolutionären" Wörterbuch gestrichen wurde. Doch die Frage der Demokratie wurde erneut aufgeworfen. In der Tat hat es das politische Denken der Araber in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht geschafft, eine wirklich demokratische Renaissance zu entwickeln und zu fördern. Daher ist es erforderlich, sich eingehend mit den Ursachen für das Fehlen der Demokratie im politischen Denken der Araber während dieses Zeitraums zu befassen, in dem es zum Sturz von Monarchien kam und unabhängige Staaten in der arabischen Region gegründet wurden.

Ursprung und Zeitgenossenschaft



Trotz der Tiefgründigkeit der arabischen und islamischen Zivilisationen leben die Araber heute in einem Zustand intellektueller Verdrängung und kultureller Unausgewogenheit und Abhängigkeit. Die arabische Lage heutzutage ist das problematische Ergebnis einer Verzahnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart; ein Ergebnis, das durch den Widerspruch von "Ursprung und Zeitgenossenschaft" zusammengefasst werden kann. Dieser Widerspruch rührt unter anderem von der Auffassung her, dass die arabische Vergangenheit besser ist als ihre Gegenwart und dass die arabische Vergangenheit aus religiösen Grundlagen und unter Bedingungen entstanden ist, die in der heutigen Welt schwer nachzubilden sind. Die Araber bleiben hin und her gerissen zwischen verschiedenen Polaritäten: der Vergangenheit und der Gegenwart; der religiösen und der weltlichen; der geistlichen und der säkularen; und den Idealen vom individuellen Nationalismus und panarabischen Nationalismus.[1] Darüber hinaus spiegeln sich diese Polaritäten heute in Spannungen zwischen Stammessystemen, Sektentum und Nationalismus wider.

Öffnet man das Buch arabischer intellektueller Politik, findet man drei Kapitel, von denen jedes in drei kleinere Abschnitte unterteilt ist. Ein Kapitel dieses "Buchs" ist islamisch, oder kann dem Islam zugeschrieben werden: das Kalifat, der Imam, das Prinzip Göttlicher Führung[2], und der Brauch von al-Salaf al-Saleh[3]. Ohne Einigkeit unter den und innerhalb der islamischen Gruppen, Bewegungen und Regierungen erörtert es die Grundlagen, Systeme oder Regelungen für islamische Herrschaft und Führung. Das zweite Kapitel ist an den Westen angelehnt und liefert eine verdrehte Mischung aus liberalem, kapitalistischem, nationalistischem, feudalistischem und demokratischem Denken. Das dritte Kapitel bedient sich schließlich eines sozialistischen Vorbilds: Sozialismus, Kommunismus, Revolution, Anarchie, Nihilismus und Atheismus. In unserem zeitgenössischen politischen Denken drückt jedoch nichts unsere Identität als arabische Völker aus. Es spiegelt eher unsere Unfähigkeit wider Neuerungen einzuführen und etwas Eigenes für uns zu schaffen. Dieser Zustand hat einen Punkt erreicht, an dem wir eine Gesellschaft ohne Identität geworden sind.

Eine Krise der Rechtmäßigkeit entstand in den arabischen Staaten der Ära nach der Unabhängigkeit, da sie nicht das Produkt einer natürlichen Entwicklung ihrer Gesellschaften und Gemeinschaften waren. Sie waren weder Nationalstaaten, weder die Erben eines Kalifaten, weder aus einem Gesellschaftsvertrag entsprungene Staaten, noch wurden sie vom vorherrschenden marxistischen Denken geleitet. Stattdessen wurden sie aus kolonialistischen Betrachtungen und Interessen geschnitzt. Infolgedessen wurde die gesamte arabische Region zu einem Brutplatz für Ideen und Theorien, nach denen Gesellschaften und Gemeinden gestaltet wurden, ohne vorausgehende Erfahrung in Selbstverwaltung oder Selbstbestimmung zu haben. In vielen dieser Staaten entstanden Befreiungsbewegungen gegen den Kolonialismus und gegen die den Kolonialisten gegenüber loyalen heimischen Klassen, die von einem revolutionärem Eifer angetrieben wurden. Dieser Eifer war das Resultat einer Mischung aus nationalistischen, sozialistischen und religiösen Ideen.

Der Aufstieg der Nasser-Periode[4] stand zum Beispiel in Zusammenhang mit der Muslimbruderschaft. Die Verbindungen zur Muslimbruderschaft wurden jedoch dann zugunsten von nationalistischem Denken abgebrochen. Später wurde das nationalistische Denken in sozialistisches Denken umgewandelt bzw. damit verschmolzen. Die Regime und Bewegungen, die in Ländern wie Syrien, Irak, Jemen und dem Sudan aufkamen, waren auch das Ergebnis einer Mischung aus nationalistischen und sozialistischen Ideologien, die Religion auf die eine oder andere Weise für sich nutzten. Die Monarchien von Marokko und Jordanien erlebten den Aufstieg politischer Bewegungen, die durch Nationalismus, Sozialismus und den Islam motiviert waren.


Fußnoten

1.
"Regionaler Nationalismus" oder "individueller Nationalismus" ("qutriyeh") stehen für die Richtung politischen Denkens, die als Teil des panarabischen Nationalismus entstand, aber ihre Vision arabischer Einheit auf das Konzept von "qutur" oder "qutriyeh" gründet. Laut Lisan Al-Arab, einer der angesehensten Quellen der arabischen Sprache, ist "qutur" eine "Seite" oder ein "Gebiet". Die Verfechter dieser politischen Denkrichtung bestätigten, dass die Regionen der arabischen Welt sich in ihren Eigenschaften unterscheiden und propagierten daher eine Regierungsform, die die arabische Welt in verschiedene "aqtar" (Mehrzahl von "qutur") spalten würde, während unter diesen "aqtar" eine allgemeine politische arabische Einheit beibehalten werden sollte. Genauer gesagt förderte diese Strömung panarabischen Nationalismus das Bestreben nach einem Großsyrien und wurde überwiegend von den syrischen und irakischen Baath-Regierungen vertreten. Im Gegensatz dazu fordert der traditionelle panarabische Nationalismus (qawmiyeh) eine vereinte arabische Nation, deren Territorium sich vom Atlantik bis hin zum Arabischen/Persischen Golf erstreckt.
2.
"Göttliche Führung und Souveränität" ist das im Islam als "al-Hakimiya” bezeichnete Prinzip oder der Rechtsgrundsatz, den Gott den Menschen vorgetragen hat, d.h. die islamische Scharia oder das Gesetz. Dieses Prinzip wird von bestimmten grundlegenden islamischen politischen Denkschulen genutzt, um zeitgemäße Regimes, Verfassungen und (Zivil-)gesetze als blasphemisch zu verleugnen.
3.
Al-Salaf al-Saleh: Die gerechten (oder frommen) Vorgänger bezieht sich auf die ersten drei Generationen der Muslime. Diese drei Generationen haben ihren Anfang bei den Gefährten (Sahaba) des Propheten Mohammed, ihren umittelbaren Nachfolgern (Tabi’in) und dann den Nachfolgern der Tabi’in. Diese wurden wie folgt vom Propheten Mohammed gepriesen: "Die besten Menschen sind meine Generation, dann diejenigen, die nach ihnen kommen und dann diejenigen, die nach ihnen kommen" [Bukhari und al-Muslim].
4.
Gamal Abdel Nasser war von 1956 bis zu seinem Tod 1970 der zweite Präsident Ägyptens. Zusammen mit Muhammad Nagib, dem ersten Präsidenten, führte er die ägyptische Revolution 1952 an, die die Monarchie von Ägypten und Sudan stürzte und ein neues Zeitalter der Modernisierung und des Sozialismus in Ägypten einläutete, zusammen mit einem Vorrücken des panarabischen Nationalismus, zu dem auch ein kurzlebiges Bündnis mit Syrien gehörte.

 

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren. Weiter...