Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.

2.11.2011 | Von:
Dr. Walter Posch

Die Auswirkungen des Arabischen Frühlings auf die regionale Rolle Teherans

Iranischer Führungsanspruch

Die Islamische Republik Iran steht mit ihrem regionalen Führungsanspruch in einem Konkurrenzverhältnis zu Saudi-Arabien – und in zunehmendem Maße zur Türkei. Der saudisch-iranische Gegensatz war jahrzehntelang der Hauptkonflikt, der die Golfregion zum Zentrum hatte und nach Afghanistan, in den Libanon und ab 2003 auch in den Irak hin ausstrahlte. Im Kern geht es dabei um zwei Fragen: erstens um den Führungsanspruch in der islamischen Welt und zweitens um das Abstecken der jeweiligen politischen Einflusszonen.

Die Strategie der Islamischen Republik Iran, mit diesem Konkurrenzverhältnis umzugehen, beruht auf einer ideologisch geprägten Überzeugung oder Vision, nach der die prowestlichen Regime der Region entweder durch Wahlen oder durch Volksaufstände fallen werden. Neue islamisch geprägte Regime, die dem Volk und nicht dem Westen und Israel verpflichtet sind, würden dann die Macht ergreifen. Dadurch würden sich die geostrategischen Gewichte zugunsten Teherans verschieben, der Druck auf Israel erhöhte sich und für die USA würde es schwieriger, ihre Präsenz in der Region zu rechtfertigen. Am Ende dieses Prozesses stünden der Abzug der USA und anderer fremder Mächte aus der Region sowie eine "südafrikanische Lösung" für den israelisch-palästinensischen Konflikt, in der die autochthone arabische Bevölkerung in Mandatspalästina den ihr zustehenden Anteil an der Macht bekäme. Dies würde zwangsläufig zum Ende der jüdischen Vorherrschaft in diesem Gebiet und damit zum Ende Israels führen. Gleichzeitig würde eine friedliche islamische Süd-Süd-Integration gefördert, in der Iran aufgrund seiner Bedeutung eine führende Rolle spielen würde.

Quasi in Vorwegnahme dieser strahlenden Zukunft stellt Iran den Führungsanspruch in der Region. So strebt Iran im Persischen Golf eine klassische nationalistisch geprägte Hegemonie an. Darüber hinaus versucht die Islamische Republik über ihre Unterstützung für die Sache der Palästinenser Anerkennung als Führungsmacht unter den Arabern zu erlangen und den strategischen Druck auf Israel aufrecht zu erhalten bzw. zu erhöhen. Dem gleichen Ziel dient die Kooperation mit der Hisbollah und Syrien. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft (Irak, Irakisch-Kurdistan und Afghanistan) ist Iran bemüht zu verhindern, dass von dort gegen Teheraner Interessen vorgegangen wird. Das iranische Nuklearprogramm sowie die technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Islamischen Republik gemäß einer "20-Jahres-Strategie" dienen hauptsächlich dazu, diesen Führungsanspruch zu untermauern.

Damit aber betreibt Iran eine traditionelle Hegemonialpolitik, die im Widerspruch dazu steht, als Modell für die arabische Welt dienen zu wollen. Und in der Tat: Nicht einmal die Aufständischen in Bahrain beriefen sich auf den Iran als Vorbild. Insgesamt hat nach den Protesten gegen die Wahl Ahmadinedschads im Jahr 2009 die Zustimmung für das iranische Regime unter jugendlichen Arabern dramatisch abgenommen. Wenn junge Araber überhaupt nach einem politischen Vorbild suchen, dann wenden sie sich am ehesten in Richtung Türkei, nicht nach Teheran.

Ausblick

Generell ist also davon auszugehen, dass durch den Arabischen Frühling der Handlungsspielraum der Islamischen Republik eingeschränkt wird. Mittelfristig werden die iranischen Entscheidungsträger die Verschlechterung ihrer regionalen Position hinnehmen, obschon sie die neue Realität der eigenen Öffentlichkeit gegenüber herunterspielen, wie anlässlich der Bahrain-Intervention deutlich wurde. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund eine Verhärtung der iranischen Position zu erwarten, etwa im Atomstreit oder im Irak. Die Absicht Teherans dürfte es vermutlich sein, auf Zeit zu spielen, um politische Fehler seiner Gegner ausnutzen zu können.

Teheran dürfte jedoch nur solange Zurückhaltung üben, wie es die Position der libanesischen Hisbollah und damit seine eigene Position in der Levante als gesichert beurteilt. Hierin liegt das größte Gefahrenpotential: Sollte Syrien mit der libanesischen Hisbollah brechen und Teheran von seinen Gegnern als schwach beurteilt werden, wird der internationale Druck auf die Hisbollah und ihre iranischen Unterstützer zunehmen. Realistischer Weise dürfte die Auseinandersetzung mit der Islamischen Republik unter der Schwelle eines Krieges ausgetragen werden. Zu erwarten ist eher eine Kombination aus einer amerikanischen Isolierung Teherans, einer größeren regionalpolitischen Rolle der Türkei, einer Verhärtung der saudischen Position und israelischen Drucks auf die Hisbollah.

Teheran blickt dem mit einer gewissen Gelassenheit entgegen und versucht, sich diesem Druck entgegen zu stellen, indem es seine Kontakte zu sunnitischen Vertretern des politischen Islam in der ganzen Region intensiviert. Dieser Schritt ist in zweierlei Hinsicht nachvollziehbar: zum einen, weil den Iranern keine politischen Alternativen offen stehen; zum anderen jedoch aufgrund der iranischen Gewissheit, dass der politische Islam sich in der gesamten Region doch noch durchsetzen wird. Die starke Konkurrenz von saudischer und türkischer Seite wird dabei in Kauf genommen. Die Europäer und die USA hingegen verschließen sich einem entsprechenden Dialog mit wichtigen islamistischen Organisationen nach wie vor und werden deshalb, so hofft man in Teheran, auf mittlere bis längere Sicht an Einfluss verlieren.

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